München

Allianz Arena Tour: Ein Blick in die Kabine des FC Bayern München

Der Weg ist weit und der Wind pfeift meistens ordentlich über die Esplanade im Münchner Norden. Doch wer einmal dort sitzt, wo sonst nur der Trainer brüllt und die Mannschaft taktiert, vergisst den grauen Beton draußen schnell.

München  |  Aktivitäten & Erlebnisse
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Zwischenablage

Es beginnt meistens mit der U6. Wer aus der Münchner Innenstadt kommt, lässt die prächtigen Altbaufassaden von Schwabing hinter sich und taucht ein in den eher funktionalen Norden der Stadt. Die Station Fröttmaning ist Endstation für die meisten Touristen, auch wenn die Bahn noch weiterfährt. Schon beim Aussteigen sieht man es liegen: das "Schlauchboot". So nennen die Einheimischen die Allianz Arena gerne, mal spöttisch, mal liebevoll. Die Architektur von Herzog & de Meuron ist auch Jahre nach der Eröffnung noch ein Streitpunkt am Stammtisch, aber unbestritten ein Hingucker. 2.760 rautenförmige Luftkissen aus ETFE-Folie bilden die Außenhaut. Man muss kein Architekturkritiker sein, um davor stehenzubleiben und die schiere Masse dieses Bauwerks auf sich wirken zu lassen. Tagsüber wirkt es oft etwas blass, fast wie Plastikspielzeug in Übergröße, aber die Technik dahinter ist beeindruckend.

Vom Bahnhof bis zum Eingang ist es ein Fußmarsch, der sich zieht. Die Esplanade ist riesig, betoniert und fast immer zugig. Hier gibt es keinen Schutz vor dem Wetter. Man läuft auf das Stadion zu, das mit jedem Schritt größer wird, und fühlt sich dabei zwangsläufig ziemlich klein. Das ist Absicht. Die Inszenierung beginnt nicht erst am Drehkreuz, sondern schon hier auf dem Weg. Wer Tickets für eine geführte Tour hat, muss sich im "Foyer West" einfinden, meistens beim Paulaner Fan-Treff. Hier riecht es oft schon vormittags leicht nach Leberkas und Bier, eine olfaktorische Erinnerung daran, dass Fußball in Bayern eben doch untrennbar mit der Gastronomie verbunden ist.

Kurz & Kompakt
  • Anreise & Zeit: Nimm die U6 Richtung Garching-Forschungszentrum bis "Fröttmaning". Plane ab dort unbedingt 15–20 Minuten Fußweg zur Arena ein. An Nicht-Spieltagen ist es dort extrem windig, Jacke nicht vergessen!
  • Tickets: Eine Vorab-Buchung im Internet ist zwingend nötig, besonders an Wochenenden oder in den Ferien. Spontane Besuche enden oft vor ausverkauften Schaltern.
  • Kombi-Tipp: Buche das "Combi Ticket". Es beinhaltet die Arena Tour (ca. 60 Min.) und den Eintritt in das Vereinsmuseum. Für das Museum solltest du zusätzlich mindestens 1 bis 1,5 Stunden einplanen.
  • Wichtig: An Spieltagen finden keine regulären Touren statt (oder nur sehr eingeschränkt spezielle Matchday-Touren zu extremen Preisen). Prüfe den Spielplan vorher genau!

Der erste Eindruck: Rote Wucht

Die Guides sind oft Studenten oder glühende Fans im Nebenjob, die ihr Programm routiniert abspulen, aber meistens für einen Spaß zu haben sind. Wenn man dann endlich in den Innenraum geführt wird, passiert etwas Seltsames. Im Fernsehen wirkt das Spielfeld riesig. Wenn man aber im leeren Stadion steht, wirkt der Platz fast kompakt, während die Ränge steil und bedrohlich in die Höhe wachsen. Seit dem Umbau vor einigen Jahren sind die grauen Sitze verschwunden. Alles ist jetzt rot. "Mia san Mia" prangt auf der Gegengerade, weiß auf rot. Das wirkt wuchtig. Man kann sich gut vorstellen, wie der Lärmpegel hier dröhnt, wenn 75.000 Menschen schreien. Aber leer hat die Arena eine ganz eigene Akustik. Jedes Husten hallt nach. Man hört das Surren der Rasenbelichtungsanlagen, riesige Gestelle mit Wärmelampen, die den heiligen Rasen pflegen, wenn die Sonne durch das Dach nicht hinkommt.

Interessant ist der Blick auf die Details, die man bei einer Fernsehübertragung nie sieht. Die Treppen sind schmaler, als sie aussehen. Die Geländer sind abgenutzt. Es ist ein Gebrauchsgegenstand, kein Museum, auch wenn es oft so poliert wirkt. Der Guide erklärt meist ausführlich die Konstruktion des Daches. Dass es sich bei Hitze ausdehnt und bei Kälte zusammenzieht, hört man zwar, aber man starrt doch eher auf den Rasen. Betreten verboten. Das wird streng überwacht. Ein Fuß auf dem Grün kann den Rauswurf aus der Gruppe bedeuten. Der Rasen ist hier keine Wiese, er ist ein Hochleistungsprodukt, eine Mischung aus Naturgras und Kunstfasern, vernäht für maximale Belastbarkeit.

Abstieg in die Katakomben

Der spannendere Teil der Tour beginnt, wenn es nach unten geht. Weg vom Tageslicht, hinein in den Bauch des Stadions. Die Gänge sind breit, funktional, fast wie in einem Krankenhaus oder einem sehr großen Logistikzentrum. Hier unten fahren am Spieltag die Mannschaftsbusse vor. Es gibt eine eigene Tiefgarage für die Spieler, abgeschirmt von Blicken und Kameras. Man läuft durch die "Mixed Zone". Das ist jener schlauchförmige Bereich, wo Journalisten nach dem Spiel warten und Spieler versuchen, möglichst schnell zum Bus zu kommen, ohne etwas Falsches zu sagen. In der Realität sieht dieser Bereich überraschend unspektakulär aus. Ein paar Sponsorenwände, grauer Boden, künstliches Licht. Man muss schon viel Fantasie mitbringen, um sich hier das Gedränge nach einem Champions-League-Halbfinale vorzustellen.

Das Heiligtum: Die Kabine des FC Bayern

Dann öffnet sich die Tür, auf die alle gewartet haben. Die Mannschaftskabine. Zuerst fällt auf: Es ist rot. Sehr rot. Und es ist extrem ordentlich. Wer hier den Geruch von Männerschweiß und tiefenwirksamer Sportsalbe erwartet, wird enttäuscht. An tourfreien Tagen riecht es nach aggressivem Reinigungsmittel. Die Spinde der Spieler sind keine Blechschränke, wie man sie aus der Kreisklasse kennt, sondern maßgeschreinerte Einbauten mit digitalen Namensschildern (oder Fotos, je nach Saison). Über jedem Platz ist ein Lichtspot angebracht. Das wirkt weniger wie eine Umkleide und mehr wie der Showroom eines teuren Herrenausstatters.

Der Guide erzählt meist Anekdoten zur Sitzordnung. Wer sitzt neben wem? Das ist oft kein Zufall. Sprachgruppen werden zusammengefasst, Neuzugänge strategisch platziert. In der Mitte des Raumes steht oft keine Bank, sondern ein Bereich für Physiotherapie oder Taktikbesprechungen. Was auffällt, ist die Nüchternheit der Funktionalität. Es gibt zwar Luxus, aber er dient dem Zweck. Die Entmüdungsbecken im Nassbereich sind gefliest, sauber, fast klinisch. Es gibt keine goldenen Wasserhähne. Hier wird gearbeitet. An der Wand hängt eine Magnettafel oder ein großer Bildschirm für die letzte Analyse vor dem Anpfiff. Man kann sich bildlich vorstellen, wie der Trainer hier steht, wild gestikuliert, während die Spieler auf den ergonomischen Bänken ihre Stutzen hochziehen.

Ein Detail am Rande: Das Wappen am Boden. In vielen Kabinen der Welt ist das Vereinswappen in den Boden eingelassen, und es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man da nicht drauftritt. Auch hier wird penibel darauf geachtet. Wer aus Versehen drauf latscht, erntet böse Blicke, nicht nur vom Guide, sondern oft auch von den anderen Tour-Teilnehmern, die den Mythos sehr ernst nehmen.

Der Weg durch den Tunnel

Nach der Kabine kommt der emotionale Höhepunkt für die meisten Besucher. Die Aufstellung im Spielertunnel. Es ist eine Treppe, die hinauf zum Spielfeld führt. Die Wände sind verkleidet, oft mit motivationalen Sprüchen oder Bildern der aktuellen Mannschaft. Dann drückt der Guide auf einen Knopf. Die Champions-League-Hymne ertönt aus versteckten Lautsprechern. Das ist natürlich Kitsch pur, aber es funktioniert. Wenn man die Treppenstufen hinaufsteigt und sich oben der Blick in das weite Rund öffnet, bekommt man Gänsehaut, ob man will oder nicht. Selbst eingefleischte Sechzig-Fans oder Fußball-Agnostiker müssen zugeben, dass dieser Moment dramaturgisch perfekt sitzt.

Draußen an der Rasenkante darf man dann auf der Trainerbank Platz nehmen. Es sind Recaro-Autositze, im Winter beheizbar. Man sitzt erstaunlich tief. Die Perspektive auf das Spielfeld ist flach. Man sieht die Beine der Spieler, aber taktische Übersicht hat man von hier unten eigentlich kaum. Das erklärt vielleicht, warum manche Trainer an der Seitenlinie so oft schreien – sie sehen das Spiel aus der Froschperspektive.

Pressekonferenz und Fazit

Zum Abschluss führt der Weg in den Pressekonferenzraum. Er erinnert eher an einen kleinen Kinosaal mit sehr bequemen Sesseln. Vorne das Podium, auf dem die Mikrofone stehen, dahinter die Sponsorenwand, die man aus dem Fernsehen kennt. Hier darf jeder mal sitzen und so tun, als würde er gerade eine Niederlage erklären oder einen neuen Transfer verkünden. Das ist der Moment für die Handyfotos. Der Raum wirkt kleiner als im TV, die Atmosphäre ist gedämpft, fast schalltot.

Wenn man nach etwa 60 bis 75 Minuten wieder ausgespuckt wird, blinzelt man erst einmal im Tageslicht. Der Kopf ist voll mit Informationen über Stahlmengen, Rasenheizungen und Anekdoten über Thomas Müller. Lohnt es sich? Für Fans sowieso. Aber auch für alle anderen ist es ein interessanter Einblick in eine hochprofessionelle Maschinerie. Man versteht danach besser, dass Fußball auf diesem Niveau eben nicht nur "11 Freunde müsst ihr sein" ist, sondern ein durchgetaktetes Industrieunternehmen, das zufällig auf Gras operiert.

Nach der Tour landet man fast zwangsläufig im FC Bayern Museum, der "Erlebniswelt". Das kostet extra, ist aber meist im Kombiticket enthalten. Wer noch Zeit hat, sollte sich das antun, denn dort wird die Geschichte greifbarer als in den Betonfluren der Arena. Und wer danach Hunger hat: Die Stadionwurst schmeckt auch an spieltagenfreien Tagen, aber man sollte vielleicht lieber zurück in die Stadt fahren und sich in ein echtes Wirtshaus setzen. Denn so modern die Arena auch ist, die kulinarische Seele Münchens findet man eher innerhalb des Mittleren Rings.

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