Leipzig

Südfriedhof: Gesamtkunstwerk aus Architektur, Skulptur und Parklandschaft

Marmorne Engel bewachen prunkvolle Familiengrüfte unter uralten Baumkronen. Hier trifft monumentale Architektur auf die Ruhe eines weitläufigen Landschaftsparks.

Leipzig  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Wer durch das monumentale Torhaus tritt, lässt den Trubel der Stadt und die nahegelegene Prager Straße sofort hinter sich. Es riecht nach feuchter Erde, alten Nadelbäumen und ein bisschen nach Weihrauch, wenn gerade eine Trauerfeier in der Kapellenanlage stattfindet. Der Südfriedhof in Leipzig zählt mit seinen rund 78 Hektar zu den größten und vor allem schönsten Friedhofsanlagen in ganz Europa. Das ist kein hohles Lob, sondern das Ergebnis einer klugen Planung aus dem späten 19. Jahrhundert. Damals platzte die Stadt aus allen Nähten, und die alten Kirchhöfe reichten hinten und vorne nicht mehr aus. Stadtbaurat Otto Wilhelm Scharenberg und der Gartenbauingenieur Otto Wittenberg hatten eine Vision, die über das bloße Verbuddeln von Särgen hinausging. Sie wollten ein Gesamtkunstwerk schaffen, das Architektur, Bildhauerei und Gartenkunst vereint. Wenn du hier spazieren gehst, merkst du schnell, dass das kein gewöhnlicher Friedhof ist. Die Wege sind geschwungen, es gibt Sichtachsen, die geschickt gesetzt sind, und die Bepflanzung wirkt fast wie in einem botanischen Garten.

Besonders im Frühjahr, wenn die Rhododendren blühen, verwandelt sich das Gelände in ein wahres Farbenmeer. Über 10.000 dieser Sträucher wurden hier im Laufe der Jahrzehnte gepflanzt. Das satte Violett und Pink der Blüten bildet einen fast schon surrealen Kontrast zu den grauen und schwarzen Grabsteinen. Es ist diese Mischung aus Parkcharakter und Grabstätte, die den Reiz ausmacht. Die Einheimischen nutzen den Friedhof ganz selbstverständlich als Naherholungsgebiet. Man sieht Leute mit dem Skizzenblock auf Parkbänken sitzen oder ältere Damen, die sich über die neuesten Gerüchte austauschen, während sie die Gräber ihrer Gatten pflegen. Dass der Südfriedhof direkt neben dem Völkerschlachtdenkmal liegt, ist übrigens kein Zufall. Die monumentale Silhouette des "Völki" ragt immer wieder zwischen den Bäumen auf und erinnert daran, dass Tod und Heldentum in Leipzig oft nah beieinander liegen.

Kurz & Kompakt
  • Anfahrt und Lage: Der Südfriedhof liegt im Stadtteil Probstheida, direkt gegenüber dem Völkerschlachtdenkmal. Am besten erreichst du ihn mit den Straßenbahnlinien 2 oder 15 (Haltestelle Völkerschlachtdenkmal oder Meusdorf). Parkplätze gibt es zwar, aber die sind oft von Touristen belegt, die zum Denkmal wollen.
  • Highlights: Die monumentale Kapellenanlage mit dem 63 Meter hohen Glockenturm, das Grabmal der Familie Baedeker und die riesigen Rhododendrenbestände, die besonders im Mai eine Wucht sind.
  • Öffnungszeiten: Der Friedhof ist in der Regel ab 8:00 Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit zugänglich. Im Sommer bedeutet das meist bis 21:00 Uhr, im Winter ist oft schon um 16:00 oder 17:00 Uhr Schicht im Schacht. Der Eintritt ist frei.

Monumentalität in Stein: Die Kapellenanlage

Das Herzstück des Friedhofs ist zweifellos der Kapellenkomplex mit dem Krematorium und dem imposanten Glockenturm. Wer davorsteht, denkt vermutlich eher an ein mittelalterliches Kloster in der Toskana als an sächsische Friedhofsarchitektur. Scharenberg hat sich hier kräftig bei der romanischen Architektur von Kloster Maria Laach bedient. Die Anlage ist wuchtig, fast schon einschüchternd, aber gleichzeitig von einer zeitlosen Eleganz. Der 63 Meter hohe Glockenturm dient als Orientierungspunkt im weiten Wegenetz. Wenn die Glocken läuten, hat das einen tiefen, sonoren Klang, der durch die Alleen hallt und einem kurz eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Es ist ein Ort, der zur Demut mahnt, ohne dabei kitschig zu wirken. Drinnen in der Hauptkapelle wird es dann richtig prunkvoll. Goldmosaike und dunkles Holz dominieren den Raum. Es ist beeindruckend, wie viel Mühe man sich damals gegeben hat, um den Abschied vom Leben ästhetisch zu rahmen.

Spannend ist dabei, dass das Krematorium bei seiner Eröffnung im Jahr 1910 eines der modernsten in Deutschland war. Damals war die Feuerbestattung noch ein ziemliches Streitthema zwischen Progressiven und der Kirche. In Leipzig gab man sich modern, und so wurde die Anlage zu einem Vorzeigeprojekt. Heute wirkt die Technik von damals natürlich wie aus der Zeit gefallen, aber die architektonische Hülle hat nichts von ihrer Kraft verloren. Die dunklen Kreuzgänge rund um den Innenhof laden dazu ein, sich ein bisschen zu gruseln oder einfach die kühle Luft zu genießen, wenn draußen der Asphalt in der Hitze flimmert. Man kann dort wunderbar die Details der Kapitelle studieren oder die Inschriften an den Wänden lesen, die oft von Hoffnung und ewigem Licht künden. Es ist ein bisschen so, als würde man durch ein begehbares Geschichtsbuch wandeln, bei dem jede Ecke eine neue Entdeckung bereithält.

Ein Who-is-Who der Leipziger Gesellschaft

Wenn man wissen will, wer im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Leipzig Rang und Namen hatte, muss man nur die Hauptwege des Südfriedhofs abwandern. Hier liegen sie alle: die Verlegerkönige, die Pelzhändler, die Architekten und die Professoren der traditionsreichen Universität. Die Gräber spiegeln den enormen Reichtum wider, den Leipzig als Handelsmetropole und Buchstadt einst angehäuft hatte. Da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Familiengrüfte, die so groß sind wie eine kleine Stadtwohnung, sind keine Seltenheit. Besonders auffällig ist das Grab der Familie Baedeker. Ja, genau die mit den Reiseführern. Das Grabmal ist schlicht, aber würdevoll und ein Muss für jeden, der selbst mit einem Guide in der Hand unterwegs ist. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass der Mann, der den Leuten erklärte, wie sie die Welt sehen sollen, nun an so einem ruhigen Fleckchen seine letzte Ruhe gefunden hat.

Ein weiteres Highlight ist die Grabstätte der Verlegerfamilie Reclam. Der Name steht bis heute für die gelben Universal-Bibliothek-Heftchen, die wohl jeder Schüler schon mal verflucht hat. Auch hier zeigt sich die bürgerliche Bescheidenheit gepaart mit einem feinen Sinn für Ästhetik. Man muss aber nicht nur nach den berühmten Namen suchen. Oft sind es die namenlosen Gräber oder die Skulpturen von unbekannten Künstlern, die einen innehalten lassen. Da gibt es trauernde Frauenfiguren aus Marmor, die so lebensecht wirken, dass man fast darauf wartet, dass sie sich eine Träne aus dem Gesicht wischen. Oder kleine Engel, denen im Laufe der Jahrzehnte die Nase abgebröckelt ist, was ihnen einen ganz eigenen, morbiden Charme verleiht. Es lohnt sich, auch mal in die kleineren Nebenwege einzubiegen, wo das Moos die Inschriften langsam verschlingt. Dort ist der Friedhof am authentischsten, fernab der gepflegten Vorzeigeareale.

Symbolik und Bildhauerei

Die Grabkunst auf dem Südfriedhof ist ein Eldorado für Symbolforscher und Ästheten. Überall finden sich Motive, die vom Glauben, der Hoffnung oder schlicht vom Status der Verstorbenen erzählen. Man sieht häufig die gesenkte Fackel, ein antikes Symbol für das erloschene Leben. Oder den Ouroboros, die Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt und für die Unendlichkeit steht. Viele der Skulpturen stammen von namhaften Bildhauern wie Max Klinger, der in Leipzig ein regelrechter Star war. Sein Einfluss ist an vielen Stellen spürbar, selbst wenn er das Grabmal nicht persönlich gemeißelt hat. Der Jugendstil hat hier deutliche Spuren hinterlassen. Die fließenden Formen, die floralen Ornamente und die typische Typografie der Jahrhundertwende finden sich an unzähligen Grabsteinen. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Mode im Laufe der Jahrzehnte gewandelt hat, vom strengen Klassizismus über den verspielten Jugendstil bis hin zur sachlichen Moderne der 1920er Jahre.

Ein bisschen skurril wird es manchmal auch. Manche Grabmale wirken wie kleine Tempel oder ägyptische Pyramiden. Das war damals eben schick, man wollte zeigen, dass man weit gereist und gebildet war. Manchmal stolpert man auch über Symbole, die man heute erst mal googeln muss, wie etwa freimaurerische Zirkel oder seltsame Zunftwappen. Es ist ratsam, sich Zeit zu nehmen und genau hinzuschauen. Die Qualität der Steinmetzarbeiten ist oft atemberaubend. Wenn man bedenkt, dass das alles von Hand mit Meißel und Hammer aus dem harten Stein geschlagen wurde, bekommt man Respekt vor dem Handwerk der alten Schule. Heute werden Grabsteine oft nur noch maschinell gefertigt, aber hier auf dem Südfriedhof sieht man noch die individuelle Handschrift der Meister. Es ist ein bisschen wie in einer Galerie, nur dass man keinen Eintritt zahlt und keine Aufsichtspersonen einen ermahnen, den Objekten nicht zu nahe zu kommen.

Natur pur: Ein Refugium für Tiere

Was viele Besucher unterschätzen, ist der ökologische Wert des Südfriedhofs. Durch die riesigen alten Baumbestände und die dichten Hecken ist das Areal ein wichtiger Rückzugsort für viele Tierarten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass einem plötzlich ein Reh über den Weg läuft. Die Tiere haben hier kaum Angst vor Menschen, sie wissen wohl, dass ihnen zwischen den Toten keine Gefahr droht. Auch für Vogelbeobachter ist der Friedhof ein Paradies. Das Gezwitscher ist im Frühling so laut, dass es fast den Verkehrslärm der Stadt übertönt. Man hört den Specht klopfen, sieht Eichelhäher vorbeiflitzen und mit etwas Glück entdeckt man in der Dämmerung sogar eine Eule, die lautlos über die Gräber segelt. Die alten Eiben, Linden und Platanen bieten ideale Nistplätze.

Die Friedhofsverwaltung legt viel Wert darauf, diesen Naturraum zu erhalten. Es wird nicht alles penibel kurz gemäht, an vielen Stellen lässt man der Natur ihren Lauf. Das führt dazu, dass im Sommer Wildblumen zwischen den Gräbern blühen und Bienen sowie Hummeln im Tiefflug unterwegs sind. Dieser ökologische Aspekt macht den Südfriedhof zu einer grünen Lunge für den Leipziger Osten. Man kann hier wunderbar tief durchatmen, die Luft ist spürbar kühler und frischer als in der Innenstadt. Es ist ein Ort der Entschleunigung. Man geht automatisch langsamer, spricht leiser und achtet mehr auf die kleinen Dinge am Wegesrand, wie einen schillernden Käfer auf einem Grabstein oder das Spiel von Licht und Schatten auf dem Waldboden. Ein Spaziergang hier ist wie eine kleine Kur für die Seele, ganz ohne Rezept.

Praktisches und Kurioses für den Besuch

Wenn du den Südfriedhof besuchen willst, solltest du dir mindestens zwei bis drei Stunden Zeit nehmen. Das Gelände ist wirklich weitläufig, und man verläuft sich leichter, als man denkt. Es gibt zwar Übersichtspläne an den Eingängen, aber die Orientierung fällt zwischen den vielen ähnlichen Alleen manchmal schwer. Ein guter Startpunkt ist der Osteingang am Völkerschlachtdenkmal oder der Haupteingang am Friedhofsweg. Wer sich für die prominenten Gräber interessiert, kann sich im Infopunkt am Haupteingang eine Broschüre holen, in der die wichtigsten Ruhestätten markiert sind. Es gibt auch regelmäßige Führungen, die oft sehr unterhaltsam sind und Anekdoten aus dem Nähkästchen der Stadtgeschichte bieten. Da erfährt man dann zum Beispiel, wer mit wem eine Fehde hatte oder welche Leiche eigentlich gar nicht in ihrem Grab liegt.

Ein kleiner Geheimtipp ist der Besuch am späten Nachmittag, wenn die tiefstehende Sonne die Grabmale in ein warmes, goldenes Licht taucht. Dann wirken die Engel noch ein bisschen lebendiger und die Stimmung ist besonders friedlich. Fotografen kommen hier voll auf ihre Kosten, die Motive gehen einem sicher nicht aus. Achte aber darauf, dass du respektvoll bleibst. Auch wenn der Friedhof ein Park ist, finden hier täglich Bestattungen statt. Es gehört sich einfach nicht, mit der Kamera direkt in eine Trauergesellschaft hineinzuhalten oder lautstark zu telefonieren. Der Südfriedhof ist ein Ort des Übergangs, und das sollte man beim Begehen spüren. Am Ende deines Rundgangs kannst du den Besuch in einem der kleinen Cafés in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals ausklingen lassen. Dort kann man bei einem Stück Leipziger Lerchen die Eindrücke sacken lassen und feststellen, dass ein Friedhofsbesuch alles andere als deprimierend sein muss.

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