Stuttgart

Weltreise am Hegelplatz: Das Linden-Museum als Stuttgarts Fenster zur Welt

Am Hegelplatz wartet eine Sammlung, die den Horizont mal ordentlich dehnt. Wer hier reingeht, lässt den Kessel für ein paar Stunden hinter sich.

Stuttgart  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Wenn man vor dem Linden-Museum steht, denkt man nicht unbedingt sofort an ferne Inseln oder staubige Ausgrabungsstätten. Der Bau am Hegelplatz wirkt eher solide und bodenständig, eben typisch Stuttgart. Das Gebäude selbst hat diesen funktionalen Charme, der niemanden mit unnötigem Schnickschnack ablenkt. Drinnen sieht die Sache aber ganz anders aus. Es riecht dort nach altem Holz, ein bisschen nach Bohnerwachs und nach der Ruhe, die nur große Museen ausstrahlen können. Wer die Schwelle überschreitet, verlässt das schwäbische Mittelland und landet direkt in den Weiten Asiens oder den Wüsten des Orients. Das Haus gehört zu den wichtigsten ethnologischen Museen in Europa, was man dem Bau von außen vielleicht nicht ansieht, was aber spätestens beim ersten Blick auf die Exponate klar wird.

Gegründet wurde das Ganze im Grunde durch das Engagement des Grafen von Linden, der damals Vorsitzender des Württembergischen Vereins für Handelsgeographie war. Man wollte die Welt verstehen, vielleicht auch ein bisschen kontrollieren, aber vor allem sammeln. Heute ist das Museum ein Ort, der sich kritisch mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzt. Es geht nicht mehr nur ums Zeigen von Beutestücken, sondern um den Dialog. Das ist manchmal anstrengend zu lesen auf den Infotafeln, aber es ist notwendig. Die Sammlung umfasst etwa 160.000 Objekte. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Davon ist natürlich immer nur ein Bruchteil zu sehen, aber dieser Bruchteil hat es in sich. Es ist kein Ort zum Durchrennen, sondern eher was für einen verregneten Dienstagnachmittag, wenn man sowieso den Kopf voll hat und mal woanders sein will.

Kurz & Kompakt
  • Adresse & Lage: Hegelplatz 1, 70174 Stuttgart. Zentral gelegen, etwa 10 Minuten Fußweg vom Hauptbahnhof oder mit dem Bus 40/42 direkt vor die Tür (Haltestelle Hegelplatz).
  • Highlights der Sammlung: Weltweit bedeutende Bestände aus dem Orient, Ostasien (insbesondere Japan), Afrika und Südamerika sowie eine beeindruckende Abteilung zu Nordamerika.
  • Besucher-Infos: Dienstag bis Samstag 10-17 Uhr, Sonntag 10-18 Uhr. Mittwochs oft verlängerte Öffnungszeiten für Abendveranstaltungen. Montags ist Ruhetag.
  • Besonderheiten: Starker Fokus auf Provenienzforschung und Dialog mit den Herkunftsgesellschaften; familienfreundliche Angebote und ein Museumsshop mit fairem Handel.

Der Orient direkt um die Ecke

Besonders beeindruckend ist die Abteilung zum Orient. Da ist dieser Geruch von Textilien und Metall, der einen sofort gefangen nimmt. Man steht vor prächtigen Gewändern, die so fein gewebt sind, dass man sich fragt, wie menschliche Hände das früher ohne Lupe und LED-Licht hinbekommen haben. Die Gestaltung der Räume ist hier oft etwas dunkler gehalten, was eine fast schon meditative Atmosphäre schafft. Spannend ist dabei, dass hier nicht nur die Hochkultur abgefeiert wird. Man sieht auch Alltagsgegenstände, Kaffeekannen, Sättel oder Werkzeuge. Das macht die fernen Kulturen greifbarer, weniger museal und lebendiger. Es ist eben kein steriler Ort, sondern einer, der Geschichten erzählt von Menschen, die tausende Kilometer weit weg gelebt haben oder noch leben.

Ein Highlight ist zweifellos die Rekonstruktion eines afghanischen Basars. Wenn man dort durchläuft, meint man fast, das Stimmengewirr und das Klappern der Handwerker zu hören. Es ist eng, es ist detailreich und es bricht mit der sonst oft sehr cleanen Museumsarchitektur. Man merkt, dass sich hier jemand Gedanken gemacht hat, wie man Atmosphäre erzeugt, ohne in den Kitsch abzudriften. Die Teppiche an den Wänden haben Muster, in denen man sich stundenlang verlieren kann. Wer ein Auge für Symmetrie hat, wird hier glücklich. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich religiöse Vorschriften und künstlerische Freiheit in der islamischen Kunst vermischt haben. Man lernt hier mehr über Geometrie als in mancher Mathestunde in der Schule, nur dass es hier eben schöner verpackt ist.

Von Samurai und Seidenstraßen

Ein paar Schritte weiter landet man in Ostasien. Japan und China sind hier die großen Player. Besonders die Abteilung zu Japan zieht die Leute an, was wohl auch an der Faszination für die Samurai liegt. Da stehen Rüstungen, die so furchteinflößend aussehen, dass man froh ist, dass sie hinter Glas sind. Die Handwerkskunst der japanischen Lackarbeiten ist schlichtweg irre. Man braucht Geduld, um die winzigen Details auf den Inros oder den Netsuke zu entdecken. Das sind diese kleinen Knebel, mit denen man früher Beutel am Gürtel befestigt hat. Manche sind so fein geschnitzt, dass man eine Lupe bräuchte, um alles zu sehen. Es ist diese Liebe zum Detail, die den Besuch im Linden-Museum so besonders macht. Man muss sich eben Zeit nehmen, sonst läuft man an den besten Sachen einfach vorbei.

Die China-Sammlung ist nicht minder imposant. Porzellan, das so dünn ist, dass es fast durchsichtig wirkt, wechselt sich ab mit massiven Bronzen aus der frühen Kaiserzeit. Man bekommt ein Gefühl für die enorme Zeitspanne, die diese Kultur umfasst. Oft sind es die kleinen Dinge, die hängen bleiben, wie zum Beispiel die Darstellungen von Fabelwesen, die halb Tier, halb Gott sind. Die Kuratoren haben hier einen guten Job gemacht, die Verbindung zwischen Religion, Alltag und Politik aufzuzeigen. Man stolpert nicht einfach über Gegenstände, sondern wird durch Themen geführt. Das ist manchmal ein bisschen kopflastig, aber wer sich darauf einlässt, geht mit einem deutlich schärferen Blick für globale Zusammenhänge wieder raus auf den Hegelplatz.

Südamerika und die Geister der Ahnen

In den Abteilungen zu Lateinamerika wird es oft bunt und laut, zumindest visuell. Die Masken und Federschmuckstücke der indigenen Völker Amazoniens sind farblich so knallig, dass man fast eine Sonnenbrille bräuchte. Hier wird deutlich, wie eng Mensch und Natur verzahnt waren und sind. Es ist ein krasser Kontrast zur geordneten Welt Japans oder der mathematischen Präzision des Orients. Die Objekte strahlen eine enorme Energie aus. Manchmal fühlt man sich fast ein bisschen beobachtet von den vielen Augenpaaren der Ahnenfiguren. Das ist kein Grusel, sondern eher eine tiefe Ehrfurcht vor der Bedeutung, die diese Stücke für ihre Gemeinschaften hatten. Dass viele dieser Stücke heute in Stuttgart stehen, wird im Museum durchaus thematisiert, was die Sache erst richtig interessant macht.

Die Inka-Goldstücke sind natürlich die Publikumsmagnete. Es glänzt und glitzert, und man versteht sofort, warum die spanischen Eroberer damals komplett durchgedreht sind. Aber eigentlich sind die Textilien aus den Anden fast noch spannender. Die Farben sind nach Jahrhunderten oft noch so frisch, als wären sie gestern erst gefärbt worden. Man lernt hier viel über die Bedeutung von Webmustern, die fast wie eine Schrift gelesen werden können. Es ist eben eine andere Art von Wissen, die hier konserviert wird. Wer sich für Archäologie interessiert, findet hier Exponate, die locker mit den großen Museen in Berlin oder London mithalten können. Es ist eben ein echtes Pfund, das Stuttgart da am Hegelplatz hat, auch wenn viele Einheimische das Museum oft links liegen lassen.

Afrika: Mehr als nur Klischees

Die Afrika-Abteilung im Linden-Museum ist ein Ort des Umbruchs. Hier merkt man am stärksten, wie sich die Sichtweise der Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Es geht weg von der reinen Exotik hin zu einer differenzierten Betrachtung. Die Benin-Bronzen sind hier das zentrale Thema. Diese Metallarbeiten sind technisch so perfekt, dass sie bei ihrer Entdeckung in Europa für totales Unverständnis gesorgt haben, weil man den afrikanischen Künstlern so etwas schlicht nicht zugetraut hat. Das Museum geht heute sehr offen mit der Provenienzforschung um, also der Frage, wie die Dinge eigentlich in den Kessel gekommen sind. Das macht den Besuch zu einer Art Geschichtsstunde in Sachen Kolonialismus, ohne dass man sich ständig belehrt fühlt.

Was hier besonders hängen bleibt, sind die Skulpturen und die rituellen Gegenstände. Da ist eine Kraft drin, die man schwer beschreiben kann. Man sieht Gebrauchsgegenstände, die so ästhetisch geformt sind, dass jedes moderne Design-Objekt dagegen blass aussieht. Die Anordnung im Raum lässt den Objekten viel Platz zum Atmen. Man wird nicht erschlagen von einer Masse an Holzfiguren, sondern kann sich auf einzelne Stücke konzentrieren. Es ist dieser Mix aus Information und Ästhetik, der das Museum so wertvoll macht. Wer nach dem Rundgang durch die Afrika-Abteilung wieder nach draußen tritt, sieht die Welt vielleicht ein kleines bisschen anders. Man merkt, dass wir im Westen eben nur eine von vielen Arten sind, das Leben zu organisieren.

Praktisches für den Museumsbesuch

Ein Besuch im Linden-Museum lässt sich super mit einem Spaziergang durch den Stuttgarter Norden verbinden. Das Museum liegt direkt am Hegelplatz, nur ein paar Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt. Wer mit dem Auto kommt, hat in Stuttgart sowieso meistens schlechte Karten, also lieber die Öffentlichen nehmen oder zu Fuß gehen. Wenn der kleine Hunger kommt, gibt es im Museum ein Café, das ganz ordentlich ist. Wer es aber ein bisschen uriger mag, findet in den umliegenden Straßen genug Auswahl von der schwäbischen Wirtschaft bis zum modernen Bistro. Das Museum selbst ist barrierefrei, was ein großer Pluspunkt ist. Man kann also locker den Kinderwagen oder den Rollstuhl mitnehmen, ohne dass es zum Hindernislauf wird.

Die Preise sind fair, vor allem wenn man bedenkt, wie viel man hier geboten bekommt. Es gibt oft Sonderausstellungen, die noch mal einen ganz anderen Fokus setzen. Da lohnt es sich, vorher mal kurz auf die Website zu schauen, damit man nichts verpasst. Wer Kinder dabei hat, sollte nach speziellen Führungen oder Mitmach-Stationen Ausschau halten. Manchmal gibt es Workshops, wo man selbst Hand anlegen kann, was für die Kleinen meistens spannender ist als nur vor Vitrinen zu stehen. Ein kleiner Tipp am Rande: Der Museumsshop ist gefährlich. Da gibt es so viel schönen Kram aus aller Welt, dass man schnell mehr Geld loswird als geplant. Aber hey, ein bisschen Souvenir muss sein, wenn man schon eine Weltreise mitten in Stuttgart macht.

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