Hamburg

Großer Brand von 1842: Wo das Feuer wütete und die moderne Stadt aus der Asche aufstieg

Der Große Brand von 1842 hat alles auf den Kopf gestellt und die Stadt in eine gigantische Baustelle verwandelt. Wir gehen dahin, wo es damals richtig brenzlig wurde und die moderne Metropole ihren Anfang nahm.

Hamburg  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Es beginnt alles ganz unscheinbar, fast schon banal. Wenn du heute durch die Deichstraße schlenderst, mit ihren schiefen Fachwerkhäusern und den teuren Restaurants, riechst du vielleicht gebratenen Fisch oder das brackige Wasser vom Nikolaifleet. Aber stell dir vor, es ist der 5. Mai 1842. Es ist ungewöhnlich warm für die Jahreszeit, trocken, staubig. Seit Wochen hat es kaum geregnet. Ein strammer Wind bläst aus Südwest. Genau hier, im Haus Nummer 42 (damals noch Nummer 25), macht der Zigarrenmacher Eduard Cohen Feierabend. Oder auch nicht. Man munkelt bis heute, ob es Unachtsamkeit war oder Pech. Fakt ist: Kurz nach halb eins in der Nacht lodern Flammen im Dachstuhl.

Das Feuer hätte vielleicht gelöscht werden können. Doch die Umstände waren vertrackt. Die Spritzenleute, wie man die Feuerwehr damals nannte, kamen zwar an, aber das Wasser im Fleet stand wegen der Ebbe extrem niedrig. Der Schlick nützte niemandem etwas. Dazu kam dieser verdammte Wind. Er trieb die Funken nicht nur zum Nachbarn, sondern gleich über die engen Gassen hinweg. Innerhalb weniger Stunden war klar, dass das hier kein gewöhnlicher Wohnungsbrand bleiben würde. Wenn du heute vor dem Haus stehst, siehst du natürlich einen Neubau, aber die Gasse selbst atmet noch diese Enge, die damals zum Verhängnis wurde. Es ist fast unheimlich, wie friedlich das Wasser heute gegen die Kaimauern schwappt.

Kurz & Kompakt
  • Dauer und Ausmaß: Das Feuer wütete vom 5. bis zum 8. Mai 1842 und vernichtete etwa ein Drittel der damaligen Innenstadt, darunter drei Hauptkirchen und das Rathaus.
  • Der Wiederaufbau: Ingenieur William Lindley nutzte die Zerstörung für die Modernisierung der Infrastruktur (Siele, Wasserleitungen, Gasbeleuchtung), was Hamburg zur Vorreiterstadt in Europa machte.
  • Die Architektur: Statt enger Gassen entstanden breite Boulevards und Gebäude im Rundbogenstil (Architekt Alexis de Chateauneuf), die das Stadtbild zur Alster hin öffneten.
  • Der Überlebende: Die Neue Börse am Adolphsplatz blieb als einziges Gebäude in ihrem Umfeld erhalten, weil Kaufleute sie unter Einsatz ihres Lebens gegen die Flammen verteidigten.

Der Fall von St. Nikolai

Ein paar Straßenzüge weiter steht die Ruine der St. Nikolai Kirche. Sie ist heute Mahnmal für den Zweiten Weltkrieg, aber ihre Vorgängerin war das prominenteste Opfer von 1842. Der Brand fraß sich mit einer Geschwindigkeit durch das Viertel, die selbst die pessimistischsten Hamburger überraschte. Die Lagerhäuser waren vollgestopft mit brennbarem Zeug: Spirituosen, Gummi, Schellack. Das brannte nicht nur, das explodierte förmlich. Die Luft muss bestialisch geschmeckt haben, eine Mischung aus verbranntem Holz, Alkohol und purer Panik.

Am Nachmittag des 5. Mai erreichte das Feuer den Kirchturm. Augenzeugen berichteten später, wie die Kupferplatten des Daches glühten und sich wellten wie Papier. Es gab diesen einen Moment, als das Glockenspiel noch einmal erklang, bevor der Turm unter donnerndem Getöse in das Kirchenschiff stürzte. Die Hitze war so enorm, dass das Glockenmetall schmolz und als glühender Strom auf die Straße lief. Wenn du heute mit dem gläsernen Fahrstuhl auf die Aussichtsplattform fährst, schau mal runter auf das Straßenraster. Du erkennst vielleicht, wie radikal man nach dem Brand aufgeräumt hat. Keine krummen Gassen mehr, sondern breite Schneisen, damit so etwas nie wieder passiert.

Panik, Chaos und "Butter bei die Fische"

Man muss sich das menschliche Drama vor Augen führen. Die Hamburger waren nicht nur auf der Flucht, sie versuchten verzweifelt, ihr Hab und Gut zu retten. Es herrschte das totale Chaos. Möbelstücke wurden aus den Fenstern geworfen, in der Hoffnung, sie unten aufzufangen. Karren waren Mangelware und wurden zu Wucherpreisen vermietet. Wer konnte, schleppte seine Habe zum Jungfernstieg oder auf die Wallanlagen. Man erzählt sich Döntjes von Leuten, die in ihrer Panik wertloses Zeug retteten, etwa einen einzelnen Stiefel oder einen leeren Vogelkäfig, während das Tafelsilber zurückblieb.

Die Versicherungen, und das ist typisch hanseatisch, spielten eine riesige Rolle. Die Hamburger Feuerkasse, die älteste Versicherung der Welt, stand vor der Pleite. Aber hier zeigte sich der Kaufmannsgeist: Man zahlte. Zwar dauerte es Jahre, aber die Stadt wurde nicht aufgegeben. Es hieß "Butter bei die Fische". Man jammerte nicht lange, sondern plante neu. Und zwar größer, schöner, moderner.

Das Wunder der Börse und der Knall beim Rathaus

Geh mal rüber zum Adolphsplatz. Dort steht die Handelskammer, die Neue Börse. Sie ist das einzige Gebäude in diesem Areal, das den Feuersturm überlebt hat. Und das war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer fast schon militärischen Rettungsaktion. Während rundherum alles in Flammen aufging, verbarrikadierten sich Männer in der Börse. Sie mauerten Fenster zu, bedeckten Dächer mit nassen Tüchern und löschten jeden Funken, der es wagte, auf dem Prachtbau zu landen. Sie retteten damit nicht nur das Gebäude, sondern das wirtschaftliche Herz der Stadt. Es muss drinnen glühend heiß gewesen sein, stickig und laut.

Ganz anders erging es dem alten Rathaus an der Trostbrücke. Um das Feuer zu stoppen, griff der Senat zu einer drastischen Maßnahme: Sprengung. Man wollte eine Schneise schlagen. Es muss den Ratsherren das Herz zerrissen haben, ihr eigenes Rathaus in die Luft zu jagen. Genützt hat es wenig. Das Feuer sprang einfach über die Trümmer hinweg. Heute erinnert an der Trostbrücke kaum noch etwas an das alte Regierungsgebäude, aber der Ort markiert die Stelle, wo die Verzweiflung am größten war.

Wie William Lindley den Untergrund revolutionierte

Nach dem Brand lag ein Drittel der Altstadt in Schutt und Asche. Doch in diesem rauchenden Trümmerfeld sah ein Mann seine Chance: William Lindley. Ein britischer Ingenieur, den man getrost als den Vater des modernen Hamburg bezeichnen kann. Vor dem Brand war Hamburg eine mittelalterliche Stadt, dreckig und ohne vernünftige Abwasserentsorgung. Lindley plante nun radikal um. Er nutzte die Zerstörung, um das erste moderne Sielsystem auf dem europäischen Festland zu bauen.

Spannend ist dabei, dass der Große Brand der Stadt langfristig wahrscheinlich Tausende Leben gerettet hat. Als 50 Jahre später die Cholera wütete, waren die Bereiche mit Lindleys neuer Kanalisation deutlich besser geschützt als die alten Gängeviertel, die vom Feuer verschont geblieben waren. Wenn du heute einen Wasserhahn aufdrehst oder auf die Toilette gehst, verdankst du das indirekt dem Feuer von 1842. Lindley konzipierte auch die Wasserversorgung neu, mit dem Wasserturm in Rothenburgsort. Er machte aus dem provinziellen Hamburg eine hygienisch fortschrittliche Großstadt.

Die weißen Arkaden und der neue Look

Schau dir die Alsterarkaden an. Dieser weiße, elegante Putz, die Rundbögen, das wirkt fast italienisch, oder? Das ist das Werk von Alexis de Chateauneuf. Nach dem Brand gab es eine hitzige Debatte über die Architektur. Sollte man wieder den roten Backstein nehmen, der so typisch für den Norden war? Chateauneuf sagte Nein. Er wollte Helligkeit, Eleganz, eine Öffnung zur Alster hin. Vor dem Brand drehten die Häuser der Alster oft den Rücken zu, dort wurde Wäsche gewaschen und Müll entsorgt. Nach dem Brand wurde die Binnenalster zum Schmuckstück, zur "Guten Stube".

Der Architekt setzte sich durch, zumindest teilweise. Der "Rundbogenstil" prägte den Wiederaufbau. Es entstand ein völlig neues Stadtbild. Die Brandschneisen wurden zu breiten Boulevards. Die Stadt öffnete sich. Man mauerte sich nicht mehr ein, man flanierte. Es ist schon ironisch: Ohne die Katastrophe wäre Hamburg heute vielleicht viel pittoresker, viel enger und mittelalterlicher, aber es hätte wohl nie diesen weltmännischen, offenen Charakter bekommen, den wir heute so lieben.

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