München

Das Kiosk-Bier: Warum der Gärtnerplatz & Co. die größten Open-Air-Bars sind

Münchens aufregendstes Nachtleben kostet keinen Eintritt, sondern nur das Pfand für ein Helles. Tausch den VIP-Bereich gegen den warmen Asphalt am Gärtnerplatz und misch dich unter das Volk.

München  |  Essen, Trinken & Nachtleben
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Zwischenablage

Es ist ein lauer Dienstagabend im Juli, vielleicht auch ein Donnerstag, die Wochentage verschwimmen hier gerne mal. Die Luft steht noch warm zwischen den Häuserschluchten des Glockenbachviertels. Man hört es schon von Weitem. Es ist dieses spezifische Grundrauschen. Kein Verkehrslärm, sondern ein Teppich aus hunderten Stimmen, unterbrochen vom periodischen Zischen sich öffnender Kronkorken. Willkommen in der Realität der Münchner Abendgestaltung. Wer die Seele der Stadt verstehen will, geht nicht ins Hofbräuhaus. Er geht zum Kiosk, kauft sich ein Augustiner und setzt sich auf einen Randstein.

München gilt oft als Stadt der Schickeria, der polierten Oberflächen und der unerschwinglichen Mieten. Vielleicht ist genau das der Grund, warum die Gegenbewegung so stark ist. Der öffentliche Raum wird hier nicht nur genutzt, er wird besetzt. Aneignung nennt man das wohl in der Soziologie. Wir nennen es einfach Feierabend. Die beiden Epizentren dieses Phänomens sind der Gärtnerplatz und die Reichenbachbrücke. Sie sind geografisch kaum fünfhundert Meter voneinander entfernt, aber in ihrer soziokulturellen Zusammensetzung Welten für sich.

Kurz & Kompakt
  • Das richtige Bier: In München trinkt man Helles. Augustiner ist der Standard („Gustl“), Tegernseer Hell oder Giesinger sind beliebte und akzeptierte Alternativen. Pils ist eher unüblich.
  • Die wichtigste Regel: Pfand gehört daneben! Stell deine leere Flasche niemals in den Mülleimer, sondern immer gut sichtbar daneben oder darunter. So müssen Pfandsammler nicht im Müll wühlen.
  • Öffnungszeiten: Der berühmte Reichenbachkiosk hat praktisch fast immer geöffnet (bis auf eine kurze Putzpause am frühen Morgen). Die meisten anderen Kioske schließen zwischen 22 Uhr und Mitternacht.

Der Gärtnerplatz: Sehen und Gesehenwerden

Der Gärtnerplatz ist eigentlich ein städtebauliches Juwel, angelegt zu Ehren von Friedrich von Gärtner. In der Mitte blühen die Blumenbeete so akkurat, als hätte jemand sie mit der Nagelschere bearbeitet. Drumherum gruppieren sich klassizistische Fassaden in Bonbonfarben. Doch sobald die Sonne untergeht, wird aus dem Kreisverkehr ein Amphitheater. Die Stufen des Theaters am Gärtnerplatz dienen als Tribüne, die Wiesen und die begrenzenden Steineinfassungen als Logenplätze.

Hier trifft sich eine Mischung, die man so in keinem Club finden würde. Da sind die jungen Kreativen aus den umliegenden Agenturen, die ihre teuren Sneaker im Staub parken. Da sind Studenten, die froh sind, dass der Abend nur 2,50 Euro kostet. Und da sind Touristen, die erst ungläubig schauen und sich dann dazusetzen. Man sitzt eng. Manchmal zu eng. Es riecht nach Parfüm, nach Gras und nach warmem Asphalt. Der Gärtnerplatz ist das "Wohnzimmer" des Viertels, aber ein Wohnzimmer, in dem jeder Gast versucht, ein bisschen besser auszusehen als der Nachbar.

Die Dynamik ist faszinierend. Man dreht keine Runden, man thront. Man beobachtet, wer mit wem kommt und wer mit wem geht. Es hat etwas von einem Laufsteg ohne Models, dafür mit sehr viel mehr Bierflaschen. Doch diese Idylle ist fragil. Anwohnerproteste wegen Lärm sind so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Polizei zeigt oft Präsenz, meistens in Form von langsam vorbeirollenden Streifenwagen, die das bunte Treiben argwöhnisch beäugen. Wenn es zu laut wird, wird der Platz geräumt. Das hat fast schon Ritualcharakter. Man steht auf, mault ein bisschen und zieht weiter. Meistens Richtung Isar.

Die Reichenbachbrücke: Die demokratische Basis

Wenn der Gärtnerplatz das Theater ist, dann ist die Reichenbachbrücke die raue Tribüne des Stadions. Hier geht es weniger um das Outfit, sondern mehr um die Aussicht und das pure Dasein. Die Brücke verbindet das belebte Glockenbachviertel mit der Au. Auf dem breiten Steingeländer hocken an guten Abenden hunderte Menschen. Die Beine baumeln in Richtung Wasser, unter einem rauscht die Isar dunkel dahin. Man muss schwindelfrei sein oder zumindest genug Urvertrauen in die eigene Balance haben.

Spannend ist dabei, dass die Hierarchien hier komplett flachfallen. Neben dem Banker, der seine Krawatte gelockert hat, sitzt der Punk mit Hund, daneben eine Gruppe Erstsemester. Der verbindende Klebstoff ist der Kiosk am südlichen Ende der Brücke. Der Reichenbachkiosk ist eine Institution, nein, eine Legende. Er hat fast immer auf. Die Schlange davor kann nachts um drei Uhr länger sein als vor dem Berghain, nur dass man hier garantiert reinkommt, solange man Kleingeld hat.

Es ist laut auf der Brücke, aber anders laut als am Platz. Autos fahren direkt hinter dem Rücken vorbei, Straßenbahnen quietschen in die Kurve. Das stört niemanden. Der Blick entschädigt für alles: Links sieht man die Türme von St. Maximilian, die im Abendlicht glühen, rechts das Deutsche Museum, das wie ein Schiff im Fluss liegt. Wenn die Sonne untergeht und den Himmel über den Isarauen in ein kitschiges Violett taucht, hält für einen Moment das ganze Gewusel inne. Dann ploppen wieder die Flaschen.

Der Kiosk als Tankstelle der Gemütlichkeit

Warum aber Kiosk? Warum nicht die Kneipe ums Eck? Es ist nicht nur der Preis, auch wenn ein Helles für unter zwei Euro in München ein fast schon politisches Statement ist. Es ist die Unverbindlichkeit. In einer Bar brauchst du einen Tisch, du wartest auf die Bedienung, du musst dich benehmen. Am Kiosk kaufst du dein "Wegbier", das oft gar keinen Weg mehr zurücklegt, sondern zum "Bleib-Bier" wird. Du bist frei. Wenn es regnet, gehst du. Wenn du weiterziehen willst, ziehst du weiter.

Die Auswahl in den Kiosken rund um die Reichenbachbrücke und den Gärtnerplatz hat sich dieser Kultur angepasst. Neben den Klassikern wie Augustiner (das Grundnahrungsmittel) und Tegernseer finden sich mittlerweile auch Craft-Beer-Sorten oder der obligatorische Mate-Drink für die, die noch wach bleiben wollen. Die Verkäufer in den Büdchen arbeiten in einer Geschwindigkeit, die jedem Akkordarbeiter Respekt abnötigen würde. Rein, Kühlschrank auf, Geld auf den Tresen, raus. Wortwechsel sind selten, man versteht sich blind.

Ehrlich gesagt, die Romantik hat auch ihre Schattenseiten. Am nächsten Morgen bieten die Orte oft ein trauriges Bild. Scherben, Kronkorken, Pizzakartons. Die Stadtreinigung leistet hier Schwerstarbeit. Es gehört zum guten Ton, seine Flasche zumindest neben den Mülleimer zu stellen, wenn dieser – wie meistens – überquillt. Pfandsammler ziehen ihre Runden, leise und effizient. Sie gehören zum Ökosystem dieser Open-Air-Nächte dazu und sorgen dafür, dass das Glas nicht liegen bleibt.

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