Leipzig

Panometer Leipzig: Gigantische 360-Grad-Welten in historischen Gasometern

Ein grauer Koloss aus Backstein verbirgt im Inneren Welten, die den Verstand kurzzeitig austricksen. Wer das Panometer betritt, verlässt den Leipziger Alltag und landet mitten im Regenwald oder in der Tiefe des Ozeans.

Leipzig  |  Kultur & Unterhaltung
Lesezeit: ca. 9 Min.
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Zwischenablage

In der Richard-Lehmann-Straße steht ein Gebäude, das man so heute kaum noch bauen würde. Es ist ein ehemaliger Gasometer, der Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, um die Stadt mit Leuchtkraft zu versorgen. Heute brennt dort kein Gas mehr, aber das Licht spielt immer noch die Hauptrolle. Der Architekt Hugo Licht hat dieses Bauwerk so solide hingestellt, dass es selbst Jahrzehnte des Verfalls und einen harten Strukturwandel überstanden hat. Wer davorsteht, spürt die Wucht der Industriearchitektur. Es riecht nach altem Mauerwerk und kühler Luft, sobald man durch den Eingangsbereich tritt. Das Gebäude wirkt von außen fast trutzig, ein runder Festungsbau aus dunklen Ziegeln, der neugierige Blicke erst einmal abwehrt.

Spannend ist an diesem Ort vor allem die Transformation. Wo früher Arbeiter Ventile drehten und Kohlegas gespeichert wurde, blickt man heute auf die größte Leinwand der Stadt. Der Künstler Yadegar Asisi hatte die Vision, die klassische Tradition der Panoramabilder aus dem 19. Jahrhundert wiederzubeleben. Damals war das die einzige Möglichkeit für die Menschen, ferne Orte oder historische Ereignisse fast lebensgroß zu sehen, quasi das Netflix der Kaiserzeit. In Leipzig hat diese Idee ein dauerhaftes Zuhause gefunden. Man tritt durch eine Schleuse und plötzlich weitet sich der Raum auf eine Weise, die einen im ersten Moment fast schwindlig macht. Die Akustik im Inneren ist eigenwillig, jedes Flüstern scheint an den Wänden entlangzuwandern, was die Atmosphäre zusätzlich auflädt.

Kurz & Kompakt
  • Location & Flair: Ein historischer Gasometer aus dem Jahr 1909 im Stadtteil Connewitz. Industrie-Charme trifft auf immersive Kunst. Unbedingt einen Pulli einpacken, da es in den dicken Mauern dauerhaft kühl ist.
  • Das Erlebnis: 360-Grad-Rundbilder von Yadegar Asisi auf rund 3.500 Quadratmetern Fläche. Inklusive 15 Meter hohem Besucherturm für den perfekten Überblick und wechselnden Themen-Ausstellungen.
  • Anreise: Am besten mit der Tram-Linie 9 bis zur Haltestelle "Richard-Lehmann-Straße/Zwickauer Straße". Parkplätze sind vorhanden, aber die Anbindung an den ÖPNV ist top.
  • Zeitaufwand: Plane mindestens 1,5 bis 2 Stunden ein. Wer die Details im Bild und die Begleitausstellung wirklich genießen will, sollte nicht hetzen.

Die Magie der 360-Grad-Perspektive

Das Herzstück ist das Rundbild selbst. Es ist etwa 32 Meter hoch und hat einen Umfang von über 100 Metern. Man steht nicht davor, man steht mittendrin. Das Bild ist auf Stoffbahnen gedruckt, aber durch die geschickte Beleuchtung und die Geräuschkulisse vergisst man schnell, dass man auf bedrucktes Textil starrt. Da rauscht im Hintergrund ein Wasserfall oder man hört das ferne Echo von Glocken, je nachdem, welches Thema gerade dran ist. Mal ist es das antike Rom im Jahr 312, mal die Titanic auf dem Meeresgrund oder die Völkerschlacht bei Leipzig. Asisi mischt Fotografie, Malerei und digitale Nachbearbeitung zu einem hyperrealistischen Ganzen. Wenn man ganz nah an die Leinwand herangeht, erkennt man die einzelnen Pinselstriche und Pixel, aber aus der Distanz der Besucherplattform setzt sich alles zu einer perfekten Illusion zusammen.

In der Mitte des Raumes ragt ein mehrstöckiger Besucherturm auf. Man sollte unbedingt bis ganz nach oben steigen, auch wenn die Waden danach ein bisschen zwicken. Von der obersten Plattform aus hat man den besten Überblick und die Perspektive verändert sich gewaltig. Während man unten fast das Gefühl hat, Teil der Szenerie zu sein, wirkt man von oben wie ein Gott, der auf eine kleine Welt herabblickt. Es ist faszinierend zu beobachten, wie andere Besucher als kleine Silhouetten vor dem gigantischen Panorama herumlaufen. Das rückt die eigenen Proportionen erst mal ordentlich zurecht. Manchmal erwischt man sich dabei, wie man minutenlang nur auf ein winziges Detail starrt, etwa eine Katze auf einem Fenstersims im antiken Rom oder eine kleine Pflanze am Rande des Amazonas.

Mehr als nur ein großes Bild

Bevor man in das eigentliche Panorama tritt, durchläuft man eine begleitende Ausstellung. Das ist kein Beiwerk, sondern wichtig, um das Thema zu verdauen. Hier werden Skizzen gezeigt, Hintergründe erläutert und oft auch die Arbeitsweise von Asisi und seinem Team erklärt. Man lernt, wie viel Recherche in so einem Projekt steckt. Für die Darstellung des Mount Everest wurden zum Beispiel Tausende Fotos vor Ort gemacht, um die Lichtverhältnisse exakt einzufangen. Diese Vorbereitungsphase dauert oft Jahre. Es ist eben kein schnelles Plakat, das da an die Wand geklatscht wurde. Die Ausstellungsstücke riechen oft noch nach frischer Farbe oder Holz, was dem Ganzen eine handwerkliche Note gibt. Es ist kein steriles Museum, sondern ein Ort, an dem man die Arbeit spürt.

Interessant ist dabei, dass die Themen regelmäßig wechseln. Wer vor drei Jahren da war, findet heute wahrscheinlich eine völlig neue Welt vor. Das sorgt dafür, dass auch Einheimische immer wieder gerne vorbeischauen. Man trifft hier auf eine bunte Mischung aus Touristen mit Kameras, Schulklassen, die durch die Gänge wuseln, und älteren Ehepaaren, die andächtig auf den Bänken sitzen. Es ist ein Ort der Entschleunigung, auch wenn das Wort mittlerweile ein bisschen abgedroschen klingt. Im Panometer hat man gar keine andere Wahl, als langsam zu machen. Das Auge braucht Zeit, um die schiere Informationsflut des Bildes zu verarbeiten. Man setzt sich hin, lässt den Blick schweifen und entdeckt nach zehn Minuten immer noch Dinge, die man vorher übersehen hat. Da braucht man gar nicht groß herumzappeln, das Bild macht die Arbeit.

Der Charme der Leipziger Industriekultur

Leipzig hat ja ein Händchen dafür, alte Fabriken und Zweckbauten in coole Locations zu verwandeln. Das Panometer ist dafür das Paradebeispiel. Es liegt ein bisschen abseits vom klassischen Zentrum, im Stadtteil Connewitz, was dem Ganzen einen raueren, authentischen Charme verleiht. Hier gibt es keine glattpolierten Fassaden, sondern echte Geschichte. In der direkten Nachbarschaft finden sich noch andere Relikte der Gasversorgung, die teilweise heute als Lager oder für kleine Gewerbe genutzt werden. Ein Spaziergang um das Gelände lohnt sich, um die Architektur des Gasometers von außen zu würdigen. Die Backsteinkunst ist phänomenal, die Zierbögen und die massiven Stützpfeiler zeugen von einem Selbstbewusstsein der Ingenieure, das man heute oft vermisst.

Man kann den Besuch im Panometer wunderbar mit einem Abstecher in den Leipziger Süden verbinden. Wenn man aus dem kühlen, dunklen Gasometer wieder ans Tageslicht tritt, wirkt die Welt draußen erst mal seltsam klein und gewöhnlich. Das ist der Moment, in dem man sich erst mal ein Käffchen oder eine kühle Limo gönnen sollte. In der Nähe gibt es ein paar nette Ecken, wo man sich hinsetzen kann, um das Gesehene Revue passieren zu lassen. Es ist kein Ort, den man mal eben in 15 Minuten abhakt. Wer das versucht, verpasst das Beste. Man muss sich auf die Langsamkeit einlassen, auf das Dämmerlicht und die monumentale Stille, die trotz der Soundeffekte über allem schwebt. Es ist eben eine ganz eigene Nummer, sich so einer optischen Wucht auszusetzen.

Praktisches für den Besuch

Ein paar Dinge sollte man wissen, damit der Ausflug entspannt bleibt. Da es im Inneren des Gasometers prinzipbedingt eher kühl ist, empfiehlt sich selbst im Sommer eine leichte Jacke oder ein Pulli. Man bewegt sich nicht viel und die dicken Mauern halten die Kälte verdammt gut. Wer empfindliche Ohren hat, könnte die Akustik im Turm als etwas hallig empfinden, aber das gehört zum Erlebnis dazu. Fotografieren ist erlaubt, aber ohne Stativ und Blitz. Das ist auch sinnvoll, denn ein Blitz würde die feine Lichtinszenierung des Panoramas ohnehin nur ruinieren. Am besten wirken die Bilder, wenn man versucht, die Tiefe des Raumes einzufangen, was gar nicht so einfach ist, weil die Kamera oft gar nicht begreift, wie groß das Ganze eigentlich ist.

Parkplätze gibt es vor Ort, aber die Anreise mit der Straßenbahn ist eigentlich entspannter. Die Linie 9 hält fast vor der Tür. Von der Haltestelle aus läuft man nur ein paar Meter und sieht den riesigen Rundbau schon über den Zäunen aufragen. Für Leute mit Höhenangst könnte der Turm eine kleine Herausforderung sein, da die Treppen und Plattformen aus Gitterrost bestehen und man nach unten sehen kann. Aber keine Sorge, es ist alles absolut sicher und man kann das Panorama zur Not auch von der untersten Ebene aus genießen, auch wenn der Blickwinkel von oben natürlich spektakulärer ist. Es ist eben ein Ort, der einen ein bisschen fordert, aber dafür auch ordentlich was zurückgibt. Wer nach Leipzig kommt und nur das Rathaus und die Thomaskirche anschaut, hat definitiv was verpasst.

Das Panometer ist mehr als nur eine Galerie. Es ist ein Denkmal für die menschliche Neugier und den Wunsch, die Welt in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Ob man nun in die Tiefsee abtaucht oder durch das Paris der Belle Époque spaziert, man nimmt immer ein Gefühl von Weite mit nach Hause. Und in einer Zeit, in der man meistens nur auf kleine Bildschirme starrt, ist so ein riesiges Rundbild eine echte Wohltat für die Augen und den Geist. Es ist wuchtig, es ist lautlos und es ist verdammt beeindruckend. Wer danach wieder in die S-Bahn steigt, wird die Stadt mit anderen Augen sehen, vielleicht ein bisschen aufmerksamer für die Details um sich herum. Denn genau das lehrt einen das Panometer: Richtig hinzuschauen lohnt sich immer, egal wie groß das Bild ist.

Man sollte auch einen Blick in den kleinen Shop werfen. Dort gibt es oft Bildbände zur Entstehung der Panoramen, die sehr aufschlussreich sind. Da sieht man erst mal, wie viele Menschen an so einem Werk arbeiten. Das ist eine richtige Teamleistung aus Historikern, Kostümbildnern und IT-Spezialisten. Wenn man dann weiß, dass für ein historisches Bild echte Statisten in Originalkostümen fotografiert wurden, die dann digital in die Szenerie eingebaut wurden, sieht man das Ergebnis mit ganz anderen Augen. Es ist dieses Zusammenspiel aus alter Technik und moderner Umsetzung, das das Panometer so besonders macht. Ein echtes Leipziger Unikat eben, das man so schnell nicht woanders findet, auch wenn es mittlerweile in anderen Städten ähnliche Projekte gibt. Das Originalgefühl im alten Gasometer bleibt ungeschlagen.

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