Frankfurt a.M.

Frankfurts kultigste Straßenbahn: Eine Fahrt mit dem Ebbelwei-Expreß

In Frankfurt steigst du in eine psychedelisch bemalte Straßenbahn, bekommst eine Brezel in die Hand gedrückt und ruckelst gut gelaunt am Bankenviertel vorbei. Das ist kein gewöhnlicher Transport, sondern hessischer Kulturunterricht aus der Flasche.

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Zwischenablage

Wenn man an einem grauen Winternachmittag oder in der flirrenden Hitze des Hochsommers an der Haltestelle Zoo steht, fällt dieses Gefährt sofort auf. Zwischen den modernen, stromlinienförmigen Niederflurbahnen, die leise surrend durch die Stadt gleiten, wirkt der Ebbelwei-Expreß wie ein bunter Fremdkörper, der aus der Zeit gefallen ist. Er ist laut. Er ist grell. Und er ist, wenn man ehrlich ist, ein wenig unvernünftig in einer Stadt, die sich sonst so gerne effizient und poliert gibt. Genau das macht den Reiz aus. Seit 1977 rumpelt diese Straßenbahn nun schon durch Frankfurt am Main. Ursprünglich war das Ganze als kurzfristige Aktion gedacht, um die neuen U-Bahn-Strecken der Stadt bekannter zu machen und den Leuten den öffentlichen Nahverkehr schmackhaft zu reden. Die Frankfurter, die für ihre Sturheit bekannt sind, haben den Wagen aber so sehr ins Herz geschlossen, dass er einfach nie wieder aufhörte zu fahren.

Es handelt sich technisch gesehen um den K-Wagen. Das ist ein Stück Ingenieurskunst aus der Nachkriegszeit, gebaut in den frühen Fünfzigern. Wer hier einsteigt, lässt den Komfort von Klimaanlage und Luftfederung am Bahnsteig zurück. Die Türen öffnen sich nicht automatisch mit einem sanften Zischen, sondern werden oft noch händisch aufgeschoben oder klappen mit einem mechanischen Scheppern auf. Schon beim Einsteigen merkt man den Höhenunterschied. Man klettert die Stufen hinauf, hinein in den Bauch der Bestie, die von außen mit Motiven beklebt ist, die an einen LSD-Trip eines Heimatvereins erinnern. Da sind Bembel, Gläser und tanzende Figuren zu sehen. Subtil ist anders.

Kurz & Kompakt
  • Fahrplan & Tickets: Die Bahn fährt nur an Wochenenden und Feiertagen. Tickets gibt es nicht am Automaten, sondern ausschließlich beim Schaffner an Bord. Bargeld bereithalten ist also Pflicht.
  • Die Route: Es handelt sich um einen Rundkurs. Einstieg ist an jeder Haltestelle möglich (gekennzeichnet durch bunte Säulen-Schilder), aber Zoo oder Römer eignen sich am besten als Startpunkt. Eine Runde dauert ca. eine Stunde.
  • Verpflegung: Im Fahrpreis ist eine Flasche Apfelwein (oder Saft/Wasser) und eine Tüte Brezeln enthalten. Weitere Getränke können nachgekauft werden. Eigene Verpflegung ist eher ungern gesehen.

Der Geruch von Hefe und sauren Äpfeln

Kaum hat man Platz genommen, umfängt einen dieser ganz spezielle Geruch. Es ist eine Mischung aus altem Polsterstaub, Bodenwachs, dem hefigen Duft von Laugengebäck und der säuerlichen Note von Apfelwein. Die Sitze sind meist einfache Holzbänke oder spartanisch gepolsterte Schalen, an denen kleine Tische befestigt sind. Bequemlichkeit wird hier klein geschrieben, aber darum geht es auch gar nicht. Es geht um das "Zusammenrücken". Das ist wörtlich zu nehmen. Wenn die Bahn voll ist, und das ist sie an Wochenenden fast immer, sitzt man Schulter an Schulter mit wildfremden Menschen. Manchmal sind es Touristen aus Japan, die höflich lächelnd an ihrer Brezel nagen, manchmal ist es ein Kegelclub aus dem Umland, der schon an der zweiten Runde arbeitet.

Der Schaffner kommt. Er trägt Uniform und meistens einen Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen strenger Autorität und hessischer Gemütlichkeit schwankt. Fahrkartenautomaten gibt es hier nicht. Man bezahlt bar beim Personal. Im Preis inbegriffen ist immer eine Flasche Apfelwein (oder Apfelsaft für die Vernünftigen) und eine Tüte Salzbrezeln. Das Prozedere hat etwas herrlich Analoges. Man kramt nach Kleingeld, der Schaffner reißt die Karte vom Block, und kurz darauf steht die grüne Flasche auf dem wackeligen Tischchen vor dir. Es ist fast unmöglich, die Flasche während der Fahrt nicht festzuhalten. Die Federung der alten K-Wagen ist nämlich legendär hart. Jede Weiche, jede Unebenheit im Asphalt überträgt sich direkt in die Wirbelsäule und damit auch in den Arm, der das Getränk hält. Wer nicht aufpasst, hat den halben Schoppen auf der Hose.

Das "Stöffche" und die Musik

Reden wir über das Getränk. Apfelwein, oder wie der Frankfurter sagt: Ebbelwei, ist kein Cider. Wer süßes, sprudelndes Zuckerwasser erwartet, wird sein blaues Wunder erleben. Echter Frankfurter Apfelwein ist durchgegoren, hat kaum Kohlensäure und schmeckt herb, fast schon sauer. "Stöffche" nennt der Einheimische das liebevoll. Für Ersttäter kann der erste Schluck eine Überwindung sein. Er zieht die Wangen zusammen. Aber spätestens nach der halben Flasche und im Takt des Ruckelns fängt man an, den Geschmack zu verstehen. Er ist ehrlich. Er ist bodenständig. Er passt zu dieser Stadt, die oft schroffer wirkt, als sie eigentlich ist.

Begleitet wird das Trinken von einer Geräuschkulisse, die man mögen muss. Neben dem Quietschen der Räder in den Kurven – und die Frankfurter Straßenbahnkurven sind eng – dröhnt Musik aus den Lautsprechern. Es ist keine Fahrstuhlmusik. Es ist Schlager, es sind hessische Mundartlieder. "Die Runkelroiweroppmaschin" oder das unvermeidliche Lied über die "Fraa Rauscher aus der Klappergass". Manchmal singen die Leute mit. Manchmal verdrehen sie die Augen. Aber irgendwie gehört es dazu. Es ist laut, es ist ein bisschen chaotisch, und die Akustik in dem alten Blechkasten ist katastrophal scheppernd. Man muss sich fast anschreien, um ein Gespräch zu führen, was die Stimmung paradoxerweise eher anheizt als dämpft.

Eine Stadtrundfahrt der anderen Art

Die Route ist ein großer Kreis, der an vielen Sehenswürdigkeiten vorbeiführt, aber man sieht sie aus einer anderen Perspektive. Wenn die Bahn sich durch die Altstadt-Strecke in der Braubachstraße quetscht, hat man das Gefühl, man könnte die Fassaden des Römers berühren. Hier gehen die Fußgänger oft achtlos an den modernen Bahnen vorbei, aber beim Ebbelwei-Expreß bleiben sie stehen. Sie zücken die Handys, sie winken. Man fühlt sich drinnen ein bisschen wie ein Zootier auf Ausgang, aber man winkt zurück. Das gehört zum Spiel. Mit dem Glas in der Hand prostet man den Passanten zu, die draußen im Regen stehen oder in der Sonne schwitzen.

Interessant wird der Kontrast, wenn die Bahn den Willy-Brandt-Platz passiert und ins Bankenviertel einfährt. Man schaut aus den kleinen, oft etwas beschlagenen Fenstern der 50er-Jahre-Bahn hinauf zu den glitzernden Fassaden von Eurotower und Commerzbank-Tower. Unten das rumpelnde Relikt aus der Nachkriegszeit, oben das globale Finanzkapital. Dieser Bruch ist typisch für Frankfurt. Nichts passt hier wirklich zusammen, und doch funktioniert es irgendwie. Die Bahn biegt dann oft in Richtung Hauptbahnhof ab, fährt durch die Münchener Straße. Hier ist Frankfurt am dreckigsten und am lebendigsten zugleich. Dönerbuden, Spielhallen, Menschen aus aller Herren Länder auf den Gehsteigen. Aus der sicheren Distanz der Straßenbahn wirkt das Gewusel wie ein Wimmelbild.

Technische Nostalgie und harte Realität

Für Technik-Nerds ist die Fahrt ein Fest. Man kann dem Fahrer oft über die Schulter schauen. Da gibt es keine Touchscreens. Da wird noch mit Kurbel und Hebel gearbeitet. Der Fahrer muss arbeiten. Er muss vorausschauend bremsen, denn die alten Bremsen greifen anders als moderne Magnetschienenbremsen. Das Rucken beim Anfahren, das man als Fahrgast spürt, ist pure Mechanik. Die Motoren heulen auf, ein Geräusch, das man in modernen E-Bussen vergeblich sucht. Es riecht manchmal ein bisschen nach heißem Metall und Schmierfett, wenn die Bahn an der Messe vorbei zum Festhallen-Kreisel fährt.

Man muss allerdings auch sagen: Eine Fahrt im Hochsommer ist eine physische Herausforderung. Eine Klimaanlage gibt es nicht. Die kleinen Klappfenster lassen nur einen Hauch von Luft herein, der meistens heißer ist als die Luft drinnen. Man klebt auf der Bank, der Apfelwein wird schnell warm, und die Luft ist zum Schneiden dick. Aber komischerweise beschwert sich kaum jemand. Die Hitze, der Lärm, das Geschunkel – das schweißt die Fahrgäste zusammen. Man lacht über das Ungemach. "Is halt so", sagt man dann pragmatisch.

Mehr als nur Tourismus

Man könnte meinen, der Ebbelwei-Expreß sei eine reine Touristenfalle. Klar, er steht in jedem Reiseführer ganz oben. Aber wenn man genau hinhört, hört man oft genug tiefstes Hessisch im Wagen. Viele Einheimische nutzen die Bahn für Geburtstage, Junggesellenabschiede oder einfach, um Besuchern ihre Stadt zu zeigen, ohne viel laufen zu müssen. Es ist ein rollendes Wohnzimmer. Man darf hier Dinge tun, die in der normalen Linie 11 streng verboten sind: Essen, Trinken, Lautsein. Es ist ein Freiraum auf Schienen.

Nach etwa einer Stunde kommt man wieder am Zoo oder am Römer an, je nachdem, wo man zugestiegen ist. Das Aussteigen fällt oft schwerer als das Einsteigen. Nicht nur wegen des Alkohols, sondern weil man sich an das Ruckeln gewöhnt hat. Der feste Boden unter den Füßen wirkt plötzlich seltsam statisch. Man hat ein leichtes Summen im Ohr, die Melodie von "Schenkt nochmal ein" im Kopf und den Geschmack von Äpfeln auf der Zunge. Man hat Frankfurt nicht nur gesehen, man hat es gespürt. Jedes Schlagloch und jede Kurve.

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