Stuttgart

Kino mit Geschichte: Gloria und Metropol – Filme schauen in denkmalgeschützten Sälen

Vergiss seelenlose Beton-Kästen am Stadtrand. In der Stuttgarter Bolzstraße weht noch der Geist der goldenen Ära durch die Foyers. Hier verschmelzen Denkmalschutz und Arthouse zu einem Abend, der schon vor dem Film beginnt.

Stuttgart  |  Kultur & Unterhaltung
Lesezeit: ca. 7 Min.
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Zwischenablage

Wer durch die Bolzstraße schlendert, übersieht die unscheinbaren Eingänge fast, wenn nicht gerade die Neonreklame leuchtet. Stuttgart ist ja nicht unbedingt für seine architektonische Verspieltheit bekannt, aber hinter den Fassaden des Gloria und des Metropol versteckt sich ein Stück Stadtidentität, das die Abrissbirnen der Nachkriegszeit glücklicherweise überlebt hat. Es riecht hier nicht nach diesem künstlichen Nacho-Käse-Aroma, das moderne Kinos flutet. Stattdessen mischt sich der Duft von frisch geröstetem Popcorn mit einer Note, die man nur in alten Gebäuden findet, ein wenig staubig, ein wenig feierlich. Man merkt sofort, dass hier schon Generationen von Stuttgartern ihre ersten Dates verbracht haben. Das Metropol war ursprünglich sogar ein Bahnhof-Lichtspielhaus, was man der funktionalen, aber eleganten Raumaufteilung heute noch anmerkt.

Besonders auffällig ist die Liebe zum Detail, die in den 1950er Jahren Standard war. Während man heute oft in schwarzen Löchern sitzt, die lediglich als Leinwandhalter dienen, ist der Saal im Gloria ein echtes Schmuckkästchen. Die geschwungenen Linien der Balkone und die indirekte Beleuchtung sorgen für eine Atmosphäre, die den Film fast zur Nebensache macht. Spannend ist dabei, dass diese Kinos trotz der Konkurrenz durch riesige Filmpaläste wie das UFA-Palast oder das SI-Centrum ihren Platz behauptet haben. Das liegt wohl auch an der Sturheit der Stuttgarter, die ihre Institutionen ungern aufgeben. Wenn man sich in die plüschigen Sessel sinken lässt, spürt man das leichte Quietschen der Federn, ein Geräusch, das in Zeiten von ergonomischen Plastikstühlen fast schon exotisch wirkt.

Kurz & Kompakt
  • Historischer Stellenwert: Das Gloria und das Metropol sind denkmalgeschützte Lichtspielhäuser, die das Stadtbild Stuttgarts seit den 1950er Jahren prägen und erfolgreich gegen den Abriss verteidigt wurden.
  • Programmvielfalt: Die Kinos bieten eine Mischung aus aktuellen Blockbustern, anspruchsvollem Arthouse-Kino und Originalfassungen (OmU), was sie zum Treffpunkt für ein diverses Publikum macht.
  • Architektur-Highlight: Besonders das Gloria beeindruckt durch seinen großen Saal mit Balkon und rotem Samtvorhang, der das Flair der goldenen Kinogera bewahrt hat.

Der Kampf um den Erhalt der Lichtspielhäuser

Es war nicht immer ausgemachte Sache, dass wir heute noch in der Bolzstraße Filme schauen können. Vor ein paar Jahren stand es ziemlich spitz auf Knopf um das Metropol. Die Mieten in der Innenstadt fressen alles auf, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, und ein Kino braucht nun mal viel Grundfläche. Dass sich eine Bürgerinitiative und engagierte Kinobetreiber so vehement für den Erhalt eingesetzt haben, zeigt, dass den Leuten hier nicht alles wurst ist. Es gab hitzige Debatten im Rathaus, Unterschriftenlisten lagen in den Bäckereien aus, und am Ende siegte die Vernunft über die reine Profitgier. Jetzt ist das Metropol ein Denkmal, das nicht nur angeschaut, sondern aktiv genutzt wird. Das ist lebendige Denkmalpflege, keine tote Museumskultur.

Die Architektur im Inneren spiegelt den Optimismus der Wirtschaftswunderjahre wider. Alles wirkt ein bisschen eleganter, ein bisschen großzügiger als nötig. Man denke nur an die Treppenaufgänge mit ihren schmalen Handläufen und den filigranen Verzierungen. Wenn du dort stehst, kannst du dir fast vorstellen, wie die Damen früher in Abendkleidern und die Herren mit Hut zur Premiere erschienen sind. Heute kommst du natürlich in Jeans und Sneakern, aber das Gefühl, etwas Besonderes zu machen, bleibt. Es ist eben kein "Content-Konsum", sondern ein Kinobesuch. Oft sitzen neben dir Studenten der Kunstakademie, die über die Kameraführung diskutieren, und ältere Damen, die seit vierzig Jahren jeden Mittwoch kommen. Diese Mischung macht den Charme aus.

Gloria: Wo der Vorhang noch eine Hauptrolle spielt

Im Gloria Kino ist der große Saal das Prunkstück. Wenn das Licht langsam ausgeht und der schwere, rote Samtvorhang zur Seite gleitet, hat das eine fast sakrale Wirkung. Das ist echtes Theater-Feeling. Der Saal ist so konstruiert, dass man von fast jedem Platz eine gute Sicht hat, auch wenn die Beinfreiheit für Menschen über ein Meter neunzig eine kleine Herausforderung darstellt. Aber mal ehrlich, ein bisschen Knieschmerz gehört zum nostalgischen Erlebnis dazu. Die Akustik ist überraschend gut für ein Gebäude dieses Alters. Man hört kein Rascheln aus dem Nachbarsaal, wie das in billig hochgezogenen Multiplexen oft der Fall ist. Hier bist du mit dem Film allein, gefangen in einer Blase aus Licht und Schatten.

Manchmal knarrt der Boden, wenn jemand während der Vorstellung rausgeht, um Nachschub an der Bar zu holen. Das Personal hier ist meistens entspannt, oft sind es junge Leute, die selbst filmbegeistert sind und dir auch mal eine Empfehlung abseits der Blockbuster geben können. Das Programm im Gloria und Metropol ist nämlich eine kluge Mischung. Klar laufen hier auch die großen Hollywood-Produktionen, aber eben auch Arthouse-Perlen, Dokumentationen oder Originalfassungen mit Untertiteln. In Stuttgart ist das Metropol eine der wichtigsten Adressen für Leute, die Filme lieber so hören, wie sie gedreht wurden. Schwäbisch hört man im Foyer natürlich trotzdem genug, keine Sorge.

Das Metropol als kultureller Ankerpunkt

Das Metropol hat sich über die Jahre zu mehr als nur einem Ort für Filme entwickelt. Es ist ein Treffpunkt. Die Lage direkt gegenüber dem Königsbau macht es zum perfekten Startpunkt für einen Abend in der City. Nach dem Film stolpert man direkt wieder ins pralle Leben, kann noch ein Viertele Wein in einer der umliegenden Bars trinken oder über den Schlossplatz schlendern. Besonders schön ist es im Herbst, wenn der Wind die Blätter über das Pflaster treibt und man sich in die Wärme des Kinos flüchten kann. Das Licht im Foyer ist warm und gelblich, es schmeichelt den Gesichtern und lässt den Alltagsstress draußen vor der Glastür.

Ein interessantes Detail im Metropol ist die Gestaltung der Decken und Wände. Man sieht hier Formen, die organisch wirken, fast schon futuristisch für die Zeit ihrer Entstehung. Es ist eine Art von Design, die heute oft als "Retro" kopiert wird, hier ist sie jedoch original und echt. Man muss kein Architektur-Freak sein, um zu merken, dass hier mit Herzblut gebaut wurde. Es gibt keine kalten LED-Leisten, sondern Leuchten, die ein sanftes, fast heimeliges Ambiente schaffen. Wer Glück hat, erwischt eine Vorstellung in einem der kleineren Säle, die fast wie private Wohnzimmer wirken, nur eben mit einer riesigen Leinwand vorne dran.

Praktisches für den Cineasten-Besuch

Wenn du planst, eines dieser Kinos zu besuchen, solltest du ein paar Dinge wissen. Parken in der Stuttgarter Innenstadt ist eine Katastrophe und zudem teuer, also nimm lieber die U-Bahn bis zur Haltestelle Hauptbahnhof oder Stadtmitte. Von dort sind es nur wenige Gehminuten. Die Kartenreservierung online funktioniert zwar tadellos, aber es hat etwas sehr Befriedigendes, die Tickets noch klassisch an der Kasse zu kaufen. Die Preise sind fair und oft einen Tick günstiger als in den großen Ketten. Zudem unterstützt du mit jedem Ticket direkt den Erhalt dieser historischen Stätten. Stuttgart ohne Gloria und Metropol wäre wie Spätzle ohne Soße, einfach eine trockene Angelegenheit.

Noch ein kleiner Tipp am Rande: Schau dir das Programm der Sneak Previews an. Da weißt du vorher nicht, was läuft, aber das Publikum ist meistens super drauf und die Stimmung im Saal ist unschlagbar. Es kann passieren, dass du in einer skandinavischen Tragikomödie landest oder im neuesten Action-Kracher aus den USA. Aber egal was läuft, der Rahmen stimmt einfach. Und falls der Film mal wirklich Grütze sein sollte, kannst du immer noch die Stuckverzierungen an der Decke zählen oder dich an dem historischen Ambiente sattsehen. Das bietet dir kein Netflix-Abend auf der Couch.

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