Dortmund

BVB-Stadiontour: Einmal durch den Spielertunnel und auf die Gelbe Wand

Das Westfalenstadion ist kein gewöhnliches Bauwerk. Er ist das pulsierende Zentrum Dortmunds und ein Ort voller Mythen. Eine Stadiontour führt tief hinein in das schwarzgelbe Allerheiligste.

Dortmund  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Wer sich dem Stadion nähert, sieht zuerst die markanten gelben Pylone, die weit über das Stadtgebiet hinausragen. Diese Stahlkonstruktionen halten das Dach und sind längst zum inoffiziellen Wahrzeichen der Stadt geworden. Früher hieß das Ding einfach Westfalenstadion, und viele Einheimische weigern sich bis heute beharrlich, den Namen des Sponsors in den Mund zu nehmen. Es riecht hier an Spieltagen nach einer Mischung aus Bratwurstfett, verschüttetem Bier und einer Prise Nervosität. Wenn man das Stadion jedoch an einem Dienstagvormittag im Rahmen einer Tour betritt, herrscht eine fast schon andächtige Stille. Das monumentale Ausmaß der Tribünen wirkt ohne die 81.365 Menschen fast noch gewaltiger.

Die Geschichte des Baus ist eng mit der Weltmeisterschaft 1974 verknüpft. Damals entstand ein reines Fußballstadion ohne Laufbahn, was in Deutschland eine kleine Revolution war. Man sitzt oder steht direkt am Geschehen. Während der Führung erfährt man, dass die Ecken erst später geschlossen wurden, was dem Kasten seine heutige, geschlossene Kesselform gab. Die Architektur ist funktional, fast schon schroff, eben typisch für das Ruhrgebiet. Hier gibt es keinen unnötigen Schnicksack aus Glas und Chrom, sondern ehrlichen Beton und Stahl. Es ist ein Ort, der arbeitet, genau wie die Menschen, die hier jedes zweite Wochenende ihre Stimme heiser schreien.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt: Mit der U45 ab Hauptbahnhof bis zur Haltestelle "Stadion". Die Fahrt dauert nur wenige Minuten und man landet direkt vor den Toren des Tempels.
  • Tickets: Die klassische Tour dauert etwa 120 Minuten. Tickets kosten für Erwachsene rund 15 Euro, wobei Ermäßigungen für Kinder und Vereinsmitglieder möglich sind.
  • Ausrüstung: Bequemes Schuhwerk ist unerlässlich. Man legt während der Besichtigung mehrere Kilometer zurück, oft auf unebenem Untergrund oder steilen Treppen.
  • Borusseum: Das Museum ist im Ticketpreis der großen Stadiontour oft enthalten oder kann für einen schmalen Taler einzeln besucht werden. Es liegt direkt an der Nordost-Ecke des Stadions.

Der Mythos der Südtribüne

Das Herzstück jeder Besichtigung ist zweifellos die Südtribüne. Mit einer Kapazität von rund 25.000 Stehplätzen ist sie die größte Stehplatzkurve Europas. Wenn man unten am Spielfeldrand steht und nach oben blickt, wirkt die "Gelbe Wand" wie eine senkrechte Wand aus Betonstufen. Es ist steil, verdammt steil. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie es sein muss, wenn hier die Emotionen hochkochen. Die Tourguides erzählen oft, dass der Druck der Massen bei Toren so groß ist, dass man sich gar nicht wehren kann, ein paar Reihen nach unten geschoben zu werden. Das ist eben Wucht in Reinform.

Spannend ist dabei, dass die Tribüne unter der Woche völlig kahl aussieht. Überall hängen Aufkleber von Ultra-Gruppierungen an den Wellenbrechern, die von vergangenen Schlachten und weiten Auswärtsfahrten künden. Man darf tatsächlich ein paar Stufen hochgehen und den Ausblick genießen. Von hier oben sieht der Rasen aus wie ein kleiner, perfekt manikürter Teppich. Es ist dieser spezielle Blickwinkel, den sonst nur die treuesten der Treuen haben. Man merkt schnell, dass dieser Ort eine soziale Funktion hat, die weit über den Sport hinausgeht. Hier treffen sich der Schichtarbeiter und der Anwalt auf Augenhöhe, geeint in den Farben Schwarz und Gelb.

Durch den Tunnel ins Rampenlicht

Ein Gänsehautmoment jeder Tour ist der Gang durch den Spielertunnel. Der Gang ist eng, dunkel und wirkt fast ein bisschen beklemmend. An den Wänden hängen großformatige Bilder, die die Erfolge des Vereins feiern. Wenn der Guide dann die Stadionhymne "You’ll Never Walk Alone" über die Lautsprecheranlage einspielt, braucht man schon ein ziemlich dickes Fell, um nicht wenigstens ein bisschen Gänsehaut zu bekommen. Man stellt sich vor, wie die Profis hier stehen, sich gegenseitig abklatschen und das ferne Rauschen der Menge hören, das mit jedem Schritt Richtung Spielfeld lauter wird.

Der Moment, in dem man aus dem dunklen Tunnel ins helle Stadionlicht tritt, ist choreografiert wie ein Theaterstück. Plötzlich öffnet sich der Raum, und das satte Grün des Rasens leuchtet einem entgegen. Der Rasen selbst ist übrigens eine kleine Wissenschaft für sich. Er wird mit UV-Lampen bestrahlt, geheizt und von einer Heerschar von Greenkeepern gepflegt, als wäre er ein wertvolles Staatsgeheimnis. Betreten darf man ihn als Besucher natürlich nicht, da verstehen die Dortmunder keinen Spaß. Wer auch nur einen Fuß auf das heilige Grün setzt, bekommt sofort einen freundlichen, aber bestimmten Rüffel.

Einblick in die Kabinen und das Allerheiligste

Hinter den Kulissen geht es eher nüchtern zu. Die Kabinen der Spieler sind überraschend schlicht gehalten. Wer hier vergoldete Wasserhähne oder Designer-Sessel erwartet, wird enttäuscht. Es gibt einfache Holzbänke und offene Spinde. Jeder Spieler hat seinen festen Platz, markiert durch ein kleines Schild. Es riecht hier dezent nach Eisspray und Liniment. Es ist ein funktionaler Arbeitsplatz, kein Wellness-Tempel. Der Guide erklärt gerne, warum die Gästekabine noch ein Stückchen spartanischer eingerichtet ist. Psychologische Kriegsführung fängt eben schon bei der Inneneinrichtung an.

Interessant ist auch der Besuch des Pressekonferenz-Raums. Hier sitzen normalerweise die Trainer nach dem Spiel und versuchen, die vorangegangenen 90 Minuten in Worte zu fassen. Man darf sich selbst einmal auf das Podium setzen und in die Kameras blinzeln. Es ist dieser Blick hinter die Kulissen der Medienmaschinerie, der die Tour so abwechslungsreich macht. Man erfährt Details über die Logistik, etwa wie viele Tonnen Pommes an einem Spieltag verdrückt werden oder wie die polizeiliche Überwachung im Stadion funktioniert. Das Stadion ist wie eine kleine Stadt, die nur für ein paar Stunden zum Leben erwacht und dann wieder in einen Dornröschenschlaf fällt.

Das Borusseum: Geschichte zum Anfassen

Nach der eigentlichen Stadiontour empfiehlt sich ein Besuch im Borusseum, dem Vereinsmuseum. Es befindet sich direkt im Stadionkomplex und ist modern gestaltet. Hier wird die Geschichte des Vereins von der Gründung in der Gaststätte "Zum Wildschütz" bis zu den großen Triumphen der Neuzeit erzählt. Besonders beeindruckend ist die Schatzkammer mit den Repliken der Meisterschale und des Champions-League-Pokals. Es ist kein trockenes Museum, sondern ein Ort voller Reliquien: alte Fußballschuhe, verschwitzte Trikots und Eintrittskarten von legendären Partien.

Man lernt hier viel über die Identität Dortmunds. Der BVB ist nicht einfach nur ein Verein, er ist ein Stück Stadtgeschichte. Während der Strukturkrise im Ruhrgebiet war der Fußball oft der einzige Lichtblick für die Menschen. Das Museum schafft es gut, diese emotionale Verbindung zwischen der harten Arbeit unter Tage und dem Stolz auf den Verein zu vermitteln. Es gibt auch interaktive Stationen, an denen man zum Beispiel Fan-Gesänge nachahmen oder sein Wissen in einem Quiz testen kann. Wer also noch nicht genug Schwarzgelb im Blut hat, bekommt hier die volle Ladung.

Praktische Tipps für den Stadionbesuch

Die Stadiontouren sind begehrt, besonders an Wochenenden ohne Heimspiel. Eine rechtzeitige Online-Buchung ist daher absolute Pflicht. Man sollte gut zu Fuß sein, da die Wege weit sind und man unzählige Stufen bewältigen muss. Barrierefreie Touren werden zwar angeboten, müssen aber separat angefragt werden. Ein Geheimtipp ist die Abendtour, wenn das Stadion atmosphärisch beleuchtet ist und die leeren Ränge fast schon gespenstisch wirken. Das hat einen ganz eigenen Charme und ist weniger überlaufen als die Termine am Mittag.

Die Anreise gestaltet sich einfach, da das Stadion bestens an den öffentlichen Nahverkehr angebunden ist. Vom Hauptbahnhof aus fahren die U-Bahnen im Minutentakt Richtung Westfalenhallen. Wer mit dem Auto kommt, findet zwar riesige Parkplatzflächen vor, zahlt aber oft gesalzene Preise. Besser ist es, das Auto etwas außerhalb abzustellen und das letzte Stück zu laufen. So bekommt man auch etwas von der Atmosphäre im angrenzenden Kreuzviertel mit, wo sich viele Fans vor und nach den Spielen in den Kneipen treffen. Ein Besuch im "Strobels" direkt am Stadion ist fast schon obligatorisch, um die Tour bei einem Kaltgetränk ausklingen zu lassen.

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