Manchmal reicht eine Distanz von kaum dreihundert Metern aus, um das Gefühl für Zeit und Raum komplett zu verlieren. Während auf der A44 der Berufsverkehr über die Flughafenbrücke hastet, schaukelt die "Michaela" stoisch gegen die Strömung an. Es riecht nach Flusswasser, nach altem Eisen und einer feinen Note Diesel. Wer am Anleger in Kaiserswerth steht, wartet nicht einfach auf ein Transportmittel. Man wartet auf einen kleinen Ausbruch aus dem getakteten Stadtleben. Die Fähre verbindet den historischen Kern von Kaiserswerth mit dem eher ländlichen, fast schon beschaulichen Langst-Kierster Ufer auf der Meerbuscher Seite. Dass diese Verbindung existiert, ist ein Segen für alle, die keine Lust auf Umwege über die großen Brücken haben.
Die Michaela ist kein moderner High-Tech-Kahn. Sie ist ein Arbeitstier mit Charakter. Das Schiff wirkt wie aus der Zeit gefallen, ein Relikt, das sich hartnäckig weigert, dem Effizienzwahn zu weichen. Wenn die Rampe mit einem metallischen Scheppern auf das Pflaster knallt, weiß jeder: Jetzt geht es los. Autos rollen im Schritttempo an Bord, Fahrräder werden geschickt in die Lücken geschoben und Fußgänger suchen sich ein Plätzchen an der Reling. Es ist ein kontrolliertes Chaos, das der Fährmann mit einer Ruhe dirigiert, die man vermutlich nur bekommt, wenn man den ganzen Tag auf das fließende Wasser starrt. In Düsseldorf sagen wir oft, der Rhein sei unsere Lebensader. Hier auf der Michaela spürt man diesen Puls tatsächlich, weil das Schiff bei jedem Wellenschlag einer vorbeiziehenden Barge leicht erzittert.
Kurz & Kompakt - Fährzeiten: Der Betrieb startet meist gegen 9:00 Uhr und endet je nach Jahreszeit zwischen 18:00 und 20:00 Uhr. Bei Nebel, Hochwasser oder extremem Niedrigwasser bleibt die Michaela im Hafen.
- Preise & Zahlung: Die Überfahrt kostet für Fußgänger und Radfahrer nur ein kleines Entgelt, Autos zahlen etwas mehr. Gezahlt wird ausschließlich bar direkt beim Personal an Bord.
- Anfahrt: In Kaiserswerth erreicht man den Anleger bequem mit der U79 (Haltestelle Klemensplatz) und einem kurzen Fußweg durch den historischen Ortskern. Parkplätze sind in Kaiserswerth eher Mangelware, daher ist das Rad die beste Wahl.
- Kulinarik: Direkt am Anleger in Kaiserswerth gibt es Eisdielen und Cafés; auf der Meerbuscher Seite wartet das "Haus Litzbrück" oder der nahegelegene Biergarten in Langst-Kierst auf hungrige Ausflügler.
Zwischen Ruinen und Weidewirtschaft
Interessant ist vor allem der krasse Kontrast zwischen den beiden Anlegestellen. In Kaiserswerth startet man im Schatten der mächtigen Kaiserpfalz. Diese massiven Mauern aus dem 12. Jahrhundert atmen Geschichte und man fühlt sich fast ein bisschen klein dagegen. Man blickt auf die Ruinen von Kaiser Barbarossa und denkt sich, dass hier schon vor Jahrhunderten Menschen über den Fluss wollten, wenn auch unter deutlich ungemütlicheren Bedingungen. Das Kopfsteinpflaster in Kaiserswerth ist tückisch, besonders für Radfahrer mit dünnen Reifen, aber es gehört eben zum Ambiente. Man rollt quasi direkt aus dem mittelalterlichen Stadtkern auf das Schiff. Das hat was von einer Zeitreise, die nur fünf Minuten dauert.
Auf der anderen Seite, in Langst-Kierst, sieht die Welt völlig anders aus. Sobald man die Rampe verlässt, steht man im Grünen. Hier dominieren Deiche, weite Wiesen und ein paar vereinzelte Gehöfte das Bild. Es ist die klassische niederrheinische Idylle, die so gar nichts mit der schicken Königsallee oder dem Medienhafen zu tun hat. Wer hier ankommt, hat meistens das Fahrrad dabei oder die Wanderschuhe fest geschnürt. Der Weg führt oft direkt zum nächsten Biergarten oder einfach kilometerweit am Deich entlang. Dieser abrupte Wechsel von der urbanen Historie in die pure Natur macht den Reiz der Überfahrt aus. Es ist, als würde man kurz die Luft anhalten und auf der anderen Seite wieder tief ausatmen.
Technik, die den Takt vorgibt
Man darf sich nicht täuschen lassen: Hinter der nostalgischen Fassade steckt ein präzises Handwerk. Die Michaela ist eine sogenannte Gierseilfähre, wobei sie heute meistens mit Motorkraft unterstützt wird, um gegen die teils heftige Strömung und den dichten Schiffsverkehr auf dem Rhein anzukommen. Die Manöver sind Routine, aber jedes Mal wieder beeindruckend. Der Fährmann muss die Strömung genau lesen. Wer genau hinschaut, bemerkt, wie das Schiff leicht schräg zur Fließrichtung steht, um den Druck des Wassers auszunutzen. Das ist Physik zum Anfassen. Es gibt kein langes Getöse, kein lautes Hornsignal, nur das stetige Brummen der Maschine und das Plätschern am Bug.
Die Kosten für die Überfahrt sind moderat und werden direkt an Bord kassiert. Das hat was wunderbar Unbürokratisches. Kein Ticketautomat, kein QR-Code-Scanner, der wieder nicht funktioniert. Man kramt ein paar Münzen aus der Tasche, bekommt einen kleinen Papierschnipsel und gut ist. Es sind diese kleinen Interaktionen, die das Erlebnis menschlich machen. Oft hält der Fährmann noch einen kurzen Plausch über das Wetter oder den Wasserstand, während er das Wechselgeld passend abzählt. Bei Niedrigwasser wird die Sache übrigens knifflig. Dann muss die Rampe weiter in den Fluss hineinragen und man spürt, wie nah man dem Flussgrund eigentlich ist. In heißen Sommern, wenn der Rhein nur noch ein Rinnsaal ist, bangen alle mit der Michaela, ob sie den Betrieb aufrechterhalten kann. Dann wird der Fluss zum Endgegner.
Ein Logenplatz für Flussbeobachter
Wenn die Fähre in der Mitte des Stroms ist, bietet sich ein Panorama, das man vom Ufer aus so nie hätte. Man sieht die großen Containerschiffe an sich vorbeiziehen, die oft Namen aus fernen Ländern tragen. Manchmal wirkt die Michaela wie eine kleine Nussschale neben diesen schwimmenden Riesen, aber sie lässt sich nicht beirren. Spannend ist dabei, dass man die Wellen der "Großen" erst mit Verzögerung spürt. Erst gleitet der Containerriese lautlos vorbei, und Sekunden später fängt die Fähre an zu tanzen. Das ist der Moment, in dem die Kinder an Bord anfangen zu lachen und die Erwachsenen sich unwillkürlich fester an der Reling festhalten.
Der Blick zurück nach Kaiserswerth zeigt die Basilika Sankt Suitbertus in ihrer vollen Pracht. Von hier aus wirkt das Dorf wie eine Postkarte. Die tiefhängenden Zweige der Bäume am Ufer tauchen fast ins Wasser ein. Es ist ein friedliches Bild, das so gar nicht zu dem Image von Düsseldorf als hektischer Modemetropole passen will. Vielleicht ist das das wahre Geheimnis der Michaela: Sie ist ein Refugium für alle, die das "Dorf" in Düsseldorf noch suchen. Auf der Fähre sind alle gleich. Der Geschäftsmann im Anzug, der sein E-Bike schiebt, trifft auf die Rentnergruppe mit Wanderstöcken und den Handwerker in seinem Bulli. Man teilt sich den begrenzten Raum für ein paar Minuten und starrt gemeinsam auf das graugrüne Wasser.
Praktisches und Kurioses am Rande
Man sollte wissen, dass die Michaela nicht rund um die Uhr fährt. Ihre Betriebszeiten orientieren sich am Tageslicht und an der Saison. Wer im Winter nach 19 Uhr rüber will, hat meistens Pech gehabt. Da steht man dann am dunklen Ufer und muss den weiten Weg über die Brücke nehmen. Das ist mir selbst schon passiert und die Enttäuschung ist groß, wenn das rettende Licht am anderen Ufer bleibt. Auch bei extremem Hochwasser stellt die Michaela ihren Dienst ein. Dann wird der Rhein zu mächtig und die Anleger verschwinden unter den braunen Fluten. Es ist eine der wenigen Stellen im modernen Verkehrsnetz, wo die Natur noch ganz klar sagt, wo es langgeht.
An Bord herrscht eine ganz eigene Etikette. Man drängelt nicht. Man lässt erst die Fahrzeuge runter, bevor man selbst an Bord geht. Und man grüßt sich. Das klingt banal, ist aber in der Anonymität der Großstadt fast schon ein regionales Kulturgut. Wer mit dem Auto übersetzt, sollte den Motor abstellen – nicht nur wegen der Umwelt, sondern weil man sonst das wunderbare Konzert aus Wassergeräuschen und Metallklappern verpasst. Es ist auch immer wieder amüsant zu beobachten, wie Erstnutzer der Fähre leicht nervös werden, wenn das Schiff beim Anlegen hart gegen die Reifenpuffer kracht. Keine Sorge, das muss so. Das gehört zum Handwerk dazu wie der Senf zur Rostbratwurst am Kiosk nebenan.
Der perfekte Tag rund um die Überfahrt
Ein Ausflug mit der Michaela lässt sich ideal in einen längeren Tag einbetten. Mein Tipp: Startet in Kaiserswerth mit einem ausgiebigen Frühstück in einem der kleinen Cafés rund um den Markt. Danach ein Spaziergang durch die Kaiserpfalz, wo man auf den alten Steinen herumklettern kann, sofern die Gelenke mitmachen. Dann geht es ab auf die Fähre. Drüben angekommen, sollte man unbedingt den Weg Richtung Norden nehmen. Dort gibt es wunderschöne Pfade durch die Rheinauen. Wer Hunger hat, findet in Langst-Kierst gemütliche Gaststätten, die oft noch dieses typische Ausflugslokal-Flair der 80er Jahre versprühen – im positiven Sinne natürlich. Schnitzel, Kaltgetränk, Blick auf die Wiese. Viel mehr braucht man nicht.
Auf dem Rückweg bietet es sich an, die Fähre bei tiefstehender Sonne zu nehmen. Wenn das Licht sich im Rhein bricht und die Kaiserpfalz in ein goldenes Licht getaucht wird, ist das Kitsch pur, aber eben verdammt schöner Kitsch. Man merkt dann, wie die Anspannung des Tages abfällt. Die Michaela ist wie eine kleine Therapieeinheit für zwischendurch. Es ist diese Entschleunigung auf Raten. Man kann gar nicht anders, als langsamer zu werden, wenn der Motor der Fähre sein monotones Lied singt. Und wer ganz viel Glück hat, sieht vielleicht sogar einen der seltenen Flussfischer oder einen Kormoran, der auf einem der Buhnensteine seine Flügel trocknet.