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Stuttgarter Weihnachtsmarkt: Spätzle, Sterne und Schlosskulisse im Advent

Dampfende Tassen vor barocker Fassade. In Stuttgart verwandelt sich die City im Advent in ein hölzernes Wunderwerk. Hier trifft schwäbische Gründlichkeit auf echte Gemütlichkeit.

Stuttgart  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Wenn der erste Frost über den Kessel zieht und die Straßenbahnen der SSB wieder ein bisschen voller werden, rückt die Stuttgarter Innenstadt zusammen. Es ist kein Geheimnis, dass der Stuttgarter Weihnachtsmarkt zu den ältesten und größten in ganz Europa gehört. Bereits im Jahr 1692 fand er seine erste urkundliche Erwähnung. Doch wer hier ein verstaubtes Relikt erwartet, irrt gewaltig. Die Budenstadt erstreckt sich vom Marktplatz über den Schillerplatz bis hin zum weitläufigen Schlossplatz und schafft dabei eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen historischem Stolz und wuseligem Alltag pendelt. Es riecht nach einer Mischung aus gebrannten Mandeln, Tannenzweigen und dem unverwechselbaren Aroma von deftiger Rote Wurst vom Grill.

Auffällig ist vor allem die Liebe zum Detail, die man so in kaum einer anderen Stadt findet. In Stuttgart ist es Ehrensache, dass die Dächer der Verkaufsstände aufwendig dekoriert werden. Da thronen mechanische Rentiere, kleine Eisenbahnen drehen ihre Runden in luftiger Höhe oder ganze Krippenszenen sind mit Moos und Holzfiguren nachgestellt. Ein Wettbewerb entscheidet jedes Jahr darüber, welche Bude das schönste Dach vorweisen kann. Wer mit offenem Blick durch die Gassen zwischen Marktplatz und Stiftskirche schlendert, merkt schnell, dass die Händler hier eine ordentliche Portion Herzblut investieren. Das ist kein billiger Plastik-Kitsch, sondern echtes Handwerk, das man auch mal aus der Froschperspektive bestaunen sollte.

Kurz & Kompakt
  • Anreise und Parken: Am besten den P+R-Service nutzen oder direkt mit der Bahn zum Hauptbahnhof fahren, da die Parkhäuser in der Innenstadt meist überfüllt und teuer sind.
  • Kulinarik-Tipp: Unbedingt die schwäbischen Schupfnudeln mit Kraut probieren und beim Glühwein auf die Stände der regionalen Weingärtner achten.
  • Timing: Wer die aufwendig dekorierten Dächer in Ruhe fotografieren möchte, sollte werktags vor 14 Uhr kommen, bevor der große Ansturm der Feierabend-Besucher beginnt.
  • Lichtkunst: Die großen Lichtskulpturen auf dem Schlossplatz werden erst mit Einbruch der Dunkelheit richtig wirkungsvoll; ein Besuch am späten Nachmittag ist daher ideal.

Der Schlossplatz als pulsierendes Zentrum

Das eigentliche Prunkstück der Adventszeit ist jedoch der Schlossplatz. Während im Sommer die Leute auf den Wiesen fläzen und Eis essen, dominieren im Winter Lichtskulpturen das Bild. Diese meterhohen Gebilde stellen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt dar, vom Fernsehturm bis hin zum Mercedes-Benz Museum. Wenn es gegen 16 Uhr dämmert, fangen diese Skulpturen an zu leuchten und tauchen den Platz in ein fast schon surreales Licht. Direkt daneben dreht sich das Riesenrad, von dessen Gondeln aus man einen fantastischen Blick über das Lichtermeer bis hoch zu den Weinbergen hat. Ein kurzer Aufstieg lohnt sich definitiv, auch wenn der Wind da oben manchmal ganz schön pfeift.

Ein besonderes Highlight ist die Kinderwelt. Es ist herrlich anzusehen, wie die Kleinen mit glänzenden Augen vor der echten Miniatur-Dampfeisenbahn stehen, die schnaufend ihre Kreise zieht. Es tuckert und dampft an jeder Ecke. Wer hier unterwegs ist, sollte sich nicht hetzen lassen. Das Tempo auf dem Schlossplatz ist trotz der vielen Besucher meistens entspannt. Man schiebt sich nicht einfach nur durch, man bleibt stehen, hält ein Schwätzchen und genießt die Kulisse des Neuen Schlosses, das majestätisch im Hintergrund wacht. Es ist dieser Kontrast aus barocker Architektur und dem bunten Treiben der Moderne, der den Reiz ausmacht. Manchmal wirkt es fast so, als wäre die Zeit stehen geblieben, wären da nicht die vielen Smartphones, die versuchen, das perfekte Foto der Lichtkunst einzufangen.

Kulinarische Expedition: Mehr als nur Wurst

Hungrig sollte in Stuttgart niemand nach Hause gehen. Die Auswahl an Essen ist schier endlos, wobei die Klassiker natürlich ihren festen Platz verteidigen. Eine echte Stuttgarter Rote im Wecken gehört zum Pflichtprogramm. Wer es lieber etwas spezieller mag, sollte nach dem Schupfnudel-Stand Ausschau halten. In riesigen Gusseisenpfannen werden die schwäbischen Teigwaren mit Sauerkraut und Speck angebraten, bis sie die perfekte Bräune haben. Das zischt und brutzelt ordentlich, und der Duft von warmem Kraut zieht über den halben Platz. Es ist ehrliches, wärmendes Essen, das genau richtig ist für kalte Dezembertage.

Interessant ist die Entwicklung hin zu regionalen Produkten. Immer mehr Stände setzen auf Bio-Qualität oder bieten vegetarische Varianten der traditionellen Gerichte an. Maultaschen to go sind längst keine Seltenheit mehr. Dabei gibt es oft hitzige Diskussionen unter den Einheimischen, ob man diese Herrgottsbescheißerle nun klassisch in der Brühe oder doch lieber geröstet mit Ei essen sollte. Am Ende schmecken beide Varianten, besonders wenn man sie im Stehen bei leichtem Schneegriesel verzehrt. Wer danach noch Lust auf Süßes hat, kommt an den Hutzelbroten nicht vorbei. Dieses dunkle, feuchte Früchtebrot ist eine echte Spezialität und hält sich ewig, falls man es nicht schon auf dem Heimweg im Zug verputzt.

Glühwein-Kultur und geselliges Beisammensein

Ohne das Glas Glühwein in der Hand wäre der Besuch nur halb so viel wert. In Stuttgart legt man Wert auf Qualität. Viele Winzer aus der Region, etwa aus Uhlbach oder Fellbach, haben ihre eigenen Stände. Das bedeutet, dass man hier keinen billigen Fusel aus dem Kanister bekommt, sondern oft prämierten Wein, der fein mit Nelken, Zimt und Sternanis abgestimmt wurde. Besonders beliebt sind die Stände rund um den Schillerplatz. Hier, im Schatten des Alten Schlosses und der Stiftskirche, schmeckt der rote oder weiße Glühwein besonders gut. Die Atmosphäre ist hier ein wenig gediegener und intimer als auf dem großen Schlossplatz.

Ein Phänomen, das man beobachten kann, ist die After-Work-Kultur. Sobald die Büros in der Königsstraße und rund um den Rotebühlplatz leer werden, füllen sich die Stehtische auf dem Markt. Die Stuttgarter treffen sich hier auf ein Viertele oder eben einen Becher Heißgetränk. Es wird gelacht, gelästert und über den VfB Stuttgart diskutiert. Es ist laut, es ist herzlich und manchmal auch ein bisschen feuchtfröhlich. Wer dazu gehören will, rückt einfach an einen der Tische ran. Berührungsängste gibt es hier kaum, spätestens nach dem zweiten Glühwein kommt man ins Gespräch. Schön ist auch, dass viele Stände Pfandbecher mit jährlich wechselnden Motiven haben. Viele sammeln diese Tassen als Souvenir, was dazu führt, dass man am Ende des Abends oft mit einer kleinen Tasche voller Steingut nach Hause geht.

Praktisches für den Bummel durch den Kessel

Wer den großen Massen entgehen will, sollte seinen Besuch nach Möglichkeit auf einen Vormittag unter der Woche legen. Ab 10 Uhr öffnen die meisten Stände ihre Pforten. Dann ist es noch ruhig, man kann in Ruhe an den Ständen für Holzkunst, Bürsten oder handgezogene Kerzen stöbern. Am Wochenende hingegen wird es richtig voll. Dann schieben sich Busladungen voller Touristen durch die Gassen. Wer das mag, bekommt die volle Ladung Trubel serviert. Wer es lieber beschaulich hat, meidet die Stoßzeiten am Samstagabend. Ein guter Tipp ist zudem die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Hauptbahnhof ist nur einen Katzensprung entfernt, und Parkplätze in der City sind während der Adventszeit so selten wie eine leere U-Bahn am Feierabend.

Wichtig ist auch die richtige Kleidung. Der Stuttgarter Kessel kann im Winter tückisch sein. Die Kälte kriecht von unten hoch, besonders wenn man lange an einem Stehtisch verweilt. Gute Schuhe sind also Gold wert. Wer zwischendurch mal eine Pause von der Kälte braucht, kann in die Markthalle flüchten. Dieses Jugendstilgebäude ist nur wenige Gehminuten vom Weihnachtsmarkt entfernt und bietet eine ganz andere Welt voller internationaler Delikatessen und Wärme. Dort kann man sich kurz aufwärmen, bevor es zurück in das Getümmel des Marktes geht. Es ist diese Mischung aus verschiedenen Orten und Eindrücken, die den Tag in Stuttgart abrundet.

Handwerk und Geschenke abseits des Mainstreams

Was den Stuttgarter Markt von vielen anderen unterscheidet, ist die hohe Dichte an echtem Kunsthandwerk. Man findet hier noch den Besenbinder, der vor Ort seine Waren fertigt, oder den Drechsler, der aus einem Stück Holz filigrane Figuren zaubert. Natürlich gibt es auch den üblichen Weihnachtskram, aber die Qualität der angebotenen Waren ist insgesamt hoch. Besonders die Stände mit Honigprodukten und Kerzen aus echtem Bienenwachs verströmen einen herrlichen Duft, der sofort Kindheitserinnerungen weckt. Es lohnt sich, auch mal in die kleineren Seitenstraßen des Marktes zu schauen, wo oft kleinere Manufakturen ihre Zelte aufgeschlagen haben.

Wer ein Mitbringsel sucht, das nicht sofort nach Tourismus schreit, sollte nach lokalem Senf oder speziellen Gewürzmischungen Ausschau halten. Auch handgestrickte Wollsocken oder Mützen aus regionaler Wolle sind beliebt. Es ist schön zu sehen, dass hier noch Wert auf Dinge gelegt wird, die eine Geschichte erzählen. Man kauft nicht einfach nur ein Objekt, man wechselt oft noch ein paar Worte mit dem Erzeuger. Das macht den Einkauf zu einem persönlichen Erlebnis, das weit über das bloße Abhacken einer Geschenkeliste hinausgeht. In Stuttgart nimmt man sich eben noch Zeit für die guten Dinge im Leben, auch wenn es draußen stürmt und schneit.

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