Es beginnt meistens ganz unspektakulär mit der U-Bahn-Linie U15. Wenn du an der Haltestelle Ruhbank aussteigst, fühlst du dich erst einmal gar nicht wie in einer Großstadt. Die Luft ist frischer hier oben, es riecht ein wenig nach feuchtem Waldboden. Du läufst ein paar Meter durch eine Allee, links Sportplätze, rechts Bäume, und dann schiebt er sich ins Bild. Nicht protzig, eher mit einer fast schon arroganten Selbstverständlichkeit. Der Stuttgarter Fernsehturm steht da, als wäre er schon immer Teil des Waldes gewesen, dabei war er bei seiner Erbauung ein ziemlicher Skandal.
Wenn man davor steht, muss man den Kopf schon extrem weit in den Nacken legen. 217 Meter sind eine Ansage, besonders wenn man bedenkt, dass dieses Ding in den 1950er Jahren hochgezogen wurde. Grau, schlank, keine Schnörkel. Manchmal frage ich mich, was die Leute damals gedacht haben müssen. Wahrscheinlich so etwas wie "Heilig's Blechle, fällt das nicht um?". Aber er steht noch. Und wie er steht.
Kurz & Kompakt - Anreise: Am besten mit der Stadtbahn U15 bis zur Haltestelle "Ruhbank (Fernsehturm)". Von dort sind es ca. 5 Minuten entspannter Fußweg durch den Wald. Parkplätze sind vorhanden, aber oft voll.
- Tickets & Preise: Erwachsene zahlen aktuell rund 10,50 Euro. Das klingt nach viel für "nur Gucken", beinhaltet aber die Fahrt und den Zugang zum Café. Kinder unter 5 sind meist frei.
- Beste Zeit: Unter der Woche am Vormittag ist es am ruhigsten. Wer Fotos machen will: Die "Blaue Stunde" kurz nach Sonnenuntergang bietet das spektakulärste Licht über dem Talkessel.
Der Streit um den "Schornstein"
Man kann heute kaum glauben, dass die Stuttgarter diesen Turm anfangs überhaupt nicht wollten. Als der Ingenieur Fritz Leonhardt 1953 mit der Idee um die Ecke kam, einen Sendemast aus Stahlbeton zu bauen, hagelte es Kritik. Ein "hässlicher Kamin" verschandle das Landschaftsbild, hieß es in den Zeitungen. Die ursprüngliche Planung sah einen simplen Gittermast aus Stahl vor, gehalten von dicken Drahtseilen. Das wäre billiger gewesen und technisch weniger riskant. Aber Leonhardt war ein Ästhet, und er war stur. Er wollte eine Nadel, keinen Masten.
Leonhardts Argumentation war dabei fast schon schwäbisch genial: Er rechnete vor, dass man durch die touristische Nutzung – also Eintrittsgelder für eine Aussichtsplattform und ein Café – die Baukosten wieder reinholen würde. Das überzeugte den Süddeutschen Rundfunk schließlich. Dass der Baupreis von ursprünglich veranschlagten 1,7 Millionen Mark am Ende auf 4,2 Millionen anstieg, verschweigen wir mal kurz. Aber: Die Baukosten waren tatsächlich nach wenigen Jahren wieder drin. Da hat der Fritz richtig gerechnet.
Architektur, die Schule machte
Das Besondere ist die Bauweise. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Es war der erste Fernsehturm der Welt aus Stahlbeton. Vorher gab es so etwas schlicht nicht. Die Wände unten am Fuß sind überraschend dünn, gerade mal 60 Zentimeter, und oben, direkt unter dem Turmkorb, sind es nur noch 19 Zentimeter. Das ist fast nichts. Ein Blatt Papier im Vergleich zur Höhe. Leonhardt nutzte eine kegelförmige Röhre, die sich nach oben verjüngt – eine Parabelform, um die Windlasten optimal in den Boden abzuleiten.
Wer genau hinschaut, sieht die Schalungsfugen im Beton. Man hat das damals Meter für Meter in die Höhe gegossen. Diese Technik wurde später überall kopiert. Egal ob du auf dem CN Tower in Toronto stehst oder auf dem Berliner Alex – sie alle sind eigentlich nur Enkel des Stuttgarter Originals. Ohne den "Alten vom Bopser" gäbe es die anderen in dieser Form nicht.
Der Weg nach oben
Genug Technikgebrabbel, rein in die Kiste. Das Foyer versprüht noch immer diesen spröden Charme der 50er Jahre. Ein bisschen Retro, ein bisschen kühl. Nach dem Ticketkauf geht es zu den Aufzügen. Es gibt zwei davon. Wenn nicht gerade Hochbetrieb ist, hat man vielleicht Glück und erwischt eine Kabine für sich allein, aber meistens quetscht man sich mit einer Handvoll Touristen zusammen. Die Fahrt dauert nicht lange. Mit fünf Metern pro Sekunde schießt die Kabine in den Schacht. Man merkt es eigentlich nur daran, dass es im Magen kurz flau wird und die Ohren "Plop" machen. Es rumpelt manchmal ein klein wenig, aber das gehört dazu. Man spürt die Mechanik.
Oben angekommen, öffnen sich die Türen auf 150 Metern Höhe. Du trittst aus dem geschlossenen Bereich hinaus auf die offene Plattform. Und hier passiert es meistens: Der Wind schlägt dir ins Gesicht. Es ist fast immer windig hier oben, selbst wenn unten im Talkessel die Luft steht. Wer eine empfindliche Frisur hat, sollte jetzt stark sein.
Über dem Kessel
Die Aussicht ist, man muss es so sagen, jeden Cent wert. Stuttgart liegt einem buchstäblich zu Füßen. Man sieht erst von hier oben, wie grün diese Stadt eigentlich ist und wie eng sie in das Tal gepresst wurde. Der "Kessel" wird hier oben verständlich. Man sieht die Weinberge, die sich wie grüne Treppen an die Hänge kleben. Man sieht den Hauptbahnhof, der von hier oben aussieht wie ein Spielzeugmodell, und die Baustellen, die wohl ewig bleiben werden.
Aber der Blick geht weiter. Bei gutem Wetter – und damit meine ich jene Tage, an denen der Smog nicht im Tal hängt – siehst du bis zur Schwäbischen Alb. Die Kante der Alb zeichnet sich bläulich am Horizont ab. Im Westen der Schwarzwald. Manchmal, an Föhntagen, behaupten Leute, sie hätten die Alpen gesehen. Ob das stimmt oder ob da der Wunsch Vater des Gedankens war, sei dahingestellt. Ich habe sie jedenfalls noch nie gesehen, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Spannend ist, die kleinen Details zu suchen. Das Mercedes-Benz-Museum, die Grabkapelle auf dem Rotenberg, die wie ein kleiner Tempel in den Weinbergen sitzt. Und die Autos unten auf der B27, die sich wie Ameisen durch den Wald schieben. Es hat etwas Beruhigendes, dem Gewusel von so weit oben zuzusehen. Man bekommt Distanz zum Alltag, im wahrsten Sinne des Wortes.
Kaffee und Kuchen im Korb
Eine Etage unter der Aussichtsplattform, oder besser gesagt im "Korb", befindet sich das Panoramacafé. Man sitzt hinter Glas, geschützt vor dem Wind. Die Einrichtung wurde vor einigen Jahren modernisiert, passt sich aber stilvoll der 50er-Jahre-Architektur an. Hier gibt es Kaffee und Kuchen, und ja, die Preise sind nicht die der Bahnhofsmission, aber man bezahlt eben für die Lage mit. Es ist ein klassischer Ort für den Sonntagnachmittag.
Ein weit verbreiteter Irrtum ist übrigens, dass sich das Restaurant dreht. Tut es nicht. Das machen die Türme in Berlin oder München. Der Stuttgarter ist starr. Wer will, dass sich die Aussicht ändert, muss schon selbst aufstehen und den Platz wechseln. Das passt irgendwie zur Mentalität hier: Keine unnötigen Spielereien, wenn es auch so funktioniert.
Die Zwangspause und die Wiedergeburt
Es gab eine Zeit, da sah es düster aus für den Turm. 2013 wurde er plötzlich geschlossen. Brandschutzmängel. Es fehlte ein zweiter Rettungsweg. Wenn es im Schaft brennen würde, säßen die Leute oben in der Falle, so die Befürchtung. Für die Stuttgarter war das ein Schock. Ihr Wahrzeichen, einfach zugesperrt? Jahrelang stand der Turm dunkel und verlassen da. Es gab endlose Diskussionen im Gemeinderat über die Kosten der Sanierung. Typisch bürokratisch eben.
Zum Glück hat man sich besonnen. Nach drei Jahren und einer aufwendigen Sanierung (inklusive einer feuerfesten Hülle um die Kabel im Schacht) wurde 2016 wiedereröffnet. Die Erleichterung in der Stadt war greifbar. Ein Stuttgart ohne Fernsehturm ist wie Maultaschen ohne Füllung – möglich, aber sinnlos.