Wer an München denkt, hat oft Biergärten oder die Frauenkirche im Kopf, doch im Süden der Stadt, genauer gesagt in Geiselgasteig, verbirgt sich ein Ort von ganz anderer kultureller Tragweite. Man stolpert dort nicht zufällig hin. Die Anreise ist eine bewusste Entscheidung. Meist führt der Weg mit der Trambahn Nummer 25 durch das noblere Grünwald, vorbei an Villen, die fast so viel kosten wie eine mittlere Filmproduktion. Wenn du schließlich am Wettersteinplatz aussteigst und den kurzen Fußweg antrittst, merkst du schnell, dass die Bavaria Filmstadt kein typischer Vergnügungspark nach amerikanischem Vorbild ist. Es fehlt das Schrille, das bonbonfarbene Plastiklächeln, das einem in Orlando oder Los Angeles oft ins Gesicht springt. Stattdessen atmet das Gelände eine gewisse Nüchternheit, fast schon eine industrielle Atmosphäre. Das ergibt Sinn, denn hier wird tatsächlich gearbeitet. Es ist eine Produktionsstätte, in der Besucher geduldet und willkommen sind, aber der Drehbetrieb hat Vorrang. Genau dieser Umstand macht den Reiz aus, auch wenn mancher Besucher vielleicht etwas mehr Glitzer erwartet hätte. Hier riecht es nach Arbeit, nach Holzleim und manchmal nach altem Gummi.
Die Geschichte dieses Ortes reicht weit zurück. Schon 1919 wurde der Grundstein gelegt. Wenn du durch das schwere Eisentor gehst, betrittst du Boden, auf dem Alfred Hitchcock seine ersten Gehversuche als Regisseur machte. Das ist kein Marketinggeschwätz, sondern Filmhistorie. Billy Wilder hat hier gearbeitet, bevor er Hollywood eroberte. Man spürt diese Schwere der Vergangenheit, wenn man an den riesigen Hallen vorbeiläuft, deren Fassaden oft unscheinbar grau wirken. Es ist ein Ort der Illusionen, aber die Hülle ist zweckmäßig. Manchmal wirkt das Gelände an einem verregneten Dienstag im November fast ein wenig melancholisch, was aber hervorragend zur bayerischen Seele passt. Es ist halt kein Disneyland, und das ist auch verdammt gut so.
Kurz & Kompakt - Anreise ohne Stress: Nimm die Tram 25 ab Max Weber Platz oder Wettersteinplatz bis zur Endhaltestelle "Grünwald, Bavariafilmplatz". Der Spaziergang durch den Wald zum Eingang stimmt perfekt ein.
- Zeitmanagement ist alles: Plane mindestens 4 Stunden ein. Die Führung dauert etwa 90 Minuten, aber mit 4D Kino, VR Erlebnis und Stuntshow ist der Tag schnell rum.
- Kleidungswahl: Ein Teil der Tour findet draußen statt. Im Münchner Süden regnet es gerne mal horizontal. Eine windfeste Jacke rettet dir den Tag.
Das beklemmende Gefühl in der Röhre
Der absolute Magnet, der die Massen nach Geiselgasteig zieht, ist zweifellos das originale Modell aus Wolfgang Petersens Meisterwerk „Das Boot“. Es liegt in einer Halle, etwas unscheinbar fast, bis man davorsteht. Viele Besucher sind überrascht, wie klein es in Wirklichkeit ist. Im Film wirkt das Innere zwar eng, aber begehbar. Wenn du dich dann selbst durch die runde Luke zwängst und im Inneren stehst, begreifst du erst die klaustrophobische Realität der U Boot Besatzungen. Die Luft steht hier drin. Es riecht nach einer Mischung aus altem Kunststoff, Öl und den Ausdünstungen tausender Touristen, die sich hier schon durchgeschoben haben. Dieser Geruch gehört irgendwie dazu. Er macht das Erlebnis authentisch.
Du läufst durch die Zentrale, siehst die vielen Ventile und Manometer, die im fahlen Licht glänzen. Man muss den Kopf einziehen. Wer größer als eins achtzig ist, bekommt schnell Probleme. Es ist faszinierend zu sehen, mit welch simplen Mitteln damals Filmgeschichte geschrieben wurde. Keine Computereffekte, sondern handfester Modellbau. Die Wände sind aus Holz und Kunststoff, bemalt, um wie stahlharter Panzer auszusehen. Wenn du mit dem Finger dagegen klopfst, klingt es hohl. Das entzaubert den Mythos aber keineswegs, sondern steigert eher den Respekt vor den Filmemachern. Sie haben in dieser engen Röhre über Wochen und Monate gedreht. Die stickige Atmosphäre, die im Film so greifbar ist, war keine Schauspielerei, sondern schlichte Realität am Set. Ein Guide erzählte mal beiläufig, dass die Schauspieler damals tagelang nicht ans Tageslicht durften, um die Blässe natürlich wirken zu lassen. Solche Details bleiben hängen.
Zwischen Nostalgie und Moderne
Nach der Enge der Tiefe geht es meist weiter zu den Außenkulissen. Ein Klassiker, der besonders bei denjenigen für leuchtende Augen sorgt, die in den Achtzigern aufgewachsen sind, ist der Glücksdrache Fuchur aus der „Unendlichen Geschichte“. Er sieht mittlerweile ehrlich gesagt ein wenig gerupft aus. Der Stoff ist über die Jahre etwas grau geworden, und man merkt dem guten Fuchur sein Alter an. Trotzdem ist es ein erhebendes Gefühl, vor diesem Stück Kindheitserinnerung zu stehen. Früher durfte man sich für ein Foto noch draufsetzen, heute ist das oft aus konservatorischen Gründen eingeschränkt oder kostet extra. Das ist der Lauf der Dinge. Nebenan stehen oft Kulissen aus „Asterix und Obelix gegen Cäsar“. Die gallischen Dorfhütten wirken aus der Ferne täuschend echt. Geht man nah ran, sieht man das Styropor und den Bauschaum. Es bröckelt hier und da. Das ist der Charme der Vergänglichkeit. Filmkulissen sind eben nicht für die Ewigkeit gebaut, sondern nur für das Auge der Kamera. Dass sie hier Jahre überdauern, ist eigentlich wider die Natur der Sache.
Ein ziemlicher Kontrast dazu sind die modernen Sets, etwa aus der „Fack ju Göhte“ Reihe. Hier dominiert der Wiedererkennungswert für die jüngere Generation. Das Klassenzimmer, die Turnhalle, alles sieht so aus, als hätte Elyas M’Barek gerade erst den Raum verlassen. Man sieht Kritzeleien an den Tischen und Poster an den Wänden. Für Teenager ist das oft das Highlight, während die Eltern eher ratlos danebenstehen und sich fragen, warum eine beschmierte Schultafel so eine Faszination ausübt. Aber so funktioniert Kino eben. Jeder Generation ihre Helden.
Wenn Autos fliegen lernen
Ein fester Bestandteil des Besuchs ist für viele die Stuntshow. Man sitzt in einer Art Arena, die ein wenig an ein römisches Amphitheater im Kleinformat erinnert. Es ist laut. Es stinkt nach verbranntem Gummi und Benzin. Hier zeigen Profis, wie Verfolgungsjagden inszeniert werden. Spannend ist dabei, dass nicht immer alles glattgeht. Bei meinem letzten Besuch musste ein Stuntfahrer zweimal ansetzen, um den Wagen präzise in die Parklücke zu driften. Das macht die Sache menschlich. Es sind keine Maschinen, die hier arbeiten. Man lernt viel über Kameraperspektiven. Was live eher unspektakulär aussieht, wirkt auf dem großen Monitor, der das Geschehen filmt, plötzlich rasant und gefährlich. Ein harmloser Sturz vom Dach auf eine Matte sieht im richtigen Winkel gefilmt aus wie ein lebensgefährlicher Unfall.
Die Show ist durchaus unterhaltsam, auch wenn der Humor der Moderatoren manchmal etwas, sagen wir mal, hemdsärmelig ist. Es wird viel mit Klischees gespielt, und die Witze sind oft so flach wie die Flunder in der Nordsee. Aber das Publikum liebt es. Es wird gelacht und geklatscht. Man darf hier nicht den intellektuellen Maßstab eines Arthouse Kinos anlegen. Es ist handfeste Unterhaltung, ein bisserl wie auf dem Jahrmarkt, nur mit mehr PS.
Interaktion vor dem grünen Tuch
In den letzten Jahren hat die Filmstadt versucht, interaktiver zu werden. Das Herzstück davon ist das 4D Kino und diverse Mitmachstationen. Besonders beliebt ist das Wetterstudio. Hier kann sich ein Freiwilliger vor eine grüne Wand stellen und den Wetterbericht verlesen, während er auf dem Monitor in eine stürmische Landschaft projiziert wird. Das sieht für die Umstehenden meist ziemlich albern aus, sorgt aber für große Erheiterung. Man wedelt mit den Armen, duckt sich vor unsichtbaren Gegenständen und sieht dabei aus wie ein Hampelmann. Das Ergebnis auf dem Bildschirm ist dann aber verblüffend. Es zeigt sehr anschaulich, wie viel im modernen Film erst im Computer entsteht. Manchmal fragt man sich, ob das echte Handwerk des Kulissenbaus nicht langsam ausstirbt. Aber solange Orte wie Geiselgasteig existieren, bleibt zumindest die Erinnerung daran erhalten.
Ein Fazit ohne Rosarote Brille
Lohnt sich der Besuch? Das kommt ganz darauf an, was du erwartest. Wenn du perfektes Entertainment, makellose Fassaden und ständige Action suchst, wirst du vielleicht enttäuscht sein. Die Bavaria Filmstadt hat Ecken und Kanten. Manches wirkt improvisiert, anderes ist schlichtweg in die Jahre gekommen. Die Gastronomie auf dem Gelände ist zweckmäßig, man bekommt Schnitzel und Pommes. Ein Sandwich im Rucksack ist oft die schlauere und günstigere Wahl. Auch der Eintrittspreis ist nicht gerade ein Pappenstiel. Man muss schon Lust auf das Thema haben.
Aber für Cineasten und Menschen, die gerne hinter die Fassade blicken, ist es ein wunderbarer Ort. Es ist diese Mischung aus "Sein" und "Schein", die fasziniert. Du siehst die Rückseite der Traumfabrik, und die besteht nun mal aus Spanplatten und Kabelbindern. Das macht die Filme nicht schlechter, im Gegenteil. Es steigert die Bewunderung für die Illusion. Wer München besucht und genug von den klassischen Sehenswürdigkeiten hat, der findet hier eine willkommene Abwechslung. Und ganz ehrlich: Einmal im Leben im Bauch des originalen U Boots gestanden zu haben, das ist schon eine Geschichte, die man noch den Enkeln erzählen kann. Pack dir feste Schuhe ein, denn du wirst viel laufen, und nimm dir Zeit. Hudelei bringt hier gar nichts.