Wer an einem Dienstag oder Mittwoch in München die Zeit vergisst, wird schnell feststellen, dass diese Stadt einen sehr bürgerlichen Schlafrhythmus pflegt. Die U-Bahnen, sonst das Rückgrat der städtischen Mobilität, stellen ihren Betrieb kurz nach 1 Uhr nachts ein. Die letzte Bahn fährt meistens gegen 1:30 Uhr an den Endhaltestellen ein, danach schließen sich die Gittertore zu den Sperrengeschossen. Es ist ein seltsames Gefühl, vor einem verschlossenen U-Bahnhof zu stehen, während man in Berlin oder Hamburg vielleicht noch auf die nächste Bahn warten würde. Doch München schläft unter der Woche tatsächlich. Zumindest fast. Denn genau in diesem Moment schlägt die Stunde des oberirdischen Netzes. Wenn die U-Bahn ruht, übernehmen die Nachtlinien der Tram und des Busses die Regie. Man erkennt sie am vorangestellten "N" in der Liniennummer.
Das System ist hierbei erstaunlich zentralisiert. Fast alles orientiert sich auf den Karlsplatz, den jeder Münchner nur Stachus nennt. Hier treffen sich die Linien zur vollen und zur halben Stunde für einen kurzen Moment des Stillstands, damit Fahrgäste umsteigen können. Es hat etwas fast Choreografiertes, wenn die Züge aus verschiedenen Himmelsrichtungen gleichzeitig einrollen, die Türen fast synchron öffnen und eine Traube von Menschen über die Schienen zum nächsten Fahrzeug huscht. Wer diesen Anschluss verpasst, hat Zeit, die Architektur des Justizpalastes bei Nacht zu studieren, denn der Takt ist unter der Woche oft nur stündlich, auf den Hauptachsen halbstündlich.
Kurz & Kompakt - Knotenpunkt Stachus (Karlsplatz): Hier treffen sich fast alle Nachttram-Linien (N17, N19, N20, N27). Idealer Umsteigepunkt, da die Bahnen aufeinander warten ("Rendezvous-Prinzip").
- Wochenend-Regel: In den Nächten Fr/Sa und Sa/So fahren U-Bahnen und S-Bahnen (auf der Stammstrecke) die ganze Nacht durch. Unter der Woche (So–Do) ist gegen 1:30 Uhr Schluss mit der U-Bahn.
- Ticket-Gültigkeit: Eine Tageskarte gilt bis 6:00 Uhr des folgenden Morgens. Perfekt, um nach dem Club noch stressfrei nach Hause zu kommen.
- Sperrzeiten beachten: Die S-Bahn-Stammstrecke wird nachts oft für Wartungen gesperrt. Achte auf Durchsagen und die App-Infos zum Schienenersatzverkehr (SEV).
Das Wochenende ändert alles
Sobald der Freitagabend anbricht, ändert sich die Logistik der Stadt grundlegend. In den Nächten auf Samstag und auf Sonntag sowie vor Feiertagen gibt es keine Betriebsruhe im Untergrund. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) lässt die U-Bahnen durchfahren. Zwar nicht im dichten Takt des Berufsverkehrs, aber immerhin alle 30 Minuten. Das klingt zunächst nach viel Wartezeit, doch es gibt Sicherheit. Man muss nicht in der Kälte stehen, sondern wartet in den hell erleuchteten, teils architektonisch durchaus sehenswerten Bahnhöfen wie dem Westfriedhof mit seinen riesigen Lampenschirmen oder dem marienplatzblauen Untergrund.
Für die Bewohner der Außenbezirke ist das ein Segen. Wer früher die letzte S-Bahn verpasste, musste tief in die Tasche greifen, um ein Taxi zu bezahlen. Die S-Bahn München, die von der Deutschen Bahn betrieben wird, spielt hierbei ebenfalls mit. Auf der sogenannten Stammstrecke, dem Nadelöhr zwischen Pasing und Ostbahnhof, fahren die Züge nachts in sehr dichter Folge. Draußen, auf den Ästen in Richtung Starnberg, Freising oder Ebersberg, dünnt sich das Angebot meist auf einen Stundentakt aus. Hier ist Geduld gefragt oder ein gut getimter Blick auf die Fahrplan-App.
Die Lebensader Stammstrecke und ihre Tücken
Ein Wort zur S-Bahn-Stammstrecke ist unverzichtbar. Sie ist Segen und Fluch zugleich. Wenn sie funktioniert, ist sie die schnellste Verbindung durch die Stadt, schneller als jedes Auto. Doch nachts wird sie häufiger als tagsüber zum Ort für Wartungsarbeiten. Es kommt nicht selten vor, dass genau an dem Wochenende, an dem man unterwegs ist, die Strecke zwischen Donnersbergerbrücke und Ostbahnhof gesperrt ist. Schienenersatzverkehr ist das Wort, das jedem Münchner einen kalten Schauer über den Rücken jagt. Dann quälen sich gelbe Gelenkbusse durch den städtischen Verkehr, und die Fahrtzeit verdoppelt sich. Es lohnt sich also immer, vor dem Verlassen der Bar kurz zu prüfen, ob die Röhre befahrbar ist.
Die Romantik der Nachttram
Technisch gesehen ist die U-Bahn effizienter, aber die Nachttram hat Seele. Es gibt vier Hauptlinien, die das Stadtgebiet durchkreuzen: N17, N19, N20 und N27. Besonders die Linie N19 ist fast schon eine Legende. Sie fährt von Pasing im Westen quer durch die Innenstadt bis in den Osten nach Berg am Laim. Wenn man nachts im Wagen sitzt, oft ein älteres Modell, das noch ein bisschen mehr rumpelt und quietscht als die ultramodernen Avenio-Bahnen, zieht die Stadt wie ein Stummfilm an einem vorbei. Das Nationaltheater, die Maximilianstraße mit ihren unbezahlbaren Schaufenstern, das Maxmonument. Alles wirkt friedlicher, wenn die Straßen leer sind.
Im Inneren der Tram herrscht eine ganz eigene Atmosphäre. Es ist ein Querschnitt der Gesellschaft, der sich tagsüber so nie begegnen würde. Da sitzt die Gruppe Studenten, die gerade aus dem Club kommt und noch leise wummernde Bässe in den Ohren hat, neben der Reinigungskraft, die zur Frühschicht muss. Ein paar Reihen weiter döst jemand, den Kopf an die kalte Fensterscheibe gelehnt, während vorne jemand lautstark auf Bairisch telefoniert. Es riecht manchmal ein wenig nach Döner oder Leberkas, den späten Snacks der Heimkehrer. Doch es ist selten aggressiv. Die Münchner Nacht ist, verglichen mit anderen Metropolen, eher ruhig. Grantig vielleicht, wenn einer die Tür blockiert, aber selten gefährlich.
Der Nachtbus als Lückenfüller
Wo keine Schienen liegen, fahren die Busse. Das Netz der Nachtbusse wurde in den letzten Jahren massiv ausgebaut, den sogenannten "Nachtlinien" sei Dank. Sie erschließen die Stadtviertel, die etwas abseits liegen, wie Hadern, Ramersdorf oder Teile von Schwabing-West. Die Busse sind oft schneller unterwegs als tagsüber, da sie kaum Verkehr haben. Die Fahrer kennen ihre Route im Schlaf und drücken auch mal aufs Gas, wenn die Straße frei ist. Ein interessantes Detail ist der sogenannte "CityRing" der Nachtbusse (N40er Linien), der die inneren Stadtteile verbindet, ohne dass man immer erst zum Zentrum fahren muss.
Wichtig zu wissen ist, dass man beim Busfahrer vorne einsteigt, zumindest theoretisch. In der Praxis, wenn an Knotenpunkten wie der Münchner Freiheit Dutzende Menschen gleichzeitig reinwollen, öffnen sich alle Türen. Fahrscheinkontrollen sind nachts seltener als tagsüber, aber sie kommen vor. Und nichts verdirbt die Nacht nachhaltiger als eine Diskussion mit den Kontrolleuren der MVG, die wenig Humor besitzen, wenn es um ein fehlendes Ticket geht.
Sicherheit und Orientierung
München gilt als eine der sichersten Großstädte Europas, und das Gefühl bestätigt sich auch nachts in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Die U-Bahnhöfe sind hell ausgeleuchtet und videoüberwacht. Zudem ist die U-Bahn-Wache präsent. Das sind Sicherheitsmitarbeiter in blauen Uniformen, die oft zu zweit oder dritt patrouillieren. Sie greifen ein, wenn Pöbeleien entstehen oder jemand auf den Gleisen herumturnt. Man fühlt sich selten unsicher, eher manchmal etwas verloren in den großen, leeren Zwischengeschossen.
Zur Orientierung helfen die digitalen Anzeigetafeln, die inzwischen fast überall die reale Abfahrtszeit anzeigen. Früher war das ein Glücksspiel, heute weiß man auf die Minute genau, wann die Rettung in Form eines Fahrzeugs naht. Die App "MVGO" oder "München Navigator" sollte auf dem Smartphone installiert sein. Papierfahrpläne an den Haltestellen sind zwar vorhanden, aber nachts, vielleicht mit leicht unscharfem Blick, mühsam zu entziffern. Ein kleiner Tipp am Rande: An den Säulen der U-Bahnhöfe befinden sich Notrufsäulen mit SOS-Knopf und Info-Knopf. Wer wirklich nicht mehr weiß, wie er heimkommt, kann den Info-Knopf drücken und wird mit der Leitstelle verbunden.
Fahrscheine und Tarife
Die Tarifstruktur des MVV (Münchner Verkehrs- und Tarifverbund) ist eine Wissenschaft für sich, wurde aber durch eine Reform etwas vereinfacht. Für die meisten nächtlichen Ausflüge innerhalb des Stadtgebiets reicht die Zone M. Wer eine Tageskarte gekauft hat, hat Glück: Sie gilt bis 6 Uhr morgens des Folgetages. Das ist großzügig und verhindert, dass man um 0:01 Uhr ein neues Ticket lösen muss. Wer nur eine Einzelfahrt braucht, ist mit der Streifenkarte gut beraten. Zwei Streifen pro Fahrt in der Zone M. Abstempeln nicht vergessen! Die kleinen blauen Entwerter stehen an den U-Bahn-Abgängen und in Tram sowie Bus.
Falls man doch mal ein Taxi braucht, stehen diese an den großen Knotenpunkten wie Sendlinger Tor, Hauptbahnhof oder Ostbahnhof bereit. Doch die Kombination aus U-Bahn, Tram und Bus ist meistens völlig ausreichend, um selbst in entlegenere Winkel wie Obermenzing oder Trudering zu kommen. Es dauert vielleicht etwas länger, aber man spart sich das Geld für den nächsten Ausflug. Und manchmal, wenn man in der leeren Tram durch die nächtliche Stadt gleitet, sieht man München von einer Seite, die dem Tageslicht verborgen bleibt: still, ein bisschen melancholisch und wunderschön beleuchtet.