Dresden

Dixieland Festival: Wenn Dresden zur Welthauptstadt des Oldtime-Jazz wird

Wenn der Mai kommt, tauscht Dresden die Elbphilharmonie-Sehnsucht gegen das Waschbrett ein. Überall in der Stadt schnattern die Trompeten gegen die Raddampfer-Sirenen an.

Dresden  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Man muss sich das erst mal vorstellen. Mitten im tiefsten Osten, zu Zeiten, als der Eiserne Vorhang noch ziemlich dicht war, entschieden sich ein paar Enthusiasten, den Sound von New Orleans nach Sachsen zu holen. Seit 1971 brennt hier die Luft, wenn das Internationale Dixieland Festival Dresden die Stadt übernimmt. Wer denkt, Jazz sei nur etwas für Leute in dunklen Kellern, die intellektuell mit dem Kopf nicken, hat die Dresdner Dynamik unterschätzt. Hier geht es nicht um akademische Musiktheorie, sondern um das Lebensgefühl, das aus den Südstaaten der USA direkt in das Elbtal importiert wurde. Die Stadt verwandelt sich in ein einziges großes Freiluft-Wohnzimmer, in dem das Banjo den Ton angibt.

Es riecht nach gebrannten Mandeln, Bratwurst und dem speziellen Öl der alten Dampfmaschinen. Das Festival ist untrennbar mit der Sächsischen Dampfschifffahrt verbunden. Wenn die älteste und größte Raddampferflotte der Welt zur Riverboat-Shuffle ablegt, gibt es kein Halten mehr. Die Schaufelräder klatschen im Takt auf das Wasser, während an Deck die Bands schwitzen und die Gäste ihr Bier festhalten. Es ist ein Spektakel für die Sinne, das weit über die Musik hinausgeht. Die Verbindung aus technischem Denkmal und lebendigem Kulturerbe macht den Reiz aus. Wer einmal erlebt hat, wie die "Dresden" oder die "Leipzig" unter den Elbbrücken hindurchgleiten, während die Posaunen von den Sandsteinfelsen des Elbufer-Hang-Panoramas zurückgeworfen werden, der versteht den Hype.

Interessant ist vor allem die Mischung des Publikums. Da stehen die alteingesessenen Jazz-Kenner in ihren Westchen neben jungen Familien, die eigentlich nur ein Eis essen wollten und plötzlich von einem Marschorchester mitgerissen werden. Die Stadtverwaltung macht in dieser Zeit meist gute Miene zum lauten Spiel, denn das Festival ist ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor. Hotels sind Monate im Voraus ausgebucht. Die Prager Straße wird zur "Jazz-Meile", auf der man alle paar Meter über eine andere Formation stolpert. Manchmal ist es fast ein bisschen zu viel des Guten, wenn sich die Klänge der verschiedenen Bühnen vermischen, aber genau das macht den Charme aus. Es ist laut, es ist bunt und es ist verdammt ehrlich.

Kurz & Kompakt
  • Termin & Timing: Das Festival findet jährlich im Mai statt; die Tickets für die großen Riverboat-Shuffle-Fahrten sollte man unbedingt weit im Voraus buchen, da diese meist sofort ausverkauft sind.
  • Preise & Zugang: Viele Veranstaltungen auf der "Jazz-Meile" in der Innenstadt sind komplett kostenlos, während für die Abendkonzerte im Kulturpalast oder auf dem Flughafen-Gelände reguläre Eintrittspreise anfallen.
  • Anreise-Tipp: Innerhalb Dresdens ist das Auto während des Festivals keine gute Idee; man nutzt besser die S-Bahn oder die Straßenbahnen, die im dichten Takt alle Spielstätten miteinander verbinden.
  • Atmosphäre erleben: Die große Abschluss-Parade am letzten Festivalsonntag ist das emotionale Highlight, bei dem man die beste Sicht oft von den erhöhten Flächen rund um den Postplatz hat.

Zwischen Barock und Blue Notes

Dresden wird oft als Elbflorenz bezeichnet, was wegen der barocken Architektur auch völlig legitim ist. Aber während des Festivals bekommt diese klassische Kulisse Risse, und zwar die guten. Es ist ein herrlicher Kontrast, wenn eine Marching Band vor der Frauenkirche steht und "When the Saints Go Marching In" schmettert. Die Akustik auf dem Neumarkt ist tückisch, weil der Schall zwischen den rekonstruierten Fassaden hin und her springt, aber das stört hier niemanden. Die Musiker kommen aus aller Welt. Von Japan bis Brasilien reisen die Ensembles an, um in Sachsen ihr Können zu zeigen. Für viele Musiker ist Dresden ein Ritterschlag, weil das Publikum hier als besonders fachkundig und begeisterungsfähig gilt. Da wird nicht nur höflich geklatscht, da wird mitgegangen, bis die Schuhsohlen glühen.

Besonders urig wird es in den kleineren Locations. Klar, die großen Konzerte im Kulturpalast oder im Jungenelände sind die Ankerpunkte, aber die wahre Seele findet man oft in den Kneipen oder Hinterhöfen. Da hockt man dann auf engen Holzbänken, trinkt ein lokales Radeberger oder ein Feldschlößchen und ist so nah an den Künstlern dran, dass man den Schweiß auf der Stirn des Klarinettisten sieht. Diese Unmittelbarkeit ist selten geworden in einer Welt der durchgestylten Arena-Touren. Beim Dixieland Festival zählt noch das Handwerk. Keine Einspieler vom Band, keine Autotune-Tricks, nur Lunge, Lippen und Leidenschaft. Wenn die Lippen der Trompeter am Ende der Festivalwoche wundgespielt sind, wissen sie, dass sie in Dresden waren.

Ein kleiner Geheimtipp für die, die es etwas entspannter mögen: Sucht euch einen Platz am Elbufer, etwas abseits der Hauptbühnen, wenn die Schiffe vorbeifahren. Man hört die Musik über das Wasser herüberwehen, was einen ganz eigenen, fast ätherischen Klang erzeugt. Die Kombination aus der Silhouette der Altstadt und den jazzigen Klängen hat fast etwas Filmreifes. Man fühlt sich wie in einer Zeitkapsel, die irgendwo zwischen 1920 und der Gegenwart steckengeblieben ist. Dass Dresden so eine Veranstaltung über Jahrzehnte und politische Systemwechsel hinweg gerettet hat, zeugt von der sturen Liebe der Sachsen zu ihrer Musik. Das ist kein aufgesetztes Event-Marketing, das ist gewachsene Tradition, die ordentlich "Wumms" hat.

Logistik des Vergnügens

Wer plant, das Festival zu besuchen, sollte ein paar praktische Dinge auf dem Schirm haben. Die Stadt ist während der Festivalwoche voll, und damit meine ich wirklich voll. Die öffentlichen Verkehrsmittel der DVB sind die beste Wahl, auch wenn die Straßenbahnen oft bis zum letzten Stehplatz besetzt sind. Zu Fuß gehen ist ohnehin die bessere Option, da man so die vielen kleinen Straßenmusiker entdeckt, die offiziell gar nicht im Programm stehen, aber die Atmosphäre erst so richtig rund machen. Dresden ist eine Stadt der kurzen Wege, zumindest im Zentrum. Von der Altstadt über die Augustusbrücke in die Neustadt ist es nur ein Katzensprung, und überall lauern die Synkopen.

Kulinarisch muss man sich auf das Übliche einstellen: Viel Deftiges. Es gibt reichlich Fettbemm, wie man hier zu einer Brotscheibe mit Schmalz sagt, und natürlich die obligatorische Bratwurst. Wer es etwas feiner mag, findet in der Weißen Gasse gute Restaurants, aber während des Dixielands herrscht eher Volksfeststimmung. Man isst auf der Hand. Die Preise ziehen in dieser Zeit traditionell etwas an, was man als Tourist einfach zähneknirschend hinnehmen muss. Dafür bekommt man aber auch ein Programm geboten, das in seiner Dichte weltweit seinesgleichen sucht. Es ist eben die Welthauptstadt des Oldtime-Jazz, auch wenn das vielleicht ein wenig dick aufgetragen klingt. Aber wer die Begeisterung der Massen bei der großen Abschluss-Parade erlebt hat, wird dem nicht widersprechen.

Die Parade ist sowieso das logistische Meisterstück. Tausende Menschen säumen die Straßen, wenn die Bands auf offenen Wagen oder zu Fuß durch die Innenstadt ziehen. Da werden Kamellen geworfen, es wird getanzt und gelacht. Es hat fast etwas von Karneval, nur ohne den Narrenschrei, dafür mit viel mehr Rhythmus im Blut. Es ist ratsam, sich frühzeitig einen Platz an der Strecke zu sichern, am besten irgendwo mit einer leichten Erhöhung oder an einer Ecke, wo die Wagen langsam fahren müssen. Die Stimmung ist friedlich, fast schon euphorisch. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen eine ganze Stadt im selben Takt zu atmen scheint, egal ob man nun Jazz-Fan ist oder nicht.

Die leisen Töne und das Erbe

Man darf aber nicht vergessen, dass das Festival auch eine ernste Seite hat. Es geht um den Erhalt einer Musikrichtung, die andernorts vielleicht schon im Museum gelandet wäre. In Dresden wird sie am Leben erhalten, modifiziert und gefeiert. Es gibt Workshops für junge Musiker, denn der Nachwuchs ist im Dixie-Bereich nicht immer leicht zu finden. Das Festival versucht hier, Brücken zu bauen. Es ist schön zu sehen, wenn ein 80-jähriger Veteran gemeinsam mit einem Musikstudenten improvisiert. Da entstehen Momente, die man nicht planen kann. Diese Spontanität ist das Herzstück des Jazz, und Dresden bietet dafür die perfekte Bühne.

Vielleicht ist es gerade die sächsische Mentalität, die so gut zum Dixieland passt. Eine gewisse Bodenständigkeit gepaart mit einer ordentlichen Portion Lebensfreude und dem Hang zum Geselligen. Man kommt schnell ins Gespräch, fachsimpelt über die beste Besetzung für eine Brass Band oder tauscht Tipps für das nächste Konzert aus. Es ist eine sehr inklusive Veranstaltung. Barrieren gibt es kaum, viele Konzerte sind kostenlos unter freiem Himmel zugänglich. Das macht das Festival so demokratisch. Jeder kann teilhaben, egal wie dick der Geldbeutel ist. Das ist in der heutigen Zeit von hochpreisigen Kulturangeboten ein wertvolles Gut, das man pflegen sollte.

Wenn das letzte Konzert verklungen ist und die Schiffe wieder ihren normalen Linienbetrieb aufnehmen, bleibt ein gewisses Pfeifen in den Ohren und ein Lächeln im Gesicht. Dresden braucht diese Woche im Jahr, um sich mal so richtig auszutoben. Es ist wie ein Ventil, das geöffnet wird. Und wer einmal Blut geleckt hat, der kommt immer wieder. Es ist diese Mischung aus Elbewiesen, Architektur, Dampfschiff-Nostalgie und dem unermüdlichen Offbeat, die süchtig macht. Man muss kein Experte für Ragtime oder Swing sein, um hier Spaß zu haben. Man muss nur die Bereitschaft mitbringen, sich von der Welle der Begeisterung mitreißen zu lassen. Und wer weiß, vielleicht ertappt man sich am Ende selbst dabei, wie man im Takt mit dem Fuß wippt, während man auf die nächste Straßenbahn wartet.

Tipps für den perfekten Jazz-Trip

Planung ist das halbe Leben, besonders wenn man zum Dixieland nach Dresden kommt. Wer eine der begehrten Karten für die Riverboat-Shuffle ergattern will, muss schnell sein. Oft sind diese schon Monate im Voraus vergriffen, sobald der Vorverkauf startet. Aber keine Panik, auch vom Ufer aus kann man viel mitnehmen. Die Gegend um den Goldenen Reiter in der Neustadt ist oft ein guter Anlaufpunkt, um Marching Bands beim Aufwärmen oder bei spontanen Sessions zuzuschauen. Überhaupt ist die Neustadt der richtige Ort für den Absacker nach den offiziellen Konzerten. Hier ist die Kneipendichte am höchsten und das junge Dresden zeigt sein Gesicht.

Was das Wetter angeht, ist der Mai in Dresden eine Wundertüte. Es kann strahlender Sonnenschein herrschen, aber ein plötzlicher Regenguss ist immer drin. Also Zwiebelprinzip bei der Kleidung und vielleicht ein Knirps in der Tasche. Nichts ist ärgerlicher, als wenn das Lieblingskonzert sprichwörtlich ins Wasser fällt, wobei die Musiker meistens ziemlich hart im Nehmen sind. Die Stimmung kippt auch bei Regen selten, dann rückt man eben unter den Schirmen der Gastronomie enger zusammen. Das hat dann schon wieder seine ganz eigene, gemütliche Note. Und wenn dann die Sonne wieder rauskommt und der nasse Asphalt glänzt, wirkt die Musik gleich noch mal so intensiv.

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