Die Anreise gestaltet sich meist unspektakulär mit der gelben U4, die einen am Bahnhof Bornheim Mitte ausspuckt. Doch sobald man die Rolltreppe nach oben nimmt und auf die Berger Straße tritt, ändert sich die Frequenz. Bornheim, oder Bernem, wie der Frankfurter sagt, ist nicht einfach nur ein Stadtteil im Osten der Metropole. Es ist eine Haltung. Man befindet sich hier zwar geografisch nur wenige Kilometer von den Bankentürmen entfernt, mental liegen dazwischen Welten. Die Uhren ticken anders. Nicht unbedingt langsamer, aber in einem Rhythmus, der vom Klappern der Apfelweingläser und dem Marktgeschrei am Mittwochmorgen bestimmt wird.
Es riecht hier oft nach einer Mischung aus gebrannten Mandeln, wenn Kirmeszeit ist, und dem säuerlichen Duft von vergorenem Apfelsaft, der aus den Wirtschaften auf die Straße weht. Historisch gesehen war Bornheim lange ein eigenständiges Dorf, bevor es Ende des 19. Jahrhunderts eingemeindet wurde. Diesen Status merkt man den "Ureinwohnern" bis heute an. Man ist stolz auf seine Unabhängigkeit im Kopf. Wer hier wohnt, geht selten in die Innenstadt zum Einkaufen. Warum auch? Die Berger Straße bietet alles. Und genau hier beginnt unser Weg.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Am besten mit der U Bahn Linie U4 bis zur Station Bornheim Mitte fahren. Parkplätze sind absolute Mangelware und sollten gar nicht erst gesucht werden.
- Essen und Trinken: Unbedingt Grüne Soße (Grie Soß) mit Eiern und Kartoffeln probieren, dazu einen Apfelwein. Wer den "Äppler" pur nicht mag, bestellt ihn "sauergespritzt" mit Wasser.
- Markttage: Der Wochenmarkt rund um das Uhrtürmchen findet mittwochs und samstags statt. Er ist der ideale Ort, um das lokale Flair und die hessische Mundart live zu erleben.
- Architektur: Ein Spaziergang durch die Turmstraße in Alt Bornheim ist Pflicht für Fachwerkfans. Hier steht das historische Rathaus, ein barockes Fachwerkhaus von 1770.
Die Lebensader Berger Straße
Sie ist knapp drei Kilometer lang und damit eine der längsten Einkaufsstraßen der Stadt. Doch Berger Straße ist nicht gleich Berger Straße. Sie wandelt ihr Gesicht, je weiter man stadtauswärts läuft. Im unteren Teil, der noch an das gründerzeitliche Nordend grenzt, dominieren kleine Boutiquen, teure Espressomaschinen in den Schaufenstern und Cafés, in denen Hafermilch der Standard ist. Hier flanieren junge Familien mit Kinderwagen, die so viel kosten wie ein Kleinwagen.
Je weiter man sich dem "Uhrtürmchen" nähert, desto volkstümlicher wird die Szenerie. Das Uhrtürmchen ist eigentlich nur eine Verkehrsinsel mit einem historischen Zeitmesser, aber für die Bornheimer ist es der Nabel der Welt. Hier trifft man sich. Hier verabredet man sich. Hier findet mittwochs und samstags der Wochenmarkt statt, der weit weniger touristisch ist als die Kleinmarkthalle im Zentrum. Man kauft hier Kartoffeln aus der Wetterau und trinkt im Stehen einen Riesling oder einen heißen Apfelwein, je nach Jahreszeit. Es wird gelacht, gezetert und politisiert.
Spannend ist dabei, dass die soziale Durchmischung hier noch funktioniert. Die ältere Dame mit dem Hackenporsche steht neben dem Studenten der Goethe Universität und beide beschweren sich über die Preise für Grüne Soße Kräuter. Das hat Charme. Das ist echt.
Fachwerkromantik in der Turmstraße
Biegt man von der belebten Berger Straße ab, wird es schlagartig ruhig. Fast schon gespenstisch ruhig. Man steht plötzlich in Alt Bornheim. Die Turmstraße und ihre kleinen Nebengassen sind das Herz des ehemaligen Dorfes. Hier reiht sich ein Fachwerkhaus an das nächste. Krumme Balken, schiefe Fensterläden und liebevoll bepflanzte Blumenkästen prägen das Bild. Man erwartet fast, dass gleich eine Kutsche um die Ecke biegt.
Diese Ecke wird von Touristen oft übersehen, da sie sich auf die Gaststätten konzentrieren. Ein Fehler. Die Architektur hier erzählt Geschichten von Bauern und Handwerkern, nicht von Patriziern. Alles ist eine Nummer kleiner, gedrungener. Man muss den Kopf einziehen, wenn man manche der lokalen Kneipen betritt. Besonders am Abend, wenn die alten Laternen ihr gelbliches Licht auf das Kopfsteinpflaster werfen, entfaltet Bernem hier eine Magie, der man sich schwer entziehen kann. Es wirkt wie eine Filmkulisse, ist aber bewohnter Alltag.
Die Hohe Schule des Stöffche Trinkens
Ohne Apfelwein geht in Bornheim nichts. Das Nationalgetränk, liebevoll "Stöffche" genannt, ist hier allgegenwärtig. Die Dichte an traditionellen Apfelweinwirtschaften ist legendär. Solzer, Malepartus oder Zur Sonne sind Namen, die jedem Frankfurter geläufig sind. Wer hier einkehrt, sollte die Etikette kennen. Man setzt sich dazu. Tische sind für alle da. Wer alleine an einem Sechsertisch sitzen bleiben will, wird schief angeschaut oder direkt ignoriert.
Hand aufs Herz: Der erste Schluck Apfelwein ist für Nichthessen oft eine Herausforderung. Er ist herb, er ist sauer, er zieht die Wangen zusammen. Aber zum deftigen Rippchen mit Kraut gibt es nichts Besseres. Bestellt wird im "Gerippten", dem Glas mit Rautenmuster, das früher das Abrutschen fettiger Hände verhindern sollte. Wer es süß mag, bestellt einen Süßgespritzten, erntet aber vielleicht mitleidige Blicke vom Kellner.
In diesen Wirtschaften herrscht eine Lautstärke, die beeindruckend ist. Holvertäfelte Wände werfen das Stimmengewirr zurück. Es ist laut, es ist eng, es ist herzlich. Da beißt die Maus keinen Faden ab, das ist Frankfurter Kultur in Reinform. Manchmal kommt ein fliegender Händler vorbei und verkauft Brezeln oder Rosen. Das gehört zum Inventar.
Zwischen Kirmes und Kirche
Einmal im Jahr, und zwar im Spätsommer, dreht Bernem komplett durch. Die Bernemer Kerb ist eines der ältesten und traditionsreichsten Stadtteilfeste. Der "Kerbebaum" wird aufgestellt, und das Lisbeth, eine Strohpuppe, wird am Ende feierlich verbrannt (oder beerdigt, die Traditionen variieren leicht in der Erzählung). Wer Frankfurt wirklich verstehen will, muss einmal auf der Kerb gewesen sein. Da wird geschunkelt, was das Zeug hält.
Aber Bornheim hat auch stille Ecken. Die Johanniskirche am oberen Ende der Berger Straße markiert den Übergang zum Stadtteil Seckbach. Von hier aus blickt man den "Bernemer Hang" hinunter. Im Winter rodeln hier die Kinder, im Sommer liegen die Sonnenanbeter im Gras. Linker Hand erstreckt sich der Günthersburgpark. Er gehörte einst der Bankiersfamilie Rothschild. Heute ist er der Garten für alle, die keinen eigenen Balkon haben. Die alte Orangerie steht nicht mehr, aber der Baumbestand ist majestätisch. Hier joggt Bornheim, hier grillt Bornheim (zumindest in den ausgewiesenen Zonen).
Ein interessantes Detail ist die Bronzestute im Park, auf der schon Generationen von Kindern gesessen haben. Sie glänzt golden an den Stellen, wo tausende kleiner Hände sie poliert haben.
Das moderne Gesicht des Dorfes
Natürlich ist nicht alles Fachwerk und Tradition. Bornheim verändert sich. Alteingesessene Geschäfte schließen, Burgerläden eröffnen. Die Mieten steigen rasant, was das "Dorf" exklusiver macht. Man sieht immer mehr teure Lastenräder und immer weniger echte "Bernemer Originale". Trotzdem hat sich der Stadtteil eine gewisse Bodenständigkeit bewahrt. Man lässt sich nicht so leicht stressen wie im Westend.
Auch die Kultur kommt nicht zu kurz. Das "Intermezzo" ist ein kleines, feines Kino, das sich tapfer gegen die Multiplexe behauptet. Das Mousonturm Künstlerhaus am Rande des Viertels bietet avantgardistisches Theater und Tanz. Diese Mischung macht es aus. Man kann morgens Yoga machen, mittags Vegan essen und abends bei Handkäs mit Musik und drei Schoppen Äppler über Gott und die Welt diskutieren.