München

Bier- und Oktoberfestmuseum: Münchens Biergeschichte (im ältesten Bürgerhaus der Stadt)

Versteckt in einer unscheinbaren Gasse wartet das pure Mittelalter auf neugierige Besucher. Hier riecht es nach uraltem Holz, strenger Geschichte und im Erdgeschoss nach frischem Augustiner. Ein Haus, das mehr erzählt als so mancher Geschichtsprofessor.

München  |  Kultur & Unterhaltung
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Zwischenablage

Man läuft schnell daran vorbei. Die Sterneckerstraße liegt zwar zentral zwischen Isartor und Tal, wirkt aber oft wie ein bloßer Durchgangsweg für Eilige. Wer hier nicht gezielt nach der Hausnummer 2 sucht, verpasst eines der vielleicht ehrlichsten Gebäude Münchens. Es steht da, etwas windschief und geduckt, eingezwängt zwischen neueren Fassaden. Das Bier- und Oktoberfestmuseum residiert nämlich nicht in einem modernen Glaspalast, sondern im wohl ältesten Bürgerhaus der Stadt. Die Bausubstanz reicht zurück bis ins Jahr 1327. Ein großer Stadtbrand hatte damals gewütet, doch die Grundmauern und Holzbalken dieses Hauses haben überlebt. Wenn du die schwere Eingangstür aufdrückst, lässt du den Lärm der Großstadt augenblicklich hinter dir.

Drinnen empfängt dich eine Stille, die fast körperlich spürbar ist. Der Boden ist uneben. Wer hier geradeaus gehen will, muss sich konzentrieren. Es riecht nach einer Mischung aus jahrhundertealtem Staub, Bohnerwachs und – je nach Tageszeit – deftigem Essen aus der Museumsgaststätte im Parterre. Die Architektur ist der erste und vielleicht wichtigste Exponat des Museums. Niedrige Deckenbalken zwingen groß gewachsene Menschen zu einer demütigen Haltung. Manchmal knarzt es bedenklich unter den Schuhsohlen. Das gehört dazu. Es ist kein steriler Ort, sondern ein Gebäude, das atmet und ächzt.

Besonders die sogenannte Himmelsleiter ist eine Herausforderung. Diese steile Holztreppe verbindet die Stockwerke und verlangt Trittsicherheit. Früher war das normal, heute wirkt es wie ein alpiner Klettersteig mitten im Haus. Man hält sich besser gut am Geländer fest. Oben angekommen, offenbart sich die Geschichte des flüssigen Goldes in einer Dichte, die man in München sonst selten findet. Nichts wirkt hier poliert oder für Touristenmassen zurechtgemacht. Es ist eng, verwinkelt und herrlich authentisch.

Kurz & Kompakt
  • Adresse & Zugang: Sterneckerstraße 2, nahe Isartor. Der Eingang ist leicht zu übersehen, achte auf das alte Holztor.
  • Gastronomie: Das Museumsstüberl im Erdgeschoss serviert oft Augustiner aus dem Holzfass. Reservierung empfohlen, da wenige Plätze.
  • Besonderheit: Das Gebäude von 1327 ist eines der ältesten Bürgerhäuser Münchens; die steile "Himmelsleiter" ist für Gehbehinderte nicht geeignet (kein Aufzug).
  • Eintritt & Führungen: Tickets sind vor Ort erhältlich. Gruppenführungen sollten unbedingt vorab gebucht werden, da die Räume sehr eng sind.

Von flüssigem Brot und strengen Gesetzen

Die Ausstellung beginnt bei den Grundlagen. Bier war in Bayern lange Zeit weit mehr als ein Genussmittel für den Feierabend. Es war Grundnahrungsmittel. Flüssiges Brot nannten sie es, und das war keine Übertreibung. In Zeiten, in denen sauberes Trinkwasser Mangelware und oft krankheitserregend war, bot das abgekochte Bier eine sichere Alternative. Selbst Kinder bekamen ihre Ration Dünnbier. Der Alkoholgehalt war damals deutlich niedriger, der Nährwert dafür umso wichtiger.

Interessant ist dabei die Darstellung der Klosterbrauereien. Die Mönche wussten, was sie taten. Sie brauten starkes Bier für die Fastenzeit, denn Flüssiges bricht das Fasten nicht. Eine pragmatische Auslegung der Regeln, die uns bis heute den Starkbieranstich beschert hat. Das Museum zeigt alte Brauwerkzeuge, die schwer und unhandlich wirken. Kupferne Kessel, hölzerne Maischegabeln. Man bekommt Respekt vor der körperlichen Arbeit, die damals nötig war, um einen simplen Sud anzusetzen.

Ein zentrales Datum, an dem man in dieser Ausstellung nicht vorbeikommt, ist das Jahr 1516. Das Reinheitsgebot. Herzog Wilhelm IV. erließ es nicht nur aus Liebe zur Qualität, sondern auch aus wirtschaftlichem Kalkül, um den Weizen für das Brotbacken zu sichern. Gerste gehörte ins Bier, Weizen ins Brot. So einfach war die damalige Marktregulierung. Die Exponate verdeutlichen, was vor dieser Regelung alles im Bier landete: Kräuter, Wurzeln, manchmal sogar Ruß oder Ochsengalle, um den Geschmack zu verfälschen oder das Gebräu haltbar zu machen. Da schüttelt es einen kurz beim Gedanken daran.

Die Wiesn: Von der Hochzeit zum Massenrausch

Klettert man weiter nach oben, wechselt das Thema. Das Oktoberfest. Wer nun aber bunte Lebkuchenherzen und laute Blasmusik erwartet, wird eines Besseren belehrt. Die Ursprünge der Wiesn sind erstaunlich nüchtern und aristokratisch. Alles begann mit einer Hochzeit im Oktober 1810. Kronprinz Ludwig ehelichte Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Die Wiese vor den Toren der Stadt wurde nach der Braut benannt: Theresienwiese. Gefeiert wurde mit einem Pferderennen. Bierbuden gab es anfangs kaum, das Fest hatte sportlichen und patriotischen Charakter.

Die Ausstellung zeigt die langsame Transformation dieses Festes. Es dauerte Jahre, bis aus den kleinen Bierständen große Bierburgen wurden. Alte Stiche und Fotografien dokumentieren diesen Wandel eindrücklich. Man sieht die ersten Karussells, die noch von Pferden oder Muskelkraft angetrieben wurden. Man sieht die Schausteller, die Kuriositäten präsentierten, die heute politisch absolut nicht mehr korrekt wären. Es ist ein Blick in eine Zeit, in der Unterhaltung noch grob und analog war.

Besonders spannend sind die Vitrinen mit den historischen Maßkrügen. Der Keferloher, dieser graue Tonkrug, den man heute noch kennt, war eine Revolution. Er hielt das Bier kühl. Aber er hatte einen Nachteil: Man sah nicht, wie viel eingeschenkt wurde. Das führte oft zu Streitigkeiten, den sogenannten Schankbetrug. Die Einführung des gläsernen Maßkrugs Ende des 19. Jahrhunderts war somit auch eine Maßnahme des Verbraucherschutzes. Nun konnte jeder sehen, ob die Bedienung bis zum Eichstrich eingeschenkt hatte oder ob zu viel Schaum im Glas war. Die Sammlung an Erinnerungsstücken, von Plakaten bis zu Eintrittszeichen, ist kurios und vielfältig.

Architektonische Zeitzeugen und die schwarze Küche

Neben den Exponaten lohnt es sich, den Blick immer wieder auf die Wände zu richten. Bei der Sanierung des Hauses durch die Edith-Haberland-Wagner Stiftung kamen Dinge zum Vorschein, die Jahrhunderte verborgen waren. In einem Raum sieht man Reste einer sogenannten Bohlenstube mit bemalten Holzdecken aus dem 14. Jahrhundert. Die Farben sind verblasst, aber die Muster sind noch erkennbar. Es ist ein kleines Wunder, dass diese Malereien die Kriege und Umbauten überstanden haben.

Noch beeindruckender ist die schwarze Küche. Hier wurde über offenem Feuer gekocht. Der Ruß hat sich tief in das Mauerwerk gefressen. Man kann sich gut vorstellen, wie die Bewohner hier im Qualm standen, um ihre Suppe zu kochen. Es gibt keine moderne Inszenierung mit Lichtshows oder Touchscreens. Das Haus spricht für sich selbst. Die Macher des Museums haben darauf verzichtet, jeden Quadratzentimeter mit Informationstafeln zuzupflastern. Manchmal steht man einfach nur in einem Raum und spürt die Enge des mittelalterlichen Münchens.

Ein Abstecher ins Museumsstüberl

Kein Besuch im Bier- und Oktoberfestmuseum ist komplett ohne den praktischen Teil. Und der findet im Erdgeschoss statt. Das Museumsstüberl ist keine Touristenfalle, sondern eine Wirtschaft, in der auch Einheimische gerne sitzen. Die Tische sind aus dickem Holz, die Bänke hart, die Atmosphäre herzlich. Hier wird das Bier noch oft aus dem Holzfass gezapft, dem Hirschen. Das schmeckt man, oder zumindest bildet man es sich ein. Der Schaum ist cremiger, das Bier süffiger.

Auf der Speisekarte stehen keine Experimente. Schweinebraten, Obazda, Presssack. Gerichte, die eine solide Grundlage schaffen. Die Preise sind für die Innenstadtlage fair, die Portionen ordentlich. Es ist der ideale Ort, um die vielen Informationen über Hektoliter und Stammwürze sacken zu lassen. Man sitzt da, hört das Gemurmel der anderen Gäste, das Klappern von Besteck und fühlt sich ein bisschen wie in der guten alten Zeit, von der man oben in der Ausstellung gelesen hat.

Münchner Bierkultur abseits der Klischees

Das Museum leistet noch etwas Wichtiges: Es entmystifiziert. Oft wird bayerische Bierkultur auf „Oans, zwoa, g’suffa“ reduziert. Hier lernt man die wirtschaftliche und politische Dimension kennen. Die Bierkrawalle von 1844 zum Beispiel, als der Bierpreis erhöht wurde und die Münchner Bürger die Brauereien stürmten, zeigen, wie ernst die Sache genommen wurde. Das Militär weigerte sich damals übrigens, auf die Aufständischen zu schießen. Vermutlich wollten die Soldaten auch nicht auf ihr Feierabendbier verzichten.

Auch die Rolle der sechs großen Münchner Brauereien wird beleuchtet. Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten. Sie teilen sich den Markt und das Oktoberfest untereinander auf. Das Museum, das eng mit der Augustiner-Brauerei verbunden ist, schafft es trotzdem, die Geschichte relativ neutral zu erzählen. Man lernt etwas über Kühlkeller, über die Erfindung der Kältemaschine durch Carl von Linde, die das Brauen revolutionierte, weil nun auch im Sommer untergäriges Bier hergestellt werden konnte.

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