München

Trachten-Kauf: Worauf du beim ersten Dirndl oder der Lederhosn achten musst

Wer in München nicht wie ein Faschingsprinz wirken will, braucht mehr als ein billiges Karohemd vom Bahnhofskiosk. Ein ehrlicher Blick auf Stoffe, Schnitte und jene Details, die den Unterschied zwischen kurzlebigem Wegwerfprodukt und lebenslangem Begleiter machen.

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Zwischenablage

Du steigst am Hauptbahnhof aus dem Zug, der Geruch von Leberkässemmel und Abgasen hängt in der Luft, und schon schlägt sie dir entgegen: die vermeintliche bayerische Tradition. In den Schaufenstern der Souvenirläden hängen knallbunte Stofffetzen, die als Dirndl verkauft werden, und Hosen, die an Pappe erinnern, aber Leder sein sollen. Wer hier zugreift, hat schon verloren. München macht es dem Neuankömmling nicht leicht, Kitsch von Kulturgut zu unterscheiden. Echte Tracht, oder wie der Bayer sagt, das Gwand, ist keine Verkleidung. Sie ist eine Haltung. Ein Kleidungsstück, das Würde verleiht und nicht nimmt. Wenn du dich entscheidest, Teil dieser visuellen Kultur zu werden, dann verlangt das ein wenig Auseinandersetzung mit der Materie. Es geht nicht darum, Tausende von Euro auszugeben, obwohl das leicht möglich wäre. Es geht darum, Materialien zu fühlen und Schnitte zu verstehen. Wer billig kauft, kauft zweimal, sagt man. Bei Tracht kauft man oft gar nicht mehr, weil man sich im Polyester-Albtraum nach zwei Stunden so unwohl fühlt, dass das Thema erledigt ist.

Kurz & Kompakt
  • Materialcheck: Hände weg von Polyester und Glanz-Stoffen. Echtes Gwand besteht aus Baumwolle, Leinen, Loden oder Wolle. Bei der Lederhose gilt: Hirsch ist König, Ziege der solide Preis-Leistungs-Sieger, Rind meist zu steif.
  • Passform-Regel: Das Mieder beim Dirndl muss sitzen wie eine zweite Haut, Faltenwurf ist tabu. Die Lederhose kauft man so eng, dass das Zumachen Arbeit ist, denn sie weitet sich garantiert.
  • Rocklänge & Schürze: Das Dirndl endet ums Knie herum, niemals deutlich darüber. Die Schürze muss zwingend 2-3 cm kürzer sein als der Rocksaum. Alles andere wirkt unproportioniert.
  • Schuhe & Strümpfe: Keine Sneaker, keine weißen Tennissocken. Haferlschuhe oder schlichte Lederschuhe sind Pflicht. Loferl (Wadenwärmer) trägt man nur zur kurzen Hose und nur mit nacktem Fuß im Schuh, nicht mit hochgezogenen Socken darunter.

Das Dirndl: Mehr als nur ein Ausschnitt

Fangen wir bei den Damen an. Ein echtes Dirndl besteht fast immer aus Naturmaterialien. Wenn du über den Stoff streichst und es knistert elektrisch oder fühlt sich rutschig und kalt an, lass es hängen. Baumwolle, Leinen, Seide oder Mischungen daraus sind der Standard. Ein traditionelles Alltagsdirndl, oft Waschdirndl genannt, ist meist aus Baumwolle. Das ist praktisch, denn man schwitzt im Bierzelt oder im sommerlichen Wirtsgarten. Polyester hingegen verwandelt dich in eine wandelnde Sauna. Der Schnitt ist das nächste Kriterium, bei dem sich die Geister scheiden, aber die Tradition eine klare Sprache spricht.

Das Oberteil, das Mieder, muss sitzen wie eine zweite Haut. Es darf, nein, es muss sogar ein wenig eng sein. Man sagt in München gern, dass man noch atmen können muss, aber nicht mehr tief. Falten darf das Mieder keine werfen, wenn du dich bewegst. Tut es das, ist es zu weit oder schlecht geschnitten. Verschlüsse sind meist Knöpfe oder Haken, seltener ein Reißverschluss, wobei dieser bei modernen, hochwertigen Varianten durchaus akzeptiert ist, solange er versteckt liegt. Kitschige Mieder erkennt man oft an überflüssigen Schnürungen mit billigen Satinbändern und riesigen Metallösen, die aussehen wie von einem mittelalterlichen Korsettimitat.

Die Gretchenfrage der Rocklänge

Über die Länge des Rockes wird viel gestritten, dabei ist die Regel simpel. Ein Dirndl endet im Idealfall auf Höhe des Knies oder, noch klassischer, eine Handbreit darunter. Die Wade umspielend nennt man das. Alles, was deutlich über dem Knie endet, fällt in die Kategorie Fasching oder Touristenepp. Ein Mini-Dirndl mag im Katalog nett aussehen, in der Realität der Münchner Straßenbahn oder auf der Bierbank wirkt es oft deplatziert. Ein längerer Rock schwingt schöner, er gibt der Trägerin eine andere Silhouette. Zudem blitzt beim Tanzen, etwa beim Volkstanz im Hofbräuhaus, dann vielleicht mal ein Unterrock hervor, was weitaus reizvoller ist als die ständige Angst, im Freien zu stehen.

Die Schürze und die Bluse

Die Schürze endet stets, und das ist ein ehernes Gesetz, zwei bis drei Zentimeter über dem Saum des Rockes. Niemals ist sie länger, und viel kürzer sieht aus, als wäre sie eingelaufen. Die Schleife wird gebunden, nicht angeklipst. Wer eine fertige Schleife zum Anstecken kauft, hat die Kontrolle über sein Leben verloren, könnte man fast sagen. Traditionell signalisiert die Position der Schleife den Beziehungsstatus: rechts gebunden bedeutet vergeben oder verheiratet, links bedeutet ledig. Hinten binden Witwen oder Kellnerinnen, vorne mittig gilt als Zeichen für Jungfräulichkeit oder Unentschlossenheit, wird aber heute kaum noch ernsthaft praktiziert.

Bei der Bluse gilt: Weniger ist mehr. Die Carmen-Bluse, die die Schultern komplett freilegt, ist ein Phänomen der letzten Jahre und hat mit bayerischer Tradition wenig zu tun. Sie rutscht oft und sieht unvorteilhaft aus. Eine klassische Bluse hat Ärmel, ob kurz oder lang, und einen Ausschnitt, der das Dekolleté betont, ohne vulgär zu wirken. Hochgeschlossene Blusen sind derzeit wieder sehr in Mode und wirken oft eleganter und sogar verführerischer als die Holzhammer-Methode. Schneeweiß ist die Standardfarbe, Creme geht auch, Schwarz ist eher selten und Geschmackssache.

Die Lederhose: Ein Lebensabschnittsgefährte

Für die Herren der Schöpfung ist die Sache scheinbar einfacher, aber die Fallstricke sind tiefer. Eine Lederhose ist eine Investition. Das billige Modell aus Spaltleder vom Rind für hundert Euro wird dich enttäuschen. Es ist steif, man schwitzt darin, und es bekommt nie diese Patina, die eine gute Hose ausmacht. Der Goldstandard ist sämisch gegerbtes Hirschleder. Dieses Leder wird mit Tran gegerbt, ein monatelanger Prozess, der das Material weich, atmungsaktiv und extrem haltbar macht. Eine Hirschlederne fühlt sich fast samtig an, ist aber unzerstörbar. Ja, sie kostet so viel wie ein Kleinwagen-Service oder mehr, aber sie hält oft Generationen. Wenn der Großvater dem Enkel die Hose vererbt, ist das keine Legende, sondern bayerische Realität.

Eine gute Alternative für den schmaleren Geldbeutel ist Wildbock oder Ziege. Das Leder ist weicher als Rind, aber nicht ganz so edel wie Hirsch. Wichtig ist die Passform. Beim Kauf muss die Hose so eng sitzen, dass man sie kaum zubekommt. Leder weitet sich. Kauft man sie bequem, hängt sie nach drei Tagen wie ein Sack an den Beinen. Hinten am Gesäß befindet sich oft die Tellernaht, ein Qualitätsmerkmal, das für besseren Sitz sorgt. Die Stickerei sollte nicht zu grell sein. Neongrünes Garn auf schwarzem Leder ist ein sicheres Indiz für Massenware aus Fernost. Klassische Farben sind Gelb, Grün oder Beige auf dunkelbraunem oder schwarzem Leder, wobei helles Leder, das "Krachlederne", mit der Zeit durch das Tragen von selbst dunkel und speckig wird. Das ist erwünscht.

Das Drumherum: Hemd, Weste und Socken

Das karierte Hemd in Rot-Weiß oder Blau-Weiß ist der Klassiker, aber inzwischen fast zu einem Klischee verkommen. Wer stilvoll auftreten will, greift zum weißen Leinenhemd oder einem "Pfoad". Das sieht festlicher und authentischer aus. Bitte keine T-Shirts zur Lederhose, es sei denn, man mäht gerade den Rasen. Zur kompletten Montur gehört oft ein "Leiberl", also eine Weste. Sie gibt dem Outfit Struktur. Samt oder Loden sind hier die Stoffe der Wahl, vorne oft mit Silberknöpfen oder Knöpfen aus Hirschhorn versehen.

Ein schwieriges Thema sind die Waden. Zur kurzen Lederhose trägt man Loferl. Das sind Wadenwärmer, also Stutzen, die nur die Wade bedecken, dazu gehören ganz kurze Füßlinge, die man in den Schuhen kaum sieht. Man zieht niemals Loferl und Socken zusammen an, sodass das nackte Bein nicht mehr zu sehen ist. Zur Kniebundhose hingegen gehören lange Kniestrümpfe, die man schoppt, also leicht nach unten schiebt. Die Farbe ist meist Naturwolle, Grau oder Dunkelgrün. Tennissocken sind ein absolutes Tabu, das wohl keiner weiteren Erklärung bedarf.

Schuhwerk und Accessoires

Turnschuhe zur Lederhose oder zum Dirndl sind bequem, brechen aber den Stil so radikal, dass es oft lächerlich wirkt. Der klassische Haferlschuh ist robust, hat eine seitliche Schnürung und eine profilierte Sohle. Er wurde ursprünglich für die Arbeit im Gebirge konzipiert. Er gibt festen Halt und passt optisch perfekt zur rustikalen Hose. Für Damen gibt es Pumps mit Trachtenabsatz oder schlichte Ballerinas, wobei letztere oft die bessere Wahl für lange Spaziergänge durch die Au sind.

Ein schönes Detail beim Mann ist das Charivari. Eine silberne Kette, die vor dem Hosenlatz getragen wird und an der Trophäen hängen. Früher waren das echte Jagdtrophäen, also Zähne vom Hirsch, Pfoten vom Dachs oder Münzen. Heute gibt es das auch in Silberguß. Es dient rein der Zierde und klimpert leise beim Gehen, ein Geräusch, das in Bayern zur Hintergrundmusik gehört. Aber Vorsicht: Weniger ist auch hier mehr. Ein überladenes Charivari wirkt schnell protzig.

Wo man fündig wird und was es kostet

Vermeide die großen Fußgängerzonen rund um den Marienplatz, wenn du authentische Ware suchst, und biege lieber in die kleineren Straßen im Tal oder rund um den Gärtnerplatz ab. Es gibt in München noch alteingesessene Trachtenhäuser, in denen Beratung großgeschrieben wird. Dort nimmt man sich Zeit, misst dich aus und sagt dir auch ehrlich, wenn etwas nicht passt. Das Personal dort trägt oft selbst Tracht und weiß, wovon es spricht.

Ein Geheimtipp für Einsteiger ist der Second-Hand-Markt. Da gute Tracht extrem langlebig ist, findet man oft hochwertige Stücke aus den 70ern oder 80ern, die qualitativ der heutigen Massenware weit überlegen sind. Ein gebrauchtes Dirndl aus Leinen lässt sich oft für wenig Geld beim Schneider anpassen. Auch Lederhosen, die schon "eingetragen" sind, haben ihren Reiz, da man sich die schmerzhafte Einlaufphase spart. Solche Läden finden sich oft in der Maxvorstadt oder im Westend.

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