Dresden

Trabi-Safari: Im "Plaste-Bomber" im Konvoi durch die Stadt knattern

Wer Dresden wirklich spüren will, tauscht den klimatisierten Bus gegen die harte Rückbank eines Pappen-Oldtimers. Ein rasanter Ritt durch die Geschichte, bei dem das Getriebe den Takt angibt.

Dresden  |  Aktivitäten & Erlebnisse
Lesezeit: ca. 9 Min.
Kommentare
Teilen
Facebook
Pocket
E-Mail
0
Kommentare
Facebook
Pocket
E-Mail
Zwischenablage

Es riecht nach verbranntem Öl und einer Ära, die eigentlich längst in den Museen der Republik verschwunden sein sollte. Doch wer am Simmel-Hochhaus am Albertplatz oder in der Nähe des Zinzendorfplatzes steht, merkt schnell, dass die DDR-Mobilmachung in Dresden eine zweite Jugend feiert. Die Trabi-Safari ist hier kein museales Ausstellungsstück, sondern ein lebendiges, lärmendes Spektakel, das sich mehrmals täglich durch die Straßen der Landeshauptstadt walzt. Es ist ein merkwürdiger Kontrast, wenn die bunten Kolonnen aus Duroplast an den sanierten Fassaden der Äußeren Neustadt vorbeiziehen. Die Einheimischen würdigen die Wagen oft nur noch mit einem routinierten Seitenblick, während Touristen mit einer Mischung aus Ehrfurcht und leichter Panik hinter den dünnen Lenkrädern sitzen.

Der Trabant 601, liebevoll oder spöttisch als Plaste-Bomber bezeichnet, ist das Herzstück dieser Touren. In Dresden hat das Fahrzeug eine besondere Bedeutung, auch wenn die Produktion eigentlich im nahen Zwickau stattfand. Die Stadt war zu DDR-Zeiten ein Zentrum der Mikroelektronik und Technik, und so wirkt es fast folgerichtig, dass diese mechanischen Relikte heute die Brücke zwischen dem historischen Erbe und der Moderne schlagen. Wer in einen dieser Wagen steigt, lässt den Komfort der Gegenwart an der Bordsteinkante zurück. Es gibt keine Servolenkung, keine Einparkhilfe und schon gar kein ABS. Was es gibt, ist ein sehr direkter Kontakt zum Asphalt und das Gefühl, jede Bodenwelle persönlich mit der Wirbelsäule zu begrüßen.

Interessant ist bei der Safari vor allem das Gruppenerlebnis. Man fährt im Konvoi, was den Vorteil hat, dass man sich nicht verfahren kann, solange man das Heck des Vordermanns im Blick behält. Der Guide an der Spitze kommuniziert per Funkgerät mit den Fahrern. Das klingt dann oft ein bisschen blechern und nostalgisch, passt aber perfekt zum Ambiente der 26-PS-Boliden. Wenn zwanzig dieser Zweitakter gleichzeitig an einer Ampel Gas geben, bildet sich eine bläuliche Wolke, die heute vermutlich jeden Umweltbeauftragten in den Wahnsinn treiben würde, für die Teilnehmer aber den authentischen Duft der Ostalgie verströmt.

Kurz & Kompakt
  • Startpunkt: Meist zentral gelegen, oft in der Nähe des Albertplatzes oder am Simmel-Markt, gut mit der Straßenbahn erreichbar.
  • Voraussetzung: Ein gültiger Führerschein der Klasse B ist für die Fahrer zwingend erforderlich, das Mindestalter liegt oft bei 18 Jahren.
  • Kleidung: Praktische Sachen wählen; im Winter ist es im Trabi eher kühl, im Sommer wird es unter dem Dach schnell zur Sauna.
  • Ausrüstung: Eine Kamera mit schnellem Verschluss ist ratsam, um die vorbeiziehenden Sehenswürdigkeiten aus dem rüttelnden Auto einzufangen.

Zwischen Zwischengas und Lenkradschaltung

Die erste Hürde für viele Neulinge ist die Technik. Wer heute Autofahren lernt, weiß meist gar nicht mehr, was eine Lenkradschaltung ist. Beim Trabi ragt ein kleiner Hebel aus dem Armaturenbrett, den man mit einer Mischung aus Gefühl und sanfter Gewalt in die richtige Ebene bugsieren muss. Es ist kein präzises Klicken, sondern eher ein tastendes Finden der Gänge. Dass der Rückwärtsgang oft dort liegt, wo man ihn am wenigsten vermutet, sorgt bei den ersten Anfahrversuchen regelmäßig für Heiterkeit bei den Zuschauern am Straßenrand. Man muss sich auf das Auto einlassen, sonst bockt die Kiste schneller, als man "Duroplast" sagen kann. Besonders das Anfahren am Berg, etwa wenn die Tour hoch Richtung Weißer Hirsch führt, verlangt ein feines Zusammenspiel von Kupplung und Handgas.

Die Motorhaube unter sich zu spüren, die bei höheren Drehzahlen vibriert wie ein elektrisches Zahnbürstenmodell der Luxusklasse, gehört zum Pflichtprogramm. Der Sound ist unverwechselbar: Ein helles Dengel-Dengel-Dengel, das bei Vollgas in ein aggressives Kreischen übergeht. Es ist kein tiefer V8-Sound, sondern das emsige Arbeiten eines Motors, der eigentlich für die Ewigkeit gebaut wurde, weil man auf ein neues Auto in der DDR eben auch mal zwölf Jahre warten musste. Diese Langlebigkeit spürt man heute noch. Die Wagen wirken zwar fragil, sind aber im Grunde unverwüstlich, solange man sie nicht gegen eine Betonmauer steuert. Die Karosserie aus Baumwollfasern und Phenolharz rostet nicht, sie verwittert höchstens mit der Würde eines alten Scheunenfunds.

Ein kurzer Blick in den Innenraum offenbart den Minimalismus einer vergangenen Epoche. Es gibt ein Tacho, ein paar Kippschalter, die so klobig sind, dass man sie auch mit Fäustlingen bedienen könnte, und sehr viel nacktes Blech. Die Sitze bieten den Seitenhalt einer Gartenliege, was die Fahrt durch die Kurven der Dresdner Innenstadt zu einer sportlichen Angelegenheit macht. Man rutscht auf dem Kunstleder hin und her, während man versucht, das große, dünne Plastiklenkrad auf Kurs zu halten. Es ist eine ehrliche Form der Fortbewegung, die einem schlagartig klarmacht, wie sehr moderne Autos den Fahrer von der Straße entkoppeln.

Dresden aus der Froschperspektive

Die Routen der Trabi-Safari führen quer durch das Stadtgebiet und bieten Perspektiven, die man aus dem Fußraum eines Reisebusses nie hätte. Da die Trabis recht niedrig gebaut sind, wirkt die Architektur der Stadt noch monumentaler. Wenn man über die Augustusbrücke tuckert und die Silhouette der Altstadt mit dem Hausmannsturm, der Hofkirche und der Semperoper vor sich sieht, fühlt sich das fast wie eine Filmszene an. Der Wind zieht durch die Ritzen der Fenster, und die Sonnenstrahlen reflektieren auf dem Lack der Motorhaube. Es ist eine sehr unmittelbare Art, Stadtgeschichte zu konsumieren.

Spannend wird es, wenn der Konvoi die klassischen Touristenpfade verlässt und in die Wohngebiete vordringt. In der Johannstadt mit ihren markanten Plattenbauten wirkt der Trabi wie in seinem natürlichen Habitat. Hier passt die Ästhetik des Wagens zur Architektur der Umgebung. Man bekommt ein Gefühl dafür, wie der Alltag in Dresden vor vierzig Jahren ausgesehen haben mag. Es geht vorbei an den Elbwiesen, wo die Menschen im Sommer grillen und den vorbeiknatternden Autos manchmal hämisch hinterherwinken. Die Interaktion mit der Außenwelt ist bei einer Trabi-Safari ohnehin viel intensiver. Man ist kein anonymes Blechpaket im Verkehr, sondern ein wandelndes Fotomotiv. Fußgänger bleiben stehen, Kinder zeigen mit dem Finger auf die bunten Autos, und manch ein älterer Herr bekommt feuchte Augen beim Anblick der vertrauten Formen.

In der Äußeren Neustadt, dem Szeneviertel Dresdens, ist das Bild wieder ein ganz anderes. Hier mischt sich der Trabi unter die Lastenräder und ausgebauten Camper-Vans. Die engen Straßen der Neustadt fordern die Manövrierfähigkeit der Fahrer heraus. Es ist eng, es ist laut, und überall gibt es etwas zu sehen. Die Graffitis an den Hauswänden fliegen vorbei, während man versucht, nicht den Anschluss an den Vordermann zu verlieren. Der Guide gibt über Funk kleine Anekdoten zum Besten, die oft über das übliche Geschichtswissen hinausgehen. Da erfährt man dann, warum der Trabi im Volksmund auch "Asphaltblase" hieß oder was es mit der Schlangenbildung an den wenigen Tankstellen auf sich hatte, die das richtige Gemisch anboten.

Praktische Tipps für die Asphalt-Abenteurer

Wer sich für eine Tour entscheidet, sollte keine Berührungsängste mit Technik und Schmutz haben. Ein kleiner Ölfleck auf der Hose kann vorkommen, wenn man beim Einsteigen unvorsichtig ist. Die Wagen sind zwar gepflegt, aber eben alte Maschinen. Es empfiehlt sich, bequeme Kleidung zu tragen. Im Sommer können sich die Innenräume der Trabis extrem aufheizen, da eine Klimaanlage natürlich nicht vorhanden ist. Wer Glück hat, erwischt ein Cabrio-Modell, den sogenannten Kübelwagen, der ursprünglich für die Armee oder die Forstwirtschaft gebaut wurde. Dort weht einem der Fahrtwind um die Ohren, was die Geräuschkulisse allerdings noch einmal deutlich anhebt.

Man sollte zudem bedenken, dass man den Trabi meist selbst fährt. Das bedeutet, man trägt die Verantwortung für ein Fahrzeug, das fast schon Oldtimer-Status hat. Wer seit Jahren nur Automatik fährt, sollte vielleicht vorher noch mal kurz im Kopf die Bewegungsabläufe beim Kuppeln durchgehen. Die Einweiser vor Ort geben zwar eine gründliche Einführung, aber der erste Gang will erst einmal gefunden werden. Für alle, die sich das Fahren gar nicht zutrauen, gibt es oft die Möglichkeit, sich bei einem erfahrenen Guide als Beifahrer einzuklinken. Aber mal ehrlich: Der eigentliche Witz ist es doch, selbst am Hebel zu rühren und das Gaspedal bis zum Bodenblech durchzutreten, nur um festzustellen, dass man trotzdem von jedem Radfahrer überholt wird.

Preislich liegen die Touren im gehobenen Segment der Stadtführungen, was angesichts des Wartungsaufwands für die alte Flotte verständlich ist. Die Ersatzteilversorgung für den Trabant ist zwar dank einer großen Fangemeinde noch relativ gut, aber die Mechaniker, die diese Zweitakter noch blind reparieren können, werden auch nicht jünger. Eine Vorabreservierung ist vor allem in den Sommermonaten und an Wochenenden fast schon Pflicht. Die Touren dauern meist zwischen 60 und 90 Minuten, was völlig ausreicht, um danach mit einem leichten Dröhnen im Kopf und einem breiten Grinsen aus der Pappe zu steigen.

Der Charme des Unperfekten

Warum macht man das überhaupt? In einer Welt, in der Autos immer leiser, sauberer und langweiliger werden, bietet die Trabi-Safari einen anarchischen Gegenentwurf. Es ist laut, es stinkt, und es ist furchtbar unbequem. Aber genau darin liegt der Reiz. Es ist eine Form der Entschleunigung, auch wenn man mit 50 Kilometern pro Stunde durch die Stadt rast und sich dabei wie Schumi in seinen besten Zeiten fühlt. Man spürt das Fahrzeug, man spürt die Straße, und man spürt ein Stück Zeitgeschichte, das man nicht in einem Buch nachlesen kann.

Die Trabi-Safari in Dresden ist kein nostalgisches Verklären der Vergangenheit. Niemand, der heute in so einem Auto sitzt, möchte wahrscheinlich ernsthaft in ein System zurück, in dem man Jahre auf ein solches Gefährt warten musste. Vielmehr ist es eine Hommage an den Erfindungsgeist und die Improvisationskunst. Ein Trabi besteht aus so wenigen Teilen, dass man das Gefühl hat, man könnte ihn mit einem Taschenmesser und etwas Draht komplett zerlegen und wieder zusammenbauen. Diese Einfachheit ist in unserer hochkomplexen Welt fast schon rührend.

Schreibe einen Kommentar
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu schreiben.
 
Du 

Bisher keine Kommentare
Entdecke mehr:
Nach oben scrollen