Wenn die S-Bahn hinter Markkleeberg langsam Fahrt aufnimmt oder das Auto die Leipziger Stadtgrenze passiert, ändert sich die Szenerie fast schlagartig. Das flache Becken weicht sanften Hügeln. Wer sich auf den Weg nach Colditz und Rochlitz macht, verlässt die hippe Leipziger Blase und taucht ein in eine Region, die auf charmante Weise aus der Zeit gefallen wirkt. Die Zwickauer Mulde schlängelt sich hier durch ein Tal, das von dichtem Grün und schroffen Felsen gesäumt wird. Es riecht nach feuchtem Wald und im Sommer nach frisch gemähtem Gras. Manchmal hört man nichts außer dem fernen Rauschen des Flusses und dem gelegentlichen Ruf eines Bussards, der über den Feldern kreist. Es ist diese Ruhe, die den Kontrast zur quirligen Messestadt ausmacht.
Die Fahrt führt vorbei an verschlafenen Dörfern und Obststreuwiesen. Wer über die Bundesstraße 107 anreist, merkt schnell, dass hier das Tempo gedrosselt wird. Es ist kein Geheimnis, dass die Sachsen stolz auf ihr Hinterland sind. Doch Colditz und Rochlitz sind keine bloßen Museumsstücke. Hier klebt die Geschichte nicht nur in den Vitrinen, sondern steckt in den dicken Mauern der Festungen, im rötlichen Gestein der Häuserfassaden und in den Anekdoten der Leute, die hier leben. Es ist eine Gegend, die man sich erwandern oder mit dem Rad erschließen sollte, um die Details am Wegesrand nicht zu verpassen.
Kurz & Kompakt - Anreise und Mobilität: Von Leipzig aus erreicht man Colditz und Rochlitz am besten über die B107 oder mit der Bahn bis Grimma und weiter per Bus. Ein Fahrrad ist ideal für die Strecke zwischen den Städten entlang des Mulderadwegs.
- Highlights vor Ort: Das Schloss Colditz beeindruckt mit seinen alliierten Fluchtgeschichten (Führung empfohlen), während Schloss Rochlitz durch seine Architektur aus rotem Porphyr und die authentische Schwarzküche besticht.
- Natur-Erlebnis: Der Rochlitzer Berg bietet als ehemaliger Vulkan tiefe Steinbrüche, einen Aussichtsturm mit Fernblick und gemütliche Waldwanderwege fernab der Massen.
- Kulinarik-Tipp: In den regionalen Gasthöfen dominiert die klassische sächsische Küche; man sollte unbedingt die Eierschecke in einer der lokalen Bäckereien am Rochlitzer Markt probieren.
Das weiße Schloss über der Mulde: Colditz und seine Mythen
Schon von weitem dominiert das Schloss Colditz die Silhouette der Stadt. Die strahlend weißen Wände leuchten gegen den oft grauen sächsischen Himmel. Bekannt ist der Bau vor allem für eine Epoche, die eigentlich eine dunkle war. Im Zweiten Weltkrieg diente das Schloss als Oflag IV C, ein Hochsicherheitsgefängnis für alliierte Offiziere. Dass ausgerechnet dieser Ort heute Heerscharen von britischen Touristen anzieht, liegt an der schieren Dreistigkeit der damaligen Gefangenen. Man erzählte sich, dass kein Gefängnis sicher genug sei, um jemanden aufzuhalten, der unbedingt nach Hause will. Die Geschichten über Tunnelgrabungen, verkleidete Wärter und sogar ein im Geheimen gebautes Segelflugzeug auf dem Dachboden klingen nach Hollywood, sind aber bittere und zugleich beeindruckende Realität gewesen.
Wenn man durch die engen Gänge des Schlosses geht, spürt man die beklemmende Enge, die hier geherrscht haben muss. Die Dielen knarren unter den Sohlen. Es ist kühl in den Räumen, selbst wenn draußen die Sonne brennt. Besonders skurril wirkt die heute dort untergebrachte Jugendherberge. Wo früher Gefangene von der Freiheit träumten, essen heute Schulklassen ihre Nudeln mit Tomatensoße. Dieser Mix aus historischer Schwere und modernem Alltag ist typisch für die Region. Wer das Schloss besucht, sollte unbedingt eine Führung mitmachen, die auch die versteckten Ecken zeigt. Es ist faszinierend zu sehen, mit wie viel Erfindungsreichtum die Insassen damals Werkzeuge aus Essbesteck bastelten. Die Colditz-Society aus England hält die Erinnerung wach, und oft trifft man im Schlosshof auf Besucher, die nach den Spuren ihrer Großväter suchen.
Abseits der Fluchtgeschichten bietet das Schloss aber auch Einblicke in die Renaissance. Die Schlosskapelle ist ein echtes Schmuckstück, auch wenn sie oft im Schatten der Gefängnishistorie steht. Man sollte sich die Zeit nehmen, die Architektur auf sich wirken zu lassen. Der Blick hinunter auf die Mulde und die roten Dächer der Altstadt von Colditz belohnt für den Aufstieg. In der Stadt selbst geht es eher gemächlich zu. Ein kurzer Stopp am Marktplatz lohnt sich, um die alten Bürgerhäuser zu betrachten. Hier gibt es keine großen Shoppingmeilen, dafür aber echte sächsische Gemütlichkeit, die manchmal etwas spröde, aber immer ehrlich rüberkommt.
Rochlitz: Wo der Stein die Farbe angibt
Fährt man ein Stück weiter südlich, verändert sich die Farbe der Architektur. Rochlitz ist untrennbar mit dem Porphyrtuff verbunden, jenem rötlichen Vulkangestein, das am nahegelegenen Rochlitzer Berg abgebaut wird. Fast jedes Fenstergewände, jedes Portal und natürlich das imposante Schloss Rochlitz leuchten in diesem warmen Rotton. Es ist ein Stein, der dem Ort eine ganz eigene, fast mediterrane Wärme verleiht, selbst wenn der Wind pfeift. Das Schloss Rochlitz selbst wirkt trutziger als Colditz. Mit seinen zwei massiven Türmen, dem "Juchten" und dem "Lichten", steht es wie ein Wächter über dem Tal. Hier residierte einst die Witwe Herzog Georgs des Bärtigen, Elisabeth von Rochlitz, eine der wichtigsten Frauen der Reformationszeit. Dass sie gegen den Willen ihrer Familie den neuen Glauben einführte, zeugt von einer ordentlichen Portion Sturheit, die man den Menschen hier in Mittelsachsen heute noch nachsagt.
Das Schlossinnere ist weniger "aufgehübscht" als viele andere sächsische Residenzen. Es wirkt authentisch, fast ein bisschen rau. Die gewaltige Schwarzküche ist ein Highlight, man meint fast noch den Rauch der Jahrhunderte zu riechen. Wenn man in der riesigen Kaminhalle steht, bekommt man eine Vorstellung davon, wie viel Holz man früher verfeuern musste, um diese Mauern auch nur ansatzweise warm zu kriegen. Die Ausstellung zur Reformation ist modern aufbereitet, ohne den historischen Charme zu erdrücken. Wer Glück hat, erwischt einen Tag, an dem im Schlossgarten oder im Hof eine Veranstaltung stattfindet. Das Ambiente ist unschlagbar.
Ein Spaziergang durch die Rochlitzer Altstadt führt unweigerlich zum Marktplatz. Er ist einer der größten in Sachsen und wirkt fast ein wenig überdimensioniert für das Städtchen. Aber er zeigt den einstigen Wohlstand, der durch den Steinhandel und die Tuchmacherei in die Kassen kam. Wenn man dort in einer der kleinen Bäckereien sitzt und ein Stück Eierschecke isst, kann man wunderbar die Leute beobachten. Es herrscht eine unaufgeregte Betriebsamkeit. Niemand scheint es hier besonders eilig zu haben, was für gestresste Städter eine Wohltat ist.
Der Rochlitzer Berg: Ein Gipfeltreffen der besonderen Art
Man kann nicht in der Gegend sein, ohne auf den Rochlitzer Berg zu steigen. Wobei "steigen" vielleicht etwas übertrieben ist, es ist eher ein ausgedehnter Spaziergang. Der Berg ist der Rest eines riesigen Vulkans, der vor Millionen von Jahren die Gegend mit Asche und Lava bedeckte. Heute ist er ein Nationaler Geopark. Der Weg nach oben führt durch lichte Wälder, und immer wieder stößt man auf die alten Steinbrüche. Diese tiefen Wunden im Berg haben etwas Mystisches. Das Rot des Porphyrs kontrastiert hart mit dem Grün der Moose und Farne, die sich die Brüche zurückerobern. Es ist still hier oben, nur das Klopfen eines Spechts ist oft zu hören.
Auf dem Gipfel steht der Friedrich-August-Turm. Wer die Stufen erklimmt, bekommt bei gutem Wetter ein Panorama serviert, das bis zum Erzgebirge und im Norden bis zum Leipziger Völkerschlachtdenkmal reicht. Es ist ein guter Ort, um sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und die Gedanken zu sortieren. Direkt daneben bietet die Bergwirtschaft eine ordentliche Stärkung an. Es ist keine Sterneküche, aber die Hausmannskost schmeckt nach einer Wanderung genau richtig. Ein kühles Bier oder eine Brause dazu, und die Welt ist in Ordnung. Man trifft hier oben Wanderer, Mountainbiker und Familien, die alle die gleiche entspannte Atmosphäre genießen. Es ist dieses bodenständige Vergnügen, das den Rochlitzer Berg so sympathisch macht.
Natur pur: Entlang der Mulde
Die Verbindung zwischen Colditz und Rochlitz ist die Mulde. Der Fluss ist kein gezähmter Kanal, sondern ein lebendiges Gewässer, das sich seinen Weg sucht. Eine Wanderung oder eine Radtour entlang des Mulderadwegs ist die beste Art, die Landschaft zwischen den beiden Städten aufzusaugen. Der Weg führt oft direkt am Ufer entlang. Man sieht Angler, die geduldig ihre Ruten halten, und manchmal gleitet ein Kanu lautlos vorbei. Wer selbst aufs Wasser will, kann sich in Rochlitz oder Colditz ein Boot leihen. Die Perspektive vom Fluss aus ist noch einmal eine ganz andere. Die Ufer sind oft steil, und der Porphyr tritt immer wieder zutage.
Interessant ist auch der Schlosspark in Colditz, der fließend in den Colditzer Forst übergeht. Früher das Jagdrevier der Kurfürsten, ist es heute ein riesiges Waldgebiet, in dem man sich wunderbar verlaufen kann (natürlich nur im übertragenen Sinne). Die Wege sind gut ausgeschildert, aber man begegnet oft über Kilometer keiner Menschenseele. Das ist der wahre Luxus dieser Region. Während im Leipziger Clara-Zetkin-Park die Picknickdecken Stoß an Stoß liegen, hat man hier den Wald für sich allein. Es riecht nach Harz und Erde, und der Boden ist weich unter den Füßen. Ein Geheimtipp ist der Besuch im Frühling, wenn die Anemonen und Leberblümchen den Waldboden in ein farbiges Meer verwandeln.
Praktisches und Persönliches für den Ausflug
Die Anreise aus Leipzig ist denkbar einfach. Mit dem Auto braucht man etwa 45 Minuten, je nach Verkehrslage auf der B2 oder der A14. Wer nachhaltiger unterwegs sein will, nutzt den Zug bis Grimma oder direkt nach Colditz/Rochlitz mit dem Bus oder der Regionalbahn. Die Taktung ist am Wochenende manchmal etwas dünn, also sollte man den Fahrplan vorher checken, damit man nicht ungewollt eine Stunde länger am Bahnsteig verbringt. Ein Fahrrad mitzunehmen, ist eine hervorragende Idee, da das Gelände zwar hügelig, aber für halbwegs fitte Beine gut machbar ist.
In Sachen Verpflegung sollte man keine kulinarischen Experimente erwarten, sondern sich auf die Klassiker konzentrieren. Ein Sauerbraten oder hausgemachte Rouladen gehören hier zum Standardprogramm der Gasthöfe. Es ist deftig, es ist viel, und es ist meistens preiswert. Wer es lieber etwas leichter mag, findet in den Städten mittlerweile auch kleine Cafés mit modernem Angebot, aber die Seele der Region liegt in den traditionellen Gaststuben. Ein kleiner Plausch mit den Wirten lohnt sich oft, man erfährt dabei meistens mehr über die Gegend als in jedem Flyer.
Spannend ist dabei, dass man hier keinen Massentourismus findet. Selbst an sonnigen Wochenenden verläuft es sich. Man hat nie das Gefühl, nur eine Nummer zu sein. Die Menschen sind direkt, manchmal vielleicht ein bisschen wortkarg auf den ersten Blick, aber wenn das Eis gebrochen ist, sind sie unglaublich hilfsbereit. Es ist eine ehrliche Region, die nicht versucht, etwas anderes zu sein als sie ist. Ein Stück sächsisches Kernland, das seine Narben und seine Schönheit gleichermaßen offen zeigt.