Wenn du aus der S-Bahn-Station Reeperbahn stolperst, schlägt dir oft erst einmal eine Wand aus Lärm und visueller Reizüberflutung entgegen. Es blinkt, es dröhnt, und an jeder Ecke versucht jemand, dir etwas in die Hand zu drücken. Viele Besucher bleiben genau hier hängen. Sie lassen sich von den Leuchtreklamen der großen Ketten und den offensichtlichen Touristen-Hotspots blenden. Das ist der erste Fehler. Die Reeperbahn selbst, also die breite Hauptstraße, ist eigentlich nur die Schlagader. Das wirkliche Leben, die guten Absturzkneipen und die authentischen Tanzflächen, die findest du meistens in den kleinen Kapillaren links und rechts davon. Es lohnt sich, den Blick vom Boden zu heben. Die Architektur ist nämlich oft viel älter und schöner, als es die grellen Schilder im Erdgeschoss vermuten lassen.
St. Pauli ist laut und dreckig, das muss man mögen. Es riecht stellenweise unangenehm, manchmal nach Urin oder verschüttetem Alkohol, und am frühen Morgen mischt sich der Duft von frischem Gebäck dazu. Diese Mischung ist speziell. Wer hier saubere Gehwege erwartet, ist definitiv falsch. Aber genau dieser raue Charme macht den Reiz aus. Du bist hier nicht in einem Museum, sondern in einem Wohnviertel, das zufällig auch das bekannteste Vergnügungsviertel Deutschlands ist. Respekt vor den Anwohnern ist daher oberstes Gebot, auch wenn es nachts manchmal schwerfällt daran zu denken.
Kurz & Kompakt - Glasverbot beachten: Freitags, samstags und vor Feiertagen ist das Mitführen von Glasflaschen und Gläsern auf den Straßen rund um die Reeperbahn nachts untersagt. Die Kontrollen sind streng.
- Vorsicht bei "Gratis"-Angeboten: Wenn dich jemand auf der Straße in einen Club oder eine Bar ziehen will, ist das fast immer eine Falle mit versteckten Kosten. Geh einfach weiter.
- Sperrbezirk Herbertstraße: Der Zugang ist durch Sichtblenden versperrt. Zutritt nur für Männer ab 18 Jahren. Frauen und Minderjährige haben hier keinen Zutritt, und Touristen-Gruppen sind nicht gern gesehen.
- Geldautomaten: Nutze nur Automaten in den Foyers der offiziellen Bankfilialen. Die freistehenden Automaten in den Kiosken oder an Häuserwänden verlangen oft horrende Gebühren.
Die Geografie des Feierns
Man kann den Kiez grob in verschiedene Zonen einteilen. Da ist der Hans-Albers-Platz. In der Mitte steht die Statue des blonden Hans, drumherum reiht sich Kneipe an Kneipe. Hier ist das Publikum oft gemischt, viele Junggesellenabschiede, viele Touristen, aber auch Einheimische, die im "Molly Malone" ein Guinness trinken. Die Stimmung ist meistens ausgelassen, aber es kann auch aggressiv werden, wenn der Alkoholpegel steigt. Ein paar Meter weiter liegt der Hamburger Berg. Das ist eine ganz andere Welt. Hier findest du weniger Neon und mehr Graffiti. Die Bars sind klein, dunkel und laut. Es läuft Indie, Punk, Soul oder alter Rock. Das Publikum ist jünger, studentischer und oft entspannter als auf der Hauptmeile. Wenn du keine Lust auf Ballermann-Hits hast, ist das deine Gasse.
Dann gibt es natürlich die Große Freiheit. Ja, die Beatles haben hier gespielt, aber davon ist außer ein paar Gedenktafeln und Statuen wenig übrig. Heute ist die Große Freiheit eine Aneinanderreihung von Discos und Tabledance-Bars. Es ist voll, es ist teuer, und es ist oft sehr touristisch. Trotzdem hat es seinen Reiz, sich einmal durch die Menschenmassen schieben zu lassen, einfach um es gesehen zu haben. Die Talstraße verbindet diese Welten ein bisschen. Hier gibt es einige Kult-Kneipen, die seit Jahrzehnten existieren und wo die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Dort sitzt der alte Seemann neben dem Hipster, und niemand stört sich daran.
Vorsicht vor den Neppern und Schleppern
Ein Thema, das man leider ansprechen muss, sind die sogenannten Schlepper. Das sind die Jungs, die vor den Clubs und Stripbars stehen und dich offensiv anquatschen. Sie versprechen freien Eintritt, Freigetränke oder die schönste Nacht deines Lebens. Glaube ihnen kein Wort. Sobald du drin bist, gelten oft ganz andere Regeln. Ein Klassiker ist der angeblich kostenlose Eintritt, der dann mit einem obligatorischen ersten Getränk für 20 Euro oder mehr verrechnet wird. In manchen Etablissements stehen plötzlich Preise auf der Rechnung, die nirgendwo auf der Karte zu finden waren. Oder die Karte existiert schlichtweg nicht.
Bleibe freundlich, aber bestimmt. Ein einfaches Nein oder Kopfschütteln reicht meistens aus. Lass dich nicht in Gespräche verwickeln. Wenn dich jemand anfasst oder dir den Weg versperrt, werde laut und deutlich. Die Polizei zeigt auf der Reeperbahn massive Präsenz, die Davidwache ist nicht nur eine Fernsehserie, sondern liegt direkt an der Ecke. Wenn du dich unsicher fühlst, sprich die Beamten an. Meide Ladenlokale, in die man nicht hineinschauen kann und vor denen aggressive Türsteher patrouillieren. Gute Clubs und Bars haben so etwas nicht nötig. Seriöse Stripclubs verlangen meist einen festen Eintritt und haben klare Getränkepreise. Alles, was "umsonst" sein soll, ist in der Regel faul.
Kneipenkultur und das richtige Getränk
Wer auf St. Pauli bestellt, sollte wissen, was er tut. Cocktails sind in den meisten Kneipen eher Glückssache, es sei denn, du bist in einer ausgewiesenen Cocktailbar wie dem "Christiansen’s". In der normalen Kiez-Kneipe trinkt man Bier. Astra ist allgegenwärtig. Es ist vielleicht nicht das beste Bier der Welt, aber es gehört einfach dazu wie der Regen zu Hamburg. Ein typisches Herrengedeck oder wie man hier manchmal sagt "Lütt un Lütt" besteht aus einem kleinen Bier und einem Korn. Aber Vorsicht, die Mischung haut rein. Viele Wirte sind großzügig beim Einschenken. Ein Schnapsglas ist hier oft voller als anderswo.
Ein besonderes Phänomen ist das "Cornern". Man holt sich ein Bier am Kiosk und steht einfach an der Straßenecke, redet, beobachtet die Leute. Besonders an warmen Sommerabenden ist das oft netter als in einer überfüllten Bar zu schwitzen. Beliebte Spots dafür sind die Ecke beim "Grünen Jäger" oder direkt auf dem Schulterblatt, auch wenn das streng genommen schon Schanzenviertel ist. Auf der Reeperbahn selbst ist das wegen des Glasverbots am Wochenende schwieriger. Freitag- und Samstagnacht sind Glasflaschen und Gläser auf den Straßen nämlich verboten. Die Polizei kontrolliert das streng. Wer erwischt wird, muss austrinken oder wegschütten. Plastikbecher sind erlaubt, aber stilvoll ist anders.
Der Kiez jenseits der Klischees
Abseits vom Saufen gibt es Ecken, die überraschend ruhig oder kulturell spannend sind. Der Park Fiction zum Beispiel, unten am Hafenrand. Man sitzt unter künstlichen Palmen aus Metall, guckt auf die Kräne und sieht die Schiffe vorbei gleiten. Das ist der perfekte Ort, um mal kurz durchzuatmen, wenn einem der Trubel oben zu viel wird. Oder die Theater am Spielbudenplatz. Das St. Pauli Theater oder das Schmidts Tivoli bieten oft wirklich gute Unterhaltung, die zwar volkstümlich, aber selten platt ist. Es lohnt sich, den Abend dort zu beginnen und erst danach in den Sumpf der Nacht einzutauchen.
Manche Läden sind Institutionen. Der "Silbersack" ist so einer. Da kleben die Poster seit den 50ern an der Wand, und die Jukebox spielt Lieder, die deine Großeltern schon mitgesungen haben. Der Laden ist ranzig im besten Sinne. Oder der "Goldene Handschuh". Durch den Roman und den Film von Fatih Akin ist der Laden mittlerweile fast zu bekannt geworden, und am Wochenende drängeln sich die Katastrophentouristen. Aber unter der Woche, wenn die Stammgäste da sind, spürt man noch diesen morbiden, traurigen, aber auch ehrlichen Vibe, den Heinz Strunk beschrieben hat. Es ist kein Ort für einen fröhlichen Cocktailabend, eher für eine soziologische Studie mit Bierbegleitung.
Essen als Überlebensstrategie
Irgendwann kommt der Hunger. Das ist unvermeidlich. Und zum Glück ist St. Pauli darauf vorbereitet. Die Dichte an Imbissbuden ist enorm. Aber auch hier gibt es Unterschiede. Die "Kleine Pause" am Beginn der Wohlwillstraße ist Kult. Hier treffen sich alle. Polizisten, Taxifahrer, Kiez-Größen und gestrandete Partygänger. Die Currywurst ist solide, die Pommes sind heiß. Wer es noch klassischer mag, geht zu "Lucullus" direkt an der Reeperbahn. Wenn du nachts um drei Uhr in der Schlange stehst, hörst du die besten Geschichten. Es ist laut, fettig und genau das, was dein Körper braucht, um den Alkohol zu verarbeiten.
Vermeide die überteuerten Pizza-Slices, die schon seit Stunden in der Auslage liegen und unter der Wärmelampe vertrocknen. Die sehen zwar im ersten Moment verlockend aus, schmecken aber meistens wie Pappe mit Käse. Ein frischer Döner oder eben eine Currywurst sind fast immer die sicherere Bank. Und noch ein Tipp, der vielleicht banal klingt, aber Gold wert ist: Trinken. Also Wasser. Es gibt Kioske, die die ganze Nacht aufhaben. Eine Flasche Wasser zwischendurch kann den nächsten Morgen retten.