Man hört das Spektakel meist schon, bevor man es sieht. Ein dumpfes Grollen, das von den massiven Stahlträgern der Achterbahnen stammt, mischt sich mit dem schrillen Kreischen der Fahrgäste und dem pumpenden Bass der Fahrgeschäfte. Die Luft über den Rheinwiesen riecht nach einer gewagten Mischung aus gebrannten Mandeln, Backfisch und dem herben Duft von frisch gezapftem Altbier. Es ist Juli in Düsseldorf, und das bedeutet: Die Größte Kirmes am Rhein zieht wieder Millionen Menschen auf das linke Flussufer. Wer hier nach steriler Ordnung sucht, wird enttäuscht. Die Kirmes ist ein kontrolliertes Chaos, ein zehntägiger Ausnahmezustand, der tief im Brauchtum der St. Sebastianus Schützen von 1316 verwurzelt ist.
Kurz & Kompakt - Termin: Die Kirmes findet jährlich im Juli statt, meist rund um die dritte Woche des Monats.
- Anfahrt: Am besten mit der U-Bahn bis Haltestelle "Luegplatz" oder mit der Kirmesfähre ab Altstadt (Pegeluhr).
- Preise: Der Eintritt zum Gelände ist frei, Fahrgeschäfte kosten zwischen 4 und 12 Euro.
- Sicherheit: Große Taschen und Rucksäcke am besten zu Hause lassen, es gibt stichprobenartige Kontrollen an den Eingängen.
Zwischen Tradition und High-Tech-Nervenkitzel
Es ist ein interessantes Phänomen, dass dieses Event nicht von einem Eventmanagement-Riesen, sondern von einem Schützenverein gestemmt wird. Die historische Dimension ist überall greifbar, wenn man genauer hinschaut. Während die Jugend in Überkopf-Fahrgeschäften ihre Orientierung verliert, marschieren ein paar Meter weiter Männer in grünen Uniformen und mit prächtigem Federbusch auf dem Hut. Dieser Kontrast macht den Reiz aus. Es geht hier nicht nur um das nächste Instagram-Foto vor dem Riesenrad, sondern um Identität. Die Schützen feiern ihren Schutzpatron, den Heiligen Sebastianus, und die ganze Stadt feiert einfach mit. Man merkt schnell, dass die Düsseldorfer ihre Kirmes ernst nehmen. Das ist kein Ort für Touristenfallen, sondern ein Wohnzimmer unter freiem Himmel.
Die Auswahl der Fahrgeschäfte folgt jedes Jahr einem strengen Auswahlverfahren. Nur die Besten der Branche dürfen ihre Buden und Bahnen auf der Halbinsel im Rheinbogen aufschlagen. Da steht dann plötzlich die größte transportable Wildwasserbahn der Welt neben einem nostalgischen Kinderkarussell, das schon Generationen von Düsseldorfern glücklich gemacht hat. Ein echtes Highlight ist oft das Riesenrad, von dem aus man den Blick über die Skyline der Altstadt schweifen lassen kann. Wenn die Sonne langsam hinter den Oberkasseler Häuserfassaden verschwindet und die Lichter der Fahrgeschäfte anfangen zu pulsieren, entwickelt der Platz eine fast magische Atmosphäre. Die Farben reflektieren im Wasser des Rheins, und für einen Moment wirkt der ganze Trubel seltsam friedlich.
Kulinarik auf dem Rummel: Mehr als nur Currywurst
Wer auf die Kirmes geht, sollte Hunger mitbringen. Viel Hunger. Es wäre ein Fehler, sich nur auf die Klassiker zu verlassen. Sicher, die Bratwurst gehört dazu, aber die wahre Seele der Kirmesgastronomie liegt in den Festzelten der Brauereien. Im Füchschen-Zelt oder bei Uerige geht es oft so zu, wie man es sich im Rheinland vorstellt: laut, herzlich und ein bisschen eng. Man kommt mit Wildfremden ins Gespräch, während die Kellner, die hier "Zappesse" oder "Köbesse" genannt werden, im Akkord das dunkle Altbier an die Tische schleppen. Es ist eine Kunst für sich, wie diese Leute mit vollen Tabletts durch die tanzende Menge navigieren, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. Oft gibt es dazu eine ordentliche Schweinshaxe oder eine Portion Reibekuchen, die so fettig sind, dass man die Servietten stapelweise verbraucht. Aber genau so muss das sein.
Abseits der großen Zelte finden sich Spezialitäten, die man oft nur hier in dieser Qualität bekommt. Da gibt es den Stand mit dem Flammlachs, der über offenem Buchenfeuer gart und dessen Duft die gesamte Gasse einnimmt. Oder die kleinen Buden, die "Pillekuchen" anbieten, eine rheinische Art von Kartoffelpfannkuchen, die hier besonders knusprig gelingen. Wer es süß mag, kommt an den Churros oder den Schokofrüchten nicht vorbei. Auffallend ist dabei, dass viele Betreiber seit Jahrzehnten denselben Stammplatz haben. Man kennt sich, man grüßt sich. Es ist eine Kirmes-Familie, die jedes Jahr für zehn Tage ihr Lager am Rhein aufschlägt. Dass man hier für ein Getränk oder einen Snack manchmal etwas tiefer in die Tasche greifen muss, wird von den meisten klaglos hingenommen. Man bezahlt eben für das Flair und die Aussicht auf den Strom mit.
Logistik und Anreise: Ein kleiner Survival-Guide
Die Anreise ist ein Kapitel für sich. Den Versuch, mit dem Auto direkt an den Rheinwiesen zu parken, sollte man sich getrost schenken. Die Wohngebiete in Oberkassel werden während der Kirmeszeit weiträumig abgesperrt, und die Politessen sind in dieser Woche besonders wachsam. Viel klüger ist es, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Die Rheinbahn fährt in diesen Tagen im Minutentakt. Besonders charmant ist die Anreise mit der Kirmesfähre. Dieses kleine Boot pendelt zwischen dem AltstadtUfer und dem Kirmesgelände hin und her. Man steht auf dem schwankenden Deck, lässt sich den Wind um die Nase wehen und sieht die Kirmesfront langsam näherkommen. Das hat etwas von einer kleinen Seereise, bevor man in den Trubel eintaucht. Die Fahrt dauert nur wenige Minuten, erspart einem aber das Gedränge in den Bahnen und auf der Brücke.
Spannend ist zudem der Aspekt der Sicherheit und Sauberkeit. Trotz der Millionenbesucher wirkt das Gelände meist erstaunlich aufgeräumt. Überall sieht man Trupps, die den Müll wegräumen, noch bevor er richtig liegen bleibt. Auch die Präsenz der Polizei und Sanitäter ist diskret, aber spürbar. Man fühlt sich sicher, selbst wenn es am Wochenende oder spät abends richtig voll wird. Ein guter Tipp für alle, die es etwas ruhiger mögen: Geht unter der Woche direkt nach der Öffnung am frühen Nachmittag. Dann haben die Familien mit Kindern den Platz für sich, die Schlangen an den Fahrgeschäften sind kurz und man kann entspannt über die Wege schlendern, ohne geschoben zu werden. Ab 18 Uhr ändert sich das Bild schlagartig, wenn die Feierabend-Crowd den Platz flutet.
Das große Feuerwerk und der Pink Monday
Es gibt zwei Tage im Kalender der Rheinkirmes, die man sich rot anstreichen sollte. Da wäre zum einen der "Pink Monday". Was ursprünglich als kleiner Treff der homosexuellen Community begann, hat sich zu einem der größten Events der Kirmeswoche entwickelt. Es ist ein Fest der Toleranz und der guten Laune, bei dem gefühlt die halbe Stadt in Rosa oder Glitzer erscheint. Die Stimmung ist an diesem Tag besonders ausgelassen und friedlich. In den Zelten wird Schlager gesungen, draußen wird getanzt. Es zeigt die weltoffene Seite Düsseldorfs, die hier ganz natürlich mit der Tradition der Schützen koexistiert. Niemand stört sich an der schrillen Aufmachung der Dragqueens, während ein paar Meter weiter der Schützenkönig geehrt wird. Das ist eben rheinische Gelassenheit in ihrer reinsten Form.
Der absolute Höhepunkt für viele ist jedoch der Kirmesfreitag, an dem das große Feuerwerk stattfindet. Es beginnt meist gegen 22:30 Uhr und dauert gut eine halbe Stunde. Die Pyrotechniker lassen sich jedes Jahr neue Formationen einfallen, die synchron zu Musik oder einfach in ihrer eigenen Pracht den Nachthimmel über dem Rhein erleuchten. Die besten Plätze dafür sind entweder direkt am Rheinufer auf der Altstadtseite oder auf einer der Brücken. Viele Menschen mieten sich auch Plätze auf den Ausflugsschiffen, die dann in Reih und Glied auf dem Fluss ankern. Es ist ein Gänsehautmoment, wenn die letzten Raketen mit einem gewaltigen Knall zerplatzen und die Menge am Ufer applaudiert. Danach wälzt sich die Masse langsam zurück in die Altstadt oder zu den Bahnen, beseelt von diesem bunten Lichtermeer.