Dresden

Das steinerne Wunder: Die Frauenkirche und der lange Weg zum Neumarkt

Jahrzehntelang prägte ein schwarzer Schutthaufen die Silhouette der Elbmetropole. Heute ragen das helle Gestein und die markante Kuppel wieder in den Himmel, als wäre nie etwas gewesen. Ein Spaziergang zwischen Geschichte, Rekonstruktion und echtem sächsischen Barockgefühl.

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Zwischenablage

Wer heute über das Pflaster des Neumarkts schlendert, hört das Klappern der Absätze auf dem Granit und das ferne Läuten der Straßenbahnen. Das war nicht immer so. Fast ein halbes Jahrhundert lang herrschte hier eine Stille, die man kaum aushalten konnte. Nach den Luftangriffen im Februar 1945 blieb von George Bährs Meisterwerk zunächst ein ausgebranntes Gerippe stehen, bevor die Kirche unter der Last ihrer eigenen Kuppel in sich zusammenbrach. Zurück blieb ein riesiger Haufen aus geschwärztem Sandstein. Die DDR-Führung ließ den Trümmerberg als Mahnmal gegen den Krieg einfach liegen. Das war einerseits ein politisches Statement, andererseits fehlten schlichtweg die Mittel für einen so gigantischen Wiederaufbau. Es roch dort jahrelang nach feuchtem Stein und Ruß, wenn der Wind ungünstig stand.

Die Dresdner gewöhnten sich an den Anblick der Ruine. Sie wurde zum Treffpunkt für Oppositionelle, zum Ort des stillen Protests mit Kerzen in der Hand. Dass dieses Puzzle aus tausenden Einzelteilen jemals wieder zusammengesetzt werden würde, galt lange Zeit als reine Utopie. Es brauchte den Mut einiger Bürgerrechtler und Enthusiasten, die kurz nach der Wende den Ruf aus Dresden starteten. Man wollte das alte Stadtbild zurück, koste es, was es wolle. Und es kostete viel. Aber der Wille, diese klaffende Wunde im Stadtbild zu schließen, war stärker als jede Skepsis. Man kann sich heute kaum vorstellen, mit welcher Akribie die Archäologen den Schutthaufen sortiert haben. Jedes Steinchen wurde vermessen, katalogisiert und auf seine Tragfähigkeit geprüft. Es war die wohl größte Detektivarbeit der Architekturgeschichte.

Kurz & Kompakt
  • Kirche: Der Eintritt zur Frauenkirche ist frei, aber während der Gottesdienste und Konzerte ist keine Besichtigung möglich. Die Kernzeiten für die "Offene Kirche" liegen meist zwischen 10:00 und 12:00 Uhr sowie 13:00 und 18:00 Uhr.
  • Kuppelaufstieg: Der Zugang erfolgt über den Eingang G. Es gibt ein Ticket-System, und man sollte gut zu Fuß sein, da der letzte Teil des Weges über eine recht steile Rampe und Leitertreppen führt.
  • Unterkirche: Ein Besuch im Kellergewölbe lohnt sich. Dort ist es meist kühl und ruhig, und man kann die massiven Fundamente und die Gräber in den Katakomben sehen, was einen starken Kontrast zum prunkvollen Oberraum bildet.
  • Anfahrt: Am besten lässt man das Auto im Parkhaus unter dem Altmarkt stehen. Von dort sind es nur ein paar Minuten zu Fuß, und man erspart sich die nervige Parkplatzsuche in den engen Gassen der Altstadt.

Das helle Antlitz der neuen alten Kirche

Wenn du vor der Frauenkirche stehst, fällt dir sofort das gescheckte Muster der Fassade auf. Die dunklen Flecken sind die Originalsteine, die aus dem Trümmerberg gerettet wurden. Die hellen sind frisch aus den Steinbrüchen des Elbsandsteingebirges gehauen. Das sieht anfangs fast wie ein riesiger QR-Code aus, aber im Laufe der Jahrzehnte wird sich der neue Sandstein durch die Witterung dunkel färben, bis die Kirche wieder ein einheitliches Gesicht bekommt. Das dauert seine Zeit, aber Zeit spielt in Dresden sowieso eine eigene Rolle. Der Sandstein ist hier quasi das Gold der Region. Er ist weich beim Bearbeiten und wird hart und schwarz, wenn er alt wird. Ein echtes Charaktergestein eben.

Der Innenraum ist ein ganz anderes Kaliber. Wer die typisch protestantische Kühle erwartet, wird enttäuscht sein. Es ist eher eine Art barockes Wohnzimmer, hell, freundlich und in Pastelltönen gehalten. Die Farben wirken fast ein bisschen wie Erdbeereis mit Sahne, sehr helles Rosa, zartes Gelb und viel Gold. Man sitzt hier nicht in einer dunklen Gruft, sondern in einem lichten Rundbau, der die Akustik perfekt bündelt. Wenn die Orgel spielt, vibriert die Luft bis in die Zehenspitzen. Die Orgel selbst war übrigens ein Streitpunkt unter den Experten. Sollte man sie genau nach den Plänen von Gottfried Silbermann nachbauen oder eine moderne Variante wählen? Man entschied sich für einen Kompromiss, was bei den Hardcore-Traditionellen für ordentlich Gequatsche sorgte. Aber am Ende zählt das Ergebnis, und das klingt schlichtweg phänomenal.

Der Neumarkt: Zwischen Disney und Denkmal

Rund um die Kirche hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten ein Viertel entwickelt, das viele Einheimische erst lieben lernen mussten. Es ist eine rekonstruierte Welt. Die Häuserzeilen am Neumarkt sehen aus wie aus dem 18. Jahrhundert, sind aber oft hochmoderne Stahlbetonbauten mit einer historischen Fassade davor. Manche Kritiker nennen es eine Kulissenstadt oder gar ein sächsisches Disneyland. Aber wenn man am späten Abend durch die Gassen wie die Rampische Straße läuft, wenn das Licht der Laternen den gelben Sandstein zum Leuchten bringt, ist diese Kritik schnell vergessen. Es fühlt sich einfach richtig an. Die Kleinteiligkeit ist zurückgekehrt, die engen Gassen geben dem Wind weniger Angriffsfläche und schaffen eine Gemütlichkeit, die Dresden nach dem Krieg komplett verloren hatte.

Interessant ist das Zusammenspiel der verschiedenen Quartiere. Jedes Haus hat seine eigene Geschichte. Das Coselpalais zum Beispiel, direkt neben der Kirche, lädt mit seinen barocken Skulpturen auf der Attika zum Verweilen ein. Man kann dort sitzen und den Touristenströmen zusehen, während man ein Stück Eierschecke verputzt. Dieser typisch sächsische Kuchen gehört hier zum Pflichtprogramm. Er ist dreistöckig und so gehaltvoll, dass man danach eigentlich den Aufstieg zur Kuppel der Frauenkirche zu Fuß machen müsste, um die Kalorien wieder loszuwerden. Die Eierschecke schmeckt hier überall ein bisschen anders, aber immer cremig und mit einem Hauch Zitrone.

Der beschwerliche Weg nach oben

Apropos Aufstieg: Wer die Stadt von oben sehen will, kommt an der Kuppelbesteigung nicht vorbei. Es ist kein klassisches Treppensteigen, sondern eine Mischung aus moderner Aufzugsfahrt und einem Marsch über die sogenannte Spiralrampe. Man läuft praktisch zwischen der inneren und der äußeren Kuppelschale nach oben. Das ist eine architektonische Meisterleistung, die schon George Bähr so geplant hatte. Oben angekommen, pfeift der Wind meistens ordentlich um die Ohren. Die Aussicht entschädigt für alles. Man blickt über das Blaue Wunder bis in die Sächsische Schweiz, sieht die Elbe in ihren weiten Kurven und die anderen Türme der Stadt, wie den vom Rathaus oder der Hofkirche. Es riecht dort oben nach Freiheit und ein bisschen nach dem Abgas der Ausflugsdampfer, die unten auf der Elbe ihre Runden drehen.

Ein kleiner Tipp am Rande: Geh nicht zur Mittagszeit hoch, wenn alle anderen auch die Idee haben. Die späten Nachmittagsstunden sind viel besser, wenn die Sonne tief steht und die Ziegeldächer der Neustadt auf der anderen Elbseite in ein warmes Rot taucht. Das Licht in Dresden hat sowieso eine ganz eigene Qualität, so ein goldener Schimmer, den schon Canaletto in seinen Bildern eingefangen hat. Es ist kein Zufall, dass Maler seit Jahrhunderten hierherkommen. Die Stadt ist eine echte Diva, was die Beleuchtung angeht. Sie weiß sich einfach in Szene zu setzen, besonders wenn der Sandstein nach einem Regenschauer langsam abtrocknet.

Leben auf dem Pflaster: Alltag am Neumarkt

Man darf sich nicht täuschen lassen, der Neumarkt ist kein reines Freilichtmuseum. Es gibt hier mittlerweile wieder echte Anwohner, auch wenn die Mieten vermutlich jenseits von Gut und Böse liegen. Morgens, wenn die Lieferwagen die Restaurants mit frischen Waren versorgen, herrscht ein geschäftiges Treiben. Die Kellner rücken die Stühle zurecht, die Souvenirläden stellen ihre Postkartenständer raus und die Straßenkehrer sorgen dafür, dass kein Krümel das barocke Idyll stört. Es ist eine künstliche Welt, ja, aber eine, die funktioniert. Die Menschen fühlen sich wohl hier. Es ist der Mittelpunkt, den die Stadt so lange vermisst hat.

Manchmal begegnet man Stadtführern in historischen Kostümen, die Geschichten von August dem Starken und seiner Mätresse Gräfin Cosel erzählen. Das kann man kitschig finden, aber es gehört zum Lokalkolorit dazu. Die Dresdner sind stolz auf ihre Geschichte, manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr, aber nach all den Jahren der Zerstörung und des grauen Sozialismus sei es ihnen gegönnt. Wenn man sich etwas Zeit nimmt und nicht nur von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit hetzt, entdeckt man auch die kleinen Details. Ein versteckter Innenhof mit einem modernen Brunnen, eine kleine Galerie in einer Seitenstraße oder einfach das Spiel von Schatten und Licht an den massiven Säulen der Frauenkirche.

Ein Ausblick in die Zukunft

Das Projekt Neumarkt ist immer noch nicht ganz abgeschlossen. An einigen Ecken wird immer noch gebaut, Kräne ragen in den Himmel und Bauzäune versperren den Weg. Das gehört in Dresden einfach dazu. Die Stadt ist eine ewige Baustelle, ein Prozess des Werdens. Es wird viel diskutiert über jedes neue Haus, jede Fensterform und jede Dachschräge. Die Bürgerbeteiligung ist hier extrem hoch, fast schon leidenschaftlich aggressiv. Man merkt, dass den Leuten ihr Stadtbild nicht egal ist. Sie wollen kein zweites Berlin oder Frankfurt, sie wollen ihr Elbflorenz zurück, auch wenn das manchmal bedeutet, dass man jahrelang über staubige Wege laufen muss.

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