Dresden

Dresden in 5 Minuten: Die bewegte Geschichte von Barock bis 1945 und heute

Die Stadt an der Elbe hat sich mehrfach neu erfunden, mal aus Prunksucht, mal aus schierer Not. Hier trifft sächsischer Eigensinn auf eine Geschichte, die tiefe Narben hinterlassen hat.

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Zwischenablage

Wer an einem warmen Nachmittag am Königsufer steht und den Blick über die Elbe schweifen lässt, versteht sofort, warum die Stadt diesen Beinamen Elbflorenz weghat. Der gelbliche Sandstein der Kathedrale und des Schlosses reflektiert das Licht auf eine Weise, die fast schon kitschig wirkt. Es riecht nach Flusswasser und ein bisschen nach den Abgasen der Schaufelraddampfer, die unten am Terrassenufer ablegen. Dresden ist eine Stadt der Sichtachsen. Alles scheint darauf ausgerichtet zu sein, das Auge zu verwöhnen. Doch dieser Glanz ist trügerisch, oder besser gesagt: Er ist das Ergebnis harter Arbeit und eines fast schon trotzigen Rekonstruktionswillens. Wenn man mit den Fingern über die rauen Mauern der Frauenkirche fährt, spürt man die dunklen, originalen Steine zwischen den hellen, neuen Quadern. Das ist kein reiner Dekoreffekt, sondern ein Mosaik der Zerstörung.

Die Geschichte Dresdens beginnt eigentlich recht unspektakulär als slawische Siedlung, aber so richtig Schwung kam erst mit den Wettinern in die Bude. Besonders einer hat hier seinen Stempel hinterlassen, dass man heute noch an jeder Ecke über ihn stolpert: August der Starke. Der Typ war besessen davon, Dresden zum kulturellen Nabel Europas zu machen. Er wollte nicht nur regieren, er wollte glänzen. Man sagt ihm nach, er habe Hufeisen mit bloßen Händen zerbrochen, was wahrscheinlich ein netter PR-Gag seiner Zeit war, aber seine Hinterlassenschaften aus Stein sind definitiv real. Unter seiner Ägide entstanden Bauwerke, die heute die Postkartenmotive dominieren. Der Zwinger zum Beispiel war ursprünglich gar kein Museum, sondern ein Festplatz, eine Orangerie, ein Ort für höfisches Chillen auf höchstem Niveau. Wenn man heute durch die Bogengänge läuft, kann man sich fast vorstellen, wie damals die Kutschen vorfuhren und der Adel in gepuderten Perücken über den Rasen stolzierte.

Kurz & Kompakt
  • Beste Aussicht: Steig auf den Turm der Kreuzkirche am Altmarkt. Von dort oben hast du den perfekten Blick auf das Chaos der Architekturstile, von barocker Kuppel bis zum sozialistischen Beton.
  • Kulinarik-Tipp: Probier die echte Dresdner Eierschecke in einem der kleineren Cafés in der Neustadt statt direkt am Neumarkt. Schmeckt meistens besser und kostet die Hälfte.
  • Fortbewegung: Nutze die gelben Straßenbahnen der DVB. Die fahren fast überall hin und sind das Rückgrat der Stadt. Oder leih dir ein Fahrrad und fahr den Elberadweg entlang, das entspannt ungemein.
  • Zeitplanung: Plan für die Gemäldegalerie Alte Meister mindestens drei Stunden ein. Die Bilderflut erschlägt einen sonst, und man will ja nicht nur kurz vor der Sixtinischen Madonna Selfies machen.

Barocker Größenwahn und die Lust am Sammeln

August und sein Sohn hatten eine Sammelleidenschaft, die heute jeden Messie-Ratgeber sprengen würde. Sie kauften alles auf, was gut und teuer war. Raffael, Tizian, Rembrandt – die Gemäldegalerie Alte Meister ist quasi das Who-is-Who der Kunstgeschichte. Aber es ging nicht nur um Bilder. Im Grünen Gewölbe horteten sie Schätze aus Gold, Edelsteinen und Elfenbein. Wer dort durch die Räume geht, bekommt angesichts der schieren Opulenz fast schon Kopfschmerzen. Es funkelt und glitzert so sehr, dass man kurz vergisst, dass das alles von den Steuern der Untertanen bezahlt wurde. Interessant ist, dass diese barocke Prachtentfaltung Dresden zwar weltberühmt machte, die Stadt aber auch verwundbar hinterließ. Man investierte in Schönheit, weniger in moderne Festungsanlagen. Das rächte sich später in den napoleonischen Kriegen und anderen Konflikten, aber der kulturelle Kern blieb erst einmal erhalten.

Das Leben im Dresden des 18. und 19. Jahrhunderts war geprägt von einem rasanten Aufstieg des Bürgertums. Während der Hof im Schloss residierte, bauten die wohlhabenden Kaufleute ihre Villen in den Vorstädten. Die Semperoper wurde zum Symbol dieses kulturellen Selbstbewusstseins. Es ist bereits die dritte Version des Hauses, da die Vorgänger entweder abbrannten oder im Krieg zerstört wurden. Wenn man heute davor steht, wirkt der Bau von Gottfried Semper wie ein massiver Fels in der Brandung. Die Akustik drinnen ist phänomenal, aber draußen auf dem Theaterplatz geht es oft eher hemdsärmelig zu. Da treffen sich Skater, Touristenruppen und Straßenmusikanten, die auf ihren Geigen meistens Vivaldis Vier Jahreszeiten fideln, während die Droschkenpferde gelangweilt mit den Hufen scharren und ihren ganz eigenen Geruch zur barocken Kulisse beitragen.

Die dunkle Zäsur: 1945 und die Stunde Null

Man kann über Dresden nicht schreiben, ohne über den Februar 1945 zu reden. Es ist das Trauma der Stadt, das bis heute nachwirkt. Lange Zeit galt Dresden als das Elbflorenz, das vom Krieg verschont bleiben würde, eine Lazarettstadt voller Flüchtlinge aus dem Osten. Doch in der Nacht vom 13. Februar änderte sich alles. Britische und amerikanische Bomberverbände verwandelten die Innenstadt in ein Flammenmeer. Der Feuersturm war so gewaltig, dass er alles einsaugte, was nicht niet- und nagelfest war. Die Frauenkirche, die den Angriff zunächst scheinbar überstanden hatte, stürzte am nächsten Morgen in sich zusammen. Ein Trümmerberg blieb übrig, der Jahrzehnte als Mahnmal im Herzen der Stadt liegen sollte.

Nach 1945 war Dresden eine Geisterstadt. Die Ruinen standen wie hohle Zähne in der Landschaft. Während in anderen Städten schnell wieder aufgebaut wurde, blieb in Dresden vieles lange Zeit brachliegen. Die DDR-Führung hatte ein gespaltenes Verhältnis zum barocken Erbe. Einerseits war es Ausdruck feudaler Unterdrückung, andererseits konnte man mit dem kulturellen Glanz international punkten. Der Zwinger und die Semperoper wurden mühsam rekonstruiert, aber drumherum entstanden sozialistische Prachtstraßen wie die Prager Straße. Hier zeigt sich das andere Gesicht Dresdens: breite Betonpisten, Brunnenanlagen und Plattenbauten. Wer heute die Prager Straße vom Hauptbahnhof Richtung Altmarkt läuft, vollzieht einen harten Schnitt von der sozialistischen Moderne hinein in das rekonstruierte Herz der Stadt. Das ist architektonisch manchmal schwer verdaulich, aber es erzählt die Geschichte eines radikalen Bruchs.

Wiederaufbau und der Geist der Frauenkirche

Der wohl emotionalste Moment der jüngeren Stadtgeschichte war der Wiederaufbau der Frauenkirche nach der Wende. Über Jahrzehnte war die Ruine ein Ort für den stillen Protest der Friedensbewegung in der DDR. Am 13. Februar trafen sich dort Menschen mit Kerzen, um gegen die Aufrüstung zu demonstrieren. Nach 1989 gab es den Ruf aus Dresden, die Kirche wiederaufzubauen. Es war eine Mammutaufgabe, finanziert durch Spenden aus der ganzen Welt. Stein für Stein wurde das Puzzle zusammengesetzt. Die dunklen Steine, die man heute in der Fassade sieht, sind die Originale, die aus dem Trümmerberg geborgen wurden. Es ist ein faszinierender Anblick, dieses gescheckte Mauerwerk. Es ist, als ob die Stadt ihre Narben stolz zeigt, statt sie unter einer frischen Schicht Putz zu verstecken.

Heute ist die Gegend rund um die Frauenkirche, der Neumarkt, fast vollständig historisierend wiederhergestellt. Kritiker schimpfen es eine Puppenstube oder eine Kulissenarchitektur, aber die Touristen lieben es. Es ist ein bisschen so, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht. Man kann dort in Cafés sitzen und Eierschecke essen, eine lokale Kuchenspezialität, die man unbedingt probieren sollte. Sie besteht aus drei Schichten und ist so mächtig, dass man danach eigentlich einen langen Spaziergang an der Elbe braucht. Der sächsische Dialekt, der einem dabei um die Ohren fliegt, ist gewöhnungsbedürftig, hat aber einen ganz eigenen, gemütlichen Singsang. Man darf sich nicht täuschen lassen: Die Dresdner können sehr eigen sein, manchmal etwas stur, aber wenn man sie erst einmal knackt, sind sie herzliche Gastgeber.

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