Es ist eigentlich nur ein Turm aus Holz. Trotzdem brach für viele Frankfurter eine Welt zusammen, als das Ding in einer Herbstnacht 2017 lichterloh brannte und schließlich in sich zusammenfiel. Brandstiftung war die Ursache. Die emotionale Bindung der Einheimischen an ihren Goetheturm ist enorm, vielleicht sogar stärker als zum Römer oder zur Paulskirche. Der Turm gehört zum Erwachsenwerden in dieser Stadt einfach dazu. Zum Glück fackelten die Verantwortlichen nicht lange. Der Wiederaufbau war beschlossene Sache, noch bevor die Asche kalt war. Seit Herbst 2020 steht er wieder. Er sieht fast genauso aus wie der alte, ist aber heller, frischer und technisch auf dem neuesten Stand.
Du findest ihn am nördlichen Rand des Stadtwaldes im Stadtteil Sachsenhausen. Mit 43,3 Metern Höhe ist er einer der höchsten komplett aus Holz gefertigten Aussichtstürme in Deutschland. 196 Stufen musst du bewältigen. Es gibt keinen Aufzug, keine Klimaanlage, nur Muskelkraft und den Wind, der durch die Balken pfeift. Der Aufstieg ist oft eine wackelige Angelegenheit, besonders wenn Schulklassen gleichzeitig hoch- und runterstürmen. Das Holz arbeitet, es knarzt, und genau das macht den Charme aus. Oben angekommen, bläst dir der Wind meist ordentlich ins Gesicht. Der Blick entschädigt für den Anstieg und den leichten Drehwurm vom Treppensteigen.
Die Aussicht ist phänomenal und sortiert die Geografie neu. Im Norden ragen die Wolkenkratzer der Banken wie Spielzeugklötze aus dem Häusermeer, dahinter erhebt sich der Taunus mit dem Großen Feldberg. Drehst du dich nach Süden, siehst du Wald, so weit das Auge reicht, bis hin zu den Hügeln des Odenwalds. An klaren Tagen kannst du fast bis in die Pfalz gucken. Hier oben wird einem erst klar, wie grün diese Stadt eigentlich ist. Frankfurt ist eben nicht nur Beton und Geld, sondern auch ziemlich viel Natur.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Buslinie 48 (Haltestelle "Goetheturm") oder Straßenbahn 17 (Haltestelle "Oberschweinstiege") nutzen. Parkplätze sind rar und oft überfüllt.
- Öffnungszeiten Goetheturm: April bis Oktober täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr (im Winter geschlossen!). Der Eintritt ist frei.
- Ausrüstung: Feste Schuhe sind sinnvoll, da die Waldwege teils sandig oder matschig sind. Mückenschutz im Sommer nicht vergessen (Wassernähe!).
- Gastro-Tipp: "Goetheruh" direkt am Turm für den schnellen Snack oder "Oberschweinstiege" für deftige hessische Küche im Sitzen.
Der Stadtwald: Frankfurts grüne Lunge mit Geschichte
Der Wald unter dir ist nicht irgendein Forst. Mit fast 6000 Hektar ist der Frankfurter Stadtwald einer der größten innerstädtischen Wälder Deutschlands. Er ist das Produkt eines ziemlich schlauen Immobiliendeals aus dem Mittelalter. Im Jahr 1372 kaufte die Stadt den Wald von Kaiser Karl IV. Damals ging es um Holzrechte und Jagdgründe, heute geht es um Erholung und Frischluft. Der Boden ist sandig, ein Überbleibsel aus der Eiszeit, weshalb hier Kiefern und Eichen dominieren. Buchen tun sich schwerer, vor allem in den trockenen Sommern der letzten Jahre.
Wenn du den Turm verlässt, stehst du mitten im Trubel. Der Bereich um den Goetheturm, die sogenannte "Goetheruh", ist an Wochenenden extrem belebt. Ein riesiger Spielplatz lockt Familien aus dem ganzen Rhein-Main-Gebiet an. Es riecht nach Sonnencreme, staubigem Sand und oft auch nach Handkäs mit Musik, den man im benachbarten Gartenlokal bekommt. Wer Einsamkeit sucht, ist direkt am Turm falsch. Aber der Wald ist riesig. Lauf einfach zehn Minuten in eine beliebige Richtung weg vom Turm, und die Geräuschkulisse ändert sich.
Lärm und Stille: Ein Spaziergang der Kontraste
Man muss ehrlich sein: Absolute Stille gibt es im Frankfurter Stadtwald selten. Der Flughafen ist nah. Je nach Windrichtung donnern die Jets im Minutentakt über die Wipfel. Für Flugzeugspotter ist das ein Paradies, für Ruhesuchende manchmal eine Geduldsprobe. Die Einheimischen haben gelernt, das Dröhnen weitgehend auszublenden. Es wird zum Hintergrundrauschen, ähnlich wie das Meeresbranden, nur eben aus Kerosin und Technik.
Abseits der Einflugschneisen hörst du aber auch den Specht hämmern und das Rascheln im Unterholz. Ein dichtes Netz aus Wegen durchzieht das Areal. Die breiten Hauptwege werden "Schneisen" genannt, ein typischer Begriff hier in der Region. Oberschweinstiege, Unterschweinstiege, Mörder-Schneise; die Namen klingen teils brachial, dienen aber der Orientierung. Du teilst dir die Wege mit ambitionierten Joggern, Mountainbikern und älteren Herrschaften, die ihre Dackel ausführen. Man grüßt sich hier draußen oft noch, manchmal mit einem knappen "Gude".
Der Jacobiweiher: Ein Hauch von Urlaub
Ein lohnendes Ziel für eine Wanderung vom Goetheturm aus ist der Jacobiweiher. Er liegt etwa eine halbe Stunde Fußmarsch südwestlich. Die Frankfurter nennen ihn mit einer gehörigen Portion Selbstironie "Vierwaldstättersee". Natürlich hinkt der Vergleich gewaltig, denn der Weiher ist künstlich angelegt und deutlich kleiner, aber er ist unbestreitbar idyllisch. Er wurde in den 1930ern als Rückhaltebecken gebaut. Heute ist er ein Biotop.
Das Wasser ist dunkel und sieht tief aus. Im Sommer ragen Totholzstämme aus dem Wasser, auf denen sich Schildkröten sonnen. Ja, Schildkröten. Ausgesetzte Haustiere, die hier prächtig gedeihen. Gerüchte über riesige Welse oder Hechte, die kleine Hunde fressen könnten, halten sich hartnäckig am Stammtisch, gehören aber ins Reich der Legenden. Ein Rundweg führt um den Weiher. Er ist flach und einfach zu gehen. Besonders im Herbst, wenn sich das Laub der Bäume im Wasser spiegelt, ist die Atmosphäre fast magisch und lässt den Lärm der Stadt vergessen.
Essen, Trinken und das "Grüngürteltier"
Wer läuft, muss auch essen. Die Gastronomie im Stadtwald ist bodenständig. Schickimicki findet man eher in der Innenstadt. Hier draußen regiert der Bembel, der graue Steingutkrug für den Apfelwein. Die Oberschweinstiege ist ein Klassiker. Ein riesiges historisches Wirtshaus direkt an der Straßenbahnhaltestelle. Es wirkt ein bisschen wie aus der Zeit gefallen, serviert aber solide hessische Küche. Grüne Soße mit Eiern und Kartoffeln ist Pflicht, wenn man hier ist.
Auf deinen Wegen wirst du vielleicht auch komischen Skulpturen begegnen. Halte Ausschau nach dem Grüngürteltier. Das ist eine Art Kreuzung aus Wutz, Vogel und Aardvark, eine Schöpfung des Dichters und Zeichners Robert Gernhardt. Es ist das Maskottchen des Frankfurter Grüngürtels, zu dem der Stadtwald gehört. Diese Kunstwerke stehen oft unvermittelt am Wegesrand und erinnern daran, dass man das Leben und das Wandern nicht zu tierisch ernst nehmen sollte.
Wissensdurst stillen im StadtWaldHaus
Falls du mit Kindern unterwegs bist oder dich einfach dafür interessierst, warum Eichenprozessionsspinner ein Problem sind, lohnt ein Abstecher zum StadtWaldHaus in der Nähe der Oberschweinstiege. Das Informationszentrum wirkt von außen wie eine gemütliche Försterei. Drinnen gibt es Ausstellungen über das Ökosystem Wald, die überraschend modern und interaktiv gestaltet sind. Man lernt viel über die Herausforderungen, vor denen der Forst steht. Der Klimawandel setzt den Bäumen zu, das Grundwasser sinkt. Der Wald ist im Stress. Das zu sehen, schärft den Blick für die Umgebung, wenn man wieder draußen zwischen den Stämmen steht.
Praktische Tipps für den Besuch
Ein gut gemeinter Rat: Nimm nicht das Auto, wenn es sich vermeiden lässt. Die Parkplätze am Goetheturm und an der Oberschweinstiege sind an sonnigen Sonntagen schneller voll als ein Bembel beim Frühschoppen. Es entsteht ein Chaos aus Blech und frustrierten Fahrern, das man sich sparen kann. Der Bus der Linie 48 fährt direkt bis zum Goetheturm. Zur Oberschweinstiege kommst du bequem mit der Straßenbahnlinie 17. Das ist entspannter und passt auch besser zum Naturerlebnis.
Der Stadtwald ist zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert. Im Sommer spendet er kühlen Schatten, wenn der Asphalt in der City glüht. Im Winter hat er eine spröde, melancholische Schönheit, besonders wenn Nebel zwischen den Stämmen hängt. Aber der Herbst ist vielleicht die beste Zeit. Dann leuchtet der Laubwald in Farben, die fast schon kitschig wirken, und die klare Luft macht den Blick vom Goetheturm unendlich weit.