Wer mit dem Zug in den Dortmunder Hauptbahnhof einfährt, kommt an diesem Anblick nicht vorbei. Mächtig und ein wenig trutzig ragt der Backsteinkoloss in den Himmel, gekrönt von einem riesigen, neun Meter hohen goldenen U, das sich langsam um die eigene Achse dreht. Es ist das Symbol der ehemaligen Union-Brauerei, die hier einst das Sagen hatte. In den 1920er Jahren galt dieser Bau als das erste Hochhaus der Stadt, ein Statement aus Stahlbeton, das den wirtschaftlichen Erfolg der Brauindustrie zementieren sollte. Man riecht heute zwar keinen Hopfen und kein Malz mehr, aber die Wucht der Industriearchitektur ist in jeder Etage spürbar. Die Wände sind dick, die Decken hoch, und mancherorts wirkt der Beton so rau, als hätten die Arbeiter erst gestern die Schalungen entfernt. Es ist genau diese Mischung aus kühler Funktionalität und moderner Lichtkunst, die den Ort so besonders macht.
Interessant ist die Geschichte hinter der Fassade. Nach dem Ende des Braubetriebs stand das Gebäude lange Zeit leer und wirkte wie ein gestrandeter Wal am Rande der Innenstadt. Viele Dortmunder fragten sich damals, ob man das Ding nicht einfach abreißen sollte. Doch zum Glück kam das Kulturhauptstadtjahr RUHR.2010 dazwischen. Das U wurde entkernt, saniert und zu einem Zentrum für Kunst und Kreativität umgebaut. Wenn du heute durch das Foyer gehst, spürst du sofort, dass hier nicht nur konserviert, sondern gelebt wird. Es zieht ein leichter Luftzug durch die hohen Gänge, und oft hört man das leise Surren der Rolltreppen, die die Besucher in die verschiedenen Ebenen befördern. Die Akustik ist hallig, was dem Ganzen eine fast sakrale Atmosphäre verleiht, ohne dabei steif zu wirken.
Kurz & Kompakt - Adresse & Kontakt: Leonie-Reygers-Terasse, 44137 Dortmund. Direkt am Westrand der Innenstadt gelegen, fußläufig vom Hauptbahnhof erreichbar.
- Highlights im Turm: Das Museum Ostwall für Liebhaber der Moderne, der Hartware MedienKunstVerein für digitale Experimente und die Dachterrasse mit 360-Grad-Panorama.
- Die Architektur: Ein sanierter Industriebau aus dem Jahr 1926 mit den berühmten fliegenden Bildern von Adolf Winkelmann in der Dachkrone.
- Kosten & Öffnungszeiten: Der Zugang zum Gebäude und zu einigen Bereichen ist kostenfrei. Sonderausstellungen kosten Eintritt. Montags ist in der Regel Ruhetag.
Digitale Träume in den oberen Etagen
Spannend wird es, wenn man die Rolltreppen nach oben nimmt. Das Herzstück des Turms ist das Museum Ostwall, das seinen alten Standort verlassen hat, um hier neu Fuß zu fassen. Die Sammlung ist beachtlich, vor allem was die Klassische Moderne angeht. Man stolpert über Werke von Jawlensky oder Macke, aber es gibt auch jede Menge zeitgenössische Kunst zu entdecken. Manchmal wirkt die Anordnung der Bilder fast ein bisschen spielerisch, als wollten die Kuratoren den Besucher bewusst aus der Reserve locken. Es gibt Ecken, in denen es stockdunkel ist, nur unterbrochen von flackernden Videoinstallationen, die den Raum in unheimliches Licht tauchen. In anderen Räumen flutet das Tageslicht durch die Fenster und gibt den Blick auf die Gleisanlagen des Bahnhofs frei. Dieser Kontrast zwischen der Kunst drinnen und der harten Realität der Stadt draußen hat definitiv seinen Reiz.
Ein Stockwerk tiefer residiert der Hartware MedienKunstVerein, kurz HMKV. Hier geht es oft experimenteller zu. Die Ausstellungen befassen sich mit digitalen Welten, Überwachung, künstlicher Intelligenz oder den sozialen Folgen der Globalisierung. Das ist kein Ort für den schnellen Konsum. Man muss sich Zeit nehmen, die Kopfhörer aufsetzen und sich auf die teils sperrigen Videoarbeiten einlassen. Es kann passieren, dass man völlig die Zeit vergisst, während man auf einem Sitzsack fläzt und sich von hypnotischen Klängen berieseln lässt. Es ist eben kein klassisches Museum, wo man artig von Bild zu Bild schreitet. Hier darf man auch mal verwirrt sein oder sich über die Technik wundern, die manchmal ein Eigenleben führt. Die Mitarbeiter sind meistens gut drauf und erklären gerne, was es mit dem einen oder anderen Exponat auf sich hat, ohne dabei oberlehrerhaft zu wirken.
Wo die Kreativität zu Hause ist
Das U ist aber nicht nur für Kunstfreunde da, die sich gerne in Galerien herumtreiben. Es beherbergt auch die technische Universität und die Fachhochschule. In den Fluren begegnet man ständig Studenten mit Architekturrollen unter dem Arm oder Laptops auf dem Schoß. Es herrscht eine gewisse Aufbruchstimmung, eine Unruhe, die dem alten Brauereiturm sichtlich gut tut. Da wird in Projekträumen diskutiert, gelacht und manchmal auch heftig gestritten. Im Erdgeschoss befindet sich das Kino im U, ein kleiner, feiner Ort für Filme jenseits des Mainstreams. Die Sitze sind bequem, der Raum ist intim, und die Filmauswahl ist oft so kuratiert, dass man Dinge sieht, von denen man vorher noch nie gehört hat. Es ist ein schöner Kontrast zu den riesigen Multiplex-Kinos in der Innenstadt, wo alles nach Popcorn riecht und die Leinwände zwar gigantisch, die Inhalte aber oft dünn sind.
Ein echtes Highlight ist die vertikale Vernetzung des Hauses. Überall gibt es Blickachsen, die das Gebäude transparent machen. Man schaut von oben in das Foyer oder sieht durch Glasscheiben in die Werkstätten. Besonders markant sind die sogenannten fliegenden Bilder des Filmemachers Adolf Winkelmann. In der Dachkrone des Turms sind riesige LED-Wände installiert, auf denen Tauben flattern, Biergläser gefüllt werden oder abstrakte Muster über die Fassade tanzen. Diese Bilder sind mittlerweile so etwas wie die Wettervorhersage der Dortmunder geworden. Wenn die Tauben fliegen, ist alles gut. Man sieht sie schon von weitem, wenn man über die Rheinische Straße Richtung Zentrum fährt. Es ist ein bisschen so, als würde das Gebäude mit der Stadt kommunizieren, mal laut und bunt, mal eher dezent und nachdenklich.
Kulinarik mit Aussicht und bodenständiger Charme
Wer viel läuft und schaut, bekommt irgendwann Hunger oder zumindest Durst. Im obersten Stockwerk, direkt unter dem goldenen U, befindet sich die Dachterrasse. Der Blick von hier oben ist phänomenal. Man sieht das Westfalenstadion, den Florianturm im Westfalenpark und bei gutem Wetter sogar die Halden im fernen Ruhrgebiet. Es ist der perfekte Ort, um den Tag Revue passieren zu lassen. Die Gastronomie oben ist eher schick, aber man kann auch einfach nur für ein Getränk vorbeikommen. Unten im Erdgeschoss geht es etwas lockerer zu. Dort gibt es oft kleine Cafés oder Pop-up-Konzepte, die sich immer wieder mal ändern. Es ist eben alles im Fluss in diesem Haus. Manchmal hat man Glück und erwischt einen Tag, an dem auf dem Vorplatz ein kleiner Markt oder ein Konzert stattfindet. Dann mischen sich die Museumsbesucher mit den Anwohnern aus dem angrenzenden Unionviertel, was eine herrlich unaufgeregte Mischung ergibt.
Apropos Unionviertel: Es lohnt sich, nach dem Besuch im U noch eine Runde durch die umliegenden Straßen zu drehen. Hier zeigt sich Dortmund von seiner authentischen Seite. Es gibt kleine Ateliers, Second-Hand-Läden und jede Menge Imbissbuden, wo die Currywurst noch so schmeckt, wie sie schmecken muss. Das Viertel hat sich in den letzten Jahren gewandelt, ist aber immer noch ein bisschen rau an den Kanten. Viele Künstler, die im U ihre Werke zeigen, haben hier in der Nähe ihre Arbeitsräume. Es ist ein Geben und Nehmen. Das U strahlt in das Viertel aus, und die Lebendigkeit des Viertels hält das U davon ab, zu einem sterilen Kunsttempel zu werden. Manchmal kleben an den Laternenpfählen bunte Sticker, oder man entdeckt an einer Häuserwand ein beeindruckendes Mural. Das ist Dortmund, wie es leibt und lebt, ein bisschen unfertig, aber immer mit viel Herzblut dabei.
Praktisches für den Turmbesuch
Der Eintritt in das Gebäude selbst ist erst einmal kostenlos. Das ist eine feine Sache, weil man so auch einfach mal nur für die Aussicht oder die Architektur hineingehen kann. Für die speziellen Ausstellungen im Museum Ostwall oder im HMKV muss man natürlich bezahlen, aber es gibt oft Kombi-Tickets, die sich lohnen. Montags ist das Haus meistens geschlossen, da sollte man also nicht umsonst den Weg antreten. Die Anreise ist denkbar einfach. Vom Hauptbahnhof sind es zu Fuß keine zehn Minuten. Man läuft einfach aus dem Nordausgang raus, hält sich links und folgt dem großen goldenen U, das man eigentlich gar nicht übersehen kann. Wer mit dem Auto kommt, findet in den umliegenden Parkhäusern meistens einen Platz, aber die Parkplatzsuche in der Innenstadt kann manchmal nervig sein, besonders wenn gerade ein BVB-Heimspiel ansteht. Dann ist die ganze Stadt im Ausnahmezustand, und man sollte lieber auf die S-Bahn umsteigen.
Ein kleiner Geheimtipp ist der Besuch in der Dämmerung. Wenn die Sonne langsam untergeht und die Beleuchtung des Turms hochgefahren wird, entfaltet das U eine ganz eigene Magie. Die Backsteine leuchten rötlich, und die LED-Bilder in der Krone wirken noch intensiver. Es ist die Zeit, in der die Tagesbesucher langsam verschwinden und die Nachtschwärmer auftauchen. In der obersten Etage finden manchmal Partys oder Lesungen statt, die bis tief in die Nacht gehen. Dann vibriert das ganze Gebäude förmlich vor Energie. Es ist schon beeindruckend, was aus einer alten Brauerei werden kann, wenn man ihr eine zweite Chance gibt. Man hat hier nicht einfach nur ein Museum hingestellt, sondern einen Ort geschaffen, der für jeden offen ist. Egal ob man sich für Hochkultur interessiert oder einfach nur ein kühles Getränk mit Aussicht genießen will, man fühlt sich hier willkommen, ohne dass einem das ständig auf Schildern entgegengebrüllt wird.
Man merkt dem Projekt an jeder Ecke an, dass es gewollt war. Es ist kein künstliches Prestigeprojekt, das an der Bevölkerung vorbeigeplant wurde. Die Dortmunder sind stolz auf ihr U, auch wenn sie es vielleicht nicht immer so lautstark heraushängen lassen wie die Leute in anderen Städten. Es ist eine stille Verbundenheit. Wenn man an einem grauen Novembertag am Wall entlangläuft und das U golden leuchten sieht, gibt einem das ein Gefühl von Beständigkeit. Die Zeiten der rauchenden Schlote sind vorbei, aber der Geist der Maloche, des Anpackens und Neumachens, der weht immer noch durch diese Hallen. Das U ist ein Symbol für den Wandel, aber eines, das seine Wurzeln nicht vergessen hat. Wer Dortmund wirklich verstehen will, der muss hier gewesen sein, muss die Treppen steigen, die Kunst auf sich wirken lassen und wenigstens einmal den Blick über die Dächer der Stadt schweifen lassen. Es lohnt sich, versprochen.