Hamburg

700 Jahre Kunstgeschichte: Ein Rundgang durch die ehrwürdige Hamburger Kunsthalle

Drei Gebäude, sieben Jahrhunderte und verdammt viel rote Ziegelsteine. Die Hamburger Kunsthalle ist kein verstaubtes Museum, sondern ein echtes Schwergewicht der europäischen Kulturlandschaft. Hier hängen die Ikonen, die du sonst nur aus Schulbüchern kennst.

Hamburg  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Die Hamburger Kunsthalle besteht nicht nur aus einem Klotz, sondern ist ein Ensemble aus drei Gebäuden, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da ist zunächst der Gründungsbau aus dem Jahr 1869, ein prachtvoller Backsteinbau im Stil der italienischen Renaissance. Er wirkt fast ein wenig trutzig, wie er da über dem Gleisbett thront. Direkt daneben steht der Erweiterungsbau aus Muschelkalk, der 1919 fertiggestellt wurde und mit seiner Kuppel fast ein bisschen sakral rüberkommt. Und dann ist da noch der strahlend weiße Würfel der Galerie der Gegenwart, den Oswald Mathias Ungers Ende der 1990er Jahre dort hingestellt hat. Das helle Licht auf dem Plateau zwischen den Gebäuden kann an sonnigen Tagen fast blenden, während der Wind vom Wasser herüberpfeift. Es riecht hier oft nach einer Mischung aus Alsterwasser und dem fernen Duft von gebrannten Mandeln vom nahen Bahnhofsvorplatz.

Der Rundgang beginnt meist im Gründungsbau. Wenn man die schwere Eingangstür hinter sich lässt, empfängt einen diese typische Museumsstille, die nur vom leisen Quietschen der Sohlen auf den polierten Böden unterbrochen wird. Die Decken sind hoch, die Wände in gedeckten Farben gestrichen, die den Rahmen für die mittelalterlichen Altäre bilden. Es ist erstaunlich, wie kühl es hier selbst im Hochsommer bleibt. Man spürt förmlich das Gewicht der Geschichte, das in diesen Mauern steckt. Die Kunsthalle ist keine Gründung eines Fürsten oder Königs, was für Hamburg als stolze Hansestadt absolut typisch ist. Die Bürger selbst haben das Geld zusammengelegt, um sich ihr eigenes Museum zu bauen. Das gibt dem Ganzen einen bodenständigen Touch, trotz der ganzen Vergoldungen an den Rahmen.

Kurz & Kompakt
  • Anreise: Direkt am Hauptbahnhof gelegen, ist die Kunsthalle mit allen S- und U-Bahnen sowie Fernzügen in wenigen Gehminuten erreichbar. Wer mit dem Auto kommt, nutzt am besten das Parkhaus "Gertrudenhof", da Parkplätze direkt am Museum Mangelware sind.
  • Highlights: Unbedingt den "Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich im Altbau suchen und danach den Kontrast im weißen Kubus der Galerie der Gegenwart wirken lassen. Für Mittelalter-Fans ist der Grabower Altar ein absolutes Muss.
  • Besuchszeit: Am besten unter der Woche vormittags oder am späten Donnerstagnachmittag kommen, wenn das Museum bis 21 Uhr geöffnet hat. Dann ist es deutlich leerer und man hat die Meisterwerke fast für sich allein.
  • Verpflegung: Das Café "Das Liebermann" im Altbau bietet klassisches Flair, während "The Cube" in der Galerie der Gegenwart mit modernem Design und einem erstklassigen Alsterblick punktet.

Von Goldgrund und hanseatischem Stolz: Das Mittelalter

In den ersten Räumen geht es glänzend zur Sache. Hier lagern die Schätze der norddeutschen Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts. Besonders der Grabower Altar von Meister Bertram ist ein echtes Brett. Das Ding ist riesig und strotzt nur so vor Details. Man muss schon genau hinschauen, um die kleinen Handlungen in den einzelnen Paneelen zu erfassen. Die Farben sind nach all den Jahrhunderten immer noch krass intensiv, besonders das tiefe Blau und das glänzende Blattgold. Es ist schon verrückt, wenn man bedenkt, dass diese Werke Kriege, Brände und Umzüge überstanden haben. Meister Bertram war damals der Star in Hamburg, ein echter Local Hero, der die Stadt geprägt hat. Seine Figuren haben oft etwas sehr Menschliches, fast schon Derbes an sich, was so gar nicht zu der sonst oft steifen religiösen Kunst jener Zeit passt.

Ein paar Räume weiter trifft man auf Meister Francke. Sein Thomas-Altar ist ein weiteres Highlight, das man nicht einfach links liegen lassen sollte. Die Erzählweise ist hier schon fast filmisch. Man wandert mit den Augen von Szene zu Szene und vergisst dabei fast die Zeit. Die Akustik in diesen Räumen ist speziell, jedes Flüstern hallt leise wider. Es ist ein guter Ort, um erst einmal runterzukommen und den Trubel der Mönckebergstraße zu vergessen. Manchmal sieht man hier Kunststudenten, die mit ihren Skizzenblöcken auf den hölzernen Bänken hocken und versuchen, die Linienführung der Alten Meister zu kopieren. Das hat was Beruhigendes.

Die Holländer und das Licht des Nordens

Der Übergang zum 17. Jahrhundert fühlt sich an wie ein Wechsel der Jahreszeiten. Plötzlich wird es dunkler, intimer, aber auch dramatischer. Die Niederländer sind in Hamburg stark vertreten, was durch die engen Handelsbeziehungen der Hansestadt zu den Nachbarn im Westen logisch erscheint. Hier hängen Werke von Rembrandt und Ruisdael. Besonders die Stillleben sind faszinierend. Wenn man nah herangeht, sieht man die winzigen Wassertropfen auf den Weintrauben oder das feine Netz eines Spinnenweben im Hintergrund. Das ist Handwerk in Perfektion. Man bekommt fast Hunger, wenn man die saftigen Schinken und die prallen Austern auf den Leinwänden sieht, auch wenn man weiß, dass das alles nur Ölfarbe ist.

Interessant ist auch die Porträtmalerei dieser Zeit. Die Hamburger Kaufleute ließen sich gerne so darstellen, wie sie sich sahen: wohlhabend, aber gottesfürchtig, meist in schwarze Stoffe gehüllt, die aber von feinster Qualität waren. Man sieht den Stolz in ihren Gesichtern. Die Räume hier sind oft etwas voller, weil jeder mal einen echten Rembrandt aus der Nähe betrachten will. Aber wenn man einen Moment abwartet, erwischt man eine Lücke und kann sich ganz in die Lichtführung vertiefen, für die der Meister aus Amsterdam so berühmt ist. Es ist dieses warme, fast goldene Licht, das aus dem Nichts zu kommen scheint und die Gesichter der Dargestellten zum Leuchten bringt.

Caspar David Friedrich und die Sehnsucht der Romantik

Jetzt kommen wir zum Herzstück für viele Besucher. Wenn man die Abteilung der Romantik betritt, verändert sich die Stimmung merklich. Hier hängt er, der "Wanderer über dem Nebelmeer". Dieses Bild ist das inoffizielle Maskottchen der Kunsthalle. Es ist kleiner, als man es sich oft vorstellt, aber die Wirkung ist gewaltig. Die Leute stehen oft in Trauben davor, also braucht man etwas Geduld. Aber es lohnt sich. Die Art und Weise, wie Caspar David Friedrich den Nebel gemalt hat, der zwischen den Felsen aufsteigt, ist einfach unerreicht. Man meint fast, die kühle, feuchte Luft auf der Haut zu spüren. Es ist ein Bild, das einen sofort ruhig werden lässt, egal wie voll das Museum gerade ist.

Friedrich hat in Hamburg eine wahre Heimat gefunden, zumindest was seine Werke angeht. "Das Eismeer" ist ein weiteres Bild, das einem eine Gänsehaut bescheren kann. Diese übereinandergetürmten Eisschollen, die ein Schiff zermalmen, wirken so endgültig und unerbittlich. Die Farbskala aus kühlem Blau, Weiß und dreckigem Braun ist minimalistisch, aber extrem effektiv. Überhaupt ist die Sammlung der Romantiker hier eine der besten weltweit. Philipp Otto Runge ist ein weiterer Name, den man sich merken sollte. Seine "Hülsenbeckschen Kinder" sind fast schon unheimlich lebensecht und blicken einen aus einer Welt an, die längst untergegangen ist. Die Hamburger Kunsthalle hat hier wirklich das Filetstück der deutschen Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts versammelt.

Der Impressionismus und der Aufbruch in die Moderne

Nach der ganzen Schwere der Romantik tut ein bisschen französischer Esprit gut. Die Sammlung des Impressionismus in Hamburg ist vielleicht nicht so riesig wie in Paris, aber sie ist fein ausgewählt. Man trifft auf Manet, Monet und Renoir. Plötzlich wird der Pinselstrich lockerer, die Farben heller und das Licht flüchtiger. Besonders Manets "Nana" sorgt immer wieder für Gesprächsstoff. Die Dame im Unterrock, die sich vor dem Spiegel pudert, während ihr Verehrer im Hintergrund wartet, war damals ein handfester Skandal. Heute lächeln wir darüber, aber die Frische der Malerei ist immer noch spürbar. Es riecht hier zwar nicht nach Parfüm, aber die Bilder verströmen eine gewisse Leichtigkeit.

Auch die deutschen Impressionisten wie Max Liebermann oder Lovis Corinth haben hier ihren festen Platz. Liebermanns Gartenbilder vom Wannsee passen wunderbar nach Hamburg, auch wenn sie in Berlin entstanden sind. Sie fangen dieses bürgerliche Lebensgefühl ein, das man auch heute noch bei einem Spaziergang an der Elbe in Blankenese spüren kann. Man bekommt direkt Lust, das Museum zu verlassen und sich in einen der Liegestühle an der Alster zu fläzen. Aber halt, wir sind noch nicht fertig, denn der weiße Würfel ruft noch.

Lichtfluten im Ungers-Bau: Die Galerie der Gegenwart

Man erreicht die Galerie der Gegenwart über einen unterirdischen Gang, was sich ein bisschen wie eine Zeitreise anfühlt. Man lässt die alten Dielen hinter sich und betritt eine Welt aus weißem Marmor, Glas und rechten Winkeln. Der Bau von Ungers ist an sich schon ein Kunstwerk. Die Architektur ist streng mathematisch, fast schon kühl, aber durch die riesigen Fensterfronten flutet das Tageslicht herein. Von hier aus hat man einen fantastischen Blick auf die Binnenalster und das bunte Treiben draußen. Es ist ein krasser Kontrast zu den eher dunklen Räumen der Alten Meister. Hier atmet alles Großzügigkeit und Weite.

In der Galerie der Gegenwart geht es um alles, was nach 1960 passiert ist. Pop Art, Konzeptkunst, Installationen. Hier kann es schon mal vorkommen, dass man vor einem Haufen Filz steht oder in einem Raum landet, der komplett mit Neonröhren ausgeleuchtet ist. Manches erschließt sich sofort, bei anderem muss man erst mal schlucken oder den Text an der Wand lesen. Aber genau das macht den Reiz aus. Es ist Kunst, die aneckt und Fragen stellt. Gerhard Richter ist hier natürlich prominent vertreten, ebenso wie Sigmar Polke. Die großformatigen Bilder brauchen den Platz, den dieser Bau ihnen bietet. Es ist oft viel ruhiger hier als drüben bei Friedrich, was angenehm ist, um die Gedanken mal schweifen zu lassen.

Praktisches und kleine Pausen

Nach so viel Input raucht einem meistens der Kopf. Zeit für eine Pause. Die Kunsthalle hat ein nettes Café, das "Das Liebermann", direkt im Säulensaal des Altbaus. Dort kann man unter hohen Decken einen Kaffee trinken und die Leute beobachten. Die Preise sind moderat für ein Museum dieser Klasse. Wer es etwas moderner mag, geht rüber in das Restaurant "The Cube" in der Galerie der Gegenwart. Der Ausblick von dort oben ist phänomenal, man schaut direkt auf die Lombardsbrücke und die Alsterdampfer. Es ist der perfekte Ort, um das Gesehene sacken zu lassen. Ein kleiner Tipp am Rande: Der Museumsshop ist gefährlich. Es gibt dort nicht nur die üblichen Postkarten, sondern wirklich gut kuratierte Bücher und Designobjekte, bei denen man schnell mal mehr Geld ausgibt, als man eigentlich wollte.

Der Besuch der Kunsthalle lässt sich wunderbar mit einem Spaziergang verbinden. Wenn man aus dem Museum kommt, kann man einmal um die Binnenalster laufen, was etwa 20 Minuten dauert. Oder man geht Richtung Lange Reihe in St. Georg, um dort in einem der vielen Restaurants etwas Richtiges zu essen. Die Kunsthalle ist zudem perfekt angebunden. Der Hauptbahnhof ist quasi um die Ecke, man kann also nach dem Museumsbesuch direkt in die S-Bahn springen. Aber eigentlich sollte man sich für dieses Haus einen ganzen Tag Zeit nehmen. Alles andere wäre nur Gehetze und würde der Qualität der Sammlung nicht gerecht werden. Man kann zwischendurch auch mal rausgehen, sich den Wind um die Nase wehen lassen und später mit dem Ticket wieder reingehen. Das entspannt die Sache ungemein.

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