Berlin

Der BVG-Dschungel: U-Bahn, S-Bahn und warum du den Unterschied kennen musst

Berlin ist riesig. Wer hier zu Fuß gehen will, kommt nicht weit, doch das Netz aus Schienen kann Neulinge schnell überfordern. Wir lüften das Geheimnis zwischen den gelben und roten Zügen, damit du nicht in Spandau landest, wenn du eigentlich nach Friedrichshain wolltest.

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Zwischenablage

Du stehst am Bahnsteig. Vielleicht am Alexanderplatz oder am Zoologischen Garten, umringt von Menschenmassen, die genau wissen, wohin sie wollen. Für den Laien sieht alles gleich aus: Züge kommen, Türen öffnen sich zischend, Leute quetschen sich hinein. Doch halt. Schon die Farben verraten dir, womit du es zu tun hast. Die Berliner Verkehrsbetriebe, kurz BVG, setzen auf ein knalliges Gelb. Es ist eine Farbe, die man nicht übersehen kann und die sich fast schon aggressiv in die Netzhaut brennt. Das sind die U-Bahnen. Sie gehören der Stadt, sie fühlen sich urberlinisch an. Auf der anderen Seite stehen die Züge in Rot und Ocker, manchmal auch in neueren, glänzenden Grautönen mit roter Bauchbinde. Das ist die S-Bahn. Sie wird von der Deutschen Bahn betrieben, was manchen Einheimischen ein Dorn im Auge ist, aber für dich als Fahrgast eigentlich nur eine logistische Feinheit darstellt. Wichtig ist erst einmal nur die grobe Orientierung: Gelb kriecht meist unter der Erde, Rot und Ocker fahren oft oben und schauen sich die Stadt an.

Einheimische unterscheiden diese beiden Systeme fast instinktiv, nicht nur wegen der Farbe. Es ist der Geruch. Die U-Bahn riecht oft nach einer Mischung aus Bremsstaub, warmem Fett und, sein wir ehrlich, manchmal nach dem Döner des Sitznachbarn. Im Sommer staut sich die Hitze in den unterirdischen Röhren, dass einem der Schweiß ausbricht, noch bevor die Bahn überhaupt losfährt. Die S-Bahn hingegen wirkt luftiger. Sie ist breiter, die Decken scheinen höher, und weil sie weite Strecken oberirdisch zurücklegt, weht durch die sich öffnenden Türen oft eine fast frische Brise herein. Wer die Stadt atmen will, ohne ihre Abgase direkt zu inhalieren, ist oben besser aufgehoben.

Kurz & Kompakt
  • Ein Ticket für alles: Egal ob BVG (U-Bahn, Bus, Tram) oder S-Bahn – der Fahrschein gilt im gesamten Verbund. Achte nur auf die Zonen A, B und C.
  • Erst stempeln, dann fahren: Tickets aus dem Automaten sind meistens nicht entwertet. Suche den kleinen Kasten am Bahnsteig (S-Bahn & U-Bahn) oder im Bus/Tram. Ohne Stempel gilt es als Schwarzfahren.
  • Türen-Taktik: Bei der U-Bahn drückst du Knöpfe oder ziehst Griffe, sobald der Zug steht. Bei der S-Bahn kannst du den Knopf oft schon drücken, bevor der Zug hält – er speichert das Signal und öffnet automatisch.
  • Zone C Falle: Der Flughafen BER und Potsdam liegen in Zone C. Ein AB-Ticket reicht hier nicht. Kaufe direkt ABC oder ein Anschluss-Ticket, bevor du losfährst.

Die gelbe Gefahr: Unterwegs mit der U-Bahn

Das Netz der U-Bahn ist engmaschig. Es ist darauf ausgelegt, dich tief in die Kieze zu bringen, dorthin, wo die Leute wohnen, arbeiten und feiern. Die Abstände zwischen den Stationen sind kurz, oft kaum mehr als 500 oder 600 Meter. Kaum hat der Zug beschleunigt und man wird leicht in den Sitz gedrückt, bremst er auch schon wieder abrupt ab. Das sorgt für ein ständiges Stop and Go, ein Ruckeln, das zum Rhythmus der Stadt gehört wie das Techno Wummern aus den Clubs. Apropos Sitze: Achte auf das Muster. Das Brandenburger Tor ist oft als stilisiertes Wimmelmuster auf den Polstern verewigt, ein fast schon liebevolles Detail in einer sonst eher pragmatischen Umgebung.

Es gibt Linien, die man kennen muss. Die U1 zum Beispiel ist ein Klassiker. Sie fährt einen großen Teil ihrer Strecke als Hochbahn durch Kreuzberg. Wenn sie über die Oberbaumbrücke rattert, hast du einen der besten Ausblicke über die Spree, hinüber zum Molecule Man und zum Fernsehturm. Das ist der Moment, in dem die meisten Touristen ihre Handykamera zücken. Ganz anders die U8. Sie gilt als die berüchtigste Linie der Stadt, die Verbindung von Nord nach Süd durch Neukölln und Kreuzberg. Hier ist es oft dreckiger, lauter und intensiver als anderswo. Man sieht Dinge, die man vielleicht nicht sehen wollte, aber man spürt das Herz der Stadt schlagen. Es ist rau, aber niemals langweilig.

Die Architektur der U-Bahnhöfe ist ein eigenes Kapitel wert. Während Stationen wie der Hermannplatz mit ihren hohen Decken fast an Kathedralen erinnern, wirken andere Haltestellen wie geflieste Badezimmer aus den Siebzigerjahren. Besonders schön ist die Linie U3 Richtung Krumme Lanke, wo Bahnhöfe wie der Heidelberger Platz mit Gewölbedecken und hängenden Leuchtern prunken, als wäre man in einem Moskauer Palast und nicht unter Wilmersdorf. Wer Zeit hat, sollte hier einfach mal aussteigen und staunen.

Der rote Riese: Die S-Bahn und der Ring

Die S-Bahn ist das Arbeitstier für die langen Strecken. Sie verbindet das Zentrum mit den Randbezirken und dem Umland. Wer nach Potsdam will, zum Wannsee oder raus zum Flughafen BER, der nimmt die S-Bahn. Die Züge sind schneller, sie halten seltener und sie haben diesen ganz spezifischen Sound beim Anfahren. Ein singendes Summen der Motoren, das stetig höher wird, bis es in ein monotones Rollen übergeht. Anders als in der U-Bahn gibt es hier meistens keine Knöpfe zum Öffnen der Türen, sondern Griffe oder Hebel, die mit ein bisschen Kraft betätigt werden wollen, oder einfach zentrale Knöpfe, die erst aufleuchten müssen.

Das Herzstück des S-Bahn-Netzes ist die Ringbahn. Die Linien S41 und S42 umkreisen die Innenstadt wie ein stählerner Gürtel. S41 fährt im Uhrzeigersinn, S42 entgegen. Die Berliner nennen das Streckennetz innerhalb des Rings oft den Hundekopf, weil die Form auf der Karte mit viel Fantasie an den Kopf eines Schnauzers erinnert. Der Ring ist die Lebensader. Er verbindet alle wichtigen Ausfallstraßen und U-Bahn-Linien miteinander. Wenn du dich verfahren hast oder nicht genau weißt, wie du von Prenzlauer Berg nach Schöneberg kommst, ohne dreimal umzusteigen: Nimm den Ring. Er ist fast immer die Antwort. Man setzt sich rein, schaut aus dem Fenster, sieht Hinterhöfe, Kleingartenanlagen, Industriebrachen und neue Glastürme an sich vorbeiziehen. Eine komplette Stadtrundfahrt zum Preis eines Fahrscheins.

Ein Ticket sie zu knechten

Jetzt kommt die gute Nachricht, die viele Besucher erst gar nicht glauben können: Es ist völlig egal, ob du in einen gelben oder einen roten Zug steigst. Das Tarifsystem in Berlin und Brandenburg ist vereinheitlicht durch den VBB. Ein Ticket gilt für alles. U-Bahn, S-Bahn, Tram, Bus und sogar die Fähren der BVG auf dem Wannsee. Du musst dich nicht mit verschiedenen Betreibern herumschlagen. Wichtig sind nur die Zonen: A, B und C. Zone A ist der innere Kern innerhalb des S-Bahn-Rings. Zone B reicht bis zur Stadtgrenze. Zone C ist das Umland, also Potsdam, Oranienburg und vor allem der Flughafen BER.

Hier lauert die Falle für Touristen. Wer in Mitte startet und zum Flughafen will, braucht zwingend ein ABC Ticket. Wer nur ein AB Ticket hat, wird spätestens kurz vor Schönefeld nervös, wenn die Kontrolleure zusteigen. Und die sind in Berlin nicht für ihre zimperliche Art bekannt. Man diskutiert nicht mit ihnen. Man hat das Ticket oder man zahlt. Ein häufiger Fehler ist auch das Vergessen des Entwertens. Die Automaten spucken die Tickets oft ungestempelt aus. Wer dann fröhlich in die Bahn hüpft, ohne den kleinen roten oder gelben Kasten am Bahnsteig zu füttern, fährt schwarz. Das trockene Geräusch des Stempelmechanismus – k-tschunk – ist der Sound der Sicherheit.

Nachts im Dschungel

Berlin schläft angeblich nie, aber der Nahverkehr macht unter der Woche schon mal ein Nickerchen. Zumindest die U-Bahn. In den Nächten von Sonntag bis Donnerstag ist irgendwann Schluss, meistens so gegen 1 Uhr. Dann übernehmen die Nachtbusse, erkennbar am N vor der Nummer. Sie fahren die Strecken der U-Bahn oberirdisch ab. Das kann romantisch sein, wenn man vorne im Doppeldecker sitzt und durch die leeren Straßen schaukelt. Es kann aber auch eine Geduldsprobe sein, wenn der Bus an jeder Milchkanne hält. Am Wochenende allerdings, von Freitag auf Samstag und Samstag auf Sonntag, fahren U-Bahn und S-Bahn durchgehend. Rund um die Uhr. Das ist der Moment, wo sich Partyvolk und Frühschicht begegnen. Glitzer im Gesicht trifft auf Blaumann. Eine seltsame, friedliche Koexistenz, bei der niemand den anderen verurteilt. Man teilt sich den Raum, starrt auf sein Smartphone oder schläft mit offenem Mund in der Ecke.

Verhaltenstipps und Kuriositäten

Es gibt ungeschriebene Gesetze in diesen Zügen. Erstens: Lass die Leute erst aussteigen. Wer sich reindrängelt, erntet böse Blicke oder einen Rempler. Zweitens: Rucksäcke gehören auf den Boden, wenn es voll ist. Nichts ist nerviger als ein riesiger Trekkingrucksack im Gesicht, wenn sich der Träger einmal um die eigene Achse dreht. Drittens: Die Durchsage Zurückbleiben bitte ist kein freundlicher Hinweis, sondern ein Befehl. Die Türen der U-Bahn schließen mit einer brachialen Gewalt und sie haben keine empfindlichen Sensoren wie Aufzugstüren. Wer versucht, die Tür noch aufzuhalten, riskiert blaue Flecken oder schlimmeres. Wenn es piept und blinkt, bleibst du stehen.

Ein Phänomen, das du lieben oder hassen wirst, sind die Musikanten. In der U-Bahn steigen oft Leute mit Akkordeon, Gitarre oder einer tragbaren Box ein. Manchmal ist es virtuos, oft ist es nur laut. Manche Berliner rollen genervt mit den Augen und drehen die Kopfhörer lauter, andere geben Kleingeld. Es gehört dazu, genau wie das Wegbier. In Berlin ist es gesellschaftlich fast vollständig akzeptiert, mit einer offenen Flasche Bier in der Bahn zu sitzen, solange man sich benehmen kann. Es ist der Feierabend, der Weg zur Party, der Beginn des Wochenendes.

Was man aber wirklich vermeiden sollte, ist der Döner in der vollen Bahn. Zwiebeln und Knoblauch in einem geschlossenen Raum bei 30 Grad im Sommer sind eine Kriegserklärung an den Geruchssinn der Mitreisenden. Auch wenn es nicht explizit verboten ist wie in manch anderen Städten, machst du dir damit keine Freunde. Iss ihn am Bahnsteig, iss ihn draußen, aber verschone den Waggon.

Wenn nichts mehr geht: Der SEV

Zum Schluss noch ein Wort, das jedem Berliner Angstschweiß auf die Stirn treibt: Schienenersatzverkehr, kurz SEV. Da Berlin ständig gebaut und saniert wird, fallen Linien oft aus. Dann müssen Busse die Massen transportieren. Das ist langsam, chaotisch und die Beschilderung gleicht oft einer Schnitzeljagd. Wenn du an einer Station lila Schilder mit der Aufschrift SEV siehst, atme tief durch. Es wird länger dauern. Schau auf deine App, vielleicht gibt es einen Umweg mit der anderen Bahnart. Denn das ist das Schöne an diesem doppelten System: Wenn die gelbe U-Bahn streikt, rettet dich oft die rote S-Bahn. Und umgekehrt.

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