Es ist dieser harte Schnitt, der einen immer wieder überrascht. Eben noch rattert die U5 die Eckenheimer Landstraße entlang, Autos hupen, Menschen hasten mit Coffee-to-go-Bechern Richtung Nationalbibliothek. Doch kaum durchschreitet man das wuchtige neue Portal aus rotem Sandstein, fällt der Lärm ab wie ein schwerer Mantel. Man steht plötzlich in einer anderen Welt. Der Frankfurter Hauptfriedhof ist kein Ort, den man mal eben im Vorbeigehen mitnimmt. Er ist eine Stadt in der Stadt. Mit seinen über 70 Hektar Fläche ist er einer der größten Parkfriedhöfe in ganz Deutschland, und wer hier ohne Plan losläuft, hat gute Chancen, sich hoffnungslos zwischen den Gewannen zu verfranzen.
Man muss kein Grufti sein, um diesen Ort zu mögen. Tatsächlich wirkt die Anlage oft lebendiger als die Betonwüsten in der Innenstadt. Das liegt an Sebastian Rinz. Der Stadtgärtner hat das Gelände ab 1828 gestaltet, und er hatte dabei weniger einen Ort der Trauer im Sinn, sondern einen englischen Landschaftsgarten. Die Wege sind geschwungen, Sichtachsen öffnen sich unvermittelt, und überall stehen diese riesigen Bäume, deren Äste sich im Sommer zu einem grünen Dach schließen. Man atmet hier anders. Die Luft schmeckt nach feuchter Erde, modrigem Laub und, je nach Jahreszeit, nach dem süßlichen Duft von blühendem Rhododendron.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Am besten mit der U-Bahn-Linie U5 bis zur Haltestelle "Hauptfriedhof" fahren. Alternativ hält der Bus 34 direkt vor dem Haupteingang. Parkplätze sind an der Eckenheimer Landstraße Mangelware.
- Orientierung: An den Eingängen hängen große Übersichtspläne. Fotografiere den Plan unbedingt ab oder lade dir die "Friedhofs-App" der Stadt Frankfurt herunter, sonst irrst du garantiert planlos umher.
- Öffnungszeiten: Der Friedhof ist täglich geöffnet, im Sommer (April bis September) meist von 7:00 bis 21:00 Uhr, im Winter schließen die Tore schon deutlich früher (oft um 17:00 Uhr).
- Extra-Tipp: Im Sommer finden regelmäßig geführte Themenrundgänge statt (z. B. "Frauen auf dem Hauptfriedhof" oder literarische Führungen). Die Termine stehen meist auf der städtischen Website oder hängen am Pförtnerhaus aus.
Die High Society liegt im Arkadengang
Wenn du dich links hältst, kommst du zu den Alten Arkaden. Das ist der Bereich, wo man förmlich riechen kann, dass Frankfurt schon immer eine Stadt des Geldes war. Es erinnert ein wenig an italienische Friedhöfe, an einen Campo Santo. In den Nischen reiht sich Marmor an Sandstein, Familiennamen wie Bethmann oder Metzler prangen auf den Platten. Hier liegen die Bankiers, die Patrizier, die, die es zu etwas gebracht haben und das auch über den Tod hinaus zeigen wollten. Es ist kühl hier im Schatten der Bögen. Der Stein strahlt eine Kälte ab, die selbst im Hochsommer angenehm, aber auch ein wenig unheimlich ist.
Manchmal sieht man hier ältere Damen, die mit kleinen Harken das Unkraut zupfen, sehr penibel, sehr hessisch. Es wird Ordnung gehalten. Spannend ist dabei, dass viele dieser monumentalen Grabstätten gar nicht mehr von den ursprünglichen Familien gepflegt werden. Patenschaften sind das neue Ding. Man übernimmt die Pflege einer historischen Grabstätte und darf sich dafür später selbst dort beisetzen lassen. Eine Art Wohngemeinschaft mit der Geschichte. Das hat pragmatische Gründe, denn der Denkmalschutz ist teuer, und die Stadtkasse freut sich über jede Unterstützung.
Auf Du und Du mit den Geistesgrößen
Wer über den Hauptfriedhof spaziert, stolpert zwangsläufig über Namen, die man sonst nur von Straßenschildern kennt. Arthur Schopenhauer ist so ein Fall. Sein Grab liegt im Gewann A, direkt am Weiher. Es ist fast schon komisch unauffällig. Eine schwarze Granitplatte, überwuchert von Efeu, darauf nur der Name. Kein Geburtsdatum, kein Sterbedatum, kein frommer Spruch. Der alte Pessimist wollte es so. "Die Welt als Wille und Vorstellung" mag kompliziert sein, sein Grab ist es nicht. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ausgerechnet hier, wo es so still ist, oft die meisten Besucher stehen und leise diskutieren. Manchmal liegt eine frische Rose da, manchmal auch nur ein Stein, wie es jüdischer Brauch ist, obwohl Schopenhauer kein Jude war.
Ein Stück weiter, man muss ein wenig suchen, findet man Alois Alzheimer. Der Mann, der das Vergessen erforschte, ist hier selbst fast in Vergessenheit geraten, bis sein Grab vor einigen Jahren renoviert wurde. Und dann ist da natürlich Theodor W. Adorno. Sein Grab ist kaum zu übersehen, es ist ein Kubus, schlicht, modern, intellektuell fordernd, genau wie seine Philosophie. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Gräber hier oft den Charakter ihrer Bewohner spiegeln. Friedrich Stoltze, der große Frankfurter Mundartdichter, liegt auch hier irgendwo. Bei ihm stellt man sich vor, dass er unter der Erde immer noch über die "Dribbdebach"-Leute lästert.
Ein Wald voller Leben
Abseits der Prominentenpfade wird der Friedhof wilder. In den hinteren Gewannen, wo die Gräber seltener werden und die Wiesen höher stehen, gehört das Terrain den Tieren. Es raschelt ständig im Unterholz. Eichhörnchen flitzen die Stämme der Blutbuchen hoch, als hätten sie einen Termin verpasst. Die Frankfurter Eichhörnchen sind übrigens erstaunlich frech; wer lange genug stillsitzt, wird kritisch beäugt. Man sagt, es gäbe hier auch Füchse und Dachse, die in der Dämmerung ihre Runden drehen. Für Ornithologen ist das Areal sowieso ein Paradies. Grünspechte lachen aus den Baumkronen, und im Frühjahr ist das Konzert der Singvögel so laut, dass man sein eigenes Wort kaum versteht.
Es tut gut, sich hier einfach mal treiben zu lassen, ohne auf die Karte zu schauen. Man entdeckt dann Dinge wie das Mausoleum Gans. Ein riesiger Tempelbau, den der Industrielle Friedrich Ludwig von Gans für seine Familie errichten ließ. Es wirkt fast deplatziert in seiner Monumentalität, ein steingewordener Machtanspruch, der heute, wo der Putz bröckelt und Gitter den Zugang versperren, fast tragisch wirkt. Die Familie Gans hatte jüdische Wurzeln, konvertierte zum Protestantismus, und wurde von den Nazis dennoch verfolgt. Die Geschichte Frankfurts ist eben auch hier voller Brüche und Wunden.
Die Mauer und das Gedenken
Apropos Wunden: Der Hauptfriedhof grenzt direkt an den jüdischen Friedhof an. Es gibt eine Mauer, aber auch Durchgänge (wenn sie geöffnet sind) und Blickachsen. Besonders die Mauer entlang der Eckenheimer Landstraße ist bedrückend und wichtig zugleich. Dort sind tausende kleiner Metallblöcke eingelassen, jeder steht für einen Frankfurter Juden, der im Holocaust ermordet wurde. Wenn man von innen an dieser Mauer entlangläuft, spürt man die Last der Geschichte körperlich. Es ist ein stiller Protest gegen das Vergessen.
Ganz hinten, im sogenannten "Neuen Portal", befindet sich heute ein Kolumbarium. Urnenwände. Das klingt erstmal kalt, aber die Architektur aus den 1910er Jahren ist beeindruckend. Jugendstil-Elemente mischen sich mit strenger Neoklassik. Das Licht fällt hier besonders weich durch die hohen Fenster. Es zeigt, wie sich die Bestattungskultur wandelt. Weg vom pompösen Familiengrab, hin zur kleinen Nische. Platzsparend, effizient, vielleicht ein bisschen anonym. Aber so ist die Zeit.
Wenn man schließlich wieder Richtung Ausgang schlendert, die Füße vielleicht ein bisschen müde vom Kopfsteinpflaster, hat man sich irgendwie sortiert. Der Lärm der Stadt, der langsam wieder anschwillt, wirkt nicht mehr ganz so aggressiv. Ein Besuch auf dem Hauptfriedhof rückt die Proportionen zurecht. Man steigt in die U-Bahn, schaut auf das Smartphone und denkt sich: Ist doch eigentlich alles gar nicht so wild. Wir haben Zeit. Zumindest noch ein bisschen.