Frankfurt a.M.

Tiere hautnah: Warum der Frankfurter Zoo eine grüne Oase mitten in der City ist

Wer am Alfred Brehm Platz aus der U Bahn steigt, landet unvermittelt in einer anderen Welt, in der es nach feuchter Erde und Abenteuer riecht. Hier brüllt der Löwe, nicht der Börsenmakler.

Frankfurt a.M.  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Der Frankfurter Zoo ist kein riesiges Areal, das man nur mit Wanderschuhen und Kompass bewältigen könnte. Er ist mit seinen rund elf Hektar fast schon handlich, eingepfercht zwischen Wohnblocks, dem Fritz Rémond Theater und breiten Ausfallstraßen. Genau das macht seinen Charme aus. Es ist diese unvermittelte Dichte an Natur, die einen hier erwartet. Kaum hat man das Kassenhäuschen passiert, dämpft das dichte Blätterdach der alten Bäume den Lärm der Autos zu einem fernen Rauschen ab. Hier riecht es nicht nach Abgasen, sondern nach Laub, feuchtem Boden und, ja, unverkennbar nach Tier.

Es ist ein Ort der Kontraste. Während man den Flamingos dabei zuschaut, wie sie auf einem Bein im Wasser balancieren und ihre rosafarbenen Hälse sortieren, blitzt im Hintergrund die Spitze des Europaturms oder ein Bankenhochhaus durch die Baumwipfel. Das erinnert einen ständig daran, wo man ist, stört aber seltsamerweise gar nicht. Im Gegenteil, es gibt dem Ganzen eine urbane Note, die man in weitläufigen Landschaftszoos oft vermisst. Man muss hier keine Weltreise antreten, um Tiere zu sehen. Die Tiere sind zu den Frankfurtern in die Stadt gekommen.

Kurz & Kompakt
  • Lage und Anreise: Der Zoo liegt im Stadtteil Ostend. Am einfachsten kommt man mit der U Bahn Linie U6 oder U7 hin (Station "Zoo"). Auch die Straßenbahnlinie 14 hält direkt vor der Tür. Parken ist rundherum eher Glückssache oder teuer (Parkhaus), also besser die Öffentlichen nehmen.
  • Beste Besuchszeit: Unter der Woche vormittags ist es am ruhigsten. Wer die Tiere aktiv erleben will, sollte Fütterungszeiten checken, die oft am Eingang ausgehängt sind. Besonders im Grzimek Haus lohnt es sich, die Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen, also nicht durchrennen.
  • Barrierefreiheit: Die meisten Wege sind ebenerdig oder haben Rampen, sodass man mit Kinderwagen oder Rollstuhl gut durchkommt. Nur in manchen älteren Häusern kann es mal eng werden, aber das Personal ist hilfsbereit.
  • Extra Tipp: Das Exotarium hat oft länger auf als die Tierhäuser im Außenbereich. Perfekt, um den Besuch ausklingen zu lassen, wenn es draußen schon dämmert.

Bernhard Grzimeks Erbe

Wer durch diesen Zoo läuft, wandelt unweigerlich auf historischen Pfaden. Man kommt an dem Namen Bernhard Grzimek nicht vorbei. Der Mann mit dem markanten Gesicht und der noch markanteren Stimme, der einer ganzen Generation mit "Ein Platz für Tiere" die Wohnzimmer in Serengeti verwandelt hat, war es, der diesen Ort nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Trümmern holte. Frankfurt war zerbombt, der Zoo praktisch ausgelöscht. Es gab Stimmen, die das Areal lieber als Bauland gesehen hätten. Grzimek hat sich quergestellt. Er hat die Frankfurter mobilisiert, Geld gesammelt und eigenhändig mit angepackt. Diese "Jetzt erst recht" Mentalität spürt man heute noch, wenn man mit älteren Frankfurtern spricht, die den Zoo als ihr Wohnzimmer betrachten.

Natürlich sieht der Zoo heute anders aus als in den Fünfzigern. Die alten Gitterkäfige sind verschwunden, ersetzt durch Scheiben, Gräben und naturnahe Anlagen. Aber der Geist, dass ein Zoo mehr sein muss als eine Tierschau, nämlich ein Zentrum für Naturschutz und Bildung, der weht hier durch jede Allee. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, die weltweit Naturschutzprojekte steuert, hat hier ihren Sitz. Das ist kein Zufall. Wer hier Eintritt zahlt, finanziert indirekt auch den Schutz von Gorillas in Afrika oder Saiga Antilopen in Kasachstan.

Wenn der Tag zur Nacht wird

Eines der absoluten Highlights, und das ist jetzt keines dieser leeren Reiseführerversprechen, ist das Grzimek Haus. Von außen wirkt der Bau aus den Siebzigern vielleicht etwas dunkel und massiv, fast wie ein Bunker, aber drinnen passiert etwas Magisches. Man hat hier den Tag zur Nacht gemacht. Und das ganz wörtlich. Durch eine ausgeklügelte Lichtsteuerung ist es für die Tiere Nacht, wenn wir Besucher wach sind. Man betritt das Haus und muss erst einmal stehenbleiben. Die Augen brauchen ein paar Minuten. Es ist dämmrig, nur schwaches, rötliches oder bläuliches Licht weist den Weg.

Dann fängt es an zu rascheln. In den Gehegen huschen Schatten vorbei. Erdferkel, die man sonst nur schlafend in einer Ecke liegen sieht, sind hier plötzlich geschäftig unterwegs, graben, schnüffeln. Fledermäuse fliegen einem im freien Flugbereich fast durch die Haare. Es ist eine seltsame, fast intime Atmosphäre. Die Besucher flüstern automatisch. Niemand schreit hier herum. Man fühlt sich wie ein Eindringling in eine fremde Welt, aber auf die gute Art. Besonders spannend ist dabei, dass man Verhaltensweisen sieht, die in normalen Zoos verborgen bleiben. Ein Nachtaffe, der mit großen Augen durch das Geäst springt, ist einfach eindrucksvoller als ein Fellbündel in einer Schlafbox.

Dschungelfeeling am Main

Ein paar Schritte weiter wird es laut und tropisch. Der Borgori Wald ist eines der neueren Projekte und zeigt, wohin sich moderne Zoos entwickeln. Es ist eine riesige Halle für Menschenaffen, aber der Begriff Halle wird dem nicht gerecht. Es ist eher ein überdachtes Stück Urwald. Die Luft ist warm und feucht, sofort beschlägt die Brille, wenn man im Winter reinkommt. Hier leben Gorillas, Bonobos und Orang Utans. Was auffällt: Es gibt kaum Gitter. Man steht hinter dicken Glasscheiben oder blickt über Gräben auf die Tiere.

Es lohnt sich, hier Zeit mitzubringen. Nicht nur kurz gucken und weiter. Setz dich auf eine der Bänke. Die sozialen Interaktionen der Bonobos sind besser als jede Vorabendserie. Da wird gestritten, sich versöhnt, Fell gepflegt und der Nachwuchs zurechtgewiesen. Manchmal kommt einer der Menschenaffen direkt an die Scheibe, drückt die Hand oder die Stirn dagegen und schaut zurück. In diesen Momenten verschwimmt die Grenze. Wer beobachtet hier eigentlich wen? Die Anlage ist so strukturiert, dass die Tiere sich zurückziehen können, wenn sie keine Lust auf Publikum haben. Das ist gut für die Tiere, erfordert aber vom Besucher manchmal etwas Geduld. Aber Geduld ist eh eine Tugend, die man in Frankfurt öfter mal brauchen kann.

Schuppen, Panzer und Krokodile

Wer es weniger plüschig mag, geht ins Exotarium. Das Gebäude steht unter Denkmalschutz und hat diese gewisse Aura der fünfziger Jahre Architektur, aber technisch ist es auf der Höhe der Zeit. Unten, im Erdgeschoss, stehen die Pinguine und die großen Aquarien. Hier kann man Fischen zusehen, die so bunt sind, dass sie fast unecht wirken. Kinder drücken sich die Nasen an den Scheiben platt, wenn ein Hai seine Runden dreht.

Doch der eigentliche Hammer wartet im ersten Stock. Man läuft eine Rampe hoch und steht plötzlich in einer Klimazone, die einen sofort schwitzen lässt. Die Krokodilhalle. Hier liegen Leistenkrokodile und Sunda Gaviale wie Baumstämme im Wasser oder auf dem Landteil. Manchmal bewegt sich minutenlang nichts, nur ein Augenlid zuckt. Und dann, mit einer explosiven Bewegung, schnappt einer zu oder rutscht ins Wasser. Nebenan züngeln Schlangen, krabbeln Spinnen und hüpfen Frösche in allen Farben des Regenbogens. Das Exotarium ist perfekt für Regentage, denn hier kann man locker zwei Stunden verbringen, ohne nass zu werden, es sei denn, man steht zu nah am Pinguinbecken, wenn die gefüttert werden.

Ukumari Land und die Sache mit den Bären

Ziemlich neu im Portfolio ist das Ukumari Land. Der Name klingt exotisch, und die Anlage ist es auch. Sie ist den Nebelwäldern Südamerikas nachempfunden. Hier wohnen die Brillenbären. Früher lebten Bären im Frankfurter Zoo oft auf Betonfelsen, das war damals Standard, wirkt heute aber trostlos. Das neue Areal ist eine zerklüftete Landschaft mit Klettermöglichkeiten, Höhlen und viel Grün. Der Weg für die Besucher führt quasi durch eine Schlucht. Das ist clever gemacht, denn so sieht man die Tiere oft auf Augenhöhe oder sogar über sich klettern. Neben den Bären wohnen hier auch Brüllaffen und Waldhunde. Wenn die Brüllaffen loslegen, hört man das bis zur U Bahn Station. Ein Sound, der so gar nicht zur Straßenbahn passt, die draußen vorbei bimmelt.

Essen, Trinken und Pausieren

Irgendwann tun die Füße weh, auch wenn der Zoo kompakt ist. Die Gastronomie im Zoo ist solide, kein Sterneessen, aber essbar. Es gibt die klassischen Pommes für die Kinder, aber auch vernünftigen Kaffee. Wer es etwas gediegener mag, geht in das Restaurant am Zoo direkt neben dem Eingang, das auch von außen zugänglich ist. Viele Frankfurter bringen sich aber auch einfach selbst was mit. Es gibt genug Bänke und Ecken, wo man sein Butterbrot auspacken kann, ohne schief angeschaut zu werden. Nur füttern sollte man die Tiere damit auf keinen Fall. Das steht überall, und die Tierpfleger verstehen da auch absolut keinen Spaß. Zurecht.

Es fällt auf, dass der Zoo sehr sauber ist. Kein Müll liegt rum, die Wege sind gepflegt. Das Publikum ist eine bunte Mischung. Junge Familien mit Kinderwagen, die wie kleine Panzer durch die Wege geschoben werden, Rentnerpärchen, die ihre Jahreskarte spazieren führen, und Touristen, die versuchen, den besten Fotowinkel für das Löwenbild zu finden. Es geht friedlich zu. Hektik bleibt draußen vor dem Tor.

Warum sich der Besuch lohnt

Der Frankfurter Zoo ist vielleicht nicht der größte in Deutschland. Er hat nicht die gigantischen Flächen wie Berlin oder die futuristischen Domes wie Leipzig. Aber er hat Herz. Er ist ein Stück Frankfurter Geschichte und Identität. Man spürt, dass dieser Ort von den Bürgern gewollt ist. Er bietet eine Flucht aus dem Alltag, die so einfach zu erreichen ist, dass man sie auch mal für zwei, drei Stunden am Sonntagnachmittag einschieben kann.

Zudem lernt man was. Die Informationstafeln sind gut gemacht, nicht zu viel Text, aber genug Fakten, um beim nächsten Kneipenquiz mit Wissen über die Tragzeit von Okapis zu glänzen. Wer Frankfurt wirklich verstehen will, muss einmal hier gewesen sein. Zwischen Grzimek Haus und Katzendschungel schlägt ein Teil des Herzens dieser Stadt, der oft übersehen wird, wenn man nur auf die Bankentürme starrt.

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