Frankfurt a.M.

Bahnhofsviertel: Zwischen Rotlicht, Roggenbrot und dem Rausch der Kontraste

Hier kracht der Alltag ungefiltert auf den Asphalt. Junkies und Banker teilen sich den Gehweg, während der Duft von frischem Naan-Brot gegen den Geruch von billigem Fusel ankämpft.

Frankfurt a.M.  |  Highlights & Stadtviertel
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Zwischenablage

Wer am Frankfurter Hauptbahnhof aussteigt, landet nicht direkt in der schillernden Welt der Bankentürme, sondern stolpert erst einmal in eine ganz eigene Galaxie. Es riecht nach einer Mischung aus abgestandenem Bier, Urin und teurem Parfüm. Die Kaiserstraße erstreckt sich als prächtiger Boulevard in Richtung Innenstadt, gesäumt von Architektur des Historismus, die eigentlich nach Paris oder Wien gehört. Doch der Glanz ist hier nur die halbe Wahrheit. Auf den Gehwegen hocken Menschen, deren Gesichter Geschichten von harten Nächten und wenig Hoffnung erzählen. Es ist kein schöner Anblick, aber er gehört zur DNA dieses Viertels dazu. Das Bahnhofsviertel ist klein, umfasst nur wenige Straßenzüge, aber die Dichte an Eindrücken ist so hoch wie nirgendwo sonst in Deutschland. Hier zeigt sich die Stadt von ihrer ehrlichsten und gleichzeitig brutalsten Seite.

Interessant ist vor allem die räumliche Enge. In der Taunusstraße stehen die Bordelle Wand an Wand mit hippen Werbeagenturen. Während oben im Loft über neue Kampagnen gebrütet wird, erledigen unten die Türsteher ihr Geschäft. Das ist kein Ort für Zartbesaitete, aber genau diese Reibung macht den Reiz aus. Man muss sich darauf einlassen können, dass die Welt hier nicht weichgezeichnet ist. Es ist laut, es ist dreckig und es ist verdammt lebendig. Wer hier flaniert, sieht die glänzenden Fassaden der Euro-City und gleichzeitig das Elend, das im Schatten dieser Türme haust. Ein lokaler Frankfurter würde sagen: Des gehört halt dazu. Man gewöhnt sich an das Spektakel, auch wenn es beim ersten Mal einen ordentlichen Schlag in die Magengrube versetzen kann.

Kurz & Kompakt
  • Kulinarik: Probiere das Pastrami-Sandwich oder die wechselnden Mittagsgerichte in den kleinen Läden der Münchener Straße.
  • Architektur: Schau nach oben und bewundere die Fassaden der Kaiserstraße, die oft noch im Originalzustand aus dem 19. Jahrhundert erhalten sind. Das Viertel besitzt die höchste Dichte an Prachtbauten aus der Gründerzeit in Frankfurt, da es im Zweiten Weltkrieg weniger stark zerstört wurde als die Altstadt.
  • Kultur-Tipp: Besuche das "Hammer Museum" in der Münchener Straße für eine sehr spezielle Sammlung oder achte auf die Stolpersteine, die an die jüdische Geschichte des Viertels erinnern.
  • Sicherheit: Bleib auf den Hauptwegen und meide dunkle Gassen bei Nacht. Fotografieren im Bereich der Elbestraße und Moselstraße sollte unterlassen werden, um Konflikte mit dem Milieu zu vermeiden und die Würde der Hilfsbedürftigen zu wahren.

Kulinarische Weltreise auf wenigen Quadratmetern

Wenn der Magen knurrt, bietet das Viertel eine Auswahl, die jeden Food-Guide sprengen würde. In der Münchener Straße reiht sich ein internationaler Imbiss an den nächsten. Man kann sich hier einmal quer durch den Orient und Asien essen, ohne jemals mehr als zehn Euro auszugeben. Berühmt ist das Viertel für seine Dichte an türkischen Supermärkten, in denen man frische Kräuter in rauen Mengen bekommt, die anderswo als Goldstaub gehandelt werden. Besonders bei Pak Food in der Elbestraße drängen sich die Leute zwischen Regalen voller Gewürze und riesigen Reissäcken. Es herrscht ein ständiges Gemurmel in fünf verschiedenen Sprachen gleichzeitig. Das Personal ist oft kurz angebunden, aber das Essen ist authentisch und ohne Schnickschnack.

Ein echter Klassiker ist die Fleischwurst bei der Metzgerei Gref-Völsings. Auch wenn das Hauptgeschäft im Ostend liegt, ist die Filiale hier im Viertel eine Institution für das schnelle Mittagessen der Arbeiter und Angestellten gleichermaßen. Man steht am Stehtisch, kaut auf seiner Wurst und beobachtet durch das Schaufenster das Chaos auf der Straße. Etwas eleganter geht es im Maxie Eisen zu, das für sein Pastrami bekannt ist. Hier trifft sich die Szene-Crowd, die zwar den Schmuddel des Viertels liebt, aber beim Essen Wert auf Qualität und Ästhetik legt. Der Übergang von der Suppenküche für Obdachlose zum Fine-Dining-Lokal ist oft nur eine Türschwelle weit entfernt. Das ist Frankfurt pur: Man isst zusammen, egal woher man kommt oder wie viel Geld auf dem Konto liegt.

Das Erbe der Kaiserzeit und der Rotlicht-Charme

Architektonisch gesehen ist das Bahnhofsviertel ein Juwel, das oft übersehen wird, weil man zu sehr damit beschäftigt ist, nicht in eine Scherbe zu treten. Die Fassaden in der Kaiserstraße sind prachtvoll und zeugen von einer Zeit, als Frankfurt das Tor zur Welt sein wollte. Es gibt Stuckverzierung, hohe Fenster und schmiedeeiserne Balkone, die heute Millionen wert sind. Viele dieser Gebäude wurden in den letzten Jahren aufwendig saniert, was natürlich die Gentrifizierung vorangetrieben hat. Wer genau hinsieht, entdeckt an manchen Ecken noch die alten Leuchtreklamen der Pelzgeschäfte, die früher hier ansässig waren. Pelz und Sex, das waren lange Zeit die Standbeine des Viertels. Letzteres ist geblieben, wenn auch in einer etwas weniger glanzvollen Form als in den 1970er Jahren.

Die Erotikbetriebe gehören zum Straßenbild wie die gelben Taxis. Man kann sie nicht ignorieren. In Schaufenstern hängen verblichene Plakate von Shows, die vermutlich schon seit Jahren nicht mehr laufen. Es gibt eine seltsame Nostalgie in diesen Straßenzügen. Die Moselstraße ist das Herzstück des Rotlichtmilieus. Hier ist es ratsam, die Kamera in der Tasche zu lassen, da die Herren vor den Etablissements sehr allergisch auf Objektive reagieren. Aber wer einfach nur durchläuft, merkt schnell, dass auch hier eine gewisse Ordnung herrscht. Es gibt Regeln, die nicht auf Schildern stehen, die aber jeder kennt, der hier arbeitet. Es ist ein hartes Geschäft, und die Romantisierung, die manche Reiseführer betreiben, ist oft fehl am Platz. Dennoch hat die Gegend einen rauen Charme, der an das alte New York der 80er Jahre erinnert, bevor dort alles zu einem Disney-Themenpark wurde.

Nachtleben zwischen Abgrund und Ekstase

Sobald die Sonne hinter den Hochhäusern verschwindet, ändert sich die Energie im Viertel noch einmal massiv. Das Gelb der Straßenlaternen taucht alles in ein zwielichtiges Licht. Jetzt schlägt die Stunde der Bars. Eine der bekanntesten Adressen ist das Plank. Tagsüber ein Café, verwandelt es sich abends in einen Treffpunkt für Kreative, Banker und verloren gegangene Touristen. Man steht meistens draußen auf dem Gehweg, ein Glas Wein in der Hand, während nur zwei Meter weiter die Junkies ihre Reviere verteidigen. Diese Koexistenz ist faszinierend und verstörend zugleich. Man gewöhnt sich an den Anblick, was einen manchmal selbst erschrickt. Aber genau diese Unmittelbarkeit sorgt dafür, dass die Gespräche hier oft intensiver sind als in den sterilen Bars der Innenstadt.

Wer es etwas versteckter mag, sucht die Bar Orange auf. Hier drängen sich die Menschen in einem schmalen Raum, die Wände sind vollgestellt mit Flaschen, und der Barkeeper weiß genau, was er tut. Es ist verraucht, eng und laut. In solchen Nächten fühlt sich Frankfurt wie eine echte Metropole an, die keinen Feierabend kennt. Oft enden die Nächte im Viertel in einem der vielen Dönerläden, die bis zum Morgengrauen geöffnet haben. Das Licht der Neonröhren blendet dann fast in den Augen, wenn man um vier Uhr morgens aus einer Bar stolpert. Die Vögel fangen langsam an zu zwitschern, und die ersten Pendler kommen schon wieder am Bahnhof an. Der Kreislauf beginnt von vorn, ohne dass das Viertel jemals wirklich zur Ruhe gekommen wäre.

Überlebenstipps für den Großstadtdschungel

Ein Besuch im Bahnhofsviertel erfordert eine gewisse Portion Straßenschläue. Es ist nicht gefährlich im Sinne von ständiger Bedrohung, aber man sollte seine Sinne beisammen haben. Wertsachen gehören eng am Körper getragen, und man sollte tunlichst vermeiden, offensiv das Elend der Menschen zu fotografieren. Das ist nicht nur eine Frage des Respekts, sondern dient auch der eigenen Sicherheit. Wer in eine brenzlige Situation gerät, sollte einfach ruhig weitergehen. Die Junkies sind meistens mit sich selbst beschäftigt und haben kein Interesse an Konflikten mit Passanten, solange man sie nicht provoziert oder starrt. Es ist ein Miteinander auf engstem Raum, das nur funktioniert, wenn jeder seine Grenzen kennt.

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