Mitten im Nirgendwo, dort wo Dortmund allmählich in das flache Land des Kreises Unna übergeht, ragt ein Gebilde aus dem Boden, das auf den ersten Blick wie ein liegengebliebenes Requisit aus einem alten Science-Fiction-Film wirkt. Das Lanstroper Ei ist weit mehr als nur ein technisches Bauwerk. Es ist ein Symbol für die Zeit, als Eisen und Stahl die Region nicht nur wirtschaftlich, sondern auch optisch dominierten. Wer sich dem Turm nähert, bemerkt zuerst die schiere Masse an Metall, die hier in den Himmel gereckt wurde. Es riecht nach feuchtem Gras und gelegentlich liegt ein Hauch von altem Eisen in der Luft, besonders wenn der Wind kräftig über die angrenzenden Felder pfeift.
Architektonisch betrachtet handelt es sich um einen sogenannten Barkhausen-Behälter. Benannt nach seinem Erfinder Georg Barkhausen, zeichnet sich dieser Typ durch seinen kugelförmigen Boden aus. Dass das Ding in Dortmund aber unter dem Namen Ei firmiert, versteht jeder sofort, der davorsteht. Die ovale Silhouette hebt sich markant von den üblichen zylindrischen Wassertürmen ab, die man sonst im Ruhrgebiet findet. Erbaut wurde das Ungetüm zwischen 1904 und 1905. Es ist also ein echtes Urgestein der hiesigen Wasserversorgung, auch wenn es schon lange nicht mehr im Dienst ist. Spannend ist dabei die Konstruktionsweise: Über 50.000 Nieten halten das Metall zusammen. Man muss sich das mal vorstellen. Da standen damals Arbeiter im Wind und haben jeden einzelnen dieser Bolzen händisch gesetzt. Das Klopfen und Hämmern muss meilenweit zu hören gewesen sein.
Heute ist es hier eher ruhig. Wenn man am Zaun steht und den Blick nach oben wandern lässt, fühlt man sich klein. Der Turm misst stolze 60 Meter in der Höhe. Das ist für ein Bauwerk dieser Art beachtlich. Der Behälter selbst hat einen Durchmesser von etwa 14 Metern. Früher passten da satte 2.000 Kubikmeter Wasser rein. Das war nötig, um den Wasserdruck in den umliegenden Zechen und Siedlungen stabil zu halten. In einer Region, die durch den Bergbau ständig mit Absenkungen des Bodens zu kämpfen hatte, war eine zuverlässige Wasserversorgung eine echte Herausforderung. Das Lanstroper Ei hat diese Aufgabe jahrzehntelang gemeistert, bis es 1980 endgültig in den Ruhestand geschickt wurde.
Kurz & Kompakt - Standort: Der Turm befindet sich am Rande des Stadtteils Lanstrop, eingebettet in die Lanstroper Heide. Er ist weithin sichtbar und über Wanderwege sowie Radrouten (z.B. Route der Industriekultur) sehr gut erreichbar.
- Architektur: Erbaut 1904/05 als Barkhausen-Behälter. Mit 60 Metern Höhe und einem Fassungsvermögen von 2.000 Kubikmetern ist er eines der markantesten technischen Denkmäler der frühen deutschen Wasserversorgungstechnik.
- Besonderheit: Das Bauwerk ist eine reine Nietkonstruktion aus Stahl. Es dient heute ausschließlich als Denkmal und Landmarke; eine Innenbesichtigung ist aus Sicherheitsgründen für die Öffentlichkeit nicht möglich.
- Umgebung: Die Lanstroper Heide und das nahegelegene Naturschutzgebiet Greveler Mersch bieten ideale Bedingungen für ausgedehnte Spaziergänge und Naturbeobachtungen in einer vom Bergbau geprägten Folgelandschaft.
Rostschutz, Denkmalschutz und das liebe Geld
Dass der Turm heute noch steht, grenzt fast an ein Wunder. In den 1990er Jahren sah es ziemlich düster aus für das metallene Ei. Der Rost fraß sich durch die Substanz und die Unterhaltskosten schossen in die Höhe. Es gab ernsthafte Überlegungen, das ganze Teil einfach abzureißen. Aber da hatten die Planer die Rechnung ohne die Lanstroper gemacht. Die Identifikation mit ihrem Wahrzeichen war und ist riesig. Es gab Bürgerinitiativen und heftigen Widerstand gegen die Abrisspläne. Am Ende siegte die Vernunft beziehungsweise die Wertschätzung für die Industriekultur. Seit 1985 steht das Bauwerk unter Denkmalschutz, was den Abriss ohnehin erschwert hätte.
Trotzdem blieb die Sanierung eine Mammutaufgabe. Wer sich den Turm heute anschaut, sieht ein Gerüst aus Stahlfachwerk, das den Behälter trägt. Dieses Skelett musste aufwendig stabilisiert werden. Über Jahre hinweg wurde gestritten, wer für die Kosten aufkommt. Erst vor einiger Zeit konnte die Sanierung der Außenhülle abgeschlossen werden. Man hat sich für einen grauen Schutzanstrich entschieden, der zwar funktional ist, aber dem Turm ein wenig von seinem ursprünglichen, rauen Charme nimmt. Trotzdem ist die Freude groß, dass der alte Kasten erhalten geblieben ist. Wenn man genau hinsieht, erkennt man unter dem Lack noch die Unebenheiten der alten Platten. Das verleiht dem Ganzen eine Textur, die kein moderner Neubau jemals haben wird.
Ein Spaziergang rund um das Gelände lohnt sich zu jeder Jahreszeit. Im Sommer flirrt die Hitze über dem Asphalt des Zufahrtswegs und die Insekten summen in den umliegenden Wiesen. Im Winter hingegen wirkt das Lanstroper Ei wie ein einsamer Wächter im Nebel. Es hat dann fast etwas Melancholisches. Man kann den Turm leider nicht von innen besichtigen, da er technisch gesehen immer noch eine Industrieanlage ist und die Sicherheit im Inneren nicht gewährleistet werden kann. Aber das macht eigentlich nichts. Die Wirkung entfaltet sich ohnehin aus der Distanz oder direkt am Fuße des gigantischen Sockels. Man kann dort gut sitzen, eine Pause machen und sich fragen, wie viele Liter Wasser wohl in all den Jahrzehnten durch die Rohre unter den eigenen Füßen geflossen sind.
Naturerlebnis rund um den Stahlkoloss
Wer das Lanstroper Ei besucht, sollte nicht nur den Turm im Blick haben. Das Bauwerk liegt in der sogenannten Lanstroper Heide. Das ist ein Naturschutzgebiet, das für Dortmunder Verhältnisse erstaunlich weitläufig und unverbaut wirkt. Hier kann man hervorragend wandern oder mit dem Rad fahren. Die Wege sind gut ausgebaut, aber nicht überlaufen. Es ist kein Vergleich zum Phoenix-See oder anderen Hotspots im Stadtgebiet, wo man sich am Wochenende gegenseitig auf die Füße tritt. In Lanstrop hat man noch Platz zum Atmen. Die Luft riecht hier nach Erde und Freiheit, weit weg vom Trubel der Innenstadt.
Ein Highlight in der Nähe ist das Greveler Mersch. Das ist ein Feuchtgebiet, das durch Bergsenkungen entstanden ist. Wo früher Äcker waren, hat sich das Wasser gesammelt und eine ganz neue Flora und Fauna geschaffen. Wenn man Glück hat, sieht man Reiher oder hört seltene Amphibien. Es ist diese skurrile Mischung aus Schwerindustrie-Erbe und renaturierter Wildnis, die den Reiz des Dortmunder Nordostens ausmacht. Man läuft über Wege, unter denen Kilometer an alten Stollen liegen, und schaut auf einen Wasserturm, während über einem die Bussarde kreisen. Das ist Strukturwandel zum Anfassen, ohne dass einem jemand ein Hochglanzprospekt in die Hand drückt.
Für die Anreise empfiehlt sich tatsächlich das Fahrrad. Von der Dortmunder Innenstadt aus führt der Weg über den Körnebach und durch ruhige Vororte. Es ist eine Strecke, die man gemütlich in einer Stunde bewältigen kann. Wer mit dem Auto kommt, findet in der Nähe des Turms meistens einen Parkplatz am Straßenrand, muss aber ein paar Meter zu Fuß gehen. Das gehört dazu. Den Turm sieht man sowieso schon aus der Ferne über die Baumwipfel ragen. Er dient als perfekter Orientierungspunkt. Verlaufen ist hier quasi unmöglich, solange man das Ei im Blick behält.
Warum sich der Weg in den Norden lohnt
Oft wird der Nordosten Dortmunds links liegen gelassen, wenn es um Ausflugsziele geht. Alle rennen zum Westfalenpark oder zum Dortmunder U. Dabei ist die Ecke um Lanstrop ein echter Geheimtipp für Leute, die es ein bisschen rauer und authentischer mögen. Das Lanstroper Ei ist kein Ort für Massentourismus. Hier gibt es keine Cafés mit Chai Latte und keine Souvenirshops. Und genau das ist der Punkt. Es ist ein Ort für Entdecker. Man packt sich eine Thermoskanne Kaffee und ein paar Stullen ein und genießt die Stille. Manchmal trifft man ein paar Einheimische, die ihren Hund ausführen. Da wird dann kurz genickt oder ein kurzer Plausch über das Wetter gehalten. Die Leute hier sind direkt und unkompliziert, eben typisch Ruhrpott.
Interessant ist auch die Einbettung des Turms in die regionale Geschichte. Er wurde gebaut, um die Wasserversorgung für die Zeche Preußen und die umliegenden Siedlungen sicherzustellen. Das zeigt, wie eng früher alles miteinander verzahnt war. Ohne Wasser keine Kohle, ohne Kohle kein Stahl, ohne Stahl kein Wasserturm. Diese Kausalkette lässt sich hier an einem einzigen Objekt ablesen. Wenn man vor dem Turm steht, spürt man die Wucht der vergangenen Epoche. Es ist ein bisschen so, als würde man ein Fossil betrachten, das aus Versehen in der Gegenwart gelandet ist. Es wirkt fast anachronistisch in einer Welt, in der alles digital und flüchtig ist.
Ein kleiner Tipp am Rande: Wer den Besuch perfekt abrunden will, sollte zum Sonnenuntergang kommen. Wenn das Licht flacher wird und den Turm in ein warmes Orange taucht, sehen die Nietreihen und die Stahlträger fast plastisch aus. Die Schatten werden lang und das Lanstroper Ei wirkt dann noch monumentaler als am helllichten Tag. Es ist der Moment, in dem die Handykameras meistens gezückt werden. Trotz der Einsamkeit des Ortes ist er ein extrem fotogenes Motiv. Aber eigentlich sollte man das Gerät einfach mal in der Tasche lassen und den Augenblick genießen. Die Stille der Heide und die Präsenz dieses stählernen Riesen haben eine ganz eigene, beruhigende Qualität.
Praktisches für den Ausflug
Bevor du dich auf den Weg machst, noch ein paar handfeste Hinweise. Das Gelände direkt am Turm ist eingezäunt. Du kommst also nicht unmittelbar an das Metall heran. Das ist ein bisschen schade, aber verständlich, wenn man bedenkt, wie viel Aufwand die Sanierung gekostet hat. Man will Vandalismus und Graffiti-Schmierereien verhindern. Der Zaun ist aber so beschaffen, dass man trotzdem einen sehr guten Blick hat. Für ein Picknick eignen sich die angrenzenden Wiesen viel besser. Dort gibt es auch vereinzelte Bänke, von denen aus man das Panorama genießen kann. Festes Schuhwerk ist ratsam, besonders wenn es vorher geregnet hat. Die Wege in der Heide können dann stellenweise etwas matschig sein, was aber den Spaß am Entdecken kaum mindert.
Was die Verpflegung angeht, musst du in Lanstrop selbst schauen. Im Ortskern gibt es ein paar klassische Imbissbuden und kleinere Läden. Erwarte aber keine Sterneküche. Hier regiert die ehrliche Currywurst oder das Brötchen auf die Hand. Das passt aber auch viel besser zum Ambiente. Wer es etwas gediegener mag, findet in den benachbarten Stadtteilen wie Kurl oder Grevel kleine Landgasthöfe, die oft am Wochenende gut besucht sind. Es empfiehlt sich, den Ausflug zum Lanstroper Ei mit einer größeren Runde durch den Dortmunder Nordosten zu verbinden. Die Gegend ist flacher als der Süden der Stadt, was das Radfahren extrem entspannt macht. Man kommt gut voran und sieht viel von der abwechslungsreichen Landschaft zwischen Industriekultur und ländlicher Idylle.