Wer am Frankfurter Museumsufer entlangschlendert, bleibt unweigerlich an diesem historisierenden Bauwerk hängen, das so gar nicht in das Bild der funktionalen Moderne passen will. Die Villa Liebieghaus, Ende des 19. Jahrhunderts für den Textilbaronen Heinrich von Liebieg errichtet, wirkt wie ein verspieltes Importstück aus einer anderen Zeit. Es riecht hier im Sommer oft nach frisch gemähtem Gras und dem herben Duft der nahen Platanen. Die Architektur zitiert munter Stilelemente der Renaissance und Gotik, was im Frankfurter Volksmund schon mal als eklektisch oder schlicht prächtig durchgeht. Seit 1909 beherbergt das Haus eine Skulpturensammlung, die qualitativ in einer Liga mit dem Louvre oder dem British Museum spielt, ohne jedoch deren erschlagende Dimensionen zu besitzen. Es ist diese Übersichtlichkeit, die den Besuch so angenehm macht. Man stolpert nicht durch endlose Säle, sondern wandelt durch Räume, die trotz ihrer musealen Bestimmung immer noch etwas Privates ausstrahlen. Die hölzernen Dielen knarren an manchen Stellen leise unter den Schritten der Besucher, was dem Ganzen eine fast heimelige Note verleiht.
Interessant ist vor allem die Gründungsgeschichte. Frankfurt war damals eine Stadt im Aufbruch, die Bürger wollten zeigen, dass sie nicht nur Geld zählen, sondern auch Geist pflegen können. Die Stadt kaufte die Villa und die ersten Sammlungen, um ein Zeichen gegen die preußische Vorherrschaft in Berlin zu setzen. Man wollte eigenständig sein. Diese Unabhängigkeit spürt man heute noch im Konzept des Hauses. Es geht nicht um die bloße Aneinanderreihung von Objekten. Vielmehr wird versucht, die Skulptur als eigenständige Kunstform in den Fokus zu rücken. In den hohen, oft stuckverzierten Räumen wirken die steinernen Zeugen der Vergangenheit fast lebendig. Besonders im Winter, wenn das fahle Licht durch die großen Fenster fällt, entwickeln die Schatten der Statuen ein Eigenleben, das manchem Besucher eine Gänsehaut bescheren kann.
Kurz & Kompakt - Lage & Anfahrt: Direkt am Schaumainkai gelegen, am besten mit der U-Bahn (Haltestelle Schweizer Platz) oder dem Fahrrad erreichbar. Parken ist schwierig.
- Highlight: Die Athena des Myron im Erdgeschoss und das charmante Garten-Café mit hausgemachtem Kuchen für die Pause zwischendurch.
- Sammlung: Über 3.000 Skulpturen von der ägyptischen Antike bis zum Klassizismus, präsentiert in einer prachtvollen Historismus-Villa mit persönlicher Atmosphäre.
Vom Marmorblock zum Meisterwerk
Der Rundgang durch das Haus ist im Grunde eine chronologische Reise, die im alten Ägypten beginnt und in der Klassik endet. Beeindruckend ist die Athena des Myron. Sie steht da, als wäre sie gerade erst aus dem Fels gehauen worden, obwohl sie eine römische Kopie nach einem griechischen Original ist. Diese Unterscheidung zwischen Kopie und Original ist in der Archäologie ohnehin so eine Sache, die Experten gerne bei einem Schoppen Wein diskutieren. Für den Laien zählt die Wucht der Darstellung. Die Faltenwürfe ihrer Gewänder wirken so weich, dass man fast vergessen könnte, dass es sich um harten Stein handelt. Man sollte sich hier Zeit lassen. Die Beschreibungen an den Wänden sind angenehm unaufgeregt und verzichten auf hochtrabendes Fachchinesisch. Es ist eher so, als würde einem ein kluger Freund die Welt erklären. Wer genau hinsieht, entdeckt an manchen Figuren kleine Reste von Farbe. Das räumt radikal mit dem Vorurteil auf, die Antike sei eine strahlend weiße Angelegenheit gewesen. In Wahrheit war es dort oft bunt, fast schon schrill, was man sich heute kaum noch vorstellen kann.
Ein echter Hingucker ist der Raum mit der mittelalterlichen Kunst. Hier wird es deutlich sakraler. Die Gesichter der Heiligenfiguren erzählen Geschichten von Leid, Hoffnung und tiefem Glauben. Manchmal wirkt ein hölzerner Christus fast schon schmerzhaft realistisch. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Darstellung des menschlichen Körpers über die Jahrhunderte gewandelt hat. Von der strengen, fast steifen Formensprache der frühen Epochen hin zur dynamischen, fast schon theatralischen Geste des Barock. Gelegentlich hört man im Hintergrund das leise Gemurmel anderer Besucher oder das ferne Rauschen des Verkehrs vom Mainufer, was einen immer wieder sanft in die Gegenwart zurückholt. Es ist kein stilles Museum im Sinne einer Bibliothek, sondern ein Ort, der atmet. Besonders kurios sind die kleinen Elfenbeinarbeiten, die so filigran sind, dass man sich fragt, wie ein Mensch das ohne moderne Werkzeuge hinbekommen hat. Das ist wahre Handwerkskunst, die heute leider oft in Vergessenheit gerät.
Der Garten als verlängertes Wohnzimmer
Nach so viel Kunst und Geschichte braucht der Kopf eine Pause. Hier kommt der Garten ins Spiel, der das Liebieghaus wie ein grüner Gürtel umschließt. Es ist einer dieser Orte in Frankfurt, die man am liebsten für sich behalten möchte, damit sie nicht überlaufen werden. Zwischen alten Bäumen und Hecken stehen immer wieder Skulpturen, die hier ganz anders wirken als in den Innenräumen. Der Wind bewegt die Blätter, die Vögel zwitschern, und zwischendurch blickt ein steinerner Gott durch das Gebüsch. Es hat etwas Verwunschenes. Das Café im Garten ist legendär, was vor allem an dem hausgemachten Kuchen liegt, der dort serviert wird. Man sitzt auf Metallstühlen, die im Sommer angenehm kühl sind, und beobachtet das Treiben. Es ist eine Mischung aus Studenten, die in ihre Bücher vertieft sind, älteren Frankfurter Damen mit schicken Hüten und Touristen, die sichtlich erleichtert über die Ruhepause sind.
Schön ist dabei die Ungezwungenheit. Niemand drängt einen zur Eile. Man kann stundenlang dort sitzen, einen Espresso trinken und die Architektur der Villa von außen betrachten. Die Fassade mit ihren Türmchen und Erkern sieht aus jeder Perspektive anders aus. Manchmal meint man, in einem Märchenschloss gelandet zu sein, wären da nicht die modernen Hochhäuser am Horizont, die einen daran erinnern, dass man sich in der Finanzmetropole befindet. Dieser Kontrast macht den Reiz aus. Der Garten ist auch ein beliebter Ort für kleine Veranstaltungen oder Lesungen. Es ist dieser Mix aus Hochkultur und entspanntem Lebensgefühl, der das Liebieghaus so sympathisch macht. Wer Glück hat, erwischt einen Platz unter der großen Blutbuche, die im Sommer einen wunderbaren Schatten spendet. Dort lässt es sich hervorragend über die Vergänglichkeit der Zeit philosophieren, während man den Löffel in den Milchschaum taucht.
Praktisches und Kurioses am Rande
Ein Besuch im Liebieghaus lässt sich wunderbar mit einem Spaziergang am Museumsufer verbinden. Man kann zum Beispiel vom Städel Museum herüberlaufen, was nur ein paar Minuten dauert. Der Weg führt direkt am Main entlang, wo man den Ruderern zusehen kann, wie sie sich gegen die Strömung stemmen. Parkplätze sind in dieser Gegend Mangelware, weshalb die Anreise mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad dringend zu empfehlen ist. Wer mit dem Rad kommt, findet meistens direkt vor dem Haus einen Stellplatz. Die Eintrittspreise sind fair, vor allem wenn man bedenkt, was einem geboten wird. Oft gibt es Kombitickets mit anderen Museen, was sich lohnt, wenn man einen ganzen Kulturtag plant. Ein kleiner Tipp am Rande: Der Museumsshop ist gefährlich. Dort gibt es nicht den üblichen Kitsch, sondern wirklich gut ausgewählte Bücher und geschmackvolle Repliken, die man am liebsten sofort alle mitnehmen würde.
Was man unbedingt machen sollte, ist eine der Themenführungen. Die Guides dort sind oft junge Kunsthistoriker, die mit einer Begeisterung bei der Sache sind, die ansteckend wirkt. Da wird dann nicht nur trockenes Wissen vermittelt, sondern auch mal die eine oder andere Anekdote über die Götterwelt zum Besten gegeben. Man erfährt zum Beispiel, wer mit wem betrogen hat und warum Zeus ständig in Tiergestalt unterwegs war. Das macht die alten Statuen viel menschlicher. Man merkt schnell, dass sich die Probleme der Menschen vor zweitausend Jahren gar nicht so sehr von den heutigen unterschieden haben. Es ging um Liebe, Eifersucht, Macht und die Angst vor dem Tod. Diese Erkenntnis macht den Besuch im Liebieghaus zu einer fast schon therapeutischen Erfahrung. Man verlässt das Haus mit dem Gefühl, Teil einer sehr langen Geschichte zu sein, was in unserer schnelllebigen Zeit verdammt erdend wirken kann.
Wenn die Sonne langsam untergeht und die Villa in ein goldenes Licht taucht, ist die Stimmung am magischsten. Dann spiegeln sich die Fenster im Main, und die Statuen im Garten scheinen kurz innezuhalten. Es ist der perfekte Moment, um den Besuch Revue passieren zu lassen. Vielleicht geht man danach noch in eine der kleinen Kneipen in Sachsenhausen, die nur einen Steinwurf entfernt liegen. Dort gibt es dann den obligatorischen Ebbelwei und grüne Soße, was den Tag perfekt abrundet. Das Liebieghaus ist kein Ort für das schnelle Selfie im Vorbeigehen, auch wenn das viele versuchen. Man muss sich auf die Atmosphäre einlassen, den Staub der Geschichte (der natürlich nur metaphorisch vorhanden ist, da alles blitzsauber ist) einatmen und die Ruhe genießen. Es ist ein echtes Frankfurter Juwel, das zeigt, dass die Stadt weit mehr ist als nur eine Drehscheibe für den globalen Kapitalismus. Es ist ein Ort für die Seele, und davon kann man in der heutigen Zeit eigentlich nie genug haben.