Es ist elf Uhr oder vielleicht zwölf. Du stehst inmitten einer Traube von Menschen und alle starren gebannt nach oben in den Rathausturm. Kameras surren. Handys leuchten. Aber sobald der letzte Ton des Glockenspiels verklungen ist und der Schäfflertanz endet, löst sich die Menge auf wie Zucker im Tee. Der Platz wird wieder zur Durchgangszone. Genau jetzt solltest du stehen bleiben. Das Neue Rathaus ist nämlich weit mehr als nur ein hübscher Hintergrund für Selfies. Es ist ein steinerner Wald voller Symbolik, der erst auf den zweiten Blick Sinn ergibt.
Georg von Hauberrisser hat diesen kolossalen Bau im 19. Jahrhundert entworfen. Viele halten das Gebäude für uralt, dabei ist es neugotisch und damit jünger als so manches Wohnhaus im Lehel. Hauberrisser wollte, dass man sich klein fühlt. Ehrfürchtig. Das klappt auch heute noch ganz gut. Wenn du dich an die Fassade wagst, siehst du keine glatten Flächen. Überall sitzen kleine Figuren. Fratzen. Heilige. Könige. Da hocken steinerne Männchen, die Grimassen schneiden oder obszöne Gesten machen. Es heißt, der Architekt habe hier den einen oder anderen Stadtrat verewigt, der ihm während der Bauphase auf die Nerven ging.
Besonders interessant wird es an der Westseite, dort wo die Weinstraße in den Platz mündet. Da klettert ein Lindwurm das Eck hinauf. Das sogenannte Wurmeck erinnert an eine alte Sage, wonach ein geflügelter Drache einst Pest und Verderben über die Stadt brachte, bis er durch einen Kanonenschuss vom Turm der Alten Peter Kirche erlegt wurde. Die Bronzeplastik wirkt fast lebendig, wie sie sich da an den Stein krallt. Die wenigsten Touristen bemerken das Biest, weil sie zu sehr damit beschäftigt sind, den Eingang zum Sportgeschäft gegenüber zu suchen. Schau dir die Schuppen genau an. Das ist Handwerk, das man heute kaum noch bezahlt bekommt.
Kurz & Kompakt - Beste Zeit: Früh morgens vor 9 Uhr oder spät abends, wenn die Tagestouristen weg sind und die Beleuchtung die Neugotik dramatisch in Szene setzt.
- Der Drache: Achte an der Westecke des Neuen Rathauses (Weinstraße) auf das "Wurmeck". Die Legende der Pestbringer ist hier in Bronze verewigt.
- Aussicht: Alter Peter (Treppensteigen, günstig, bester Blick aufs Rathaus) vs. Rathausturm (Aufzug, teurer, man steht auf dem Motiv).
Vier Helden gegen das Unheil
Mitten auf dem Platz steht die Mariensäule. Sie ist der offizielle Mittelpunkt Bayerns und der Kilometerstein Null für alle Straßen, die von hier in die Provinz führen. Oben glänzt die Patrona Bavariae in Gold. Sie schaut milde. Aber viel brutaler geht es am Sockel zu. Dort kämpfen vier Putten, also kleine pausbäckige Engelchen, gegen vier Bestien. Das ist Barock in Reinform. Drama. Bewegung. Und eine ziemlich harte politische Aussage.
Die vier Gruppen symbolisieren die Plagen, die die Stadt im Dreißigjährigen Krieg und danach bedrohten. Der Löwe steht für den Krieg. Der Basilisk für die Pest. Der Drache symbolisiert den Hunger. Und die Schlange steht für den Unglauben oder die Ketzerei. Es ist schon fast ironisch, wie die kleinen Engel mit fast spielerischer Leichtigkeit gegen diese Monster antreten. Einer hält ein Schwert, der andere eine Fackel. Wenn du genau hinsiehst, erkennst du die Anstrengung in den kleinen Gesichtern nicht wirklich. Es wirkt fast wie ein Spiel. Das war die Botschaft von Kurfürst Maximilian I.: Glaube besiegt alles, selbst die Hölle auf Erden.
Manchmal sitzen Tauben auf dem Kopf des Basilisken. Das nimmt dem Ganzen ein bisschen die Schwere. Aber die Symbolik bleibt stark. Es lohnt sich, einmal ganz um die Säule herumzugehen. Der Lärm der Fußgängerzone verschwimmt dann ein wenig zu einem Hintergrundrauschen. Man riecht hier oft gebrannte Mandeln, egal ob Weihnachten ist oder nicht, weil die Stände am Viktualienmarkt nicht weit sind.
Wasser, Geld und leere Beutel
Ein paar Schritte weiter plätschert der Fischbrunnen. Das Wasser ist türkis, fast unnatürlich blau durch den gestrichenen Untergrund. Im Sommer kühlen hier erschöpfte Städter ihre Füße. Historisch gesehen ist das ein Ort für Metzger. Früher sprangen die Metzgerlehrlinge nach ihrer Ausbildung in das Wasser, um sich von den Sünden der Lehrzeit reinzuwaschen und sich freizusprechen. Ein nasses Ritual.
Viel wichtiger für den modernen Münchner ist aber der Aschermittwoch. Dann kommt der Oberbürgermeister hierher und taucht seinen leeren Geldbeutel in das eiskalte Wasser. Geldbeutelwaschen nennt sich das. Es soll garantieren, dass die Stadtkasse im kommenden Jahr nicht leer bleibt. Viele Einheimische machen das nach. Ob es wirklich hilft, sei dahingestellt. Aber der Glaube versetzt ja bekanntlich Berge oder füllt zumindest Portemonnaies. Die Bronzefische oben auf der Säule speien Wasser und wirken dabei seltsam fröhlich. Vielleicht lachen sie uns auch nur aus.
Das stille Alte Rathaus
Gegenüber dem neugotischen Riesen wirkt das Alte Rathaus im Osten fast bescheiden. Es sieht aus wie eine Spielzeugburg. Kein Wunder, dass drinnen heute das Spielzeugmuseum untergebracht ist. Der Turm wurde nach dem Zweiten Weltkrieg rekonstruiert. Er hat nicht diesen düsteren Ernst seines Nachbarn. Er ist weiß, freundlich, fast ein bisserl bieder. Aber geh mal durch den Torbogen durch.
Dahinter, fast versteckt in einer Nische richtung Heilig-Geist-Kirche, steht eine Bronzestatue, die man hier eigentlich nicht vermutet. Julia Capulet. Ja, die aus Verona. Ein Geschenk der Partnerstadt. Die rechte Brust der Statue ist blank poliert, glänzend golden. Tausende Hände haben sie berührt. Es soll Glück in der Liebe bringen. Man sieht oft junge Paare, die kichernd davor stehen, oder einsame Herzen, die kurz im Vorbeigehen die Hand auf das Metall legen. Ein kleiner Moment der Hoffnung im hektischen Getriebe der Innenstadt. Es ist einer dieser Orte, die beweisen, dass München im Herzen doch ein Dorf geblieben ist. Man glaubt an solche Dinge hier.
Der Blick von oben
Natürlich kannst du auf den Rathausturm fahren. Mit dem Lift. Das ist bequem. Aber wer die Stadt spüren will, geht auf den Alten Peter. Die Kirche St. Peter ist die älteste Pfarrkirche Münchens. Der Turm hat keinen Aufzug. Es riecht im engen Treppenhaus nach Staub, altem Stein und dem Schweiß derer, die vor dir aufgestiegen sind. Die Stufen sind ausgetreten. Man muss sich das Panorama verdienen.
Oben angekommen, pfeift oft der Wind. Aber der Blick auf die Dächerlandschaft ist unbezahlbar. Von hier oben siehst du erst, wie verschachtelt die Altstadt wirklich ist. Du schaust direkt auf das Glockenspiel im Rathaus gegenüber. Von hier aus wirken die Figuren im Turm wie das, was sie sind: kleine mechanische Puppen. Die Perspektive rückt die Dinge zurecht. Bei Föhn, diesem speziellen Wetterphänomen, das Kopfweh macht und den Himmel blau poliert, siehst du die Alpenkette, als stünde sie direkt hinter Harlaching. Das ist der Moment, wo man versteht, warum die Münchner ihre Stadt so lieben, auch wenn sie oft über die Preise und die Schickeria granteln.
Unten auf dem Marienplatz sieht alles wie ein Gewusel von Ameisen aus. Die S-Bahnen rumpeln im Untergrund, man spürt die Vibrationen kaum hier oben, aber man weiß, dass sie da sind. München ist eine Stadt der Schichten. Oben Barock und Neugotik, unten Beton und Gleise. Und dazwischen wir, die versuchen, das alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Wenn du wieder unten bist, hol dir eine Leberkässemmel. Nicht beim teuren Touristen-Café, sondern beim Metzger ums Eck. Das gehört dazu. So schmeckt die Stadt nämlich wirklich: deftig, ehrlich und ein bisserl fettig.