Wenn du am Schaumainkai entlanglufst, auf der Sachsenhäuser Seite, die der Frankfurter gerne "Dribbdebach" nennt, dann fällt dir dieses Gebäude sofort auf. Es ist ein massiver Sandsteinbau, typisch für die Gründerzeit, mit einer Kuppel, die ein bisschen zu stolz in den Himmel ragt. Das ist das Städel. Von außen wirkt es vielleicht ein wenig wie diese ehrwürdigen Institutionen, in denen man leise husten muss und von strengen Wärtern beäugt wird. Aber der erste Eindruck täuscht gewaltig. Sobald du durch die Drehtür gehst, merkst du, dass hier ein anderer Wind weht.
Es riecht nicht nach altem Staub oder Bohnerwachs, sondern nach einer seltsamen Mischung aus Kaffee, frischer Druckerschwärze aus dem Museumsshop und einer kühlen, klimatisierten Neutralität, die man oft in Orten findet, wo teure Dinge lagern. Das Städel ist nämlich kein staatlicher Prunkbau, den sich ein Monarch hingestellt hat, um sein Ego zu polieren. Es ist eine Bürgerstiftung. Johann Friedrich Städel, ein Bankier und Gewürzhändler, hat das Ganze 1815 ins Leben gerufen. Er vermachte der Stadt seine Sammlung und sein Vermögen. Das macht etwas mit der Atmosphäre. Es fühlt sich demokratischer an. Es ist ein Haus von Bürgern für Bürger, und das spürt man bis heute.
Kurz & Kompakt - Adresse und Anreise: Schaumainkai 63, Frankfurt am Main. Am besten erreichbar mit der U-Bahn (Station Schweizer Platz) oder zu Fuß über den Holbeinsteg direkt vom Bahnhofsviertel aus. Parken ist dort ein Albtraum, also lass das Auto lieber stehen.
- Öffnungszeiten: Montags ist Ruhetag, das ist heilig. Ansonsten täglich ab 10 Uhr auf. Besonders gut: Donnerstag und Freitag ist bis 21 Uhr geöffnet. Perfekt für einen kulturellen Absacker nach der Arbeit.
- Sammlung: Über 3.100 Gemälde, 660 Skulpturen und mehr als 100.000 Zeichnungen und Grafiken. Natürlich ist nicht alles gleichzeitig ausgestellt, aber die Auswahl ist immer gigantisch.
- Gastro-Tipp: Im Museum gibt es das Café und Restaurant "Holbein's". Etwas gehobener, aber sehr schick. Wer es bodenständiger mag, läuft fünf Minuten ins Viertel Sachsenhausen rein und holt sich einen Döner oder setzt sich in eine Apfelweinwirtschaft.
Der Aufstieg zu den Alten Meistern
Der Rundgang beginnt meistens oben. Du nimmst die große Treppe in den zweiten Stock. Hier oben knarzt das Parkett manchmal leise unter den Schuhen der Besucher. Es ist dieser spezielle Ton, der dir sagt, dass du dich in der Abteilung der Alten Meister befindest. Die Wände sind in satten Farben gehalten, Dunkelrot oder tiefes Blau, was die goldenen Rahmen fast schon unverschämt leuchten lässt.
Die Sammlung hier ist keine bloße Anhäufung von Bildern, sondern ein Best-of der europäischen Kunstgeschichte. Du stehst plötzlich vor Sandro Botticellis "Weiblichem Idealbildnis". Die Frau auf dem Bild, wahrscheinlich Simonetta Vespucci, schaut dich nicht an. Sie schaut an dir vorbei, mit einer Arroganz und Schönheit, die auch nach über 500 Jahren noch funktioniert. Ein paar Räume weiter hängt Jan van Eycks "Lucca-Madonna". Das Bild ist winzig. Man läuft fast daran vorbei, wenn man nicht aufpasst. Aber wenn du davor stehen bleibst, siehst du Details, die fast schon absurd präzise sind. Der Stoff, die Früchte, das Licht. Man fragt sich unweigerlich, wie jemand so etwas ohne Lupe malen konnte.
Natürlich darf der berühmteste Frankfurter nicht fehlen. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein hat Goethe in der römischen Campagna gemalt. Das Bild ist riesig. Ein echter Schinken, könnte man salopp sagen. Goethe liegt da in seinem weißen Mantel, schaut bedeutungsschwer in die Ferne, und wenn man genau hinsieht, bemerkt man die anatomische Unmöglichkeit seiner Beine. Es sieht aus, als hätte er zwei linke Füße oder als wäre ein Oberschenkel viel zu lang geraten. Das sind die kleinen Imperfektionen, die solche Ikonen plötzlich menschlich machen. Es ist fast beruhigend zu wissen, dass auch ein Meistermaler mal einen schlechten Tag bei der Anatomie hatte.
Das Licht des Nordens: Vermeer und Rembrandt
Ein absolutes Highlight, und das ist keine Übertreibung, ist "Der Geograph" von Johannes Vermeer. Es gibt nicht viele Vermeers auf der Welt. Wenn du vor diesem Bild stehst, verstehst du sofort, warum. Das Licht, das durch das Fenster auf die Landkarte und das Gesicht des Geographen fällt, hat eine Qualität, die man kaum beschreiben kann. Es wirkt nicht gemalt. Es wirkt, als hätte jemand das Licht eingefangen und auf der Leinwand konserviert. Meistens bildet sich vor diesem kleinen Bild eine Menschentraube. Man hört ein vielstimmiges Murmeln, Sprachen aus aller Welt, ein akustischer Teppich aus gedämpftem Flüstern.
Gleich um die Ecke hängen die Werke von Rembrandt. Dunkler, erdiger, psychologischer. Die "Blendung Simsons" ist brutal. Da wird nicht beschönigt. Es ist Kunst, die wehtun will. Der Kontrast zwischen der stillen Welt des Vermeers und der dramatischen Gewalt bei Rembrandt zeigt, wie breit das Städel aufgestellt ist. Man kann sich hier oben stundenlang verlieren, von Saal zu Saal treiben lassen und dabei komplett vergessen, dass draußen am Mainufer die Autos vorbeirauschen.
Die Moderne: Ein Bruch mit der Tradition
Wenn du die Treppe wieder hinuntergehst, landest du in der Moderne. Der erste Stock. Hier ändert sich die Stimmung schlagartig. Die Wände sind heller, die Rahmen schlichter. Hier hängen die Impressionisten. Monet, Renoir, Degas. Das "Mittagessen" von Claude Monet ist so ein Bild, vor dem man einfach gute Laune bekommt. Lichtflecken, Familie, Essen. Es wirkt so leicht, so hingeworfen, ganz anders als die strenge Präzision der Alten Meister oben.
Aber das Städel spart auch die dunklen Kapitel nicht aus. Max Beckmann ist hier omnipräsent. Er hat lange in Frankfurt gelebt und gelehrt, bevor die Nazis ihn verjagt haben. Seine Bilder sind kantig, schwarz umrandet, voller Spannung und oft schwer zu entschlüsseln. Das Bildnis der Familie im Wohnwagen oder seine Ansichten vom Frankfurter Hauptbahnhof sind Fenster in eine Zeit, die aus den Fugen geraten war. Es ist wichtig, dass diese Bilder hier hängen. Sie erden das Museum. Sie zeigen, dass Kunst nicht nur Dekoration ist, sondern oft auch ein Schrei.
Besonders spannend ist dabei die Hängung der Expressionisten. Die Farben von Kirchner oder Marc schreien dich fast an. Nach dem gedämpften Licht im zweiten Stock ist das wie ein visueller Koffeinschock. Man spürt die Unruhe des frühen 20. Jahrhunderts, den Drang, alles anders zu machen, alles neu zu sehen. Frankfurt war damals eine Hochburg der Avantgarde, und das Städel hat diese Tradition bewahrt, auch wenn die Nazis 1937 hunderte Werke als "entartet" beschlagnahmten.
Unter dem Garten: Die Gegenwartskunst
Der vielleicht radikalste Schritt in der Geschichte des Museums war die Erweiterung im Jahr 2012. Wohin baut man, wenn der Platz begrenzt ist? Nach unten. Die Frankfurter Architekten schneider+schumacher haben die Gartenhallen entworfen. Du gehst eine breite Treppe hinab und landest in einer riesigen, weißen Halle, die sich unter dem Museumsgarten erstreckt. Das Geniale daran sind die Bullaugen in der Decke. Von oben, im Garten, sieht es aus wie ein grüner Hügel mit seltsamen Löchern. Von unten sind es Lichtquellen, die das Tageslicht hereinlassen.
Hier unten ist die Kunst der Gegenwart zu Hause. Gerhard Richter, Sigmar Polke, Isa Genzken. Die Architektur nimmt sich hier komplett zurück. Es gibt keine festen Wände, nur mobile Stellwände, die immer wieder neu arrangiert werden. Das passt zur Kunst, die sich ja auch ständig neu erfindet. Manchmal steht man vor riesigen Installationen, manchmal vor minimalistischen Leinwänden. Die Akustik ist hier unten anders, fast ein wenig hallig, was den Raum noch größer wirken lässt.
Es ist ein ziemlicher Ritt. Du fängst im 14. Jahrhundert bei Goldgrund-Malerei an und endest bei abstrakter Kunst, die vielleicht erst letztes Jahr entstanden ist. 700 Jahre Kunstgeschichte unter einem Dach. Das ist schon eine Hausnummer. Und das Beste daran ist, dass man diesen Weg physisch geht. Man steigt hinauf in die Geschichte und hinab in die Gegenwart.
Praktisches und Drumherum
Was das Städel von vielen anderen Museen unterscheidet, ist der Umgang mit der Vermittlung. Man merkt, dass sie hier wollen, dass du die Kunst verstehst. Es gibt keine elitären Texte, die nur Kunsthistoriker kapieren. Die Audioguides sind top, aber noch besser sind die sogenannten "Digitorials", die man sich vor dem Besuch schon online ansehen kann. Das bereitet einen vor, ohne zu spoilern. Eine feine Sache.
Wenn die Füße dann irgendwann streiken, und das werden sie, lohnt sich ein Besuch im Museumscafé. Das liegt im Holbeinsteg-Flügel und ist oft ziemlich voll, aber der Kuchen ist solide. Oder du gehst raus, setzt dich auf die Mauer am Mainufer und schaust auf die Skyline. Der Blick von hier auf die "Mainhattan"-Kulisse ist nämlich fast so gut wie die Gemälde drinnen. Hier draußen mischen sich Jogger, Touristen und Einheimische. Man hört das Tuten der Schiffe auf dem Main und das ferne Rauschen der Stadt.
Ein kleiner Tipp am Rande: Versuch, nicht am Samstagmittag zu kommen. Dann ist es voll. Richtig voll. Dienstags oder mittwochs am späten Nachmittag hast du die Räume oft fast für dich allein. Dann kannst du auch mal fünf Minuten vor dem Vermeer stehen, ohne dass dir jemand in den Nacken atmet. Das Städel ist nämlich kein Ort zum Durchrennen. Es ist ein Ort zum Verweilen, zum Gucken und zum Nachdenken. Und vielleicht auch, um sich zu fragen, was Goethe wohl zu seinen zwei linken Füßen gesagt hätte.