München

Valentin-Karlstadt-Musäum: Ein skurriles Highlight für Liebhaber des bayerischen Humors

Wer glaubt, Museen seien staubige Orte der Stille, hat den Nagel noch nicht in der Wand gesehen. Im Isartor wartet ein Kosmos aus Wortwitz und Tragik auf alle, die gerne um die Ecke denken und das Absurde lieben. Hier wird Humor zur ernsten Angelegenheit.

München  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Es beginnt schon draußen, noch bevor du überhaupt einen Fuß über die Schwelle gesetzt hast. Wer vom Tal kommend auf das Isartor blickt, bemerkt vielleicht, dass die Uhren hier im wahrsten Sinne des Wortes anders gehen. Die Zifferblätter am Hauptturm sind spiegelverkehrt angebracht, die Zeiger laufen gegen den Uhrzeigersinn. Eine kleine bauliche Rebellion, die den Geist des Ortes perfekt einfängt. In den beiden Flankentürmen dieses mittelalterlichen Stadttors, das einst als Wehranlage diente und im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt wurde, hat sich eine Institution eingenistet, die sich jeder gängigen Museumskategorisierung entzieht. Das Valentin-Karlstadt-Musäum ist kein Ort der Hochglanzvitrinen. Es ist ein verwinkelter, fast schon trotziger Bau, der dem Besucher einiges abverlangt.

Der Aufstieg ist nämlich nichts für Bequeme. Schmale Wendeltreppen aus Stein schrauben sich in die Höhe, die Stufen sind ausgetreten von den Sohlen tausender Besucher, die sich hier hinaufgewagt haben. Man keucht vielleicht ein wenig, wenn man den ersten Ausstellungsraum erreicht, aber das passt. Karl Valentin selbst war schließlich ein Meister des körperlichen Unbehagens. Das Gemäuer riecht nach altem Stein und Geschichte, eine Atmosphäre, die weit weg ist von klimatisierten White Cubes moderner Galerien. Hannes König, ein Münchner Original und Maler, rettete die Sammlung und initiierte 1959 dieses Museum, als Valentin in der öffentlichen Wahrnehmung fast schon verblasst war. Dass es ausgerechnet im Isartor unterkam, ist ein Glücksfall. Die Enge der Türme spiegelt die Beklemmung wider, die in Valentins Humor oft mitschwingt.

Kurz & Kompakt
  • Standort: Im Isartor, Tal 50, direkt zwischen Zentrum und Isar. Nicht zu verfehlen, achte auf die Türme.
  • Öffnungszeiten & Zugang: Täglich geöffnet (außer an einigen Feiertagen), meist von 11:01 Uhr bis 17:59 Uhr – schon die Zeiten nehmen es mit der Genauigkeit humorvoll. Kein Aufzug vorhanden!
  • Zielgruppe: Menschen mit Liebe zur Sprache, zur Ironie und solche, die keine Angst vor engen Treppen haben. Für kleine Kinder ist der feinsinnige Humor oft noch schwer greifbar.
  • Das Turmstüberl: Kultiges Café im Südturm. Probiere unbedingt die heißen Würstchen oder einen Kaffee und genieße das skurrile Mobiliar.
  • Top-Exponate: Halte Ausschau nach dem "Winterzahnstocher" (mit Pelz), der "geschmolzenen Eisskulptur" und dem berühmten "Nagel".
  • Tipp für Sparfüchse: Der Eintritt ist sehr erschwinglich, Kinder und Jugendliche haben oft ermäßigten oder freien Eintritt (bitte aktuelle Preise prüfen).

Der Wortakrobat und die Verwandlungskünstlerin

Im Zentrum stehen natürlich die beiden Namensgeber. Karl Valentin, geboren 1882 in der Au, war weit mehr als nur ein Komiker. Er war ein Philosoph des Scheiterns, ein dürrer, langer Mensch, dessen bloße Silhouette schon eine Karikatur darstellte. Die Ausstellung zeigt nicht nur seine Bühnenrequisiten, sondern zeichnet das Bild eines Mannes, der Zeit seines Lebens von Hypochondrie und Ängsten geplagt war. Man sieht Fotos, auf denen er mit ernstem, fast tragischem Blick in die Kamera starrt. Seine Komik speiste sich aus dem Wörtlichnehmen von Sprache. Wenn jemand sagte "sich fremd fühlen", dann setzte Valentin das physisch um. Er zerlegte die deutsche Sprache so lange, bis sie keinen Sinn mehr ergab und gerade deshalb die Wahrheit enthüllte. Man nennt ihn oft den "Münchner Dadaisten", und wenn man seine Texte liest, versteht man warum. Es ist eine Logik, die sich im Kreis dreht, bis einem schwindlig wird.

Doch ohne Liesl Karlstadt wäre Valentin vermutlich nie zu dieser Größe gelangt. Das Museum legt großen Wert darauf, das "Karlstadt" im Namen gleichberechtigt zu behandeln, und das ist nur gerecht. Die gebürtige Elisabeth Wellano war nicht nur Stichwortgeberin. Sie war das emotionale Rückgrat des Duos, diejenige, die Valentins exzentrische Launen abfederte und auf der Bühne in die verrücktesten Rollen schlüpfte. Mal spielte sie einen kapellmeisternden Mann, mal eine keifende Alte. Ihre Wandlungsfähigkeit wird in den Vitrinen durch zahlreiche Requisiten und Kostüme dokumentiert. Es ist berührend zu sehen, wie sehr sie sich für die Kunst und für Valentin aufopferte, bis hin zu einem psychischen Zusammenbruch, der sie zeitweise in die Depression zwang. Ihre Geschichte ist der emotionale Anker in diesem Turm der Skurrilitäten.

Von geschmolzenem Schnee und pelzigen Zahnstochern

Was dieses Museum von anderen unterscheidet, sind seine Exponate, die man getrost als "panoptisch" bezeichnen kann. Hier wird der normale Menschenverstand an der Garderobe abgegeben. Berühmt und berüchtigt ist der "Winterzahnstocher". Ein simpler Holzstab, aber mit Pelz besetzt, damit es das Holz im Winter nicht friert. Es klingt albern, aber wenn man davor steht, packt einen die innere Logik dieses Unsinns. Genauso verhält es sich mit der "Eisskulptur", die natürlich nur noch als Wasserpfütze in einem Behälter existiert (oder zumindest so beschriftet ist). Es ist die Kunst der Behauptung, die hier zelebriert wird.

Ein weiteres Highlight für Freunde des schwarzen Humors ist der legendäre Nagel, an den ein Schreiner seine Jacke hängen wollte, was aber nicht ging, weil der Nagel in der Wand steckte. Man muss diese Sätze zweimal lesen, um die valentinsche Verdrehung zu begreifen. Die Sammlung umfasst hunderte solcher Objekte, die auf den ersten Blick wie Gerümpel wirken mögen. Da liegt ein Ziegelstein, dort steht ein alter Ofen. Aber jedes Stück erzählt eine Geschichte aus den Sketchen oder dem Leben der beiden Protagonisten. Es ist ein "Gschwerl" aus Dingen, die erst durch die Beschriftung ihren wahren Wert erhalten. Man erwischt sich dabei, wie man leise vor sich hin kichert, während man versucht, die handschriftlichen Notizen zu entziffern. Es ist ein intellektuelles Vergnügen, das nichts mit dem lauten Schenkelklopfen des Oktoberfestes zu tun hat. Valentins Humor ist leise, hinterfotzig und manchmal auch ein bisserl böse.

Das Turmstüberl: Kaffeeklatsch mit Schräglage

Wer sich durch die Ausstellungen gearbeitet hat, muss unbedingt ganz nach oben. Dort, unter dem Dach des südlichen Turms, befindet sich das Turmstüberl. Es ist wohl eines der eigenwilligsten Cafés der Stadt. Die Einrichtung wirkt zusammengewürfelt, als hätte jemand den Sperrmüll der letzten fünf Jahrzehnte geplündert, aber genau das macht den Charme aus. Die Stühle wackeln vielleicht ein wenig, und der Boden ist schief, aber die Atmosphäre ist unschlagbar. Hier oben trifft man keine eiligen Touristen, die nur schnell ein Foto machen wollen. Hier sitzen Einheimische, Studenten und Liebhaber des Absurden zusammen.

Auf der Karte stehen Dinge, die man anderswo vergeblich sucht, oder zumindest werden sie hier anders serviert. Der Kaffee ist stark, die Suppen sind heiß, und oft gibt es dazu ein paar Wiener Würstchen. Besonders erwähnenswert sind die Brunnen, die in den Ecken plätschern, und die diversen Kuriositäten, die auch hier die Wände zieren. Es gibt Gerüchte, dass hier oben die Zeit noch langsamer vergeht als unten auf der Straße. Manchmal finden hier Lesungen oder kleine Konzerte statt, die so intim sind, dass man fast auf dem Schoß des Künstlers sitzt. Wer Glück hat, erlebt eine dieser spontanen Einlagen. Und wer Pech hat, muss warten, bis ein Platz frei wird, denn das Stüberl ist klein und die Plätze sind begehrt. Aber Warten gehört ja irgendwie auch zur valentinschen Philosophie des "Mögen hätt ich schon wollen, aber dürfen trau ich mich nicht".

Ein Museum wider den tierischen Ernst

Das Valentin-Karlstadt-Musäum ist kein Ort, den man "abhakt". Es ist ein Erlebnis, das nachwirkt. In einer Stadt wie München, die oft dazu neigt, sich selbst sehr ernst zu nehmen und ihre Traditionen mit viel Pomp vor sich herträgt, ist dieser Ort eine wohltuende Brechung. Er erinnert daran, dass das Leben im Grunde eine Aneinanderreihung von Missverständnissen ist und dass man dem Unbill des Alltags am besten mit einem stoischen Achselzucken begegnet. Die Ausstellung zwingt einen dazu, genau hinzusehen. Wer nur durchhetzt, verpasst die Pointe.

Es ist auch ein Ort der Stille inmitten des tosenden Verkehrs, der das Isartor umfließt. Die dicken Mauern schlucken den Lärm der Stadt fast vollständig. Drinnen hört man nur das Knarren der Dielen und ab und zu das Lachen eines Besuchers, der gerade verstanden hat, warum der "Liebesbriefbeschwerer" so aussieht, wie er aussieht. Es ist ein Museum, das den Besucher nicht belehren will, sondern ihn einlädt, die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Ist das Kunst oder kann das weg? Bei Valentin lautet die Antwort meistens: Es ist Kunst, weil es weg kann, aber trotzdem da bleibt.

Praktische Überlegungen für den Besuch

Ein Besuch erfordert Zeit. Nicht wegen der schieren Menge an Exponaten, sondern wegen der Textlastigkeit. Man muss lesen wollen. Die vielen Briefe, Manuskripte und Zettel sind das Herzstück der Sammlung. Wer nur Bilder schauen will, wird enttäuscht sein. Zudem sollte man gut zu Fuß sein. Einen Aufzug sucht man in den historischen Türmen vergebens, was für mobilitätseingeschränkte Personen leider ein Hindernis darstellt. Aber diese Unzugänglichkeit ist, so zynisch es klingen mag, fast schon wieder Teil des Konzepts. Valentin hätte vermutlich einen Sketch darüber geschrieben, wie man versucht, einen Aufzug in einen Turm zu bauen, der gar keinen Platz dafür hat.

Der Eintrittspreis ist moderat und jeden Cent wert, schon allein für den Erhalt dieses kulturellen Erbes. Der Museumsshop unten am Eingang ist ebenfalls eine Fundgrube. Hier gibt es keine 08/15 Souvenirs, sondern Postkarten mit den besten Sprüchen, Bücher über den Münchner Humor und natürlich Nachbildungen einiger absurder Objekte. Es lohnt sich, hier ein wenig zu stöbern, bevor man wieder in die Realität der Großstadt tritt. Man verlässt das Isartor meist mit einem leichten Schmunzeln und dem Gefühl, dass die Welt draußen vielleicht doch gar nicht so ernst ist, wie sie immer tut.

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