Es beginnt meistens mit einem kleinen Geduldsspiel am Hardenbergplatz. Direkt vor der hektischen Kulisse des Bahnhofs Zoologischer Garten, wo sich Touristen, Pendler und Berliner Originale mischen, startet die Linie 100 ihre Fahrt durch die Historie. Wer den besten Blick haben will, muss schnell sein oder Glück haben. Die Plätze oben in der ersten Reihe direkt vor der großen Frontscheibe sind heiß begehrt. Manchmal lohnt es sich, einfach einen Bus ziehen zu lassen und auf den nächsten zu warten, der meist nur wenige Minuten später kommt. Hat man den Platz ergattert, fühlt sich die Fahrt fast wie im Kino an. Vor einem liegt die Straße, und der Busfahrer, der oft mit der typischen Berliner Schnauze und einem rasanten Fahrstil gesegnet ist, wird zum Kapitän dieser Expedition. Der Bus fädelt sich in den Verkehr ein, vorbei am Elefantentor des Zoos, und biegt kurz darauf auf den Breitscheidplatz ein. Hier steht die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die Ruine des alten Turms, im Volksmund hohler Zahn genannt, ragt mahnend in den Himmel, direkt daneben der moderne Neubau von Egon Eiermann mit seinen blauen Glasbausteinen. Es ist ein erstes starkes Bild für die Zerrissenheit und den Wiederaufbau dieser Stadt.
Kurz & Kompakt - Fahrpreis: Es gilt der reguläre BVG-Tarif (Tarifbereich AB). Eine Einzelfahrkarte kostet aktuell 3,50 Euro, die 24-Stunden-Karte 9,90 Euro. Es ist kein spezielles Sightseeing-Ticket nötig.
- Route & Dauer: Die Strecke verläuft zwischen S+U Zoologischer Garten und S+U Alexanderplatz. Die reine Fahrtzeit beträgt ohne Stau etwa 30 bis 40 Minuten, im Berufsverkehr deutlich länger.
- Beste Zeit: Vormittags unter der Woche (ca. 10–12 Uhr) oder am frühen Abend sind die Busse weniger überfüllt, was die Chance auf einen Sitzplatz im Oberdeck erhöht.
- Alternative: Ist der 100er zu voll, weiche auf die Linie 200 aus. Sie startet ebenfalls am Zoo, fährt aber über den Potsdamer Platz und die Leipziger Straße zum Alexanderplatz – eine etwas andere, aber ebenso spannende Route.
Durch die grüne Lunge der Stadt
Nach dem trubeligen Ku’damm-Beginn ändert sich die Szenerie abrupt. Der Bus verlässt die Geschäftigkeit der City West und taucht ein in den Tiergarten. Man könnte fast vergessen, dass man sich in einer Millionenmetropole befindet, wären da nicht die breiten Straßenschneisen. Die Hofjägerallee führt direkt auf den Großen Stern zu. In der Mitte dieses riesigen Kreisverkehrs glänzt die Viktoria auf der Siegessäule. Goldelse nennen die Berliner sie, etwas respektlos, aber durchaus liebevoll. Der Bus dreht hier eine halbe Runde um das Monument, das an die Einigungskriege im 19. Jahrhundert erinnert. Von oben aus dem Doppeldecker wirkt der Verkehr im Kreisverkehr oft chaotisch, ein ständiges Gewusel aus Autos, anderen Bussen und mutigen Radfahrern. Rechts und links blitzt immer wieder das Grün des Parks durch. Es riecht, wenn man im Sommer bei offenem Fenster sitzt, nach einer Mischung aus Abgasen und feuchtem Laub. Hier stehen auch diverse Statuen und Denkmäler preußischer Generäle, die man im Vorbeifahren nur kurz wahrnimmt. Der Tiergarten teilt die Stadt nicht mehr, er verbindet sie, auch wenn die Distanz zwischen West und Ost hier physisch am spürbarsten ist.
Das politische Herz der Republik
Kaum hat der Bus den Tiergarten verlassen, wird die Architektur strenger und repräsentativer. Wir nähern uns dem Regierungsviertel. Zuerst taucht linker Hand das Schloss Bellevue auf, der Amtssitz des Bundespräsidenten. Die weiße Fassade strahlt eine kühle Eleganz aus, meist weht die Standarte auf dem Dach, wenn das Staatsoberhaupt im Lande ist. Nur ein kurzes Stück weiter fällt ein Gebäude mit einer sehr eigenwilligen Dachkonstruktion ins Auge. Das Haus der Kulturen der Welt, von den Berlinern aufgrund seiner Form pragmatisch schwangere Auster getauft. Es ist ein Erbe der Interbau-Ausstellung von 1957 und war damals ein gewagtes architektonisches Statement des Westens. Der Bus rollt weiter in Richtung Reichstag. Das Gebäude mit der gläsernen Kuppel von Sir Norman Foster ist wohl eines der meistfotografierten Motive der Stadt. Hier steigen oft viele Touristen aus oder ein, was zu einem kurzen Gewühl im Gang führt. Man hört Sprachen aus aller Herren Länder. Der Blick auf den Platz der Republik und das Kanzleramt im Hintergrund ist weitläufig. Alles wirkt hier sehr geordnet, fast ein wenig steril im Vergleich zum lebendigen Westen oder dem später folgenden Osten.
Das Tor zur Geschichte
Der wohl symbolträchtigste Moment der Fahrt ist die Annäherung an das Brandenburger Tor. Der Bus darf nicht direkt durch das Tor fahren, das ist Fußgängern vorbehalten, aber er fährt nah genug daran vorbei, um die Quadriga oben auf dem Torbogen genau zu inspizieren. Früher verlief hier die Mauer, das Tor stand im Todesstreifen und war für niemanden passierbar. Heute ist der Pariser Platz davor wieder bebaut, unter anderem mit dem Luxushotel Adlon. Wenn der Bus um die Ecke biegt und auf die Straße Unter den Linden einlenkt, spürt man die historische Schwere dieses Ortes. Dies war der Prachtboulevard der preußischen Könige und später der DDR. Die Lindenbäume, die der Straße ihren Namen geben, säumen den Weg. Es geht vorbei an der Russischen Botschaft, einem massiven Bau im Zuckerbäckerstil, der Macht demonstrieren sollte. Man sieht Touristen, die Selfies machen, und Straßenkünstler, die sich als Bären oder Soldaten verkleiden. Es ist ein seltsamer Mix aus historischer Würde und modernem Jahrmarkt.
Preußischer Prunk und Kulturmeile
Die Fahrt entlang der Straße Unter den Linden gleicht einem Blättern im Geschichtsbuch. Auf der Höhe der Friedrichstraße kreuzt man die einstige Einkaufsmeile und Amüsiermeile der Goldenen Zwanziger. Weiter östlich ballen sich die kulturellen Schwergewichte. Das Reiterstandbild Friedrichs des Großen steht mitten auf dem Mittelstreifen, der Alte Fritz blickt stoisch auf den Verkehr. Rechts und links reihen sich die Gebäude der Humboldt-Universität, die Staatsbibliothek und die Staatsoper aneinander. Die Architektur ist klassizistisch, wuchtig und beeindruckend. Gegenüber der Oper liegt der Bebelplatz, bekannt durch die Bücherverbrennung der Nazis im Jahr 1933. Ein Denkmal im Boden erinnert daran, man kann es vom Bus aus aber kaum sehen. Kurz darauf passiert man die Museumsinsel, die zum UNESCO-Welterbe gehört. Das Alte Museum mit seiner Säulenhalle und der Lustgarten davor bilden ein harmonisches Ensemble. Der Berliner Dom mit seiner riesigen Kuppel dominiert die Szenerie. Seine neobarocke Fassade wirkt fast ein wenig zu üppig für das sonst eher nüchterne Berlin.
Finale am Alexanderplatz
Nach der Museumsinsel überquert der Bus die Spree und passiert das neu aufgebaute Berliner Schloss, jetzt Humboldt Forum genannt. Die barocken Fassadenteile stehen im harten Kontrast zur modernen Ostfassade, die man kurz darauf sieht. Nun ändert sich das Stadtbild erneut radikal. Die engen, historischen Strukturen weichen der weiten, sozialistischen Stadtplanung der DDR. Das Marx-Engels-Forum auf der rechten Seite ist eine parkähnliche Anlage, in deren Mitte die Statuen der beiden Namensgeber stehen. Und dann schiebt er sich ins Bild, unübersehbar und gigantisch: der Fernsehturm. Mit 368 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands. Er dient als perfekte Orientierungshilfe, egal wo man in der Stadt ist. Der Bus nähert sich dem Alexanderplatz. Hier ist es oft laut, windig und voll. Die Architektur ist geprägt von Beton und Funktionalität. Die Weltzeituhr ist ein beliebter Treffpunkt. Wenn der 100er seine Endstation erreicht, spuckt er seine Passagiere in dieses wuselige Zentrum aus. Die Fahrt dauert je nach Verkehrslage zwischen 30 und 45 Minuten. Man hat in dieser kurzen Zeit einen Querschnitt durch die Stadtgeschichte erlebt, von der Kaiserzeit über die Teilung bis zur Gegenwart. Und das ganz ohne Kopfhörer mit automatischen Ansagen, sondern mit dem echten Sound der Stadt im Ohr.
Praktische Tipps für die Fahrt
Es empfiehlt sich, die Fahrt nicht zur absoluten Rushhour am späten Nachmittag anzutreten, da der Bus dann oft im Stau steht und sehr überfüllt ist. Ein guter Zeitpunkt ist der späte Vormittag oder der frühe Abend. Wer Fotos machen möchte, sollte versuchen, in der oberen Etage ganz vorne zu sitzen. Die Scheiben spiegeln zwar manchmal etwas, aber die Perspektive ist unschlagbar. Und falls man keinen Sitzplatz bekommt: Die Strecke wird auch von der Linie 200 bedient, die eine leicht abweichende Route fährt (über den Potsdamer Platz), aber ebenfalls viele Sehenswürdigkeiten passiert und manchmal etwas leerer ist. Ein normales AB-Ticket reicht völlig aus, es gibt keinen Touristenaufschlag. Man kann die Fahrt auch unterbrechen, solange das Ticket noch gültig ist (in der Regel zwei Stunden für eine Einzelfahrt in eine Richtung), allerdings darf man mit einem Einzelticket nicht zurückfahren. Dafür bräuchte man eine Tageskarte, die sich aber schnell lohnt, wenn man zwischendurch aussteigen und die Gegend zu Fuß erkunden möchte.
Zwischenstopps lohnen sich
Auch wenn die reine Durchfahrt verlockend ist, sollte man an einigen Stellen den Bus verlassen. Am Brandenburger Tor lohnt sich der Ausstieg, um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu besuchen, das nur wenige Gehminuten entfernt liegt. Das Stelenfeld ist ein beklemmender, aber wichtiger Ort. Auch an der Haltestelle Staatsoper kann man aussteigen und über den Bebelplatz schlendern oder einen Blick in die Hedwigskathedrale werfen. Wer Hunger hat, findet am Hackeschen Markt, der von der Haltestelle Lustgarten gut zu erreichen ist, unzählige Restaurants und Cafés. Berlin ist eine Stadt, die man sich erlaufen muss, der Bus dient dabei nur als bequemer Zubringer zu den Highlights. Aber er gibt einem ein Gefühl für die Dimensionen und die Brüche in der Stadtstruktur, die man in der U-Bahn unter der Erde gar nicht wahrnehmen würde. Es ist diese Mischung aus Bequemlichkeit und authentischem Stadterlebnis, die die Linie 100 zu einem heimlichen Favoriten macht.
Die Rückfahrt vom Alex zum Zoo bietet übrigens wieder ganz neue Perspektiven, da man auf der anderen Straßenseite sitzt und die Gebäude aus einem anderen Winkel sieht. Manchmal entdeckt man Details an den Fassaden, die einem auf der Hinfahrt entgangen sind. Und vielleicht hat man ja beim zweiten Versuch Glück und ergattert endlich den Logenplatz in der ersten Reihe oben.