Rund um die Heinrich-Heine-Universität dominiert eher zweckmäßige Architektur. Doch ein kurzer Fußweg führt direkt in eine andere Klimazone. Das Herzstück des Botanischen Gartens ist das Kuppelgewächshaus, das wie ein abgestürztes Ufo zwischen den akkurat gepflegten Beeten gelandet ist. Es ist kein gewöhnliches Glashaus. Die Konstruktion besteht aus einer filigranen Hexagon-Struktur, die dem Bauwerk eine fast organische Leichtigkeit verleiht. Wenn die Sonne tief steht, werfen die Verstrebungen komplexe Schattenmuster auf die riesigen Farne im Inneren. Es riecht dort nach feuchter Erde, Chlorophyll und diesem ganz speziellen Duft, den nur eine hohe Luftfeuchtigkeit erzeugt. Man spürt sofort, wie sich die Poren öffnen und die trockene Stadtluft aus den Lungen weicht.
Der Garten selbst gehört zur Universität, was man an den kleinen, oft handbeschrifteten Schildchen merkt. Hier geht es nicht um bloße Show, sondern um echte Wissenschaft, die glücklicherweise für jeden zugänglich ist. Über 6.000 Pflanzenarten haben hier ihr Zuhause gefunden. Man spaziert also nicht nur durch ein bisschen Grün, sondern wandert quasi über Kontinente. Das ist besonders im Winter ein echter Geheimtipp, wenn draußen der rheinische Nieselregen für graue Laune sorgt. Drinnen unter der Kuppel bleibt es konstant mild. Manchmal hört man das Kondenswasser leise von den Scheiben auf die Blätter klatschen. Ein fast meditatives Geräusch, das den Lärm der nahen Autobahn komplett schluckt.
Kurz & Kompakt - Adresse: Universitätsstraße 1, 40225 Düsseldorf. Direkt am Ende des Campus der Heinrich-Heine-Universität gelegen.
- Highlights: Das markante Kuppelgewächshaus mit südafrikanischer Flora und das weitläufige Alpinum mit Gebirgspflanzen aus aller Welt.
- Besonderheit: Der Eintritt ist frei, da der Garten primär der Forschung und Lehre dient, aber für die Öffentlichkeit zugänglich ist.
- Anfahrt: Am besten mit der U79 oder U73 bis zur Haltestelle Uni-Ost/Botanischer Garten fahren.
Einmal Mittelmeer und zurück
Im Kuppelbau herrscht ein Klima, das man eher von der Côte d'Azur oder aus Südafrika kennt. Es ist die Abteilung für die Mittelmeerflora und die Kanaren. Hier stehen Pflanzen, die man sonst nur aus dem Urlaub oder dem gut sortierten Gartencenter kennt, nur dass sie hier oft beachtliche Ausmaße annehmen. Spannend ist dabei, dass viele dieser Gewächse eine sogenannte Sommerruhe einlegen. Wenn es bei uns draußen richtig knallt, schalten sie einen Gang zurück. Besonders beeindruckend sind die Baumfarne, die wie Relikte aus der Urzeit wirken. Man wartet fast darauf, dass ein kleiner Dinosaurier hinter dem nächsten Stamm hervorguckt. Die Lichtverhältnisse im Inneren sind phänomenal. Das Glas bricht das Licht so geschickt, dass selbst an bewölkten Tagen alles in einem weichen, fast silbrigen Glanz erscheint.
Ein paar Schritte weiter landet man in den trockeneren Zonen. Hier beweisen Sukkulenten und Kakteen, wie man mit wenig Wasser verdammt gut aussieht. Die Formenvielfalt ist irre. Manche sehen aus wie versteinerte Seeigel, andere ragen wie stachelige Säulen gen Himmel. Wer genau hinsieht, entdeckt winzige Details, wie etwa die feinen Härchen, die manche Kakteen vor der Sonne schützen. Es ist eine Welt der Wehrhaftigkeit. Überall sticht und piekst es potenziell, was einen dazu bringt, die Hände mal ganz bewusst in den Taschen zu lassen und nur mit den Augen zu schauen. Das tut der Entschleunigung gut. Man wird automatisch langsamer, wenn man durch die engen Pfade navigiert.
Draußen wartet das Alpinum
Verlässt man das Gewächshaus wieder, steht man erst einmal in der kühlen Brise des Rheinlands. Doch die Weltreise geht weiter. Das Alpinum ist so etwas wie das Gebirge für zwischendurch. Hier wurden Felsen aufgeschüttet, um Hochgebirgspflanzen ein Zuhause zu geben, das ihrer natürlichen Umgebung zumindest ansatzweise nahekommt. Es ist faszinierend, wie winzig manche dieser Alpenblümchen sind. Sie krallen sich regelrecht in die Steine. Im Frühjahr explodieren hier die Farben. Es blüht blau, gelb und lila in Nuancen, die man auf einem herkömmlichen Balkon eher selten findet. Man kann sich auf eine der Bänke setzen und den Blick über die Anlage schweifen lassen. Oft sieht man Studenten, die über ihren Lehrbüchern brüten, oder ältere Herrschaften, die mit fast chirurgischer Präzision die Beschriftungen studieren.
Ein bisschen versteckt liegt der Bereich für die Nutzpflanzen. Da wird es dann richtig lebensnah. Hier wächst das, was wir normalerweise nur im Supermarktregal in Plastikfolie sehen. Von Getreidesorten bis hin zu Heilkräutern ist alles dabei. Es hat etwas sehr Erdendes, mal wieder zu sehen, wie eine Artischocke eigentlich im Ganzen aussieht, bevor sie auf der Pizza landet. Der Geruch der Kräuterbeete ist im Sommer fast berauschend. Reibt man ganz vorsichtig an einem Blatt Minze oder Salbei, hat man das Aroma für den Rest des Spaziergangs in der Nase. Das ist kein steriles Museum, sondern ein Ort, der lebt und atmet.
Ökologie und kleine Fluchten
Was den Botanischen Garten in Düsseldorf so sympathisch macht, ist seine Unaufgeregtheit. Es gibt hier kein teures Merchandising und keine überkandidelte Gastronomie. Man kommt hierher, um Pflanzen zu sehen, Punkt. Das lockt ein ganz entspanntes Publikum an. Man trifft Hobbyfotografen, die stundenlang vor einer einzelnen Blüte ausharren, um den perfekten Lichteinfall abzupassen. Und dann sind da natürlich die Insekten. Im Sommer summt und brummt es an jeder Ecke. Der Garten ist eine riesige Tankstelle für Bienen und Hummeln, die in der sonst eher versiegelten Stadt wenig zu lachen haben. Es ist ein funktionierendes Ökosystem mitten in der Zivilisation. Manchmal sieht man auch kleine Eidechsen, die auf den warmen Steinen des Alpinums flink in den Spalten verschwinden, wenn man ihnen zu nahe kommt.
Ein Highlight für Fans von eher bizarren Gewächsen ist das sogenannte Sukkulentenhaus. Dort drin wird es im Sommer richtig heiß. Die Luft steht fast. Aber die Pflanzen dort sind echte Überlebenskünstler. Es ist schon schräg, wie manche lebenden Steine, die sogenannten Lithops, sich tarnen, um nicht gefressen zu werden. Man muss zweimal hinschauen, um sie vom Kiesbett zu unterscheiden. Solche Details machen den Reiz aus. Es geht nicht immer nur um die große Geste oder die riesige Palme, sondern oft um das kleine, fast Unsichtbare am Wegesrand. Man lernt hier wieder, genau hinzuschauen. Das ist in einer Zeit, in der alles nur noch schnell wegkonsumiert wird, eine ziemlich wertvolle Erfahrung. Man verlässt den Garten meistens mit einem etwas ruhigeren Puls, als man ihn bei der Ankunft hatte.
Praktisches und Pillepalle
Der Eintritt ist übrigens kostenlos, was man heutzutage kaum noch glauben mag. Das schont den Geldbeutel und macht den Garten zu einem Ort für alle. Man sollte allerdings die Öffnungszeiten im Blick behalten, die je nach Saison variieren. Im Winter schließt das Gelände früher, was Sinn ergibt, da die Pflanzen dann auch ihre Ruhepause brauchen. Wer mit dem Rad kommt, findet am Eingang genügend Bügel. Die Anfahrt mit der U-Bahn Linie U79 oder U73 bis zur Endhaltestelle Uni-Ost ist denkbar einfach. Von dort sind es nur ein paar Minuten zu Fuß. Man sollte sich für den Besuch mindestens zwei Stunden Zeit nehmen, um nicht durchzuhetzen. Ein schnelles Durchlaufen bringt nichts, man muss sich auf die unterschiedlichen Atmosphären in den verschiedenen Bereichen einlassen.
Hunde müssen leider draußen bleiben, was angesichts der empfindlichen Sammlungen absolut nachvollziehbar ist. Wer Hunger hat, sollte sich vielleicht ein Butterbrot einpacken, denn im Garten selbst gibt es keine Verpflegung. Das ist aber kein Beinbruch, denn die Ruhe wird so nicht durch klapperndes Geschirr oder Pommesgeruch gestört. Ein paar Meter weiter auf dem Uni-Campus gibt es genug Möglichkeiten, sich einen Kaffee zu organisieren. Am schönsten ist es aber sowieso, einfach auf einer Bank zu sitzen und nichts zu tun, außer dem Wind in den Bäumen zuzuhören. Es ist ein kleiner Luxus, den man sich mitten im Trubel der Landeshauptstadt gönnen sollte. Düsseldorf kann nämlich viel mehr als nur Kö und Schickimicki, und dieser Garten ist der beste Beweis dafür.