Wenn man in München wohnt und Kinder hat, kommt man an Poing nicht vorbei. Es gehört fast schon zum guten Ton, mindestens einmal im Jahr in die S2 Richtung Erding zu steigen oder das Auto über die A94 zu lenken, um im Wildpark Poing zu landen. Der Park liegt knapp 20 Kilometer östlich der Landeshauptstadt und hat sich über die Jahrzehnte von einem einfachen Wildgehege zu einer Institution gemausert. Man merkt das schon am Parkplatz. An schönen Wochenenden gleicht die Szenerie dort einem Volksfest, aber keine Sorge. Das Gelände ist mit 570.000 Quadratmetern so weitläufig, dass sich die Menschenmassen erstaunlich gut verlaufen. Kaum ist man durch das hölzerne Eingangstor, schluckt der Wald den Lärm der Straße und man steht mitten im Grünen.
Der erste Weg führt fast alle Besucher direkt zur Kasse, um sich mit Wildfutter einzudecken. Ein Tipp von mir gleich zu Beginn. Nimm lieber zwei Packungen. Die Rehe wissen genau, wo das Futter herkommt, und ihre treuherzigen Augen sind verdammt effektiv, wenn es darum geht, dir auch den letzten Krümel abzuschwatzen. Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man die braune Papiertüte in der Hand hält und genau weiß, dass man gleich sehr beliebt sein wird. Der Park ist ganzjährig geöffnet, was ihn auch im Winter zu einem spannenden Ziel macht, wenn der Schnee den Wald dämpft und die Tiere in ihrem Winterfell noch plüschiger aussehen.
Kurz & Kompakt - Anreise: Am besten mit der S-Bahn S2 Richtung Erding bis zur Haltestelle "Poing", von dort sind es ca. 20 Minuten Fußweg (gut ausgeschildert). Parkplätze sind vorhanden, aber an Sonntagen oft schnell voll.
- Greifvogelvorführung: Findet in der Hauptsaison (April bis November) meist um 10:30 Uhr und 15:00 Uhr statt. Freitags an Schultagen gibt es keine Vorführung. Unbedingt ca. 15 Minuten vor Beginn Plätze sichern.
- Ausrüstung: Festes Schuhwerk ist Pflicht (Waldwege, Matsch). Für den Wasserspielplatz im Sommer unbedingt Handtuch und Wechselkleidung für die Kids einpacken.
Auf Du und Du mit dem Mufflon
Das eigentliche Highlight, das diesen Park von vielen anderen unterscheidet, beginnt direkt hinter dem Eingangsbereich. Hier gibt es keine Zäune zwischen Mensch und Tier. Rotwild und Damwild laufen frei herum. Für Stadtkinder ist das oft der erste Moment in ihrem Leben, in dem sie einem Tier begegnen, das größer ist als der heimische Dackel, und das nicht hinter Gittern sitzt. Man muss sich erst daran gewöhnen, dass plötzlich ein Hirsch neben dem Kinderwagen steht und mal prüfend schnuppert, ob da vielleicht ein Keks drin liegt. Die Tiere sind an Menschen gewöhnt, sie sind nicht scheu, aber sie sind auch nicht aufdringlich, meistens jedenfalls.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie unterschiedlich die Begegnungen ablaufen. Manche Besucher weichen respektvoll zurück, wenn ein kapitaler Hirsch den Weg kreuzt, andere gehen sofort in den Kraulmodus über. Das Fell fühlt sich borstiger an, als es aussieht. Wenn so ein Damwild dir die Maispellets aus der flachen Hand schleckt, spürt man die raue Zunge und den warmen Atem. Das ist Naturkundeunterricht, der hängen bleibt. Man sollte allerdings aufpassen, wo man hintritt. Wo viele Tiere frei herumlaufen, liegt naturgemäß auch viel herum, was man später ungern im Profil der Schuhsohlen haben möchte. Festes Schuhwerk ist also nicht nur wegen der Waldwege Pflicht, sondern auch aus hygienischen Gründen durchaus ratsam.
Die Runde durch den Wald
Der Park ist als großer Rundweg angelegt. Man kann sich eigentlich nicht verlaufen, auch wenn man an manchen Kreuzungen kurz überlegen muss, ob man jetzt erst zu den Bären oder doch lieber zu den Wildschweinen abbiegt. Die Wege sind breit, gut geschottert und absolut kinderwagentauglich. Wer gerne stramm spaziert, schafft die Runde in gut eineinhalb Stunden. Aber wer macht das schon? Man bleibt stehen. Man guckt. Man staunt.
Der Weg führt durch einen wunderschönen Mischwald. Es riecht nach Moos, nach feuchter Erde und, je nachdem wo man gerade steht, auch mal streng nach Wildschwein. Die Schwarzkittel haben ihr eigenes Gehege, was auch besser so ist. Wenn man Glück hat, sieht man im Frühjahr die Frischlinge. Diese kleinen, gestreiften Flitzer, die im wilden Galopp durch den Schlamm pflügen, sind an Niedlichkeit kaum zu überbieten. Die Bachen passen gut auf, und hier ist der Zaun eine beruhigende Barriere. Es lohnt sich, hier einen Moment innezuhalten und einfach nur zuzuschauen. Das Sozialverhalten der Rotte ist komplex und oft sieht man kleine Raufereien oder gegenseitiges Putzen, was fast schon menschlich wirkt.
Weiter hinten im Park wird es ruhiger. Die meisten Besucher bleiben in der Nähe des Eingangs oder des Spielplatzes hängen, aber der hintere Teil des Rundwegs hat seinen eigenen Charme. Hier stehen alte Eichen, das Licht fällt gefleckt durch das Blätterdach, und man hört das Hämmern von Spechten oder das Rauschen des Windes in den Wipfeln. Es ist der perfekte Ort, um runterzukommen. Manchmal vergisst man völlig, dass man nur wenige Kilometer von der Millionenstadt München entfernt ist.
Bären, Wölfe und die Sache mit der Geduld
Natürlich wollen alle die großen Räuber sehen. Braunbären, Wölfe und Luchse gehören zum Inventar in Poing. Die Gehege sind weitläufig und naturnah gestaltet, was für die Tiere super ist, für den ungeduldigen Besucher aber manchmal frustrierend sein kann. Es ist eben kein Zoo, in dem die Tiere auf dem Präsentierteller sitzen. Wenn der Luchs keine Lust auf Publikum hat, dann legt er sich ins Unterholz und ist praktisch unsichtbar. Sein Tarnfleck funktioniert erschreckend gut.
Bei den Wölfen ist es ähnlich. Man steht oft minutenlang am Zaun und starrt ins Leere, bis sich plötzlich ein grauer Schatten bewegt. Wenn sie sich dann zeigen, ist es imposant. Besonders zur Fütterungszeit kommt Bewegung in die Sache, aber auch wenn sie nur faul in der Sonne dösen, strahlen sie eine gewisse Urkraft aus. Mir ist aufgefallen, dass viele Leute enttäuscht weitergehen, wenn sich nichts rührt. Dabei ist gerade das Warten und Suchen der eigentliche Reiz. Man muss genau hinschauen. Man muss leise sein. Wer lärmend am Zaun rüttelt, wird höchstens ignoriert. Die Braunbären sind da etwas kooperativer, oft sieht man sie beim Baden oder beim gemütlichen Trotten durch ihr Revier. Auch hier gilt aber, dass es Wildtiere sind. Sie haben ihren eigenen Rhythmus, und der richtet sich nicht nach den Öffnungszeiten.
Könige der Lüfte
Ein Programmpunkt, den man auf keinen Fall verpassen darf, ist die Greifvogelschau. Zweimal täglich, außer freitags an Schultagen, packt der Falkner seine Schützlinge aus. Man sitzt auf Holzbänken rund um eine Wiese und bekommt eine Show geboten, die sich gewaschen hat. Es ist nicht nur das bloße Vorführen der Vögel. Der Falkner erklärt mit viel Herzblut und bayerischem Zungenschlag, was den Weißkopfseeadler vom Steinadler unterscheidet und warum die Eule so lautlos fliegt.
Spannend ist dabei, dass die Vögel extrem tief fliegen. Man spürt oft den Luftzug der Schwingen im Nacken, wenn ein Falke im Sturzflug über die Köpfe der Zuschauer hinwegfegt. Das ist nichts für schwache Nerven, aber absolut sicher. Die Vögel wissen genau, was sie tun. Besonders beeindruckend fand ich den Moment, als der Adler seine Flügel ausbreitete. Diese Spannweite aus nächster Nähe zu sehen, lässt einen ganz klein werden. Für Kinder ist das Spektakel riesig, auch wenn sie manchmal instinktiv den Kopf einziehen. Eine wichtige Regel gibt es allerdings. Essen ist während der Show streng verboten. Wer meint, er müsste während der Vorführung sein Wurstbrot auspacken, könnte unfreiwillig Teil der Fütterung werden. Das wird auch humorvoll, aber bestimmt durchgesagt.
Das Finale: Der Abenteuerspielplatz
Am Ende des Rundwegs wartet das, was für viele Kinder der eigentliche Grund für den Besuch ist. Der Abenteuerspielplatz. Man kann es gar nicht anders sagen, dieses Areal ist gigantisch. Es ist eine riesige Wiese mit unzähligen Klettergerüsten, Rutschen, Schaukeln und Wasserbereichen. Hier tobt das Leben. Die Eltern lassen sich auf der großen Picknickwiese nieder, breiten ihre Decken aus und packen die Brotzeit aus. Es hat etwas von einem großen, friedlichen Volksfest.
Der Wasserspielplatz ist im Sommer der absolute Hit. Wechselklamotten sind hier keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Die Kinder bauen Dämme, matschen im Sand und pumpen Wasser, bis die Socken triefen. Es herrscht eine herrliche Anarchie. Manchmal verliert man den eigenen Nachwuchs kurz aus den Augen, weil das Gelände so unübersichtlich ist, aber sie tauchen immer wieder auf, meistens dreckig, aber glücklich. Es gibt auch einen Kiosk, der die üblichen Verdächtigen anbietet, also Pommes, Eis und Getränke. Die Preise sind okay, typisches Münchner Niveau halt, aber nicht unverschämt. Viele bringen ihr Essen aber selbst mit, was ausdrücklich erlaubt ist. Es ist diese Mischung aus Naturerlebnis und entspanntem Familienpicknick, die Poing so sympathisch macht.