Henstedt-Ulzburg. Das klingt erst einmal nicht nach großer weiter Welt und auch nicht nach hanseatischem Flair. Wer den Alsterwanderweg in seiner Gänze bezwingen will, muss aber genau hierhin. Nördlich von Hamburg, im südlichen Schleswig-Holstein, liegt der Ursprung jenes Flusses, der später das Postkartenidyll der Innenstadt prägt. Die Quelle selbst ist eher unspektakulär. Ein kleiner Graben, kaum breiter als ein Schritt, umgeben von Wiesen und ein paar Hinweisschildern. Man muss schon genau hinsehen, um hier den Beginn eines bedeutenden Gewässers zu erkennen.
Der Weg startet hier ruhig. Man hört das Gras im Wind rauschen und ab und zu blökt ein Schaf. Es riecht nach feuchter Erde und Landwirtschaft. In den ersten Kilometern windet sich der Fluss, der hier noch ein Bach ist, durch eine Landschaft, die man eher im tiefsten Binnenland vermuten würde. Weiden, kleine Gehölze, kaum Bebauung. Der Wanderer ist hier oft allein. Das ändert sich langsam, je näher man der Landesgrenze zu Hamburg kommt. Bei der Rader Schleuse wird das Wasser zum ersten Mal breiter, die Natur wirkt aber immer noch wild und ungezügelt. Spannend ist dabei, dass der Weg hier oft matschig sein kann. Gutes Schuhwerk ist also Pflicht, keine Kür. Wer hier mit weißen Sneakern ankommt, wird das schnell bereuen.
Kurz & Kompakt - Start und Ziel: Los geht es am besten in Henstedt-Ulzburg (AKN-Station) oder etwas südlicher in Kayhude. Das Ziel liegt an der Elbe (U-Bahn Baumwall). Die Gesamtstrecke beträgt je nach Startpunkt etwa 35 bis 40 Kilometer.
- Etappenplanung: Die Strecke ist lang. Es empfiehlt sich, sie in zwei oder drei Etappen zu teilen. Gute Ausstiegspunkte mit S- oder U-Bahn-Anschluss sind Poppenbüttel (S-Bahn) und Ohlsdorf (S/U-Bahn).
- Verpflegung: An der Poppenbüttler Schleuse gibt es klassische Gastronomie. In Winterhude und Eppendorf locken unzählige Cafés. Ein Wasser und ein Snack im Rucksack sind für den nördlichen Teil trotzdem ratsam.
- Ausrüstung: Der Weg ist flach, aber lang. Bequeme, eingelaufene Schuhe sind wichtiger als alpine Wanderschuhe. Im Norden kann es nach Regen matschig sein.
Durch den Wohldorfer Wald und das Duvenstedter Brook
Sobald du die Hamburger Stadtgrenze überschreitest, ändert sich der Charakter der Landschaft subtil. Wir befinden uns im Nordosten der Stadt. Hier liegen mit dem Wohldorfer Wald und dem Duvenstedter Brook zwei der bedeutendsten Naturschutzgebiete der Region. Zwar führt der klassische Alsterwanderweg meist am Rand dieser Gebiete entlang, aber die Luft scheint hier anders zu schmecken. Waldiger. Harziger. Mit etwas Glück und viel Ruhe lassen sich hier Eisvögel beobachten, die wie blaue Blitze über das Wasser schießen. Auch Rehe stehen oft unweit des Weges in der Dämmerung.
Der Fluss mäandert hier noch frei. Er darf über die Ufer treten, darf sich seinen Weg suchen. Für den Wanderer bedeutet das pure Erholung. Der Lärm der Großstadt ist weit weg. Man hört höchstens das Knirschen des Kieses unter den Sohlen oder das Klingeln eines Radfahrers, der von hinten angerauscht kommt. Denn das muss man wissen: Der Alsterwanderweg ist beliebt. Besonders an Wochenenden teilt man sich den Pfad mit Joggern, Radlern und Familien mit Kinderwagen. Unter der Woche aber gehört der Weg fast dir allein.
Poppenbüttel und die historische Schleuse
Nach einigen Kilometern durch dichten Baumbestand und entlang sumpfiger Auen öffnet sich die Landschaft. Wir erreichen Poppenbüttel. Hier wird Geschichte greifbar. Die Poppenbüttler Schleuse ist ein Nadelöhr und gleichzeitig ein Magnet für Ausflügler. Das Wehr rauscht laut, das Wasser schäumt weiß auf. Historisch gesehen war die Alster ein wichtiger Transportweg, um Holz und Torf in die Stadt zu schaffen. Heute dienen die Schleusen nur noch der Regulierung des Wasserstands und dem Freizeitvergnügen von Kanufahrern.
Direkt an der Schleuse liegt ein reetgedecktes Fachwerkhaus, das heute ein Restaurant beherbergt. Es riecht nach Kaffee und Kuchen, manchmal auch nach Pommes. Ein paar Meter weiter oben thront die Burg Henneberg. Wobei Burg hier vielleicht etwas hochgegriffen ist. Es ist eine künstliche Ruine, ein Folly, gebaut im 19. Jahrhundert, weil man damals Romantik und Rittertum schick fand. Sie ist winzig, liegt etwas versteckt auf einem Hügel und wirkt wie aus einem Märchenfilm gefallen. Ein kurioser Anblick mitten in einem gutbürgerlichen Wohnviertel. Von hier aus wird der Weg urbaner. Der Fluss wird breiter, kanalisierter. Die Ufer sind befestigt, die Wege asphaltiert oder fest geschottert.
Das Tal der Herrenhäuser: Wellingsbüttel
Weiter flussabwärts betreten wir das Alstertal im engeren Sinne. Hier zeigt Hamburg, was es hat. Linker und rechter Hand blitzen immer wieder weiße Fassaden durch das Grün der alten Buchen und Eichen. Wir passieren das Torhaus Wellingsbüttel, einen Rest eines alten Gutshofes, in dem heute das Alstertalmuseum untergebracht ist. Die Architektur ist norddeutsch schlicht und doch elegant. Backstein dominiert. Der Weg führt nun oft etwas oberhalb des Flusses entlang, man blickt hinab auf das träge fließende Wasser, auf dem im Sommer unzählige Leihkanus dümpeln. Es ist ein buntes Treiben. Manchmal hört man lautes Lachen von den Booten, manchmal plärrt ein Radio.
Trotz der zunehmenden Bebauung bleibt der grüne Korridor erstaunlich intakt. Die Bäume hängen ihre Äste tief ins Wasser, Wurzeln krallen sich in die Uferböschung. Es ist dieser Kontrast, der den Reiz ausmacht: Man ist mitten in einer Millionenstadt, doch man fühlt sich wie in einem englischen Landschaftspark. Die Luft ist im Sommer angenehm kühl durch das viele Grün und das Wasser.
Ohlsdorf und der Wandel zum Stadtfluss
Der Weg führt weiter Richtung Ohlsdorf. Spätestens hier merkt man die Nähe zur City. Die Flugzeuge im Anflug auf den Flughafen Fuhlsbüttel ziehen manchmal tief über die Köpfe hinweg. Ein kurzer Lärmteppich, der sich über das Vogelgezwitscher legt. Rechter Hand liegt der Ohlsdorfer Friedhof, der größte Parkfriedhof der Welt. Ein Abstecher lohnt sich, ist aber ein eigenes Tagesprojekt. Wir bleiben am Wasser. Hier, am sogenannten Alsterdorfer Damm, ändert der Fluss sein Gesicht endgültig. Aus dem natürlichen Flusslauf wird ein kanalisiertes Gewässer mit geraden Ufern. Die sogenannte Stau-Alster beginnt.
Man sieht jetzt häufiger Ruderboote. Lange, schmale Pfeile, die lautlos über das Wasser gleiten, angetrieben von gleichmäßigen Schlägen. Die Bebauung rückt näher an das Wasser heran. In Eppendorf und Winterhude stehen die Häuserblocks mit ihren rückwärtigen Gärten direkt am Fluss. Man kann den Hamburgern hier beim Leben zusehen. Da wird gegrillt, da wird auf dem Balkon gelesen. Man fühlt sich fast wie ein Voyeur, der durch die Hinterhöfe spaziert. Besonders im Haynspark in Eppendorf pulsiert das Leben. Studenten liegen auf den Wiesen, Gänse watscheln aggressiv bettelnd zwischen den Decken umher. Vorsicht ist geboten, die Tiere sind an Menschen gewöhnt und frech.
Das Finale: Außenalster und Binnenalster
Der wohl bekannteste Teil des Weges beginnt an der Krugkoppelbrücke. Hier öffnet sich der Blick auf die Außenalster. Eine riesige Wasserfläche mitten in der Stadt. Segelboote mit weißen Dreiecken kreuzen vor der Skyline aus Kirchtürmen und dem Fernsehturm. Der Weg ist jetzt eine Promenade. Der Boden ist fest, breit und oft voll. Hier geht man nicht mehr wandern, hier flaniert man. Sehen und gesehen werden ist die Devise. Teure Laufschuhe, Sonnenbrillen, schicke Kinderwagen. Es ist ein Laufsteg.
Doch der Blick entschädigt für das Gedränge. Das Wasser glitzert, die Möwen schreien, die Alsterdampfer, die hier "Weiße Flotte" genannt werden, ziehen ihre Bahnen. Man läuft an der "Schönen Aussicht" vorbei, und der Name ist Programm. Linker Hand Villen, die mehr kosten als ein kleines Dorf, rechter Hand das Wasser. Über die Kennedybrücke und die Lombardsbrücke gelangt man schließlich zur Binnenalster. Hier ist das Herz der Stadt. Der Jungfernstieg. Laut, hektisch, voller Touristen und Busse. Die Alsterfontäne schießt ihre Wasser säule in die Höhe, ein Wahrzeichen.
Die Mündung in die Elbe
Viele beenden hier ihren Marsch. Ein Fehler. Denn die Alster fließt noch weiter, wenn auch unterirdisch oder in Kanälen versteckt. Wer den Weg vollenden will, muss durch die Stadt. Vorbei am Rathaus, durch die Alsterarkaden mit ihrem fast venezianischen Flair. Hier riecht es nach teurem Parfüm und Abgasen. Das Wasser fließt durch die Fleete, vorbei an alten Backsteinspeichern und modernen Bürotempeln. Der Weg ist nicht mehr durchgehend am Ufer, man muss Straßen queren, Ampeln abwarten.
Schließlich erreicht man den Bereich beim Baumwall und dem Schaartor. Hier, unscheinbar und oft übersehen, ergießt sich das Alsterwasser in die Elbe. Es ist ein stilles Ende für eine lange Reise. Der Blick geht hinaus auf den Hafen, auf die Kräne und die Elbphilharmonie. Die Beine sind schwer, die Füße brennen wahrscheinlich. Aber man hat Hamburg einmal komplett durchquert, von der ländlichen Stille bis zum maritimen Welthafen. Butter bei die Fische: Es gibt kaum eine bessere Art, diese Stadt wirklich zu begreifen.