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Bunte Republik Neustadt (BRN): Das legendäre Stadtteilfest zwischen Anarchie und Party

Drei Tage lang herrscht im Kiez der Ausnahmezustand. Die Bunte Republik Neustadt (BRN) ist kein gewöhnliches Stadtfest, sondern ein bizarres Experiment aus Freiheit und Feierwut.

Dresden  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Hinter der BRN steckt mehr als nur das übliche Saufen an Klapptischen. Man muss die Geschichte verstehen, um das Chaos einordnen zu können. Im Juni 1990, kurz vor der Währungsunion, erklärten ein paar findige Bewohner das Viertel kurzerhand zur Mikronation. Eigene Pässe wurden gedruckt, eine eigene Währung namens BRN-Mark eingeführt und eine provisorische Regierung ernannt. Es war ein Akt der Rebellion gegen die drohende Gentrifizierung und die Ungewissheit der Wendezeit. Dieser anarchische Funke glimmt heute noch unter der Oberfläche, auch wenn die Kommerzialisierung hart an den Grundfesten rüttelt.

Wer heute durch die Alaunstraße oder die Luisenstraße schlendert, spürt am dritten Juni-Wochenende sofort diesen speziellen Vibe. Es riecht nach gebratenen Champignons, billigem Dosenbier und dem unverwechselbaren Duft von Pflastersteinen, die in der sächsischen Sommersonne glühen. Überall hängen bunte Flaggen, oft ist die gelb-schwarz-rote Fahne der Bunten Republik dabei, die einen gelben Mickey-Mouse-Kopf im schwarzen Feld zeigt. Ein schräger Kontrast zum sonst so herausgeputzten Elbflorenz auf der anderen Flussseite.

Kurz & Kompakt
  • Termin: Die BRN findet traditionell am dritten Juni-Wochenende statt, wobei der Freitagabend meist den Auftakt bildet.
  • Verpflegung: Unbedingt die privaten Stände in den Seitenstraßen nutzen; hier gibt es oft besseres Essen und günstigere Preise als an den professionellen Verkaufsständen.
  • Sicherheit: Taschendiebe gibt es überall, wo es eng ist. Wertsachen also eng am Körper tragen und nicht im Rucksack auf dem Rücken lassen.
  • Spirit: Wer mitfeiern will, sollte Offenheit mitbringen und sich nicht über Lärm oder blockierte Gehwege beschweren – das gehört zur Verfassung dieser Mikronation.

Soundteppiche und Hinterhof-Geheimnisse

Musikalisch ist die BRN ein brutaler Mix. An einer Ecke dröhnt harter Techno aus einer selbstgezimmerten Soundanlage, nur zwei Meter weiter zupft jemand melancholisch an einer Akustikgitarre. Besonders charmant sind die Konzerte auf den Balkonen. Da stehen Bands in luftiger Höhe und beschallen die Massen, während von oben Konfetti oder gelegentlich auch mal ein nasser Schwamm runterfliegt. Man sollte also immer mal den Blick nach oben richten, nicht nur um den fliegenden Objekten auszuweichen, sondern um die skurrilen Dekorationen an den Gründerzeitfassaden zu bewundern.

Richtig gut wird es oft erst, wenn man die Hauptstraßen verlässt. In den schmalen Hinterhöfen, die sonst hinter schweren Holztoren verborgen bleiben, finden die besten Partys statt. Da gibt es dann handgemachte Limonade aus der Badewanne oder eine improvisierte Lesung unter dem Wäscheständer. Es ist dieses Ungeplante, das "Nu", wie man hier in Dresden sagt, wenn man etwas zustimmend zur Kenntnis nimmt, das den Reiz ausmacht. Oft stolpert man völlig unverhofft in eine Performance-Art-Installation, bei der man sich nicht ganz sicher ist, ob das Kunst ist oder einfach nur jemand seinen Sperrmüll besonders kreativ gestapelt hat.

Kulinarische Grenzerfahrungen und Kaltgetränke

Hungern muss auf der BRN niemand, aber wer klassische Bratwurstbuden sucht, ist hier fast schon falsch. Klar gibt es die auch, aber das Herz der Neustadt schlägt vegetarisch oder zumindest experimentell. Falafel-Stände stehen gefühlt alle zehn Meter, und die Schlange vor dem "Dürüm-König" ist legendär lang. Ein echter Geheimtipp sind die privaten Essensstände der Anwohner. Da verkaufen Omis selbstgebackenen Kuchen aus dem Fenster oder Studierende bieten "Soljanka nach Geheimrezept" an, um die Miete aufzubessern. Man zahlt hier oft noch bar auf die Hand, Plastikgeld ist in der Republik eher ein Fremdwort.

Beim Trinken sollte man unbedingt das lokale Bier probieren. Die Neustädter sind stolz auf ihre Braukunst, und viele Bars stellen zusätzliche Zapfhähne direkt auf den Gehweg. Es hat etwas sehr Beruhigendes, mit einem kühlen Pils in der Hand am Bordstein zu sitzen und das vorbeiziehende Panoptikum aus Punks, jungen Familien, Touristen und Alt-Hippies zu beobachten. Die Mischung ist wild und meistens friedlich. Wenn es zu voll wird, hilft nur ein Fluchtweg Richtung Alaunpark. Diese grüne Lunge am Rand des Viertels dient als riesiges Wohnzimmer, wo hunderte Menschen auf Decken liegen und die Bässe aus der Ferne nur noch wie ein Herzschlag pulsieren.

Logistik im Wahnsinn

Anreise mit dem Auto? Vergiss es komplett. Das Viertel wird großflächig abgesperrt, und Parkplätze sind in der Neustadt ohnehin so selten wie ein ruhiger Moment am Samstagnachmittag. Am besten nutzt man die Straßenbahn bis zum Albertplatz oder zum Bahnhof Neustadt und läuft den Rest. Bequeme Schuhe sind Pflicht, denn das Kopfsteinpflaster fordert seinen Tribut. Wer empfindliche Ohren hat, packt sich vielleicht ein paar Stöpsel ein, denn die Dezibelwerte knacken in manchen Gassen locker die Grenzwerte. Spannend ist dabei, dass trotz der Massen kaum Aggressivität zu spüren ist, solange man sich auf das Gedrängel einlässt und nicht versucht, gegen den Strom zu schwimmen.

Ein wichtiges Thema ist die "Verpiss-dich-Gebühr". Nein, das ist kein Scherz, sondern oft die Bezeichnung für einen Euro, den man in Kneipen zahlen muss, wenn man nur mal kurz das WC benutzen will, ohne Gast zu sein. Angesichts der Schlangen vor den wenigen offiziellen Dixi-Klos ist das oft gut investiertes Geld. Man lernt schnell, die kleinen Siege zu feiern: ein freier Platz auf einer Fensterbank oder eine funktionierende Seifenspender-Einheit in einer Bar-Toilette am Sonntagabend.

Der Sonntag und die Melancholie

Wenn der Sonntagabend anbricht, verändert sich die Stimmung. Der große Rausch ebbt langsam ab, und eine gewisse Melancholie legt sich über die Straßen. Die ersten Stände werden abgebaut, der Müll wird von den fleißigen Händen der Stadtreinigung (oder engagierten Anwohnern) zusammengefegt. Es ist die Zeit, in der man die letzten Biermarken loswerden muss oder noch einmal die Ruhe in den Seitenstraßen sucht. Oft entstehen gerade jetzt die besten Gespräche, wenn die Anwohner erschöpft, aber glücklich vor ihren Haustüren sitzen und das vergangene Wochenende Revue passieren lassen.

Die BRN ist kein Event von der Stange. Sie ist schmutzig, laut, manchmal anstrengend und verdammt lebendig. Wer sie einmal erlebt hat, versteht, warum die Dresdner Neustadt so vehement ihre Eigenständigkeit verteidigt. Es geht um den Freiraum, den man sich erkämpft hat, und den man einmal im Jahr exzessiv feiert. Es ist kein Stadtfest für Leute, die Ordnung und klare Strukturen brauchen. Es ist ein Fest für alle, die das Unperfekte lieben.

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