Wer hierher kommt, sucht keine polierten Blumenbeete wie im Rheinpark und auch keine touristische Hektik wie an der Frankenwerft. Du landest hier auf der sogenannten Schäl Sick, der rechten Rheinseite, die von den Kölnern links des Flusses gerne mal belächelt wird. Völlig zu Unrecht. Denn wer verstehen will, wie diese Stadt tickt, muss sich hier ins Gras setzen. Das Gelände erstreckt sich weitläufig zwischen dem Deutzer Hafen im Norden und der Autobahnbrücke bei Rodenkirchen im Süden. Es ist Überschwemmungsgebiet. Das bedeutet, dass der Rhein sich hier regelmäßig sein Land zurückholt, wenn der Pegel steigt. Vielleicht ist das der Grund, warum hier alles etwas provisorischer und wilder wirkt. Die Wege sind teilweise staubig, die Wiesen im Hochsommer eher strohgelb als saftig grün, und genau das macht den Charme aus.
Der Lärm der Großstadt ist hier zwar nicht weg, aber er klingt anders. Gedämpfter. Du hörst das rhythmische Klackern der Züge auf der Südbrücke, das Rauschen der Autos auf der Rheinuferstraße gegenüber, aber der Wind trägt vieles davon weg. Apropos Wind. Wenn du dich fragst, warum an manchen Tagen der Himmel über Poll aussieht wie ein buntes Mosaik, liegt das an der geografischen Lage. Der Rhein macht hier einen leichten Knick, was wie eine Düse wirkt. Luftströmungen fegen ungebremst über die flachen Wiesen. Das macht das Areal zum Hotspot für alles, was an einer Schnur in der Luft hängen kann.
Kurz & Kompakt - Anfahrt: Am entspanntesten mit der Stadtbahn-Linie 7 bis "Raiffeisenstraße" oder "Poller Kirchweg". Wer mit dem Auto kommt, nutzt die Parkplätze entlang der Alfred-Schütte-Allee, braucht aber starke Nerven bei der Suche.
- Ausstattung: Es gibt ausgewiesene Grillzonen, aber keine Verleihe vor Ort. Alles (Grill, Kohle, Decke, Essen) muss selbst mitgebracht werden. Öffentliche Toiletten sind vorhanden, aber spartanisch.
- Sicherheit am Wasser: Baden im Rhein ist hier lebensgefährlich und strikt abzuraten. Die Strömung und der Sog der Schiffe sind unberechenbar. Füße reinhalten in den Buhnen (Buchten) ist okay.
- Beste Zeit: Später Nachmittag bis Sonnenuntergang. Unter der Woche ist es deutlich leerer als am Wochenende.
Wo die Drachen wohnen
An windigen Herbsttagen, aber eigentlich auch im Frühling, wirst du hier fast erschlagen von der Menge an Lenkdrachen. Es sind nicht nur Kinder mit ihren Discounter-Drachen, die meistens nach zwei Loopings im nächsten Busch landen. Hier triffst du Profis. Männer und Frauen, die mit ernstem Gesichtsausdruck riesige Matten steuern, die so viel Zugkraft haben, dass die Piloten mit den Fersen durchs Gras pflügen. Manchmal sieht man Buggy-Fahrer, die sich auf dreirädrigen Gefährten vom Wind über die Wiese ziehen lassen. Man muss schon aufpassen, wo man hintritt oder sein Handtuch ausbreitet. Es herrscht eine unausgesprochene Koexistenz zwischen den Picknickern und den Drachenfliegern, die meistens funktioniert, solange keiner die Kontrolle über seine Leinen verliert.
Besonders am Wochenende gleicht die Szenerie einem Wimmelbild. Hunde jagen Frisbees, Studenten balancieren auf Slacklines, die zwischen den wenigen robusten Bäumen gespannt sind, und irgendwo versucht immer jemand, Fußball zu spielen, obwohl der Untergrund eigentlich viel zu uneben dafür ist. Es riecht oft nach einer Mischung aus Flusswasser, trockenem Gras und, sobald die Temperaturen zehn Grad übersteigen, nach Grillkohle.
Grillen als Volkssport
Grillen ist auf den Poller Wiesen nicht nur geduldet, es ist eine Institution. Die Stadt Köln hat hierfür extra Zonen ausgewiesen, und die werden genutzt. Wer an einem warmen Samstagabend hier langläuft, bewegt sich durch dichte Rauchschwaden. Es brutzelt an jeder Ecke. Von professionellen Kugelgrills bis zu den wackeligen Aluschalen von der Tankstelle ist alles vertreten. Hier sitzen türkische Großfamilien mit Samowar und Teppichen neben Hipstern aus Ehrenfeld, die vegane Würstchen wenden. Es ist laut, es ist voll, aber es ist friedlich. Man leiht sich gegenseitig Feuerzeuge oder Ketchup.
Wichtig für dich ist zu wissen, dass du deinen Müll wieder mitnehmen musst. Die Mülleimer quellen an solchen Tagen oft schon am frühen Nachmittag über. Nichts ist peinlicher und wird von den Locals böser beäugt, als wenn man seinen Partyrestmüll einfach neben den vollen Container stellt und hofft, dass die Heinzelmännchen kommen. Die kommen nämlich nicht. Wer klug ist, bringt eigene Müllsäcke mit. Das gehört hier zum guten Ton.
Die Südbrücke: Stahlkoloss und Fotomotiv
Ein absolutes Highlight, und das meine ich wörtlich und architektonisch, ist die Südbrücke. Sie markiert quasi den nördlichen Eingang zu den Wiesen. Diese Eisenbahnbrücke mit ihren markanten Stahlbögen ist ein Industriedenkmal, das noch voll in Betrieb ist. Wenn ein schwerer Güterzug darüber rollt, vibriert der Boden leicht. Für Fußgänger und Radfahrer gibt es an beiden Seiten schmale Wege. Von oben hast du einen fantastischen Blick über das Gewusel auf den Wiesen. Die Treppenaufgänge sind oft mit Graffiti besprüht, es riecht ein wenig nach Urin und altem Metall, aber oben angekommen, ist die Aussicht die leichten olfaktorischen Belästigungen wert.
Fotografen lieben diese Brücke. Besonders zur goldenen Stunde, kurz vor Sonnenuntergang, wirft das Stahlfachwerk lange, geometrische Schatten. Es ist der perfekte Ort, um Züge zu beobachten oder einfach nur auf den Rhein zu starren, der hier eine beachtliche Strömung hat. Schwimmen ist übrigens, auch wenn es an heißen Tagen verlockend aussieht, eine ganz schlechte Idee. Die Strömung ist tückisch, und die vorbeifahrenden Binnenschiffe erzeugen einen Sog, der selbst geübte Schwimmer unter Wasser ziehen kann. Bleib lieber am Ufer. Da gibt es kleine Buchten mit Kieselsteinen und Sand, wo man die Füße ins Wasser halten kann. Das reicht völlig zur Abkühlung.
Ein Dorf in der Stadt
Obwohl die Wiesen riesig wirken, sind sie fest im Veedel Poll verankert. Poll selbst hat noch diesen dörflichen Charakter, den man in Köln oft findet. Backsteinhäuser, eine kleine Einkaufsstraße und natürlich die unvermeidlichen Büdchen. Wenn dir das Proviant ausgeht, ist der Weg zur Siegburger Straße nicht weit. Dort deckt man sich mit kühlem Kölsch oder Radler ein. Manchmal sieht man auf den Wiesen Schafherden grasen. Ein Schäfer zieht hier regelmäßig mit seinen Tieren durch, um die Wiesen kurz zu halten. Das ist kein Folklore-Gag für Touristen, sondern echte Landschaftspflege. Wenn die Schafe da sind, müssen Hunde an die Leine, was regelmäßig zu Diskussionen zwischen Schäfer und Hundebesitzern führt. Ein Schauspiel für sich.
Interessant ist auch die Mischung der Architektur, auf die du blickst. Gegenüber im Rheinauhafen stehen die Kranhäuser. Diese L-förmigen Luxusbauten, die wie Tetris-Steine über den Rhein ragen, sind das moderne Gesicht Kölns. Von den Poller Wiesen aus wirken sie fast unwirklich, besonders wenn sich die Sonne in den Glasfassaden spiegelt. Dahinter erhebt sich der Dom, dunkel und mächtig. Du hast hier also den Kontrast zwischen dem rauen, naturbelassenen Charme der Wiesen unter deinen Füßen und der polierten Skyline gegenüber. Genau dieser Bruch macht den Reiz aus.
Wenn die Sonne im Rhein versinkt
Der Hauptgrund, warum viele bis zum Abend bleiben, ist das Licht. Da die Poller Wiesen im Osten liegen, schaust du nach Westen. Du blickst also genau in den Sonnenuntergang hinein. Die Sonne sinkt langsam hinter der Kölner Südstadt und dem Rheinauhafen. Der Himmel färbt sich oft in dramatischen Lila- und Orangetönen. Die Silhouette der Stadt wird schwarz, und die Lichter gehen an. Das Wasser des Rheins verwandelt sich dann von einer graubraunen Brühe in einen glänzenden Spiegel.
In diesen Momenten wird es auf den Wiesen etwas ruhiger. Die Drachen werden eingepackt, die Grills glühen nur noch schwach. Man sitzt auf Decken oder direkt auf den warmen Steinen der Uferbefestigung, trinkt das letzte Bier und guckt einfach nur. Es ist kitschig, ja. Aber es ist ein guter Kitsch. Einer, der sich echt anfühlt. Es kostet keinen Eintritt, man muss sich nicht schick machen, und niemand will dir etwas verkaufen. Du bist einfach da.
Praktische Überlebensstrategien
Die Anreise ist simpel, aber an Wochenenden manchmal nervig, wenn man das Auto nimmt. Die Alfred-Schütte-Allee, die parallel zum Rhein verläuft, ist oft hoffnungslos zugeparkt. Die Parkplätze sind rar und die Politessen fleißig. Tu dir den Stress nicht an. Nimm die KVB-Linie 7. Die Haltestelle "Raiffeisenstraße" oder "Poller Kirchweg" bringt dich nah genug ran. Von dort sind es nur ein paar Minuten zu Fuß durch ruhige Wohnstraßen, bis sich der Blick öffnet.
Toiletten sind so ein Thema. Es gibt öffentliche WCs, aber deren Zustand schwankt zwischen "akzeptabel" und "Katastrophengebiet", je nachdem, wie viele tausend Leute an dem Tag schon da waren. Viele weichen auf die Büsche aus, was man leider auch riecht, wenn man abseits der Wege unterwegs ist. Wer empfindlich ist, plant seine Flüssigkeitsaufnahme strategisch oder nutzt die Gastronomie in der Nähe, etwa das "Poller Fischerhaus", ein Traditionslokal mit Biergarten, das etwas weiter südlich liegt.