Wer durch das Haupteingangstor der Wilhelma tritt, landet nicht direkt bei den Erdmännchen. Zuerst einmal schlägt einem die Geschichte entgegen. Die Wilhelma ist kein gewöhnlicher Zoo, der irgendwann auf der grünen Wiese hochgezogen wurde. Sie ist eine ehemalige Schlossanlage. König Wilhelm I. von Württemberg hatte Mitte des 19. Jahrhunderts ein Faible für den maurischen Stil. Das sieht man heute noch an jeder Ecke. Die filigranen Bögen, die bunten Kacheln und die gusseisernen Säulen wirken im grauen Stuttgarter Nieselregen manchmal fast surreal. Man erwartet eigentlich einen Kalifen um die Ecke biegen zu sehen, stattdessen trifft man auf schwäbische Familien mit Bollerwagen. Dieser Kontrast macht den Reiz aus. Es riecht nach feuchter Erde und im Sommer nach den schweren Düften der Rosenblüten im Maurischen Garten. Die Anlage ist ein Gesamtkunstwerk, das im Jahr 1846 eingeweiht wurde. Damals war das Ganze noch ein rein privates Refugium. Erst viel später durften auch normale Leute rein, um sich die exotischen Pflanzen und die ersten Tiere anzuschauen. Wer genau hinschaut, entdeckt an den Fassaden der alten Gebäude winzige Details aus Terrakotta, die den Krieg überdauert haben. Es ist ein Wunder, dass nach den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg überhaupt noch so viel von dieser Pracht übrig geblieben ist.
Besonders markant ist das Maurische Landhaus. Es bildet das Herzstück des historischen Teils. Wenn die Sonne in einem bestimmten Winkel auf die Glasdächer der Gewächshäuser fällt, glitzert es fast ein bisschen kitschig. Aber das darf es hier auch sein. In den Arkadengängen kann man wunderbar flanieren, ohne nass zu werden. Das ist ein echter Pluspunkt, wenn das Wetter in Stuttgart mal wieder macht, was es will. Die Wege sind oft mit feinem Kies bestreut, was dieses knirschende Geräusch macht, das man nur aus Schlossgärten kennt. Manchmal mischt sich das Geschrei der Pfaue darunter, die hier frei herumlaufen und sich für die eigentlichen Hausherren halten. Es ist eine eigenartige Mischung aus preußischer Ordnung in der Parkpflege und orientalischer Verspieltheit in der Architektur. Man merkt sofort, dass hier früher nicht gespart wurde. Alles wirkt massiv und doch leichtfüßig.
Kurz & Kompakt - Anfahrt: Am besten mit der U14 oder U11 direkt zur Haltestelle "Wilhelma". Parkplätze sind knapp und das Parkhaus oft voll.
- Highlights: Der Maurische Garten mit den Magnolien im Frühjahr, das Amazonienhaus für Tropen-Feeling und die Menschenaffen-Anlage.
- Verpflegung: Eigenes Vesper mitbringen schont den Geldbeutel; die Bänke am Seelöwenbecken bieten das beste Kino beim Essen.
- Zeitplan: Mindestens 4 bis 5 Stunden einplanen, wenn man sowohl die botanischen Häuser als auch die Tiergehege in Ruhe sehen will.
Botanische Superlative unter Glas und freiem Himmel
Botanisch gesehen spielt die Wilhelma in der Champions League. Das Herzstück für Pflanzenliebhaber ist zweifelsohne das Maurische Gartenhaus mit seinen angrenzenden Gewächshäusern. Hier blüht eigentlich immer etwas. Ein Highlight, das man nicht verpassen sollte, ist die Titanenwurz. Diese Pflanze ist eine echte Diva. Sie blüht nur alle paar Jahre für wenige Tage und stinkt dabei bestialisch nach verrottetem Fleisch. Wenn es so weit ist, bilden sich Schlangen vor dem Schauhaus, nur damit die Leute mal kurz die Nase rümpfen können. Das ist schon ein bisschen schräg. Aber auch ohne Stinkblume gibt es genug zu sehen. Die Kamelienblüte im Spätwinter ist eine Wucht. Die Sammlung gehört zu den ältesten in Europa. Einige der Bäume sind weit über hundert Jahre alt. Es ist angenehm warm in den Glashäusern, die Luft ist feucht und schwer. Man bekommt sofort diesen Urlaubsmodus im Kopf, während draußen der Neckar vorbeifließt.
Spannend ist dabei die Tatsache, dass die Wilhelma mit rund 8500 Pflanzenarten eine Vielfalt bietet, die man anderswo in Deutschland lange suchen muss. Besonders im Maurischen Garten fühlt man sich wie in einem lebendigen Bilderbuch. Im Sommer füllen die Seerosen die großen Becken. Die Victoria amazonica ist die Königin unter ihnen. Ihre Blätter sind so groß und stabil, dass sie theoretisch ein kleines Kind tragen könnten. Man sollte es natürlich nicht ausprobieren, aber die Vorstellung ist lustig. Der Geruch der Magnolien im Frühling ist fast schon betäubend. Über 70 dieser Bäume stehen im Maurischen Garten, was die größte Ansammlung nördlich der Alpen ist. Wenn die alle gleichzeitig blühen, sieht der Boden aus wie mit rosa Konfetti bestreut. Das ist der Moment, in dem selbst der grummeligste Stuttgarter sein Handy zückt und Fotos macht. Es ist ein Ort zum Entschleunigen, auch wenn es an Wochenenden natürlich voll wird. Da hilft nur, früh da zu sein oder unter der Woche kurz vor knapp vorbeizuschauen.
Von den Menschenaffen bis zu den Dickhäutern
Tiere gibt es natürlich auch, und zwar jede Menge. Rund 1200 Arten leben hier auf engem Raum zusammen. Das Menschenaffenhaus ist oft der erste Anlaufpunkt für viele Besucher. Es ist laut, es riecht nach Heu und Affe, und es ist immer was los. Die Gorillas und Bonobos haben hier moderne Anlagen, die den alten Gitterkäfig-Charme glücklicherweise längst abgelegt haben. Man kann stundenlang dabei zusehen, wie die Jungtiere Quatsch machen. Das hat fast etwas Meditatives, wenn man nicht gerade von einer Schulklasse angerempelt wird. Ein echtes Schwergewicht ist die Elefantenanlage. Die Damen dort sind schon etwas älter und gehören zum Inventar. Es ist beeindruckend, wie leise sich diese Riesen bewegen können. Man hört nur das Rascheln, wenn sie mit dem Rüssel im Heu wühlen. Die Wilhelma legt heute viel Wert auf Artenschutz und Bildung, was man an den vielen Infotafeln merkt. Früher war das eher eine Tierschau, heute ist es ein modernes Zentrum für biologische Vielfalt.
Ein bisschen versteckt liegt das Aquarium und Terrarium. Das Gebäude sieht von außen eher unscheinbar aus, aber innen ist es eine andere Welt. Es ist dunkel, nur die Becken leuchten in kräftigem Blau oder Grün. Die Krokodilhalle ist ein Klassiker. Die Tiere liegen dort oft so unbeweglich herum, dass man sich fragt, ob sie echt sind oder aus Plastik. Aber wehe, eines bewegt sich doch mal, dann zucken alle zusammen. Die Pinguine sind die heimlichen Stars, besonders wenn Fütterungszeit ist. Da geht es zu wie beim Schlussverkauf. Es ist laut und hektisch, aber irgendwie sympathisch. Man merkt den Tierpflegern an, dass sie einen guten Draht zu ihren Schützlingen haben. Die Anlagen werden ständig modernisiert. In den letzten Jahren ist viel passiert, um den Tieren mehr Platz und Beschäftigung zu bieten. Das kostet natürlich Geld, weshalb der Eintrittspreis kein Schnäppchen ist. Aber man sieht, wo das Geld hinfließt. Die Kombination aus historischem Baubestand und modernen Gehegen ist eine ständige Herausforderung für die Planer.
Praktisches und Kurioses für den Besuch
Wer die Wilhelma komplett sehen will, sollte gute Schuhe anziehen. Das Gelände ist weitläufiger, als man denkt, und es geht teilweise ordentlich bergauf. Vor allem, wenn man zu den Greifvögeln oder den Huftieren im oberen Teil will, kommt man ins Schwitzen. Es gibt dort oben eine Aussichtsplattform, von der man einen super Blick über das Neckartal hat. Da oben ist es meistens auch etwas ruhiger als unten bei den Seelöwen. Ein guter Tipp ist die Gastronomie. Es gibt mehrere Kioske und ein Restaurant. Die Preise sind moderat, aber das Essen ist halt Zoo-Standard. Wer es stilecht schwäbisch mag, nimmt sich am besten ein Vesper von zu Hause mit und setzt sich auf eine der vielen Bänke. Es hat was, seine Butterbrezel zu essen, während nebenan ein Nashorn im Schlamm badet. Das ist Stuttgart pur. Man sollte auch die Fütterungszeiten im Blick behalten. Die sind oft auf Tafeln am Eingang oder online vermerkt. Besonders bei den Seelöwen ist das ein Spektakel, das man mal gesehen haben muss, auch wenn es ein bisschen touristisch wirkt.
Interessant ist auch das Amazonienhaus. Das ist ein geschlossenes System, in dem man durch einen künstlichen Regenwald läuft. Die Luftfeuchtigkeit ist dort so hoch, dass Brillenträger erst mal fünf Minuten blind durch die Gegend laufen, bis die Gläser frei sind. Überall flattert und krabbelt es. Man muss aufpassen, wo man hintritt, denn manchmal flitzt ein kleiner Vogel über den Weg. Es ist ein intensives Erlebnis für die Sinne. Überhaupt ist die Wilhelma ein Ort der Kontraste. Auf der einen Seite die steife Architektur des Königs, auf der anderen die wilde Natur. Dass das zusammen funktioniert, ist das eigentliche Wunder. Im Winter ist die Wilhelma übrigens ein ganz besonderer Tipp. Wenn der "Christmas Garden" stattfindet, wird der ganze Park beleuchtet. Das ist dann zwar richtig voll und kostet extra, sieht aber verdammt gut aus. Wer es lieber authentisch mag, kommt an einem nebligen Novembermorgen. Dann hat man die historischen Gänge fast für sich alleine und kann sich vorstellen, wie König Wilhelm hier seine Ruhe gesucht hat. Ein Besuch lohnt sich eigentlich immer, egal zu welcher Jahreszeit.
Was man unbedingt wissen sollte, ist die Parksituation. Die Wilhelma hat ein eigenes Parkhaus, aber das ist oft schon vormittags dicht. Wer schlau ist, nimmt die U-Bahn. Die Haltestelle liegt direkt vor der Tür. Stuttgart und seine Baustellen sind ja so eine Sache, aber die Anbindung zur Wilhelma klappt meistens ganz gut. Man spart sich den Stress und kann nach dem Besuch noch gemütlich am Neckar entlang spazieren. Es gibt dort ein paar nette Ecken, die nicht so überlaufen sind. Alles in allem ist die Wilhelma ein Ort, an dem man locker einen ganzen Tag verplempern kann, ohne dass einem langweilig wird. Es ist diese Mischung aus "bissle gucken", "bissle lernen" und einfach mal die Seele baumeln lassen. Ob man nun wegen der Affen kommt oder wegen der Architektur, man geht meistens mit einem guten Gefühl nach Hause. Und vielleicht auch mit ein paar neuen Ideen für den eigenen Garten, auch wenn die wenigsten von uns eine maurische Villa im Hinterhof haben dürften.
Ein kleiner Geheimtipp zum Schluss: Die historischen Gewächshäuser am Maurischen Garten beherbergen auch eine beeindruckende Sammlung an Sukkulenten und Kakteen. Viele Leute laufen da einfach vorbei, weil sie schnell zu den Eisbären oder Tigern wollen. Aber die bizarren Formen dieser Pflanzen sind echt faszinierend. Es wirkt dort wie in einem Science-Fiction-Film aus den 60er Jahren. Überhaupt sind es diese kleinen Nischen, die den Park so wertvoll machen. Man findet immer wieder ein ruhiges Eckchen, selbst wenn die Hauptwege vor Menschen nur so wimmeln. Man muss nur die Augen offen halten und auch mal links oder rechts abbiegen. Die Wilhelma ist eben ein echtes Multitalent. Sie ist Bildungsstätte, historisches Erbe und Erholungsraum in einem. Das muss man erst mal hinkriegen, ohne dass es wie ein billiger Freizeitpark wirkt. Hier ist alles echt, vom 150 Jahre alten Mammutbaum bis zum frisch geschlüpften Küken im Schaubauernhof. Letzterer ist übrigens perfekt, wenn man Kinder dabei hat, die mal ein echtes Schwein aus der Nähe sehen wollen. Da geht es dann eher bodenständig zu, ein schöner Gegenpol zur orientalischen Pracht am anderen Ende des Parks.