Es beginnt alles recht bescheiden, zumindest für royale Verhältnisse. Was heute als wuchtige Anlage den Spandauer Damm dominiert, war ursprünglich als kleines Lustschloss für Sophie Charlotte gedacht. Die erste Königin in Preußen war eine bemerkenswert gebildete Frau, die lieber musizierte und philosophierte, als Kriege zu führen. Ihr Mann, Friedrich I., ließ ihr den Freiraum. Lietzenburg hieß das Dorf damals noch. Erst nach ihrem frühen Tod, sie wurde nur 36 Jahre alt, benannte der König das Schloss und die Siedlung ihr zu Ehren in Charlottenburg um. Wenn man heute vor dem schmiedeeisernen Tor steht und auf die Kuppel mit der Fortuna-Statue blickt, ahnt man kaum, dass hier im Zweiten Weltkrieg fast alles in Schutt und Asche lag. Der Wiederaufbau war eine Mammutaufgabe. Man sieht es den Fassaden nicht an, aber vieles ist eine Rekonstruktion aus der Nachkriegszeit, als die Berliner Bevölkerung oft Hunger litt und dennoch ihre Wahrzeichen wiederhaben wollte.
Der Besuch teilt sich grob in zwei Bereiche: das Alte Schloss in der Mitte und den Neuen Flügel im Osten. Wer wenig Zeit hat, muss sich entscheiden. Das Alte Schloss ist intimer, dunkler und erzählt mehr von der Frühzeit. Der Neue Flügel ist Friedrich dem Großen zu verdanken, der hier kurz wohnte, bevor er sich nach Potsdam absetzte. Er mochte es etwas luftiger. Interessant ist, dass die Hohenzollern hier über Jahrhunderte hinweg bauten. Jeder wollte seinen Senf dazugeben, was zu einem stilistischen Mix führt, der für Laien kaum zu entwirren, aber schön anzusehen ist.
Kurz & Kompakt - Zeitmanagement: Für Schloss und Garten mindestens einen halben Tag einplanen; der Park ist riesig und der Neue Flügel allein braucht eine Stunde.
- Beste Foto-Spots: Die Brücke über den Karpfenteich im hinteren Parkteil und der Blick durch das Haupttor auf die Kuppel bei Sonnenuntergang.
- Spezialtipp: Das Mausoleum hat eingeschränkte Öffnungszeiten (meist April bis Oktober), wer Luises Grabmal sehen will, sollte nicht im Winter kommen.
- Anreise: Bus M45 ab Zoo ist am bequemsten, er hält direkt vor der Tür ("Schloss Charlottenburg").
Das Alte Schloss und die Sache mit dem Porzellan
Im Inneren des Alten Schlosses riecht es nach Bohnerwachs und Geschichte. Man schreitet durch lange Flure, vorbei an Ahnengalerien, bei denen man sich fragt, ob die Maler geschmeichelt haben oder die Herrscher tatsächlich so aussahen. Der absolute Höhepunkt, an dem kaum ein Weg vorbeiführt, ist das Porzellankabinett. Es ist ein Raum, der einen fast erschlägt. Wände und Decken sind über und über mit chinesischem und japanischem Porzellan bestückt. Teller, Vasen, Figuren. Alles steht auf kleinen Konsolen oder klebt an der Wand. Das war damals der letzte Schrei. Porzellan galt als das weiße Gold. Sophie Charlotte und ihre Nachfolger sammelten es wie andere Leute Briefmarken, nur eben teurer.
Ein paar Räume weiter wird es düsterer. Das Schlafzimmer Friedrichs I. wirkt mit seinen schweren Stoffen und dunklen Möbeln nicht gerade wie ein Ort für süße Träume, eher wie eine Kulisse für Staatsgeschäfte im Liegen. Man muss aufpassen, nicht über die eigenen Füße zu stolpern, denn der Blick wandert ständig nach oben zu den aufwendigen Stuckdecken. Ein Detail am Rande, das oft übersehen wird: Die Kapelle. Sie ist einer der wenigen Räume, der die Zerstörung des Krieges halbwegs glimpflich überstand beziehungsweise detailgetreu wiederhergestellt wurde. Hier heiratete man, hier betete man, hier zeigte man, dass man von Gott eingesetzt war. Der König hatte natürlich seine eigene Loge, etwas erhöht, damit er dem Himmel näher war als das Fußvolk.
Rokoko im Neuen Flügel
Wechseln wir die Seite. Der Neue Flügel ist das Werk Friedrichs des Großen. Er ließ ihn gleich nach seinem Regierungsantritt 1740 errichten. Friedrich, der später als der "Alte Fritz" in die Geschichte eingehen sollte, war hier noch jung und voller Tatendrang. Das merkt man dem Stil an. Es ist friderizianisches Rokoko. Alles wirkt leichter, verspielter, fast ein wenig feminin, obwohl Friedrich Frauen eher mied. Der Weiße Saal, der als Speise- und Thronsaal diente, ist ein Paradebeispiel. Viel Licht, rosa Marmorimitationen und Deckengemälde, die den Ruhm Preußens preisen.
Direkt daneben liegt die Goldene Galerie. Ein Ballsaal, der so viel Blattgold gesehen hat, dass man bei Sonnenschein fast eine Sonnenbrille bräuchte. Es ist einer der schönsten Rokokosäle Deutschlands. Trotz der Zerstörung wirkt der Raum authentisch. Hier knarzt das Parkett unter den Füßen der Besucher, was dem Ganzen eine gewisse Lebendigkeit verleiht. Man kann sich gut vorstellen, wie hier Menuett getanzt wurde, während draußen der preußische Exerzierschritt geübt wurde. Im Obergeschoss befinden sich die Winterkammern. Hier wohnten Friedrich Wilhelm II. und seine Familie. Diese Räume sind klassizistischer, strenger, weniger verspielt. Möbel aus edlen Hölzern, Uhren, die leise ticken, und Gemälde, die bürgerliche Tugenden darstellen. Es ist ein Stilbruch zum Stockwerk darunter, aber genau das macht den Reiz aus. Man läuft quasi durch die Epochen.
Der Garten: Geometrie trifft Wildnis
Nach so viel drückender Pracht tut frische Luft not. Der Schlosspark Charlottenburg ist für die Anwohner im Kiez das, was der Central Park für New Yorker ist, nur mit weniger Baseball und mehr Barock. Direkt hinter dem Schloss herrscht strenge Geometrie. Französischer Gartenstil. Die Wege sind schnurgerade, die Buchsbäume akkurat in Form gebracht, die Blumenbeete wirken wie mit dem Lineal gezogen. Das muss man mögen. Es demonstriert Macht über die Natur. Nichts wird dem Zufall überlassen. Die Fontäne in der Mitte plätschert brav vor sich hin.
Doch je weiter man sich vom Gebäude entfernt, desto englischer wird es. Die Preußen gingen mit der Mode. Als im späten 18. Jahrhundert der englische Landschaftsgarten populär wurde, ließ man die strenge Symmetrie hinter sich. Die Wege schlängeln sich nun, Bäume dürfen wachsen, wie sie wollen, und es gibt Wasserläufe, die natürlich wirken sollen, obwohl sie künstlich angelegt sind. Besonders schön ist der Karpfenteich. Hier sitzen im Sommer die Berliner auf den Bänken, füttern verbotenerweise die Enten und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Eine Brücke führt über den Wasserlauf, ein beliebtes Fotomotiv, vor allem im Herbst, wenn sich das Laub verfärbt. Es ist herrlich unaufgeregt hier hinten.
Versteckt im Park liegen kleine architektonische Kleinode. Das Belvedere zum Beispiel, quasi ein Teehaus am Rande der Spree. Es beherbergt heute eine Sammlung der KPM (Königliche Porzellan-Manufaktur). Wer also im Schloss noch nicht genug Tassen und Teller gesehen hat, wird hier glücklich. Ein Stück weiter steht das Mausoleum. Es ist ein dorischer Tempel, dunkel und ernst. Hier liegen Königin Luise und Friedrich Wilhelm III. begraben. Die Liegefigur der Königin von Christian Daniel Rauch ist weltberühmt. Der Marmor wirkt so weich, als könnte man ihn eindrücken. Es ist ein Ort der Stille, der selbst laute Schulklassen meist verstummen lässt. Luise war extrem populär, eine Art Diana ihrer Zeit, und ihr früher Tod löste eine Welle der Verehrung aus, die man hier im Halbdunkel noch spüren kann.
Praktisches und Drumherum
Charlottenburg liegt im Westen, was für manche Berliner, die im hippen Osten wohnen, schon fast "jwd" (janz weit draußen) ist. Aber die Anreise lohnt sich. Vom S-Bahnhof Westend oder der U-Bahn Richard-Wagner-Platz läuft man noch ein Stück, oder man nimmt den Bus, der direkt vor dem Schloss hält. Der Eintritt ist nicht ganz billig, vor allem, wenn man alle Gebäude sehen will. Es gibt ein Kombiticket, das "Charlottenburg+" heißt. Das lohnt sich, wenn man wirklich alles abklappern möchte. Man sollte Zeit mitbringen. Mindestens drei bis vier Stunden, wenn man nicht durchhetzen will.
Fotografieren im Inneren kostet extra beziehungsweise erfordert eine Genehmigung für Profis, aber mit dem Handy drückt das Personal oft ein Auge zu, solange man nicht blitzt. Rucksäcke müssen in die Schließfächer. Die Wärter sind typisch berlinisch: Direkt, manchmal etwas mürrisch, aber im Grunde herzlich. Wenn man freundlich fragt, bekommt man oft spannende Anekdoten zu hören, die nicht auf den Tafeln stehen.
Und wenn die Füße qualmen? Gegenüber vom Schloss gibt es eine Reihe von Museen, die Stülerbauten. Dort findet man die Sammlung Berggruen (Picasso, Klee) und Scharf-Gerstenberg (Surrealismus). Wer eher Hunger hat: Der Klausenerplatz-Kiez direkt hinter dem Schloss ist bodenständig und gemütlich. Hier gibt es keine Touristenfallen, sondern ehrliche Kneipen und kleine Restaurants. Ein Wiener Schnitzel oder eine einfache Bulette schmecken nach so viel royalem Pomp doppelt gut.
Besonders im Winter hat das Schloss seinen Reiz. Dann findet auf dem Vorplatz einer der bekanntesten Weihnachtsmärkte Berlins statt. Die Beleuchtung des Schlosses ist dann kitschig schön, es riecht nach Glühwein und gebrannten Mandeln. Aber auch an einem grauen Novembertag, wenn der Nebel über der Spree hängt und die Krähen über dem Park krächzen, hat Charlottenburg eine melancholische Würde, die einen packt. Es ist eben nicht Sanssouci, das immer etwas heiter wirkt. Charlottenburg ist städtischer, ernster und vielleicht gerade deshalb authentischer.