Dresden

Fürstenzug: Sachsens Geschichte auf 23.000 Fliesen aus Meissener Porzellan

Ein monumentales Puzzle aus 23.000 Fliesen. Der Fürstenzug zeigt Sachsens Herrscher ohne Prunk-Allüren, dafür mit viel Liebe zum Detail. Ein Muss für jeden Dresden-Besuch.

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Zwischenablage

Wer vor dem Fürstenzug in der Augustusstraße steht, blickt nicht einfach nur auf eine Wand. Er starrt auf das größte Porzellanbild der Welt. Das Ganze wirkt auf den ersten Blick wie ein riesiges Comic-Heft aus einer Zeit, in der man für Comics noch ins Gefängnis gewandert wäre. Interessant ist an dieser Stelle vor allem die Materialwahl. Ursprünglich klebte hier nämlich kein Porzellan an der Außenwand des Stallhofs. Wilhelm Walther, ein Maler mit ordentlich Sitzfleisch, pinselte zwischen 1872 und 1876 ein Sgraffito an die Mauer. Das ist eine Kratzputztechnik, die zwar schick aussieht, aber gegen den Dresdner Nieselregen und den Ruß der Schornsteine keine Chance hatte. Nach nur drei Jahrzehnten sah die Herrscherschar so verwittert aus, als hätten sie eine Nacht im Schlamm der Elbwiesen verbracht. Man musste handeln, wenn das dynastische Ego nicht komplett wegbröseln sollte.

Die Lösung kam aus der Porzellanmanufaktur Meissen. Man entschied sich, das Bild auf Fliesen zu übertragen. Ein gewagtes Unterfangen, denn Porzellan brennt im Ofen und verzieht sich gerne mal. Jede der rund 23.000 Fliesen musste exakt passen, damit August der Starke am Ende nicht mit einer schiefen Nase dasteht. Von 1904 bis 1907 dauerte diese gigantische Kachel-Aktion. Das Ergebnis ist eine Fläche von über tausend Quadratmetern, die so glatt und wetterfest ist, dass sie sogar das Feuergewitter von 1945 fast unbeschadet überstand. Während die halbe Stadt in Schutt und Asche versank, blieben die Wettiner auf ihren Rössern sitzen. Die Hitze war zwar enorm, aber das Porzellan war ja ohnehin bei über 1.300 Grad gebrannt worden. Ein bisschen Brandstiftung vom Schicksal konnte den Fliesen also nichts mehr anhaben.

Kurz & Kompakt
  • Material: Rund 23.000 Fliesen aus echtem Meissener Porzellan bilden das Fundament dieses gigantischen Wandbildes.
  • Abmessungen: Mit einer Länge von 102 Metern und einer Höhe von etwa 10 Metern ist es das größte Porzellanbild der Welt.
  • Dargestellte Personen: Der Zug zeigt 35 Wettiner Herrscher sowie zahlreiche Wissenschaftler, Künstler und Handwerker aus der sächsischen Geschichte.
  • Standort: Das Kunstwerk befindet sich an der Außenwand des Stallhofs in der Augustusstraße, direkt im historischen Zentrum Dresdens.

Wer hier eigentlich an wem vorbeireitet

Man muss kein Geschichtsprofessor sein, um beim Anblick der 35 Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige ein wenig den Überblick zu verlieren. Die Herrschaften sind streng chronologisch sortiert. Vorne, also in Richtung Schloßplatz, geht es mit den frühen Markgrafen los. Ganz hinten bilden die letzten Könige den Abschluss. Es ist ein echtes Familientreffen der Wettiner, die hier über 800 Jahre lang das Sagen hatten. Spannend ist dabei, dass nicht jeder Herrscher gleich viel Aufmerksamkeit bekommt. Einige wirken eher wie Platzhalter, während andere mit vollem Equipment aufwarten. Man erkennt sie an ihren Wappen und den Namen, die praktischerweise unter den Pferdehufen stehen. So kann man beim Entlanglaufen leise mitlesen und wirkt dabei für Passanten so, als würde man die Inschriften tiefgründig analysieren.

Mitten im Getümmel thront natürlich August der Starke. Er ist der Rockstar der sächsischen Geschichte und darf dementsprechend prächtig daherkommen. Sein Pferd stampft gerade auf eine Rose. Manche sagen, das sei eine Anspielung auf seine Ambitionen in Polen, andere sehen darin einfach nur künstlerische Freiheit. Hinter ihm reitet sein Sohn, August III., der eher für seine Kunstsammlung als für seine militärischen Erfolge bekannt war. Es ist eine Parade der Eitelkeiten, aber mit einem Schuss sächsischer Bodenständigkeit. Die Gesichter wirken individuell, fast schon porträthaft. Man sieht Falten, Bartstoppeln und manchmal einen Blick, der verrät, dass die Rüstung wahrscheinlich irgendwo zwickt. Die Künstler haben sich hier richtig ausgetobt und sogar kleine Details eingebaut, die man erst beim zweiten oder dritten Mal sieht.

Die heimlichen Stars zwischen den Hufen

Wenn man den Blick ein wenig senkt, entdeckt man die Leute, die eigentlich die Arbeit gemacht haben. Hinter den hochherrschaftlichen Reitern trotten Wissenschaftler, Künstler und Handwerker hinterher. Das ist die sächsische Intelligenzija jener Zeit. Auch der Schöpfer des Werkes, Wilhelm Walther, hat sich selbst ganz am Ende des Zuges verewigt. Er schaut ein bisschen skeptisch drein, vielleicht weil er ahnte, dass sein Putzbild nicht ewig halten würde. Neben ihm stehen seine Gehilfen. Es ist eine nette Geste, dass hier nicht nur die blaublütige Prominenz gefeiert wird, sondern auch das Fußvolk, das den Laden am Laufen hielt. Sogar ein paar Hunde schnüffeln zwischen den Pferdebeinen herum. Einer dieser Windhunde wirkt so lebendig, dass man fast erwartet, er würde gleich loskläffen, wenn eine Kutsche vorbeifährt.

Die Farben des Fürstenzugs sind bewusst dezent gehalten. Man nennt das Ganze ein Monochrom-Bild, dominiert von Gelbtönen, Grau und dem typischen Meissener Blau für die Konturen. Das wirkt edel und verhindert, dass die Wand wie eine bunte Kirmesbude aussieht. Wenn die Sonne tief steht und das Licht in die schmale Gasse der Augustusstraße fällt, fängt das Porzellan an zu schimmern. Dann bekommt die ganze Szenerie etwas fast schon Geisterhaftes. Es riecht hier oft nach gebrannten Mandeln von den nahen Ständen oder nach dem typischen Dresdner Pflasterstein-Aroma, wenn es gerade geregnet hat. Die Akustik in der Straße ist ebenfalls besonders. Die Stimmen der Touristen hallen von den Kacheln wider, und ab und zu hört man das Klappern einer echten Pferdekutsche, was die Illusion der Zeitreise perfekt macht.

Praktische Tipps für den Kachel-Check

Der Fürstenzug kostet keinen Eintritt, er ist ja schließlich eine Außenwand. Das ist das Schöne an Dresden: Man stolpert ständig über Weltklasse-Kunst, ohne das Portemonnaie zücken zu müssen. Am besten kommt man entweder ganz früh am Morgen hierher, wenn die Stadt noch gähnt, oder am späten Abend. Tagsüber schieben sich hier oft Reisegruppen durch, die mit Regenschirmen dirigiert werden. Da kann es schon mal eng werden, und man bekommt eher den Hinterkopf eines Fremden zu sehen als das Profil von Moritz von Sachsen. Wer Ruhe will, sollte die Randzeiten nutzen. Dann kann man in aller Seelenruhe jede einzelne Kachel zählen, falls einem danach ist. Ein kleiner Geheimtipp ist der Blick vom oberen Ende der Augustusstraße, also von der Frauenkirche kommend. Von dort aus wirkt der Zug besonders dynamisch, als würden die Reiter direkt auf den Betrachter zukommen.

Nach der Besichtigung bietet es sich an, einen Abstecher in den Stallhof zu machen. Das ist der Innenhof auf der Rückseite der Wand. Er ist einer der ältesten Turnierplätze Europas, die noch erhalten sind. Die Arkaden dort sind wunderschön und im Winter findet hier ein mittelalterlicher Weihnachtsmarkt statt, der wesentlich uriger ist als der kommerzielle Striezelmarkt. Dort gibt es dann Heißgetränke aus Tonbechern und das Licht der Fackeln spiegelt sich in den alten Fenstern. Es ist dieser Kontrast zwischen der glatten, perfekten Porzellanwand draußen und dem rauen, steinernen Charme drinnen, der diesen Ort so besonders macht. Dresden ist eben oft eine Mischung aus Prunk und bodenständigem Handwerk, und der Fürstenzug ist das beste Beispiel dafür. Man kann hier locker eine Stunde verbringen und findet immer noch eine neue Verzierung am Zaumzeug oder eine lustige Geste bei den Statisten im Hintergrund.

Warum der Fürstenzug mehr als nur Deko ist

In einer Stadt, die so viel verloren hat wie Dresden, ist Beständigkeit ein hohes Gut. Der Fürstenzug ist ein Überlebenskünstler. Er hat Kriege, politische Umbrüche und chemische Umwelteinflüsse überstanden. Er ist ein Identifikationspunkt für die Dresdner geworden. Wenn man hier vorbeiläuft, spürt man den Stolz auf das eigene Erbe, auch wenn man mit Monarchie heute nichts mehr am Hut hat. Es ist dieses "Nu, gucke mal", das man oft hört, wenn Einheimische ihren Besuchern die Wand zeigen. Es ist sächsische Wertarbeit im besten Sinne. Meissener Porzellan gilt ja oft als zerbrechlich und fein, aber hier zeigt es seine harte Seite. Es ist massiv, monumental und fast unkaputtbar. Das ist doch mal eine Ansage für ein Material, aus dem man normalerweise nur Kaffeetassen macht.

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