Dortmund

H-Bahn und Skytrain: Schweben über dem Uni-Campus als Transportmittel

In Dortmund nimmt man die Gondel, um von der Vorlesung zum Bahnhof zu kommen. Ein technisches Relikt, das hier oben im Revier einfach verdammt gut funktioniert.

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Zwischenablage

Wer zum ersten Mal am Dortmunder Campus aus der S-Bahn steigt, rechnet vielleicht mit grauen Zweckbauten und dem üblichen Trubel einer Pendler-Universität. Doch über den Köpfen der Studierenden surrt etwas, das eher nach Science-Fiction der 1980er Jahre aussieht. Die H-Bahn ist kein gewöhnliches Verkehrsmittel, sie ist das Rückgrat der Technischen Universität Dortmund. Seit 1984 hängen diese kleinen, meist gelben Kabinen an einer massiven Stahlschiene und rattern in luftiger Höhe über das Gelände. Es riecht hier oben oft nach einer Mischung aus frischem Regen auf warmem Asphalt und dem leicht metallischen Abrieb der Führungsschienen. Wenn die Türen mit einem satten Klacken schließen, beginnt eine Fahrt, die für Einheimische völlig normal, für Besucher aber immer noch ein kleines Spektakel ist.

Man muss sich das Ganze wie eine Mischung aus Skilift und vollautomatischem Roboter vorstellen. Es gibt keinen Fahrer. Niemanden, der vorne sitzt und freundlich grüßt oder genervt die Fahrgäste zum Durchrücken auffordert. Die Technik regelt das alles von einer Zentrale aus, die man sich wie das Gehirn der Anlage vorstellen kann. Besonders kurios wirkt die Fahrt im Herbst, wenn der dichte Waldstreifen zwischen dem Nord- und Südcampus in bunten Farben leuchtet. Man schwebt buchstäblich durch die Baumkronen, während unten die Leute mühsam ihre Fahrräder den Hügel hinaufquälen. Dass diese Technik ausgerechnet in Dortmund so reibungslos läuft, während andere Städte noch über autonome Shuttles debattieren, hat schon eine gewisse Ironie. Hier ist die Zukunft eben schon ein alter Hut.

Kurz & Kompakt
  • Fahrpreis: Die H-Bahn ist im VRR-Tarif integriert (Preisstufe A für Dortmund reicht völlig aus).
  • Betriebszeiten: Die Bahnen verkehren an Werktagen in sehr dichten Abständen, meist alle 5 bis 10 Minuten.
  • Barrierefreiheit: Alle Stationen sind mit Aufzügen ausgestattet, sodass auch Rollstuhlfahrer problemlos mitschweben können.
  • Aussicht: Für den besten Blick über den Campus empfiehlt sich die Linie 1 in Richtung Technologiezentrum.

Ein technisches Erbe mit Bodenhaftung

Die Idee hinter der H-Bahn war ursprünglich viel größer gedacht. Man wollte ganze Stadtteile mit diesem System vernetzen. Am Ende blieb es bei der Strecke an der Uni und der späteren Erweiterung zum Technologiezentrum sowie dem Eichlinghofer Feld. Aber das stört niemanden. Die Zuverlässigkeit ist das, was zählt. Wenn im Winter der Schnee die Schienen der Straßenbahn verstopft, zieht die H-Bahn oben meist unbeirrt ihre Bahnen. Die Konstruktion ist so simpel wie genial: Die Fahrwerke sitzen wettergeschützt im Inneren des H-Profil-Trägers. Rost oder Eis haben da kaum eine Chance, den Betrieb lahmzulegen. Es rumpelt manchmal ein bisschen, wenn die Kabine über eine Weiche gleitet, aber das gehört zum Charme dazu.

Interessant ist der Kontrast zwischen der Technik und der Architektur des Campus. Die Universität Dortmund wurde in einer Zeit gebaut, als Sichtbeton als das Nonplusultra galt. Die H-Bahn-Pfeiler fügen sich nahtlos in diese Ästhetik ein. Wer ein Auge für Industriedesign hat, wird die klobigen, aber funktionalen Formen der Stationen lieben. Besonders die Haltestelle "Universität S-Bahn" ist ein kleiner Knotenpunkt der Welten. Unten die Deutsche Bahn, oben das Schwebe-System. Da merkt man schnell, dass Dortmund eben doch eine Stadt der Ingenieure ist. Man baut hier nichts für die Galerie, sondern damit es hält. Und die H-Bahn hält jetzt schon seit Jahrzehnten durch, ohne dass ihr die Puste ausgeht.

Die Linie 1 und das Abenteuer Technologiezentrum

Es gibt zwei Hauptlinien, die man kennen sollte. Die Linie 1 ist die längere der beiden und verbindet das Eichlinghofer Feld mit dem Technologiezentrum. Das ist eine ordentliche Strecke, auf der man auch mal ein bisschen Geschwindigkeit aufnimmt. Wenn man in Richtung Technologiezentrum fährt, hat man einen fantastischen Blick über die Felder bis hinüber zu den Ausläufern des Sauerlandes, sofern das typische Dortmunder Wetter nicht gerade für eine graue Suppe sorgt. Es ist eine seltsame Ruhe in der Kabine, unterbrochen nur durch das leise Surren der Elektromotoren. Manchmal sitzen Studierende mit ihren Laptops auf den Knien darin und tippen wild, völlig unbeeindruckt von der Aussicht. Für sie ist die Bahn einfach nur das Mittel zum Zweck, um pünktlich zur Thermodynamik-Prüfung zu kommen.

Am Technologiezentrum angekommen, ändert sich die Szenerie. Hier wird geforscht und gegründet. Die Gebäude sind moderner, viel Glas und Stahl. Die H-Bahn wirkt hier wie das Bindeglied zwischen der Theorie im Hörsaal und der Praxis in den Firmen. Wer hier aussteigt, sollte sich einen Moment Zeit nehmen und das Ballett der Kabinen beobachten. Wenn sich zwei Bahnen auf der eingleisigen Strecke an der Ausweichstelle treffen, wirkt das fast choreografiert. Es gibt keine Hektik, keinen Lärm, nur dieses stetige Fließen. Man merkt schnell, dass dieses System für eine Stadt konzipiert wurde, die sich bewegt, ohne laut zu schreien.

Pendeln auf der Linie 2: Der schnelle Sprung

Die Linie 2 ist kürzer und pendelt eigentlich nur zwischen Campus Nord und Campus Süd hin und her. Das ist die klassische Studentenstrecke. In der Vorlesungspause ist es hier oft kuschelig eng. Da lernt man das Dortmunder Naturell kennen: Man rückt zusammen, es wird kurz über den Professor genölt oder über das Mensaessen diskutiert, und drei Minuten später steigen alle wieder aus. Die Fahrt über das Naturschutzgebiet dazwischen ist kurz, aber intensiv. Man blickt hinunter auf kleine Wanderwege und dichtes Gebüsch. Es ist ein merkwürdiger Moment der Stille mitten im Uni-Alltag. Wenn die Bahn in die Station Campus Süd einfährt, quietscht es manchmal ganz dezent, ein Zeichen, dass auch eine vollautomatische Bahn eine Seele hat oder zumindest ein paar Gelenke, die mal wieder geschmiert werden könnten.

Was man unbedingt wissen sollte: Die Bahn ist in das normale VRR-Tarifsystem integriert. Wer also ein Ticket für den Bus oder die Bahn hat, darf einfach einsteigen. Das macht die Sache für Besucher unkompliziert. Kein langes Rätseln am Automaten, einfach rein und abheben. Es gibt keine Fahrkartenkontrolleure im herkömmlichen Sinne in den Kabinen, aber Kameras überwachen das Geschehen. Das gibt einem ein sicheres, wenn auch leicht beobachtetes Gefühl. Die Sauberkeit in den Wagen ist meistens überraschend gut, was vielleicht auch daran liegt, dass die Fahrtzeiten so kurz sind, dass kaum jemand Zeit hat, Unfug zu treiben.

Vom Skytrain zum Flughafen: Die große Schwester

Dortmund hat das System quasi perfektioniert, aber der große Bruder steht in Düsseldorf am Flughafen. Dort heißt das Ganze Skytrain. Technisch gesehen ist es fast dasselbe, nur ein bisschen moderner und natürlich viel stärker frequentiert von Reisenden aus aller Welt. Aber wer das Original in Dortmund kennt, lächelt über den Skytrain nur müde. In Dortmund ist die H-Bahn Teil der Stadtidentität geworden. Sie gehört zum Campus wie die Bibliothek oder das Mathe-Tower-Gebäude. Es gibt sogar Leute, die behaupten, man sei kein echter Dortmunder Student, wenn man nicht mindestens einmal wegen einer technischen Störung zehn Minuten über dem Wald festgesessen hat. Das passiert selten, aber wenn, dann ist es die perfekte Ausrede für das Zuspätkommen.

Dass die H-Bahn in Dortmund-Eichlinghofen endet, wirkt fast schon beschaulich. Man landet in einem Wohngebiet, das so gar nichts von der futuristischen Technik der Bahn hat. Dieser Kontrast ist typisch für das Ruhrgebiet. Hier steht das High-Tech-Gerät direkt neben dem gepflegten Vorgarten mit Gartenzwerg. Es ist diese Bodenständigkeit, die den Charme ausmacht. Man macht hier keinen riesigen Wirbel um die Schwebebahn, sie ist halt da und sie funktioniert. Punkt. Wer Lust auf eine Runde Industrieromantik hat, sollte sich die Zeit nehmen und einmal die komplette Strecke abfahren. Es kostet fast nichts und bietet Perspektiven, die man aus dem Autofenster niemals bekommen würde.

Praktische Tipps für die Schwebe-Safari

Wer die H-Bahn besuchen will, parkt am besten auf einem der großen Uniparkplätze oder kommt direkt mit der S1 bis zum Haltepunkt Dortmund Universität. Von dort aus führen Rolltreppen und Aufzüge direkt in den "Himmel". Ein kleiner Geheimtipp ist die Fahrt während der sogenannten "Blauen Stunde", kurz nach Sonnenuntergang. Die Lichter der Stadt fangen an zu funkeln, und die beleuchteten Kabinen wirken wie kleine Glühwürmchen, die durch die Dunkelheit gleiten. Es hat fast etwas Meditatives. Man sollte allerdings die Vorlesungszeiten im Blick haben. Zwischen zwei vollen Stunden kann es in den Kabinen recht kuschelig werden, da die Kapazität der Wagen begrenzt ist. Wer es entspannt mag, fährt am späten Vormittag oder frühen Nachmittag.

Ein Blick in die Stationen lohnt sich übrigens auch aus architektonischer Sicht. Die Treppenaufgänge und die gläsernen Galerien sind typisch für den funktionalen Stil der 80er Jahre. Es ist alles ein bisschen kantig, ein bisschen grob, aber extrem ehrlich. Man sieht die Bolzen, man sieht die Schweißnähte. Das ist kein poliertes Designobjekt aus einer schicken Werbeagentur, das ist Schwermaschinenbau, der fliegen gelernt hat. Und genau deshalb passt die H-Bahn so perfekt nach Dortmund. Sie ist eine ehrliche Haut, verlässlich und ohne unnötigen Schnickschnack. Wenn man am Ende der Fahrt wieder festen Boden unter den Füßen hat, fühlt man sich ein kleines Stückchen mehr als Teil dieser Stadt, die sich immer wieder neu erfindet, ohne ihre Wurzeln zu vergessen.

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