Wer mit der S-Bahn-Linie S1 in Blankenese ankommt, landet zunächst im bürgerlichen Zentrum eines wohlhabenden Hamburger Stadtteils. Hier sieht es aus wie überall, wo das Geld locker, aber diskret sitzt. Bäckereien mit Dinkelvollkornbroten, kleine Boutiquen, ein geschäftiges Treiben am Bahnhofsplatz. Doch das eigentliche Ziel liegt ein paar Straßen weiter südlich. Man muss die Bahnhofstraße hinunterlaufen, vorbei an der Sparkasse und den geparkten SUVs, bis sich die Topografie plötzlich ändert. Die Straße neigt sich, der Horizont weitet sich, und plötzlich riecht die Luft anders. Salziger. Feuchter. Hier beginnt der Abstieg in eine andere Welt, die mit dem restlichen Hamburg architektonisch kaum etwas gemein hat. Manche sagen, es wirke wie Italien. Andere fühlen sich an Cornwall erinnert. Fakt ist: Es ist steil.
Das Treppenviertel ist ein städtebauliches Kuriosum. Autos haben hier fast nichts verloren, und das ist auch gut so, denn die Gassen sind oft kaum breiter als zwei Armlängen. Wer hier wohnt, muss gut zu Fuß sein oder sehr viel Geld für Trägerdienste ausgeben, wenn das neue Sofa geliefert wird. Bevor du dich in das Gewirr stürzt, lohnt ein Blick auf die Karte oder einfach der Entschluss, sich treiben zu lassen. Es gibt, so sagt man zumindest, 58 verschiedene Treppen mit insgesamt knapp 5000 Stufen. Nachgezählt habe ich sie noch nie, aber meine Waden bestätigen die Zahl am nächsten Tag meist zuverlässig.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: S-Bahn S1 bis "Blankenese". Von dort ca. 10 Minuten Fußweg bis zum "Kiekeberg" (Einstieg ins Viertel) oder direkt mit dem Bus 488 ab Bahnhof.
- Die Bergziege: Die Buslinie 488 ist Kult. Sie verbindet den S-Bahnhof mit dem Strandweg unten an der Elbe. Normale HVV-Tickets sind gültig. Achtung: Fährt abends nicht sehr lange.
- Kulinarik-Tipp: Am Fähranleger "Op'n Bulln" gibt es klassische Fischbrötchen. Wer es gediegener mag, findet auf dem Süllberg gehobene Gastronomie mit Panoramablick.
- Schuhwerk: Unbedingt flache, bequeme Schuhe tragen. Stöckelschuhe sind auf den unebenen Stufen und Kopfsteinpflaster-Wegen eine Garantie für verstauchte Knöchel.
Weißer Putz und Reetdächer: Architektur am Hang
Der erste Eindruck beim Abstieg ist blendend, im wahrsten Sinne des Wortes. Die vorherrschende Farbe ist Weiß. Die Villen und kleinen Fischerhäuser, die sich eng an den Elbhang schmiegen, reflektieren das Licht, besonders wenn die Sonne tief über dem Wasser steht. Dazwischen blitzen immer wieder dunkle Reetdächer auf, die an die Vergangenheit des Ortes erinnern. Blankenese war nicht immer der Rückzugsort der Millionäre. Früher war dies ein armes Fischerdorf und später der Wohnsitz vieler Lotsen und Kapitäne, die nah am Wasser sein mussten. Diese Mischung aus bescheidenen Katen, die heute natürlich aufwendig saniert sind, und prunkvollen Gründerzeitvillen macht den Reiz aus. Es wirkt organisch gewachsen, nicht am Reißbrett geplant.
Während du die Stufen hinabsteigst, fällt die Ruhe auf. Der Lärm der Großstadt dringt nicht hierher. Stattdessen hört man das Rauschen des Windes in den alten Bäumen, das Kreischen der Möwen und gelegentlich das ferne Wummern eines Schiffsdiesels. Die Gärten sind oft winzig, aber liebevoll gepflegt. Stockrosen wachsen an den Hauswänden hoch, Rhododendren bilden dichte Hecken, und auf den kleinen Terrassen stehen gusseiserne Möbel. Man fühlt sich fast wie ein Eindringling, wenn man an den Küchenfenstern vorbeigeht und quasi auf den Esstisch schauen kann. Diskretion ist hier das oberste Gebot, auch wenn die Architektur zur Neugier einlädt.
Interessant ist dabei die Orientierung. Fast alle Häuser richten sich stur nach Süden, zur Elbe hin. Wer hier wohnt, bezahlt für den Blick. Und der ist tatsächlich spektakulär. Zwischen den Dächern und Schornsteinen blitzt immer wieder das graue oder blaue Wasser der Elbe hervor. Man sieht die riesigen Containerbrücken im Hafen auf der anderen Seite, die winzig wirken, und die "Pötte", wie die Hamburger ihre Schiffe nennen, die sich langsam flussauf- oder abwärts schieben. Es ist ein lebendiges Wimmelbild, das sich im Minutentakt verändert.
Die Bergziege: Ein Bus wie kein anderer
Solltest du keine Lust haben, den gesamten Weg zu laufen, begegnet dir vielleicht die "Bergziege". Das ist keine lokale Tierart, sondern der Spitzname für die Buslinie 488. Es sind kleine, wendige Spezialbusse, die einzigen Fahrzeuge, die die engen Serpentinen des Treppenviertels befahren können und dürfen. Es ist ein kleines Abenteuer, in diesem Bus zu sitzen. Wenn der Fahrer um die Kurven zirkelt, bleiben oft nur Zentimeter zwischen Außenspiegel und Hauswand. Die Fahrer sind absolute Profis und kennen jeden Winkel. Manchmal müssen sie zurücksetzen, weil ein Lieferwagen den Weg versperrt oder ein Tourist verwirrt auf der Straße steht. Für die Bewohner ist die Bergziege die Lebensader, besonders für die älteren Semester, die den Einkauf nicht mehr die Treppen hochschleppen können. Eine Fahrt kostet den normalen HVV-Tarif, ist aber eigentlich mehr wert als jede Hafenrundfahrt.
Unten am Wasser: Strandweg und Leuchttürme
Irgendwann enden die Treppen, und man steht am Strandweg. Hier unten pulsiert das Leben wieder etwas mehr, vor allem an sonnigen Wochenenden. Der Strandweg ist die Flaniermeile von Blankenese. Hier wird gejoggt, hier werden teure Rassehunde ausgeführt, und hier zeigt man, was man hat. Doch trotz des leichten "Sehen und Gesehen werden"-Faktors ist die Atmosphäre entspannt. Der Sandstrand lädt zum Sitzen ein, auch wenn das Baden in der Elbe wegen der Strömung und des Schiffsverkehrs nicht unbedingt ratsam ist. Aber Füße ins Wasser halten geht immer.
Ein markanter Punkt hier unten ist das Unterfeuer Blankenese. Ein rot-weiß gestreifter Leuchtturm, der eigentlich viel zu modern für die Umgebung aussieht, aber für die Schifffahrt unverzichtbar ist. Zusammen mit dem Oberfeuer oben am Baurs Park bildet er eine Richtfeuerlinie. Wer sich für Technik interessiert, bleibt hier kurz stehen. Alle anderen schauen eher auf den Fähranleger "Op’n Bulln". Der Name ist plattdeutsch und bezeichnet den bulligen Kopf des Wellenbrechers. Hier legt die Fähre nach Cranz im Alten Land an. Ein kleiner Ponton, der bei Wellengang ordentlich schaukelt.
Direkt am Anleger gibt es die Möglichkeit, sich zu stärken. Sei es mit einem Fischbrötchen auf die Hand oder einem Stück Kuchen in einem der Cafés. Die Preise sind erwartungsgemäß etwas höher, man zahlt den Blick auf die Elbe mit. Aber ehrlich gesagt schmeckt das Bier oder der Kaffee mit dem Wind im Gesicht und dem Geruch von Brackwasser in der Nase auch einfach besser als in der Innenstadt.
Schiffsfriedhof und Geschichte
Wenn du am Strandweg weiter Richtung Westen läufst, kommst du zum Falkensteiner Ufer. Auf dem Weg dorthin passiert man ein kurioses Relikt: das Wrack der "Polstjernan". Es sind die Überreste eines finnischen Schoners, der hier 1926 nach einem Feuer strandete. Heute dienen die verrosteten Teile als Wellenbrecher und Fotomotiv. Bei Ebbe ragen die Spanten wie Rippen aus dem Schlick, bei Flut sieht man nur noch wenig davon. Es ist ein kleiner, etwas morbider Kontrast zu den gepflegten Vorgärten weiter oben.
Historisch gesehen war Blankenese lange Zeit dänisch, nämlich als Teil der Herrschaft Pinneberg. Das erklärt vielleicht auch die gewisse Eigenwilligkeit der Bewohner. Man fühlt sich zwar als Hamburger, aber eben als Blankeneser Hamburger. Die Eingemeindung geschah erst spät durch das Groß-Hamburg-Gesetz. Diese lokale Identität spürt man. Man schnackt hier zwar Hochdeutsch, aber das Hamburger Missingsch hört man an der Kasse im Supermarkt oder beim Bäcker durchaus noch, wenn die Alteingesessenen unter sich sind.
Der Aufstieg: Süllberg und Kondition
Irgendwann muss man wieder hoch. Entweder nimmt man die bequemere Bergziege, oder man stellt sich der Herausforderung. Es gibt verschiedene Routen zurück. Eine besonders schöne, aber anstrengende führt über den Süllberg. Der Süllberg ist mit gut 75 Metern eine der höchsten Erhebungen in der Gegend. Oben thront eine burgähnliche Anlage, die heute Gastronomie und Hotel beherbergt. Der Aufstieg über die steilen Waldwege und Treppen treibt den Puls in die Höhe. Doch oben angekommen, wird man entschädigt. Von der Süllberg-Terrasse hat man wohl einen der besten Ausblicke über die Unterelbe bis hinüber ins Alte Land und fast bis nach Stade, wenn das Wetter mitspielt.
Auf dem Rückweg durch die Gassen fällt einem vielleicht noch das Treppenviertel-typische Namensschild-Design auf. Viele Häuser haben Namen, oft maritime oder solche, die die Geschichte des Hauses erzählen. "Huus achtern Diek" würde hier nicht passen, da es keinen Deich gibt, aber "Schifferhaus" oder ähnliche Bezeichnungen findet man oft. Achte auch auf die kleinen Details: handgeschmiedete Geländer, alte Laternen und die oft sehr kreativen Lösungen für Mülltonnenstellplätze, die in den Hang gegraben wurden.
Zu guter Letzt: Ein Ort für jede Jahreszeit
Viele Reiseführer empfehlen Blankenese nur im Sommer. Das ist ein Fehler. Natürlich ist das mediterrane Flair bei 25 Grad und Sonnenschein am stärksten. Aber das Treppenviertel hat im Herbst und Winter einen ganz eigenen, fast mystischen Charme. Wenn der Nebel von der Elbe in die Gassen kriecht und die Nebelhörner der Schiffe dröhnen, wirkt der Ort wie aus der Zeit gefallen. Dann sind die Wege leer, das Licht in den Fenstern der kleinen Häuser wirkt einladender, und die steife Brise pustet den Kopf wirklich frei. Man muss sich nur warm anziehen, denn der Wind pfeift hier am Hang oft ungebremst. Wer Hamburg wirklich verstehen will, muss einmal hier gewesen sein, wenn das Wetter "Schiet" ist. Denn dann zeigt sich die wahre, raue Schönheit der Elbe, und der heiße Tee danach ist wohlverdient.