Man kann ihn nicht übersehen. Egal von wo du dich dem Ostend näherst, der Doppelturm der Europäischen Zentralbank schiebt sich ins Bild wie ein steinerner, oder besser gesagt gläserner Ausrufezeichen. Es ist schon ein gewaltiger Anblick. Da stehst du nun unten am Mainufer, den Kopf im Nacken, und fragst dich unweigerlich, wer in diesen schiefen Röhren eigentlich die Fenster putzt. Die Architektur des Büros Coop Himmelb(l)au hat das Viertel nicht nur optisch verändert, sie hat es dominiert und neu definiert. Früher war hier Niemandsland, zumindest für Anzugträger. Heute weht hier ein Wind, der nach Geld und Mainwasser riecht.
Interessant ist aber nicht nur der Turm selbst, sondern worauf er steht. Die alte Großmarkthalle, ein Backsteinkoloss aus den zwanziger Jahren, wurde in den Neubau integriert. Martin Elsaesser hat das Ding damals entworfen, und es war seinerzeit die größte freitragende Halle in ganz Europa. Wenn du genau hinsiehst, erkennst du die Narben an der Fassade, die bewusst nicht wegretuschiert wurden. Es wirkt fast so, als würde der futuristische Turm aus dem alten Gemäuer herauswachsen. Ein Bild, das ziemlich gut passt für das, was hier im ganzen Viertel passiert. Altes muss weichen oder stützen, damit Neues glänzen kann. Das gefällt nicht jedem hier, und man hört an den Stammtischen in den wenigen verbliebenen Eckkneipen durchaus noch das typische Frankfurter "Gebabbel", das sich über die da oben in ihren klimatisierten Büros aufregt.
Kurz & Kompakt - Hinkommen: Die Straßenbahnlinie 11 ist fast schon Kulturgut und wird oft als "Orient-Express" bezeichnet; sie bringt dich von der Altstadt direkt über die Hanauer Landstraße bis zum Ostbahnhof.
- Kunst gucken: Der Kunstverein Familie Montez unter den Honsellbrücken ist ein Muss für alle, die improvisierten Charme lieben und zeitgenössische Kunst ohne elitäres Gehabe erleben wollen.
- Durchatmen: Der Schwedlersee ist ein fast verstecktes Idyll mitten im Industriegebiet, wo die Zeit stehengeblieben scheint, ideal für einen ruhigen Moment abseits des Trubels.
Schattenseiten der Geschichte
Du solltest nicht nur nach oben starren. Das Gelände der EZB hat eine Geschichte, die schwer auf dem Magen liegt. Von hier aus, genau von dieser Großmarkthalle, deportierten die Nazis zwischen 1941 und 1945 über zehntausend jüdische Menschen in die Konzentrationslager. Es ist ein Ort des Verbrechens gewesen. Die EZB und die Stadt Frankfurt haben das nicht unter den Teppich gekehrt, was ich persönlich wichtig finde. Es gibt eine Gedenkstätte, die öffentlich zugänglich ist. Ein Besuch dort drückt die Stimmung, ganz klar, aber er gehört dazu, wenn man begreifen will, wo man hier eigentlich steht. Man läuft durch einen rampenartigen Kellerbereich, hört den Verkehr der Hanauer Landstraße nur gedämpft und spürt die beklemmende Enge.
Es ist dieser Kontrast, der das Ostend so greifbar macht. Hier wird Weltfinanzpolitik gemacht, während ein paar Meter weiter an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte erinnert wird. Manchmal stehen Touristen etwas ratlos davor, Selfiestick in der Hand, und wissen nicht recht, ob ein Lächeln jetzt angebracht ist. Meistens packen sie das Handy dann doch lieber weg.
Beton, Rollbretter und Lebensgefühl
Genug der Schwere. Geh ein paar Schritte weiter Richtung Fluss, und du landest im Hafenpark. Das ist meiner Meinung nach der eigentliche Herzschlag des neuen Ostends. Hier ist nichts mit Krawattenpflicht. Sobald die ersten Sonnenstrahlen im Frühling rauskommen, platzt dieser Park aus allen Nähten. Es scheppert und knallt, wenn die Skater ihre Boards auf den Beton knallen lassen. Basketballbälle hämmern rhythmisch auf den Boden. Du siehst Calisthenics Sportler, die an Reckstangen hängen und Dinge tun, bei denen mir schon vom Zuschauen die Schulter wehtut.
Der Hafenpark ist laut, dreckig und wunderbar lebendig. Es riecht nach Grillkohle, auch wenn das Grillen eigentlich nur in bestimmten Zonen erlaubt ist, aber wer kontrolliert das schon so genau am Freitagabend. Der Blick von hier auf die Skyline, Mainhattan im Abendrot, ist fast schon kitschig schön. Die EZB im Rücken, die Bankentürme der Innenstadt voraus und dazwischen die Deutschherrnbrücke, über die im Minutentakt Züge rattern. Das ist Großstadt. Hier mischt sich alles. Die jungen Familien aus den sündhaft teuren Neubauwohnungen im Hafenpark Quartier schieben ihre Kinderwägen durch die Menge, vorbei an Jugendlichen, die Dosenbier trinken und Musik hören. Es funktioniert irgendwie. Meistens zumindest.
Die Hanauer: Aderlass und Aufschwung
Parallel zum Fluss verläuft die Hanauer Landstraße. Früher war das eine reine Ein- und Ausfallstraße, gesäumt von Industriebrachen und Autohäusern. Autohäuser gibt es immer noch zuhauf, Ferrari, Porsche, alles was Krach macht und Geld kostet. Aber die "Hanauer" hat sich gewandelt. Sie ist die Lebensader des Viertels. Tagsüber staut sich hier der Verkehr, dass es nur so qualmt. Aber in den Hinterhöfen der alten Backsteinfabriken sitzen jetzt Werbeagenturen, Architekten und Startups. Man nennt das wohl Strukturwandel.
Früher war die Hanauer auch die Partymeile der Stadt. Das legendäre Cocoon Club Ding von Sven Väth war hier. Das ist Geschichte. Viele Clubs mussten weichen, weil Wohnraum lukrativer ist als wummernde Bässe. Trotzdem findest du hier noch Ecken, die rocken. Oder besser gesagt: die schmecken. Die Gastronomiedichte ist enorm gestiegen. Vom hippen Burgerladen bis zum edlen Italiener ist alles dabei. Es gibt da diesen einen Laden, das "Jesse James", wo man gut sitzen und Leute beobachten kann. Oder man holt sich einfach was auf die Hand. Der Wandel hat aber auch seinen Preis. Die kleinen, ranzigen Imbissbuden werden weniger. Alles wird schicker, polierter. Ein bisschen schade ist das schon, denn gerade der Schmutz hat dem Ostend Charakter verliehen.
Schrott und Schickeria im Osthafen
Wenn du dem Fluss weiter Richtung Osten folgst, kommst du in den eigentlichen Osthafen. Und hier wird es wirklich skurril. Da liegen riesige Berge aus Schrott, Sand und Kies. Kräne verladen Container. Es ist ein echter, arbeitender Hafen. Und mittendrin steht das "Oosten". Ein Gebäude aus Glas und Stahl, mit einem alten Verladekran oben drauf. Man sitzt dort auf der Terrasse, trinkt einen Aperol Spritz für nicht gerade wenig Geld und schaut zu, wie unten ein Binnenschiff entladen wird. Diese Mischung aus harter Maloche und Freizeithedonismus ist typisch für Frankfurt. Man schämt sich nicht für die Arbeit, man inszeniert sie als Kulisse.
Ganz in der Nähe liegen die Honsellbrücken und die Osthafenbrücke. Fotografen lieben diese Ecke wegen der Symmetrie und dem industriellen Look. Unter den Brückenbögen hat sich der Kunstverein Familie Montez eingenistet. Wenn du reingehst, wirst du oft von einer eigenartigen Wärme empfangen. Es stehen alte Sofas herum, der Boden ist uneben, an den Wänden hängt Kunst, die man manchmal versteht und manchmal nicht. Der Chef, Mirek Macke, ist oft selbst da. Ein Unikum. Hier ist der Ort, wo das Ostend noch ein bisschen wild ist, wo nicht alles genormt und durchgeplant wirkt.
Eine Oase namens Schwedlersee
Ich verrate dir jetzt noch was, das viele Touristen übersehen. Mitten im Industriegebiet, versteckt hinter Zäunen und Lagerhallen, liegt der Schwedlersee. Eigentlich ein künstliches Becken, früher als Löschwasserteich oder Eisgewinnungsanlage genutzt, so genau weiß das kaum noch einer. Heute ist es ein Biotop. Schwimmen ist zwar meistens Vereinsmitgliedern vorbehalten oder eingeschränkt, aber es gibt dort eine kleine Gastronomie. Du sitzt da am Wasser, umgeben von Grün, hörst die Vögel zwitschern und vergisst komplett, dass du mitten in einer Großstadt bist. Zumindest bis im Hintergrund wieder ein Güterzug quietschend bremst. Dieser Ort ist magisch, gerade im Sommer, wenn die Hitze in den Straßenschluchten steht.
Der Wandel ist das einzige Beständige
Das Ostend ist noch lange nicht fertig. Überall drehen sich Baukräne. Es entstehen neue Wohnquartiere, die sich "Dock Soundso" oder "Harbor Irgendwas" nennen. Die Mieten steigen rasant. Alteingesessene Bewohner werden an den Rand gedrückt, das ist die Kehrseite der Medaille, die man nicht verschweigen darf. Es wird "nordendisiert", wie manche spöttisch sagen, in Anspielung auf den bürgerlichen Stadtteil Nordend, wo alles saniert und teuer ist.
Doch trotz der Gentrifizierung hat sich das Ostend eine gewisse Kantigkeit bewahrt. Es ist nicht so geleckt wie das Bankenviertel und nicht so kleinteilig wie Bornheim. Es ist großspurig, laut und manchmal auch anstrengend. Aber es ist ehrlich. Wenn du hier abends am Mainufer sitzt, ein kaltes Getränk in der Hand, und die Lichter der EZB sich im dunklen Wasser brechen, dann spürst du diese Energie. Frankfurt ist hier im Fluss, im wahrsten Sinne des Wortes. Es lohnt sich, hierherzukommen, und sei es nur, um zu sehen, wie schnell sich eine Stadt neu erfinden kann, ohne ihre Wurzeln komplett zu kappen.