Hamburg

Low-Budget-Kreuzfahrt: Mit der Hafenfähre 62 für kleines Geld durch den Hafen schippern

Ehrliche Elbluft, vibrierende Stahldecks und den besten Blick auf die Containerriesen zum Preis eines simplen Bustickets. Einsteigen, Kopf freimachen und den Hafen arbeiten lassen.

Hamburg  |  Aktivitäten & Erlebnisse
Lesezeit: ca. 7 Min.
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Zwischenablage

Es gibt in Hamburg diesen einen Ort, an dem sich Touristenfallen und echte Geheimtipps auf wenigen Metern mischen. Die Landungsbrücken sind so ein Ort. Während oben an der Promenade die Verkäufer der Barkassen mit teils absurden Versprechungen um Kundschaft werben, liegt unten am Wasser das wahre Gold der Elbe. Es ist gelb, brummt tief und hört auf den Namen Hadag. Gemeint sind die Hafenfähren des Hamburger Verkehrsverbundes. Speziell die Linie 62 ist längst kein Geheimnis mehr, aber sie bleibt die unangefochtene Königin unter den Sparmaßnahmen für Reisende. Für ein paar Euro, oder gar umsonst, wenn du eh schon ein Tagesticket für die U-Bahn hast, bekommst du hier eine Stunde lang Hafen pur.

Du stehst an Brücke 3. Es riecht nach Pommesfett aus den Buden, nach Brackwasser und diesem ganz speziellen Dieselgemisch, das nur Schiffe ausstoßen. Die Fähren, die hier anlegen, nennen die Hamburger liebevoll "Bügeleisen". Sie sind breit, flach und sehen ein wenig so aus, als hätte man sie vorne einfach abgeschnitten. Schönheit gewinnt hier keinen Preis, aber Funktionalität. Wenn sich die breiten Einstiegsklappen senken, drängen sich Menschenmassen an Bord. Pendler mit Fahrrädern, Schulkinder und eben Leute wie du, die einfach nur gucken wollen. Es hat etwas Demokratisches. Hier gibt es keine Erste Klasse, kein Sonnendeck für VIPs. Wer zuerst kommt, sichert sich den besten Platz an der Reling.

Der Motor vibriert unter den Füßen, sobald das Schiff ablegt. Das ist kein sanftes Gleiten wie auf einem Ausflugsdampfer am Bodensee. Die Elbe hat Kraft, die Strömung zerrt am Rumpf, und wenn der Kapitän Gas gibt, dann merkst du das auch. Sofort nach dem Ablegen dreht die Fähre in den Strom. Der Blick zurück ist der erste Moment, wo du die Kamera zücken solltest. Oder das Handy. Die Skyline baut sich auf. Der Michel, Hamburgs Wahrzeichen mit dem grünen Turm, grüßt herüber, und daneben glänzt die Elbphilharmonie wie eine frisch polierte Krone in der Sonne. Oder im Regen. Meistens im Regen, sind wir ehrlich.

Kurz & Kompakt
  • Startpunkt: Landungsbrücken, Brücke 3 (meistens außen), gut erreichbar mit U3 oder S-Bahn.
  • Kosten: Es gilt der normale HVV-Tarif (Hamburg AB). Wer eine Tageskarte hat, fährt kostenlos mit.
  • Fahrtdauer: Eine komplette Runde ohne Aussteigen dauert ziemlich genau 60 Minuten.
  • Tipp: Nicht zur Rushhour fahren (Morgens/Nachmittags), da Pendler die Fähre als Arbeitsweg nutzen.

Industrieromantik und Fischgeruch

Die erste Etappe führt flussabwärts Richtung Altona. Backbord, also links in Fahrtrichtung, liegt das geschäftige Treiben der Werften. Blohm+Voss dominiert hier das Bild. Die gigantischen Schwimmdocks sind wie eiserne Kathedralen der Arbeit. Mit etwas Glück liegt gerade ein Kreuzfahrtschiff darin, das gewartet wird. Es ist fast surreal zu sehen, wie klein diese Ozeanriesen wirken, wenn sie so auf dem Trockenen liegen und winzige Menschen an ihren Rümpfen herumschweißen. Funken sprühen, es hämmert metallisch über das Wasser. Das ist der Sound von Hamburg. Kein Walzer aus dem Lautsprecher, sondern der Klang von Stahl auf Stahl.

Steuerbord zieht derweil die Große Elbstraße vorbei. Alte Lagerhallen, die jetzt teure Büros sind. Dann der Fischmarkt. Vom Wasser aus sieht die alte Auktionshalle noch ehrwürdiger aus. Sonntagmorgens tobt hier das Chaos, aber unter der Woche liegt der Platz oft seltsam verlassen da, fast melancholisch. Die Fähre legt in Altona an. Ein kurzes Rumpeln, die Poller knarzen, Taue fliegen. Pendler raus, neue Gäste rein. Weiter geht es. Das Wasser der Elbe hat hier eine Farbe, die man wohlwollend als tiefes Grau bezeichnen könnte. Wenn die Sonne tief steht, wird es zu flüssigem Silber, aber meistens bleibt es diese undurchdringliche Suppe, die so viele Geschichten verbirgt.

Die gläserne Raute und der Strand

Nächster Halt: Dockland. Das Gebäude sieht aus wie ein Parallelogramm, das gleich ins Wasser kippt. Manche sagen, es sehe aus wie ein Schiff, andere finden, es ist einfach nur schräge Architektur im wörtlichen Sinne. Du kannst hier aussteigen und die Stufen bis aufs Dach hochlaufen, aber wir bleiben sitzen. Es wird windiger jetzt. Wir nähern uns dem Teil des Hafens, wo der Fluss breiter wird und der Wind ungebremst von der Nordsee hereindrückt. Jacke zu. Mütze auf. Wer hier oben an der Reling steht und keine Gänsehaut bekommt, ist vermutlich aus Kiel und kennt das schon.

Dann kommt Neumühlen. Für viele ist das der schönste Stopp. Der Museumshafen Övelgönne liegt direkt am Anleger. Alte Feuerschiffe, Dampfschlepper und Kutter dümpeln hier im Ruhestand. Dahinter reihen sich die Kapitänshäuser auf, klein, weiß, mit blumigen Vorgärten, die so gar nicht zum rauen Hafen passen wollen. Und dann ist da der Strand. Ja, Hamburg hat Strand. Sand, Muscheln, angeschwemmtes Treibholz. Im Sommer liegen hier die Leute und grillen, während fünfhundert Meter weiter ein Containerfrachter von der Größe eines Hochhauses vorbeischiebt. Dieser Kontrast ist es, der die Fahrt so absurd und großartig macht. Du siehst das idyllische Leben am Ufer und gleichzeitig die brutale Wucht des Welthandels auf dem Wasser.

Container, Kräne und die Wende

Nach Neumühlen macht die Fähre einen Satz auf die andere Elbseite. Es geht nach Waltershof, zum Bubendey-Ufer. Jetzt wird es richtig industriell. Hier stehen keine hübschen Häuschen mehr. Hier regieren die Containerbrücken. Sie sehen aus wie riesige Dinosaurier oder Wesen aus "Krieg der Welten", die ihre Hälse über die Schiffe beugen. Wenn du Glück hast, fährt die Linie 62 nah an einem der ganz großen "Pötte" vorbei. Ein 400 Meter langes Schiff aus dieser Perspektive zu sehen, flößt Respekt ein. Du schaust nach oben zur Bordwand und sie endet einfach nicht. Rostige Nieten, der Geruch von Schweröl, das dumpfe Wummern der Generatoren, die niemals ausgehen. Man fühlt sich sehr klein auf der kleinen gelben Fähre.

Der Kapitän manövriert das behäbige Schiff erstaunlich flink durch den Verkehr. Schlepper kreuzen den Weg, kleine Barkassen wuseln dazwischen. Vorfahrt hat hier immer der Stärkere, das ist ein ungeschriebenes Gesetz, auch wenn die Seeschifffahrtsstraßen-Ordnung das sicher komplizierter ausdrückt. Die letzte Station ist Finkenwerder. Hier endet die Linie 62. Viele Touristen bleiben einfach sitzen. Das ist erlaubt und sogar üblich. Der Skipper macht vorne kurz Pause, vielleicht raucht er eine, dann geht es zurück. Wer aussteigt, landet in einem Stadtteil, der noch sehr dörflich wirkt, geprägt vom Obstanbau und der riesigen Airbus-Fabrik gleich nebenan.

Doch der Rückweg hat seinen eigenen Reiz. Das Licht fällt jetzt anders. Die Elbphilharmonie, die du vorhin im Rücken hattest, liegt nun vor dir wie ein Ziel. Besonders in der Dämmerung, wenn die Lichter der Stadt angehen, ist die Rückfahrt fast schon kitschig schön. Die Hafenkräne leuchten, die Landungsbrücken glitzern wie ein Jahrmarkt. Es wird ruhiger an Bord. Die Kinder sind müde, die Kameras speichervoll. Man setzt sich vielleicht doch mal nach drinnen, wo es warm ist und nach Kaffee aus dem kleinen Kiosk riecht, den es auf manchen dieser Fähren noch gibt. Da verkauft manchmal noch eine echte Hamburger Deern Bockwurst und Astra. Wobei, ob die Bockwurst wirklich schmeckt, ist eine andere Frage. Aber sie gehört dazu.

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