München

MVV-Überlebensguide: Zone M, Ringe und warum du unbedingt stempeln musst

Der Münchner Verkehrsverbund ist ein effizientes Monster mit einer Vorliebe für komplizierte Pläne. Wer hier blind einsteigt, landet schnell in der falschen Zone oder zahlt Lehrgeld. Mit dieser Anleitung behältst du den Kopf oben und das Ticket gültig.

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Zwischenablage

Du stehst am Münchner Hauptbahnhof. Um dich herum eilen Menschen mit Brezn in der Hand und Zielen im Kopf, während du vor diesem rot-blauen Kasten stehst. Der Bildschirm leuchtet hell. Er wirkt fast ein wenig bedrohlich in seiner Komplexität. Das System des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds, kurz MVV, gilt unter Einheimischen als Wissenschaft, für die man eigentlich ein kleines Studium bräuchte. Doch keine Panik. Im Grunde ist es wie ein Zwiebelkuchen aufgebaut, nur mit weniger Kalorien und mehr Linien. Die wichtigste Regel vorweg: Ignoriere die alten Geschichten über Ringe. Die Ringe sind für dich als Besucher fast irrelevant, sie dienen heute fast nur noch den Pendlern mit Monatskarten. Was für dich zählt, sind Zonen. Große, farbige Bereiche auf dem Netzplan, die über deinen Fahrpreis entscheiden.

München selbst, also alles, was du als Tourist vermutlich sehen willst, liegt in der Zone M. Das M steht für München. Logisch. Oder vielleicht auch für Mitte. Jedenfalls umfasst diese weiße Zone auf dem Plan das gesamte Stadtgebiet und sogar einige Vororte, die sich gerne als eigenständig bezeichnen. Solange du dich zwischen Olympiapark, Tierpark Hellabrunn, Nymphenburger Schloss und dem Hofbräuhaus bewegst, reicht dir ein Ticket für die Zone M. Das macht die Sache am Automaten erheblich entspannter. Du drückst auf Zone M, wirfst deine Münzen ein und erhältst ein Stück Papier, das deine Eintrittskarte in den Untergrund ist.

Kurz & Kompakt
  • Zone M ist König: Für fast alle Sehenswürdigkeiten im Stadtgebiet reicht ein Ticket für die Zone M (weißer Bereich). Der Flughafen liegt jedoch weit draußen in Zone 5.
  • Stempeln ist Pflicht: Die meisten Tickets (Einzelfahrten, Streifenkarten) müssen vor Fahrtantritt im blauen Entwerter abgestempelt werden. Ohne Stempel giltst du als Schwarzfahrer.
  • Die Streifenkarte: Flexibel und oft günstiger. Für eine Fahrt in Zone M knickst du 2 Streifen. Jugendliche (15-20 Jahre) brauchen nur 1 Streifen pro Zone.
  • Rolltreppen-Regel: Rechts stehen, links gehen. Das ist kein freundlicher Vorschlag, sondern bitterer Ernst im Münchner Untergrund.

Die Sache mit den Zonen und dem Flughafen

Kompliziert wird die Angelegenheit erst, wenn du raus willst. Raus an den See. Raus in die Berge. Oder, was die meisten betrifft, raus zum Flughafen. Der Flughafen München liegt nämlich nicht in München. Er liegt weit draußen im Erdinger Moos. Deshalb befindet er sich in der Zone 5. Wenn du nun vom Marienplatz zum Flieger musst, durchquerst du die Zone M und fünf weitere Zonen. Dein Ticket muss also Zone M-5 abdecken. Viele Besucher machen hier den Fehler, einfach irgendein Ticket zu kaufen, das billig aussieht. Das endet meistens teuer. Die Kontrolleure in der S-Bahn kennen keine Gnade und die Ausrede "I am a tourist" haben sie schon tausendmal gehört. Sie funktioniert nicht.

Für den Starnberger See brauchst du ebenfalls ein erweitertes Ticket, meistens Zone M-1 oder M-2, je nachdem, an welchem Ufer du aussteigen möchtest um die Füße ins Wasser zu halten. Es lohnt sich, vor der Fahrt kurz auf den Netzplan zu schauen. Der hängt in jeder Station aus und sieht ein bisschen aus wie moderne Kunst aus bunten Spaghetti. Such deine Zielhaltestelle. Schau, in welchem farbigen Ring sie liegt. Zähl durch. Kauf das Ticket. Klingt machbar, ist es auch. Meistens.

Streifenkarte: Das Origami des kleinen Mannes

Ein echtes Münchner Kulturgut ist die Streifenkarte. Sie ist flexibel, sie ist günstiger als Einzeltickets und sie erfordert ein gewisses Maß an mathematischem Grundverständnis. Eine Streifenkarte hat zehn Streifen. Für eine Fahrt innerhalb der Zone M musst du zwei Streifen entwerten. Pro weiterer Zone kommt ein Streifen dazu. Klingt simpel? Warte ab. Das Knicken der Karte ist eine Kunstform. Du darfst nicht einfach irgendwo stempeln. Du musst die verbrauchten Streifen wegknicken und den ersten frischen Streifen in den Entwerter schieben. Wenn du zu wenig stempelst, fährst du schwarz. Wenn du zu viel stempelst, verschenkst du Geld.

Junge Leute unter 21 Jahren haben es besser. Sie brauchen für die Zone M nur einen einzigen Streifen. Das führt oft zu Verwirrung, wenn eine Gruppe gemischten Alters unterwegs ist. Einer knickt zwei, der andere eins, der dritte hat gar keine Ahnung und stempelt einfach die Mitte. Am Ende stehen alle vor dem blauen Kasten und blockieren den Weg. Ein klassisches Bild an der U-Bahn-Station Universität oder Giselastraße. Wenn du länger als drei Tage bleibst und viel fährst, vergiss die Streifenkarte. Kauf dir eine Wochenkarte für die Zone M. Die heißt IsarCard und spart dir das ständige Rechnen und Knicken.

Warum der blaue Kasten dein Feind sein kann

Kommen wir zum wichtigsten Punkt, an dem wirklich viele scheitern. Du hast das Ticket gekauft. Du hältst es in der Hand. Du fühlst dich sicher. Du steigst in die U-Bahn ein. Die Türen schließen sich, der Zug fährt an. Plötzlich: "Die Fahrausweise bitte!" Du zeigst dein Ticket. Der Kontrolleur schaut darauf, schüttelt den Kopf und bittet dich zur Kasse. Warum? Weil du nicht gestempelt hast. In München sind viele Tickets aus dem Automaten nicht automatisch entwertet. Sie sind "blanco". Sie gelten erst, wenn sie die Bekanntschaft mit dem kleinen blauen Kasten gemacht haben, der an den Eingängen zu den U-Bahnen und in den Bussen und Trams steht.

Das Geräusch, das dieser Kasten macht, ist der Sound der Sicherheit: Ein sattes Klack, gefolgt von einem kurzen Surren der Nadeln und des Farbbandes. Erst wenn Datum, Uhrzeit und Ort auf deinem Ticket stehen, bist du legal unterwegs. Es gibt Ausnahmen, etwa Tageskarten, die man schon entwertet kaufen kann, aber verlass dich nicht darauf. Schau auf das Papier. Steht da "Hier entwerten"? Dann such den blauen Kasten. Sofort. Ohne Stempel ist das Ticket nur ein wertloses Stück Papier mit Preisaufdruck. Und die 60 Euro "Erhöhtes Beförderungsentgelt" investierst du lieber in drei Maß Bier und ein Hendl.

Die Kurzstrecke und andere Fallen

Manchmal willst du nur kurz zwei Stationen weiterhüpfen, weil es regnet oder die Füße vom Pflastertreten wehtun. Dafür gibt es die Kurzstrecke. Sie kostet weniger, meistens einen Streifen oder ein billigeres Einzelticket. Aber der Teufel steckt im Detail. Eine Kurzstrecke erlaubt dir maximal vier Haltestellen nach dem Einstieg. Davon dürfen aber nur maximal zwei mit der S-Bahn oder U-Bahn zurückgelegt werden. Mit Bus und Tram kannst du die vollen vier Stationen nutzen. Umsteigen ist erlaubt, aber wehe, du fährst zurück oder im Kreis. Die Grenzen sind hart.

Eine weitere Falle ist die sogenannte Bahnsteigkarte. Ja, die gibt es noch. Wenn du jemanden zur U-Bahn bringst, dich aber selbst nicht in den Zug setzt, sondern nur am Gleis stehst und winkst, brauchst du theoretisch ein Ticket. Es kontrolliert zwar selten jemand, ob die winkende Oma eine Fahrkarte hat, aber ordnungsliebend wie die Münchner Bürokratie nun mal ist, existiert diese Regelung. Wer auf Nummer sicher gehen will, kauft sie. Wer den Nervenkitzel liebt, lässt es.

Unterwegs im Untergrund: Ein kleiner Etikette-Guide

Münchner sind stolz auf ihre Stadt, aber im Berufsverkehr hört die Gemütlichkeit auf. Auf der Rolltreppe gilt ein ungeschriebenes, aber mit Todesblicken durchgesetztes Gesetz: Rechts stehen, links gehen. Wer links steht und den Weg versperrt, erntet ein genervtes "Schleich di" oder zumindest ein aggressives Räuspern. Stell dich rechts hin. Immer.

In der U-Bahn selbst ist Essen zwar nicht streng verboten, aber stark riechende Speisen wie Döner oder Leberkässemmel sind am Morgen nicht gerne gesehen. Bier hingegen gehört quasi zum Inventar. Es ist völlig normal, dass jemand im Anzug um 17 Uhr sein Feierabendbier in der U6 öffnet. Das Ploppen des Bügelverschlusses ist fast so heimisch wie das Glockenspiel am Rathaus. Wenn du mit einem großen Rucksack unterwegs bist, nimm ihn ab und stell ihn zwischen deine Beine. Wenn du ihn auf dem Rücken lässt und dich drehst, knockst du im schlimmsten Fall eine kleine Oma aus oder fegst dem Bankangestellten das Handy aus der Hand. Beides sorgt nicht für neue Freundschaften.

Die Stammstrecke: Nadelöhr und Lebensader

Zum Schluss noch ein Wort zur S-Bahn. Alle S-Bahnen müssen durch die Stammstrecke. Das ist der Tunnel zwischen Pasing und Ostbahnhof. Wenn hier eine Weiche klemmt oder – Gott bewahre – eine Stellwerksstörung auftritt, steht die ganze Stadt still. Es ist das Nadelöhr des Systems. Wenn du auf den Anzeigetafeln "Verzögerungen im Betriebsablauf" liest, atme tief durch. Es bringt nichts, sich aufzuregen. Nimm es wie ein echter Münchner Grantler: Schimpf leise vor dich hin, schau finster drein, aber akzeptiere dein Schicksal. Die nächste Bahn kommt bestimmt. Irgendwann.

Das MVV-System mag auf den ersten Blick wirken wie ein verwirrtes Spinnennetz, aber es bringt dich zuverlässig in jeden Winkel dieser schönen Stadt. Sobald du das Prinzip von Zone M und dem blauen Stempelkasten verinnerlicht hast, steht deiner Entdeckungstour nichts mehr im Weg. Und wenn gar nichts mehr geht: Steig einfach in die Tram Linie 19. Die fährt oberirdisch quer durch die Stadt, vorbei an den schönsten Fassaden, und du siehst wenigstens, wo du gerade im Stau stehst.

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